
von Yunus Mairhofer, Redaktion
Kein Erbarmen mehr mit den Religionen. Sie haben ausgedient. Anstatt den Menschen zu erlösen, haben sie uns über Jahrhunderte bevormundet. Wir wissen es heute besser, wir können es besser! Kann man so einen gewissen Zeitgeist zusammenfassen? Wir fordern diese Sichtweise heraus.
Zugegeben, im Namen der Religion sind tatsächlich immer schon abscheuliche Taten begangen worden. Aber heißt das, dass die Religion selbst rechtfertigt, was mächtige oder dumme – oder gar mächtige und dumme – Menschen ihr zuschreiben? Wer sich unbefangen mit den Ursprüngen der großen Weltreligionen befasst, erkennt schnell einen gemeinsamen Kern: Sie alle begannen als soziale und ethische Reformbewegungen. Sie boten den Unterdrückten ihrer Zeit eine neue Würde und einen moralischen Kompass. Dass dieser Kompass oft durch Dogmatismus ersetzt wurde, ist kein Fehler der Quelle, sondern der Auslegung.
Wie auch immer, religiöse Erzählungen wie die folgende können deutlich machen, worum es im Kern eigentlich geht:
Eine Anekdote erzählt uns die Geschichte von einem armen Mann, einem Familienvater. Da es eine islamische Anekdote ist, wollte der Mann von ganzem Herzen Geld sparen, um eine gewisse religiöse Pflicht zu erfüllen, und zwar die Pilgerfahrt nach Mekka (Haddsch). Und da er arm war und seine Familie seit längerem keinen Bissen Fleisch genossen hatte, wurde sein Verlangen geweckt, als es eines Tages aus dem Haus seines Nachbarn nach gekochtem Fleisch roch.
So schickte er eines seiner Kinder hinüber, um die Nachbarfamilie um einen kleinen Anteil ihres Mahls zu bitten. Doch der Nachbar lehnte ab. Er ließ das Kind leer ausgehen mit der Begründung, dass ihm und seiner Familie selbst dieses Essen erlaubt sei, für den Nachbarn hingegen, der zur Pilgerfahrt aufbrechen wollte, sei es haram – also verboten.
„Wie kann das sein?“, wunderte sich der Vater und ging selbst hin, um nachzufragen. „Meine Familie und ich hatten seit Tagen nichts mehr gegessen“, entgegnete ihm der Nachbar. „Draußen habe ich dann einen Eselskadaver gesehen, der uns vor dem Verhungern retten würde.“
Im Islam ist Verendetes wie auch Schweinefleisch normalerweise verboten – außer in äußerster Not, um sein Leben zu erhalten.
Dem Vater wurde sofort klar, dass es ihm trotz seiner eigenen Armut weit besser ging als seinen Nachbarn. Zudem fühlte er sich schuldig, dass er seine nachbarschaftlichen Verpflichtungen vernachlässigt hatte. So holte er sein für die Pilgerreise Erspartes und sagte zu seinem Nachbarn: „Wirf das Eselfleisch weg und kauf für dich und deine Familie etwas Gutes und Frisches zum Essen.“
Kurz darauf ereignete es sich, so die Anekdote, dass ein Heiliger in Mekka von Gott mitgeteilt bekam, dass von all den Pilgerreisen in diesem Jahr nur eine wahrhaftig von Gott angenommen wurde – jene des Mannes, der sein für die Reise Erspartes seinem Nachbarn geopfert hatte, während der Rest das Gebot nur oberflächlich erfüllte.


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