Reflexionen

„Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet“

Zum Tod von Jean Ziegler (1934–2026) – ein Nachruf
Foto: Bibliothek am Guisanplatz, Sammlung Rutishauser, CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de)

von Chaudhry Masroor Ahmad

Innā lillāhi wa innā ilaihi rādschiʿūn – „Wahrlich, Allahs sind wir, und zu Ihm kehren wir zurück.“[1]

Am Mittwoch, dem 10. Juni 2026, ist Jean Ziegler in Genf im Alter von 92 Jahren an den Folgen seiner Parkinson-Erkrankung gestorben.[2] Mit ihm verliert die Welt einen ihrer unbequemsten und zugleich unbeirrbarsten Mahner: einen Mann, der ein halbes Jahrhundert lang mit beinahe prophetischem Zorn wiederholte, was im globalen Wohlstandsbauch oft geflissentlich überhört wird – dass der Hunger auf dieser Erde kein Schicksal ist, sondern ein Verbrechen.

»Die Revue der Religionen« ist ein islamisches Magazin, und Jean Ziegler war kein Muslim. Warum also ein Nachruf an dieser Stelle? Der Verheißene Messias, Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, schrieb in seiner Botschaft der Versöhnung:

Gemessen an diesem Maßstab hat Jean Ziegler etwas verkörpert, das dem Islam zutiefst vertraut ist: das Mitgefühl mit der ganzen Menschheit – und die Weigerung, sich an das Leid der Hungernden zu gewöhnen.

Vom Berner Oberland an die Seite der Ärmsten

Geboren wurde er am 19. April 1934 als Hans Ziegler in Thun, als Sohn eines Amtsrichters, in einem bürgerlichen, streng protestantisch geprägten Elternhaus. Der junge Mann brach früh aus dieser Welt aus: Er konvertierte zum Katholizismus, nannte sich fortan Jean, studierte Rechtswissenschaft in Bern und Genf sowie Soziologie in Paris und New York. In Paris schloss er Freundschaft mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Gerne erzählte er später von seiner Begegnung mit Che Guevara, den er 1964 während der Zuckerkonferenz in Genf chauffierte: Er habe ihm nach Kuba folgen wollen, doch Guevara habe ihm beschieden, er werde hier gebraucht – im „Hirn des Monsters“, im Herzen des Weltfinanzsystems. Ob sich die Szene genau so zutrug, wissen nur die Beteiligten; wahr ist, dass Ziegler diesem Auftrag sein Leben lang treu blieb.

Als Professor für Soziologie an der Universität Genf prägte er Generationen von Studierenden. Über Jahrzehnte saß er für die Sozialdemokratische Partei im Schweizer Nationalrat. Seine Bücher – mehr als sechs Millionen verkaufte Exemplare weltweit – machten ihn berühmt und brachten ihn zugleich an den Rand des Ruins: Allein sein Werk Die Schweiz wäscht weisser (1990), eine Abrechnung mit dem Bankgeheimnis und der Geldwäsche, trug ihm neun Verleumdungsklagen in fünf Ländern ein. Die verlorenen Prozesse kosteten ihn ein Vermögen. Er schrieb weiter. Unumstritten war er nie – auch der ihm 2002 verliehene „Menschenrechtspreis“ des libyschen Machthabers Gaddafi, dessen Annahme er stets bestritt, blieb ein Schatten in seiner Biografie. Doch selbst seine schärfsten Gegner bestritten nicht die Aufrichtigkeit seines Furors gegen den Hunger.

Der Anwalt des Rechts auf Nahrung

Im Jahr 2000 berief ihn die UNO-Menschenrechtskommission zum ersten Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung – ein Amt, das er bis 2008 ausübte und das wie für ihn geschaffen schien. Seine Berichte führten ihn nach Niger und Brasilien, nach Bangladesch, Bolivien und in die palästinensischen Gebiete. Danach wirkte er als Gründungsmitglied und zeitweiliger Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats weiter in Genf.

Sein Kernargument trug er mit der Beharrlichkeit eines Mannes vor, der die Zahlen nicht mehr aus dem Kopf bekam: Die Weltlandwirtschaft, so zitierte er den World Food Report der Vereinten Nationen, könnte problemlos fast zwölf Milliarden Menschen ernähren – nahezu das Doppelte der Weltbevölkerung. Und dennoch, so rechnete er vor, verhungert alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren; rund eine Milliarde Menschen sind dauerhaft schwerstens unterernährt.[4] Aus dieser Diskrepanz zog er den Satz, der zu seinem Vermächtnis wurde: „Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“[5] Der Hunger sei keine Naturkatastrophe, sondern das Ergebnis menschlicher Entscheidungen – von Nahrungsmittelspekulation, Agrarkonzernen, ungerechten Handelsstrukturen, der Ausplünderung des Südens. Er nannte es die „kannibalische Weltordnung“.

„Als hätte er die ganze Menschheit getötet“

Wer mit dem Heiligen Koran vertraut ist, hört in diesem Satz ein Echo. Der Koran erklärt:

Zieglers These, dass der vermeidbare Hungertod eines Kindes eine Tötung ist – eine Tötung durch Unterlassung, durch Strukturen, durch Gleichgültigkeit –, verleiht diesem Vers eine beklemmende Aktualität. Denn der Koran begnügt sich nicht damit, die aktive Tötung zu verurteilen. Er stellt im Kapitel al-Hāqqa den Verdammten vor, dessen Schuld ausdrücklich darin bestand, dass er „nicht aufforderte zur Speisung des Armen“.[7] Und im Kapitel al-Māʿūn stellt er die vielleicht radikalste Frage der gesamten Offenbarung:

Nicht der Leugner eines Dogmas dementiert hier die Religion, sondern derjenige, der den Hungernden ignoriert. Wer satt bleibt und schweigt, straft sein eigenes Bekenntnis Lügen – das ist, in die Sprache des 7. Jahrhunderts gefasst, exakt Zieglers Vorwurf an die Wohlstandsgesellschaften des 21. Jahrhunderts. (Siehe hierzu die redaktionelle Anmerkung * vor den Fußnoten, Anm. d. Hrsg.) Im Kapitel al-Fadschr weitet der Koran den Befund zur Gesellschaftskritik: „Nein, doch ihr ehrt nicht die Waise und treibet einander nicht an, den Armen zu speisen, und ihr verzehrt das Erbe (anderer) ganz und gar, und ihr liebt den Reichtum mit unmäßiger Liebe.“[9]

Ein Recht, kein Almosen

Zieglers wichtigster begrifflicher Beitrag war es, die Nahrung aus der Sphäre der Barmherzigkeit in die Sphäre des Rechts zu holen: Der Hungernde ist kein Bittsteller, der auf Mildtätigkeit hofft, sondern Träger eines einklagbaren Menschenrechts. Auch hier war ihm der Koran um vierzehn Jahrhunderte voraus. Über die Gottesfürchtigen heißt es:

Das arabische Wort, das hier mit „Anteil“ übersetzt ist, lautet ḥaqq – „Recht“. Der Arme hat ein Recht am Vermögen des Reichen; und es erstreckt sich ausdrücklich auch auf den, der aus Scham nicht zu bitten vermag. Die Speisung des Bedürftigen ist im Islam keine herablassende Geste, sondern die Begleichung einer Schuld – und sie geschieht ohne Gegenleistung: „Und sie geben Speise, aus Liebe zu Ihm (Gott), dem Armen, der Waise und dem Gefangenen, (indem sie sprechen:) ‚Wir speisen euch nur um Allahs willen. Wir begehren von euch weder Lohn noch Dank.‘“[11] Im Kapitel al-Balad schließlich beschreibt der Koran den steilen, mühsamen Pfad, den die meisten Menschen scheuen – und definiert ihn so: „Die Befreiung eines Sklaven, oder die Speisung an einem Tage der Hungersnot, einer nah verwandten Waise, oder eines Armen, der sich im Staube wälzt.“[12]

Der Heilige Prophet MuhammadSAW hat diese Lehre in eine Schärfe gefasst, die Ziegler hätte unterschreiben können. „Kein Gläubiger ist“, so sprach er, „wer sich satt isst, während sein Nachbar an seiner Seite hungert.“[13] In einer globalisierten Welt, in der die Ernte Afrikas an europäischen Börsen gehandelt wird, ist die ganze Menschheit zur Nachbarschaft geworden – und der Hadith zur Anklage. Als der Heilige ProphetSAW nach seiner Ankunft in Medina zum ersten Mal öffentlich das Wort ergriff, lautete sein Programm: „O ihr Menschen! Verbreitet den Friedensgruß und gebt Speise …“[14] Auf die Frage, welcher Islam der beste sei, antwortete er: „Dass du Speise gibst und den Friedensgruß entbietest dem, den du kennst, und dem, den du nicht kennst.“[15] – Speisung ohne Ansehen der Person, ohne Grenzen der Religion oder Nation. Und sein Befehl „Gebt dem Hungrigen Speise, besucht den Kranken und befreit den Gefangenen“[16] ist nichts anderes als das Pflichtenheft eines Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung – sechs Jahrhunderte vor der Magna Carta, vierzehn vor der UNO.

Die vielleicht erschütterndste Parallele aber findet sich in einem Hadith Qudsi, in dem Allah selbst am Tage des Gerichts den Menschen zur Rede stellt:

Gott identifiziert sich mit dem Hungernden. Wer das Kind verhungern lässt, lässt – so die ungeheure Aussage dieses Hadith – Gott selbst vor seiner Tür stehen. Jean Ziegler, der Agnostiker mit calvinistischer Kindheit und katholischer Jugend, hat diesen Gerichtshof sein Leben lang vorweggenommen: als irdische Anklage im Namen derer, die keine Stimme haben.

„Hunger hätte von der Erde ausgemerzt werden können“

Dass Zieglers Befund auch im Islam verankert ist, verdeutlichen die wiederholten Ausführungen des Oberhaupts der Ahmadiyya Muslim Gemeinschaft, Seiner Heiligkeit Mirza Masroor AhmadABA. In seiner Ansprache im britischen Unterhaus (House of Commons) im Jahr 2008 erklärte er:

Hier zeigt sich eine exakte Parallele zu Zieglers bekanntem Zwölf-Milliarden-Argument: Die Erde könnte alle ernähren; dass sie es nicht tut, ist Menschenwerk. Und analog zu Ziegler benennt Seine Heiligkeit der Kalif die Ursache in der Ordnung der Welt selbst: Eine der Hauptursachen der Friedensgefährdung liege „in der Diskrepanz zwischen den reichen und armen Nationen“, da die mächtigen Nationen „häufig darauf aus sind, von den natürlichen Ressourcen der armen Nationen zu profitieren, ohne denselben einen angemessenen Anteil ihres eigenen Besitzes zu überlassen“.[19]

Der Verheißene MessiasAS wiederum gab den Reichen eine Weisung mit, die Zieglers Insistieren auf der Würde der Armen vorwegnimmt: „Seid ihr reich, so helfet den Armen, anstatt sie mit selbstsüchtigem und geringschätzigem Stolz zu demütigen.“[20]Hilfe, die demütigt, ist keine; der Arme ist Träger eines Rechts, nicht Objekt einer Gnade.

Was bleibt

Viele von uns sind Jean Ziegler zuerst in seinen Büchern begegnet – etwa in Wie kommt der Hunger in die Welt?, jenem schmalen Band von 1999, in dem er seinem Sohn im Gespräch erklärt, warum Menschen verhungern, obwohl genug für alle da wäre.[21] Es ist ein Buch, das man nicht unverändert zuklappt: Die einfachen Fragen des Kindes zwingen den Vater – und den Leser – dazu, hinter den Statistiken die Mechanik des Unrechts zu erkennen, und hinter der Mechanik die eigene Verantwortung.

Die Würdigungen nach seinem Tod kamen aus allen Lagern. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, nannte ihn einen „Kämpfer vor allem für die verletzlichen Bevölkerungsgruppen“ und einen „Champion“ des Menschenrechtssystems. Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss hob seinen Einfluss auf Generationen von Studierenden hervor. Die Genfer Sozialdemokraten fassten sein Vermächtnis in einen Satz, der bleiben wird: Ziegler habe gelehrt, „dass Neutralität nie von der Verteidigung der Menschenwürde entbindet“.[22]

Der Heilige Prophet MuhammadSAW sprach:

Jean Ziegler war barmherzig zu denen auf der Erde – streitbar, fehlbar, maßlos im Zorn über das Unrecht, aber unbestechlich in der einen Sache, die zählte: dass kein Kind verhungern darf in einer Welt des Überflusses. Sein Tod nimmt der Stimme der Hungernden einen ihrer lautesten Anwälte. Seine Frage aber liegt nun auf unserem Tisch – die Frage, die der Heilige Koran stellt und die Ziegler nie zu stellen aufhörte: Hast du den gesehen, der nicht zur Speisung des Armen antreibt?

Gottes sind wir, und zu Ihm kehren wir zurück.


* Anm. d. Red. zum Abschnitt über die Verse aus dem Kapitel al-Māʿūn: Die im Nachruf vorgenommene Kontextualisierung und Applikation des Verses greift einen berechtigten Aspekt auf und folgt der Argumentationslinie des Autors für diesen Beitrag. Da die begriffliche und hermeneutische Tragweite des im arabischen Urtext verwendeten Wortes Dīn (das standardmäßig mit „Religion“ übersetzt wird) sowie die genaue Natur dieser „Verleugnung“ des Dīn jedoch vielschichtiger sind und die theologische Exegese (Tafsīr) dieser Verse noch tiefer geht, wird auf das Exegese-Werk „Tafsir-e-Kabir“ (Band 14) von Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud Ahmad (ra) verwiesen. Dessen Auslegungsmethodik schlüsselt über eine fundierte lexikalische und strukturelle Analyse auf, wie umfassend der Begriff Dīn in Wahrheit ist, wodurch sich der Sinn des Verses noch besser nachvollziehen lässt und aufkommende Fragen im Hinblick auf diesen Vers geklärt werden. Bei Fragen oder Interesse an einer tiefergehenden theologischen Auseinandersetzung oder Zugang zur Exegese in deutscher Sprache können Sie die Redaktion gerne direkt per E-Mail (redaktion@revuederreligionen.de) kontaktieren.

Fußnoten:

[1] Der Heilige Koran, 2:157

[2] Nachruf auf Jean Ziegler, Neue Zürcher Zeitung, 10. Juni 2026.

[3] Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad (as): Botschaft der Versöhnung, Verlag Der Islam, S. 15 f.

[4] „Wir lassen sie verhungern“ – Interview mit Jean Ziegler, Bundeszentrale für politische Bildung, 9. Oktober 2012.

[5] Jean Ziegler in: We Feed the World, Dokumentarfilm von Erwin Wagenhofer, 2005.

[6] Der Heilige Koran, 5:33

[7] Der Heilige Koran, 69:35

[8] Der Heilige Koran, 107:2–4

[9] Der Heilige Koran, 89:18–21

[10] Der Heilige Koran, 51:20

[11] Der Heilige Koran, 76:9–10

[12] Der Heilige Koran, 90:12–17

[13] Al-Adab al-Mufrad, Kitāb al-ǧār, Bāb lā yašbaʿu dūna ǧārihi, Hadith Nr. 12 

[14] Dschami‘ at-Tirmidhi, Kitāb ṣifat al-qiyāma wa-r-raqāʾiq wa-l-waraʿ ʿan Rasūl Allāh, Hadith Nr. 2485.

[15] Sahih al-Buchari, Kitāb al-Īmān, Bāb iṭʿāmu ṭ-ṭaʿāmi mina l-Islām, Hadith Nr. 12.

[16] Sahih al-Buchari, Kitāb al-aṭʿima, Bāb wa-qawli Llāhi taʿālā: {Kulū min ṭayyibāti mā razaqnākum}, Hadith Nr. 5373.

[17] Sahih Muslim, Kitāb al-birr wa-ṣ-ṣila wa-l-ādāb, Bāb faḍli ʿiyādat al-marīḍ, Hadith Nr. 2569.

[18] Eine Zusammenstellung von Ansprachen und Briefen von Hadhrat Mirza Masroor Ahmad (aba): Die Weltkrise und der Weg zum Frieden, Verlag Der Islam, S. 21 f.

[19] Ebd., S. 196.

[20] Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad (as): Die Arche Noahs, Verlag Der Islam, S. 39.

[21] Jean Ziegler: Wie kommt der Hunger in die Welt? Ein Gespräch mit meinem Sohn, C. Bertelsmann, München 1999.

[22] Radio Télévision Suisse (RTS) und Le Temps, 10. Juni 2026.

[23] Dschami‘ at-Tirmidhi, Kitāb al-birr wa-ṣ-ṣila ʿan Rasūl Allāh, Bāb mā ǧāʾa fī raḥmat al-muslimīn, Hadith Nr. 1924.

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