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Herbeiführung eines postkapitalistischen Aufschwungs

Von Ahmed Danyal Arif, Großbritannien

Trotz vieler vorheriger Warnungen war eine Reihe von Industrieländern eindeutig nicht auf die Coronavirus-Pandemie vorbereitet. Dieses monumentale Versagen der staatlichen Strukturen wird für den Rest des Jahrzehnts nachwirken, aber es ist nie zu früh, um zu fragen: Warum?

Viele würden die Schuld einem dafür vorgesehenen Sündenbock zuschieben. Aber die harte Realität ist, dass jeder Teil der Welt versagt hat, fast kein westliches Land, kein Staat und keine Stadt war darauf vorbereitet, trotz harter Arbeit und oft außerordentlicher Opferbereitschaft einiger Menschen innerhalb dieser Institutionen.

Zweifellos ist dieser Mangel an Weitsicht im Wesentlichen auf eine Ideologie zurückzuführen, die den notwendigen (oder zumindest höchst erwünschten) Triumph eines ungezügelten Finanzkapitalismus fördert. Die Problematik besteht darin, was wir im Vorfeld nicht getan haben und was wir jetzt nicht tun. Und das ist ein Versagen des Handelns und insbesondere unsere allgemeine Unfähigkeit, über den Tellerrand hinauszudenken und für das Allgemeinwohl zusammenzuarbeiten.

Ist Geld das Problem? Das scheint schwer zu glauben zu sein, wenn wir das Geld haben, um endlose Kriege zu führen und immer wieder etablierte Banken zu retten. Tatsächlich hat sich der Kreis geschlossen: Die „Too big to fail“-Theorie ist global geworden. Industrieländer, einschließlich China, deren zeitgenössische Geschichte gleichbedeutend mit Kapitalismus ist, haben ihre Zentralbanken gezwungen, zu staatlichen Akteuren der ultimativen Zusicherung zu werden, zu Lieferanten ewiger Ressourcen, die nicht von der Realwirtschaft erzeugt werden, aber für die Verfolgung ihres Gesellschaftsmodells notwendig sind.

Hat das Problem dann mit dem Wirtschaftssystem zu tun? In erheblichem Maße ja. Der Kapitalismus ist krank und die Krankheit kann nur noch schlimmer werden. Er verliert langsam an Ansehen und die Menschen erkennen, dass er mit Risiken und Ungerechtigkeiten behaftet ist. Wir sollten nicht arrogant davon ausgehen, dass er für immer dominant bleiben wird. Und doch ziehen Wolken über diesem System auf, das heute Anzeichen eines Bruchs zeigt, die es uns erlauben, seinen Niedergang vorherzusehen.

Aber seien wir ehrlich: Wer kann von sich behaupten, dass er genau versteht, was heute in der Weltwirtschaft vor sich geht? Es ist keine Überraschung, dass die von Ökonomen und anderen Sozialwissenschaftlern verwendeten Daten selten unanfechtbare Antworten hervorbringen. Es sind auf den Menschen bezogene Daten und der Mensch kann nicht als Laborobjekt manipuliert werden. Das Problem ist, dass wir dem Ökonomen nie die mentalen Werkzeuge gegeben haben, um das Ganze zu erfassen. Seit der generellen Abkehr von der Theologie hat kein Forschungsfeld mehr versucht, den Menschen als Ganzes zu verstehen.

Darüber hinaus ist es interessant festzustellen, dass das moderne Studium der Wirtschaftswissenschaften als ein Zweig der Moralphilosophie begann. Adam Smith, der so genannte Theoretiker des modernen Kapitalismus, war in erster Linie ein Moralphilosoph. Sein Werk mit dem Titel »Der Reichtum der Nationen« wurde nicht geschrieben, um uns zu zeigen, wie wir viel Geld verdienen können, sondern vielmehr, wie wir faire und gerechte Beziehungen zwischen den Menschen fördern können. Die in der Ethik verwurzelte Botschaft, die sich in allen wirtschaftlichen Diskursen verbirgt, hat mit menschlichen Werten und der Art von Gesellschaft zu tun, die wir aufbauen wollen.

Tatsächlich wird die gegenwärtige Krise trotz des sozialen Leidens, das sie hervorgerufen hat, oft als rein ökonomisch und gesund dargestellt. Aber wir vergessen, auf die tiefe moralische Krise des Wirtschaftssystems hinzuweisen.

Durch die Stimme des zweiten Kalifen Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmood AhmadRA hat die Ahmadiyya Muslim Jamaat dafür geworben, diesen entscheidenden Punkt zu berücksichtigen:

„Einem Ungläubigen steht es natürlich frei, wirtschaftliche Probleme isoliert zu betrachten. Aber ein religiöser Mensch würde ein Wirtschaftssystem nicht aus einer rein wirtschaftlichen Perspektive beurteilen. Er würde ein Wirtschaftssystem fordern, das auch seine moralischen und religiösen Anforderungen berücksichtigt.“

Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmood AhmadRA: The Economic System of Islam, Islam International Publications Ltd., 2013, S. 40.

Sicherlich sind Ethik und Moral unbestreitbare Faktoren, die bei allen wirtschaftlichen Analysen und Theorien beachtet werden müssen. Wir können ein Wirtschaftssystem nicht aus einer rein ökonomischen Perspektive beurteilen. Andernfalls würde das System nur von einem Gefühl der Brutalität geleitet, das uns weiterhin  vor Augen führt, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Somit ist die Wirtschaft auch eine Moralwissenschaft, in der die Absichten der Wirtschaftsakteure das vorrangige Element sind. Wenn eine Regierung, die sich von einem kapitalistischen Logbuch leiten lässt, die Anreizstruktur der Gesellschaft dahingehend ändert, dass sie sich an der Annahme ausrichtet, dass die menschliche Natur egoistisch ist, dann kann man sicher sein, dass die Menschen anfangen werden, genau so zu handeln.

Unsere Industrieländer wurden durch Produktion und Bauwesen errichtet. Unsere Vorväter und Vorfahren bauten Straßen und Züge, Bauernhöfe und Fabriken und unzählige andere Dinge, die wir heute als selbstverständlich ansehen, die überall um uns herum sind, die unser Leben bestimmen und für unser Wohlergehen sorgen. Es gibt nur einen Weg, ihr Vermächtnis zu ehren und die Zukunft zu schaffen, die wir uns für unsere eigenen Kinder und Enkelkinder wünschen und das ist der Aufbau eines völlig neuen Wirtschaftsmodells.

Die Frage sollte nicht sein, wie man seine Karte individuell ausspielt, sondern wie wir aller Wohlergehen gemeinsam erreichen können. Jede Seite muss zum Aufbau beitragen, und wir sollten uns dafür einsetzen, dass Fairness und Gleichheit die Grundlage des derzeitigen weltweiten Finanzsystems bilden.

Auch wenn keine der vorherrschenden großen wirtschaftlichen Weltanschauungen völlig materialistisch und hedonistisch ist, gibt es doch erhebliche Unterschiede zwischen ihnen, was die Betonung materieller und spiritueller Ziele und die Rolle moralischer Werte bei der Gestaltung des menschlichen Handelns anbelangt. Während sich die materiellen Ziele in erster Linie auf Güter und Dienstleistungen konzentrieren, die zu körperlichem Komfort und Wohlbefinden beitragen, gehören zu den spirituellen Zielen die Nähe zu Gott, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, gegenseitige Fürsorge, Zusammenarbeit, Seelenfrieden und inneres Glück. Diese Ziele sind vielleicht nicht quantifizierbar, aber gleichwohl von entscheidender Bedeutung für die Verwirklichung des menschlichen Wohlergehens.


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