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Identitätsraub? Das Kopftuchverbot an Schulen

Ist ein Kopftuchverbot an deutschen und britischen Grundschulen der richtige Schritt in der heutigen Gesellschaft?

Anmerkung: Dieser Artikel erschien in der zweiten Quartalsausgabe von 2018.
In diesem Artikel wurde die Wegweisung Seiner Heiligkeit, dem weltweiten Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, zum Tragen des Kopftuchs in Grundschulen präsentiert.

Was muslimische Frauen auf ihren Köpfen tragen, ist in den letzten Jahren zum Gegenstand heftiger Kontroversen geworden. Während das Tragen des Niqab oder des Gesichtsschleiers an öffentlichen Orten in mehreren europäischen Ländern verboten wurde, steht der Hidschab oder die Kopfbedeckung nun auf dem Prüfstand. 

Anfang April dieses Jahres verkündete der Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen, in Erwägung ziehen zu wollen, unter 14-jährigen muslimischen Mädchen das Tragen des Kopftuchs in Schulen zu verbieten. Seiner Ansicht nach dürften religionsunmündige Kinder nicht zum Tragen eines Kopftuchs gedrängt werden.

Die nordrhein-westfälische Integrationsstaatssekretärin bezeichnete es sogar als eine »Perversion«, einem jungen Mädchen ein Kopftuch aufzusetzen. 

Dies löste eine landesweite Debatte über ein mögliches Kopftuchverbot aus. Auch in den sozialen Netzwerken wurde darüber hitzig diskutiert.

Der Lehrerverband sprach sich für ein Kopftuchverbot für unter 14-Jährige aus. Der Chef des Deutschen Lehrerverbandes befürwortete ein Kopftuchverbot, das eine Diskriminierung aus religiösen Gründen eindämmen würde.

Liberale Muslime sahen im Kopftuch für junge Kinder ohnehin schon eine Form des Missbrauchs. Bildungspolitiker gingen jedoch auf Distanz und äußerten sich kritisch über ein mögliches Kopftuchverbot. Der Chef der Kultusministerkonferenz bezeichnete das Verbot als falsch. Ebenso sah die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung das in Nordrhein-Westfalen in Erwägung gezogene Kopftuchverbot mit Skepsis, da das Verbot nicht das Problem lösen würde. Vielmehr müsste man versuchen, die Eltern zu erreichen und die Mädchen motivieren selbstbestimmt zu entscheiden.

Im November letzten Jahres hat »Ofsted«, die britische Aufsichtsbehörde für Bildungsstandards, Kinder- und Jugendfragen, eine Empfehlung an seine Schulinspektoren im Vereinigten Königreich ausgesprochen, junge muslimische Grundschulmädchen, die einen Hidschab oder ein ähnliches Kopftuch tragen, zu befragen. Der Leiter von »Ofsted« und oberster Schulaufseher sagte:

»Im Einklang mit unserer derzeitigen Praxis bei der Beurteilung, ob die Schule eine Gleichstellung ihrer Kinder fördert, werden die Inspektoren mit Mädchen sprechen, die solche Kleidungsstücke tragen, um festzustellen, warum sie dies in der Schule täten.«

Einige muslimische Organisationen reagierten verärgert und behaupteten, dass »Ofsted« rassistisch sei und muslimischen Mädchen ein religiöses Grundrecht verweigern würde. Außerdem wurde in einem von über 1.000 Lehrern, Akademikern und Religionsführern unterzeichneten Brief erklärt, dass es »eine absehbare, diskriminierende und institutionell rassistische Reaktion war, die die bürgerlichen Freiheiten verletzen und ein Klima der Angst und des Misstrauens in Schulen schaffen wird«. Andere wiederum unterstützten die Entscheidung und sahen das Kopftuch bei jungen Mädchen als Symbol der Unterdrückung und sogar Radikalisierung.

In diesem Jahr beschloss eine führende Londoner Grundschule, Kinder unter acht Jahren zu verbieten, Kopftuch in der Schule zu tragen. Nach anhaltender Kritik und einer Petition, die von mehr als 19.000 Menschen unterzeichnet wurde und die Aufhebung des Verbots forderte, hob die Schule ihre Entscheidung auf, was zu einem Aufschrei bei beiden Lagern führte. In einer ironischen Wendung der Ereignisse sagt die betreffende Schulleiterin nun, dass ihre Worte aus dem Zusammenhang gerissen wurden, weil die Medien ihre Aussage über junge Kopftuch tragende Mädchen falsch darstellten.

Wo liegt nun die gesunde Balance? Lag »Ofsted« nun richtig, die Entscheidung junger muslimischer Mädchen, Kopftuch zu tragen, zu befragen? Oder sollten sehr junge muslimische Mädchen bei ihrer Entscheidung verteidigt werden, Kopftuch zu tragen?

Als Mitglieder der Ahmadiyya Muslim Jamaat schauen wir auf die Rechtleitung Seiner Heiligkeit, Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, dem weltweiten Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat und fünften Nachfolger des Verheißenen MessiasAS. »The Review of Religions« hat regelmäßig die Stellungnahmen Seiner Heiligkeit zu kontroversen Themen veröffentlicht, wie die Masseneinwanderung in Europa, die Ursachen des Terrorismus und der Radikalisierung sowie die wahre Bedeutung des Dschihad. Regelmäßige Leser werden einige wiederkehrende Grundzüge der Stellungnahmen Seiner Heiligkeit bemerkt haben. Während sie vollkommen ausgeglichen, tolerant und fortschrittlich sind, beruhen sie ausschließlich auf den wahren Lehren des Islam. Die von Seiner Heiligkeit angebotenen Lösungen verkörpern daher Vernunft und Mäßigung. Als Kalif (Nachfolger) des Verheißenen Messias, Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, lenkt Seine Heiligkeit unser Augenmerk weiterhin in allen Belangen auf die authentischen Lehren des Islam.

Kinder anderer Glaubensrichtungen tragen auch religiöse Kopfbedeckungen, einschließlich der jüdischen Kippa und des Sikh-Turbans. Muslimische Mädchen sollten nicht ausgegrenzt werden bzw. sie sollten in der Schule kein Minderwertigkeitsgefühl vermittelt bekommen.

Kehren wir zur Kopftuchkontroverse in der Grundschule zurück und stellen die gleichen oben erwähnten Merkmale in der neuesten Wegweisung fest, die Seine Heiligkeit zu diesem Thema herausgegeben hat und die hier in »Revue der Religionen« veröffentlicht wird. Seine Heiligkeit hat auf islamischen Lehren basierend eine sehr praktische, weise und gerechte Stellungnahme abgegeben. Seine Heiligkeit hat erklärt, während der Islam jungen Frauen das Tragen des Kopftuchs nach der Adoleszenz abverlangt, fordert er vorpubertäre Mädchen nicht auf, das Kopftuch zu tragen. Seine Heiligkeit sagte: »Der Islam verlangt von jungen Mädchen nicht, Kopftücher zu tragen. Nur wenn sie das Alter voller körperlicher Reife erreichen, wird es erforderlich und dies ist in der Regel in Teenagerjahren. Daher gibt es keine islamische Pflicht für ein Mädchen im Grundschulalter, ein Kopftuch zu tragen.«

Seine Heiligkeit weist jedoch darauf hin, dass das Tragen des Kopftuchs letztendlich eine persönliche Entscheidung der jungen Mädchen ist: »Wenn ein junges muslimisches Mädchen im Grundschulalter ein Kopftuch freiwillig und aus eigenem Wunsch heraus trägt, nachdem es gesehen hat, dass ihre Mutter oder ältere Verwandte eines tragen, dann ist das ein persönliches Anliegen und nichts ist daran falsch. Wenn ein Mädchen von seiner Mutter inspiriert ist, dann ist das etwas Positives. Junge Kinder, Mädchen und Jungen imitieren oft ihre Eltern, was einen natürlichen Teil des Erwachsenwerdens darstellt.«

Darüber hinaus zeigt sich Seine Heiligkeit besorgt über die möglichen Auswirkungen des Befragens sehr junger Schulmädchen: »Was das Befragen von Schulmädchen angeht, warum sie Kopftuch tragen, ist es nicht angemessen, sehr jungen Mädchen von 4 oder 5 oder in jungen Jahren derartige Fragen zu stellen. Dies könnte leicht zu Verwirrung bei ihnen führen, Stress verursachen und später im Leben sogar zu psychischen Gesundheitsproblemen führen. Kinder müssen unabhängig von Geschlecht oder Religion dafür geschätzt werden, wer sie sind. Wenn die Entscheidungen der kleinen Kinder von Erwachsenen in Frage gestellt werden, können sie das Gefühl haben, etwas falsch gemacht zu haben.«

Allen Anhängern aller Religionen sollte gleicher Respekt zuteilwerden. Jungen aus Sikh-Gemeinden tragen ihre Turbane oft zur Schule, und manchmal tragen junge jüdische Schüler die Kippa. Junge muslimische Mädchen auszugrenzen, die Kopftuch tragen, wäre daher diskriminierend. Alle religiösen Symbole sollten gleichermaßen behandelt werden und keine Religion sollte ins Visier genommen werden, da dies dazu führen kann, dass sich ihre Anhänger von der breiten Gesellschaft entfremdet fühlen. In der Tat, wie Seine Heiligkeit betont: »Keine Schule sollte Maßnahmen ergreifen, die dazu führen könnten, dass sich ein muslimisches Kind so fühlt, als ob etwas mit seiner Religion oder Kultur nicht stimmen würde.«

Der Auftrag der Grundschulen besteht darin, unseren jungen Menschen mit Werkzeugen, Bildung und Informationen auszustatten, damit sie selbst erfolgreich sein können und die Besserung der Gesellschaft vorantreiben. Andere auf der Basis von Glauben oder Kultur auszusondern, widerspricht diesem Prinzip.

Schließlich hat Seine Heiligkeit in Bezug auf Mädchen an weiterführenden Schulen empfohlen, dass sie auch sensibel von Lehrern behandelt werden sollten, die herausfinden wollten, warum sie Kopftuch tragen:

Seine Heiligkeit sagte: »Was ältere muslimische Mädchen in der Sekundarschule betrifft, so sollten sie, wenn sie von Lehrern gefragt werden, äußerst sensibel behandelt werden, und das sollte nicht so geschehen, dass sie sich isoliert oder diskriminiert fühlen.«

Im Laufe seiner Geschichte hat Deutschland Menschen aller Kulturen und Glaubensrichtungen aufgenommen und assimiliert und ihnen die Freiheit garantiert, ihre Religion auszuüben. Es ist eine Tradition, die Integration und Frieden in der Gesellschaft fördert. Muslimischen Mädchen das Gefühl zu geben, von ihren Gleichaltrigen anders behandelt zu werden, wird genau das Gegenteil bewirken und einen Abstieg ins Chaos verursachen.