
von Ansar Ahmad Arshad
Die ursprünglichen Spielregeln des Karnevals sind historisch tief verwurzelt: Die närrische Herrschaftskritik stand von Beginn an im Zentrum und wurde zum festen Bestandteil dieses Brauchtums. Die Mächtigen ins Lächerliche zu ziehen und ihnen den Spiegel vorzuhalten, wurde zur kulturellen Institution. Doch dieser Spieß kann sich auch umdrehen, denn der Karneval hat seine Schattenseiten. Viele sind der Ansicht, dass selbst die Narrenfreiheit klare Grenzen haben sollte.
Heute nehmen zwar viele jüdische Gemeinden und andere marginalisierte Gruppen aktiv am Karneval teil, doch der „Elefant im Raum“ bleibt bestehen. Ein Blick in die deutsche Kulturgeschichte zeigt, dass Sensibilität hier keine Überempfindlichkeit ist, sondern das Resultat historischer Erfahrung. Immer wieder richtete sich karnevalesker Spott eben nicht gegen die Herrschenden, sondern gegen die „Anderen“ – gegen Juden, Sinti und Roma oder andere Minderheiten –, die öffentlich verhöhnt und ausgegrenzt wurden.
Nach oben treten oder nach unten treten?
Besonders deutlich wird diese Spannung im Umgang mit dem Islam. Während karnevaleske Religionssatire gegenüber der christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft oft als legitime Freiheit gilt, kann Spott über den Islam oder die Propheten in muslimisch geprägten Kontexten leicht als Angriff auf eine Minderheit und damit als ein „Treten nach unten“ wahrgenommen werden. Hinzu kommt, dass religiöse Ehrfurcht im Islam eine andere Sichtbarkeit und Alltagspräsenz besitzt als im säkularisierten Christentum vieler europäischer Gesellschaften.
Während christliche Symbole im Karneval seit Jahrhunderten parodiert werden und dadurch einen Teil ihrer Unantastbarkeit eingebüßt haben, bleibt die Darstellung des Propheten Muhammad (saw) für viele Muslime grundsätzlich tabu. Wird dieses Tabu im Namen der Satire gebrochen, entsteht oft kein Humor, sondern eine tiefe Kränkung. Hier zeigt sich das zentrale Dilemma des Karnevals: Seine historische Funktion ist es, Autoritäten zu entlarven. Doch in einer pluralen Gesellschaft sind religiöse Gruppen nicht gleichermaßen mächtig oder verletzbar. Wo Satire einst die Mächtigen traf, trifft sie heute oft die Schutzbedürftigen. Die Grenze zwischen befreiendem Spott und ausgrenzender Verletzung verläuft daher nicht entlang des Humors, sondern entlang der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Es geht um die Frage, ob Satire eine überlegene Autorität herausfordert oder eine ohnehin bereits unter Druck stehende Minderheit weiter an den Rand drängt.
Vom Exzess zur Askese
Neben dieser sozialen Dimension spielt im Karneval auch die religiöse Psychologie eine grundlegende Rolle. Im Laufe der Zeit hatte sich der Karneval im katholisch geprägten Kulturraum auch als ein lebensweltliches Ventil entwickelt – als eine Vorbereitung auf die 40-tägigen Fastenzeit. Wie diese Vorbereitung aussieht, bringt ein Zitat von Bertolt Brecht treffend auf den Punkt: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“
Im Karneval erhält dieser Satz eine eigene Dynamik. Er steht für eine zeitlich begrenzte Auszeit von den strengen Regeln des Alltags. Die Welt wird auf den Kopf gestellt, und alles, was sonst als ausschweifendes Verhalten gilt, wird zum legitimen Teil des Brauchtums. Man könnte sagen: Im Karneval ist der Genuss die einzige Moral, die zählt – zumindest bis zum Aschermittwoch.
Man bricht bewusst aus der Ordnung aus, um einen Zustand des kontrollierten Kontrollverlusts zu erreichen. Triebe dürfen sich entfalten, damit der Mensch sich selbst in seiner Unmittelbarkeit spürt. Erst wenn der Bauch voll ist, so die implizite Logik, wird der Kopf wieder frei für die Ethik. Ob diese „Dauerbefriedigung“ jedoch tatsächlich den moralischen Muskel stärkt, bleibt diskussionswürdig. Kritiker der modernen Konsumkultur wie Erich Fromm, Theodor W. Adorno oder Neil Postman befürchteten sogar den gegenteiligen Effekt: eine kollektive Abstumpfung. Aus dieser Perspektive wäre der Exzess kein Wegbereiter zur Moral, sondern ein Fluchtweg vor ihr.
Als Resümee bleibt festzuhalten: Wenn Religionen oder Minderheiten im Karneval als „Spaßbremsen“ erscheinen, geht es dabei selten um Humorfeindlichkeit. Oft verbergen sich dahinter komplexe Fragen von Macht, Minderheitenschutz sowie unterschiedliche Vorstellungen von Ehrfurcht und moralischer Ordnung – Gründe also, die erst sichtbar werden, wenn man bereit ist, zwischen den Zeilen zu lesen.
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Über den Autor: Ansar Ahmad Arshad ist Imam und Theologe der Ahmadiyya Muslim Gemeinde. Derzeit betreut er als Imam die lokale Gemeinde in Bocholt.





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