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Zwischen Strina, Amidža und ihrem eingelegtem Gemüse: Resilienz, Diaspora und der Genozid an den Bosniaken

Zum internationalen Gedenktag am 11. Juli beleuchtet dieser Essay das Erinnern an Srebrenica. Ein klares Plädoyer für Gerechtigkeit und Verständigung.
Die „Blume von Srebrenica“: Das offizielle Mahn- und Gedenksymbol für die Opfer des Völkermords vom Juli 1995.
Foto: A.Savin, Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY-SA 4.0. Keine Änderungen vorgenommen.

von Tuba Rahmann, Redaktion

Lejla[1], eine gute Freundin von mir, erzählt mir häufig von ihren Eltern. Nach all den Jahren haben sie sich nun in Bosnien-Herzegowina zur Ruhe gesetzt. Ihren Ruhestand genießen sie, indem sie in ihrem Garten Obst und Gemüse anbauen – weit mehr, als sie beide eigentlich verbrauchen können. Dabei denken sie vor allem an Lejla und ihre anderen Kinder. Um das Gemüse bis zum nächsten Besuch haltbar zu machen, legen sie es ein. Von jeder Reise nach Bosnien bringt Lejla kistenweise Ausbeute mit. So ist sie zumindest bis zum nächsten Mal mit der Liebe und Fürsorglichkeit ihrer Eltern versorgt, auch wenn sie immer wieder scherzhaft betont, dass das Ausmaß des Anbaus und Einlegens dringend abnehmen muss, damit die Eltern auch wirklich zur Ruhe kommen. Doch die beiden sind das ganze Jahr über damit beschäftigt, Gemüse und Obst anzupflanzen, zu konservieren und rechtzeitig zu verteilen.

Als wir letztes Jahr an einer Gedenkveranstaltung teilnahmen, erzählte sie mir, wie das feine Bauchgefühl ihrer Mutter der Familie einst das Leben rettete. Nur wenige Wochen vor Ausbruch des Angriffskrieges hatte Strina (Tante) ihren Mann vor die Wahl gestellt: „Entweder du kommst mit, oder ich fliehe mit den Kindern allein.“ Amidža (Onkel) berichtet noch heute, wie froh er ist, damals auf das Bauchgefühl seiner Frau gehört zu haben. Kaum in Deutschland angekommen, brach in der Heimat offiziell der Krieg aus. Ihre Eltern reden bis heute nicht viel darüber, wie sie den Krieg aus der Ferne in Deutschland erlebten und was sie fühlten. Für viele Familien ist diese Erinnerung nach wie vor zu schmerzhaft und mit Traumata verbunden. Dennoch begegnen sie ihren Mitmenschen heute mit einem gelassenen Humor und Herzlichkeit.

Während das inoffizielle WM-Lied „I am from Bosnia, take me to America…“ bei dem diesjährigen WM-Einzug über TikTok und andere soziale Medien die Welt eroberte, gewinnt auch Bosnien-Herzegowina in all seiner Schönheit und Wärme die Herzen der Menschen. Inmitten dieser Bilder denke ich statt „(…) take me to America (…)“ viel eher an „(…) take me to Bosnia (…)“. Ein Land, so reich an Geschichte, menschlicher Wärme, Gastfreundschaft und hervorragenden Ćevapčići.

Durch die Weltmeisterschaft konnten wir den Blick über den sportlichen Tellerrand hinaus richten und einen Teil der Diaspora Bosnien-Herzegowinas in all ihrer Pracht und Resilienz sehen. Die Kinder und Nachfahren derjenigen, die nach dem Willen der Täter den letzten Genozid an den Bosniaken (Bosnischen Muslimen) vor ca. 31 Jahren nicht hätten überleben sollen. Die nationalistischen Ideologien jener Zeit, die vor rund 31 Jahren in ihrer Umsetzung Zehntausenden Menschen das Leben kosteten, hinterlassen bis heute tiefe Spuren – aber eben auch Zeugnisse des Widerstands, der Heilung und der Resilienz.

Es gibt viele unerzählte Geschichten, die wir wahrscheinlich nie zu hören bekommen werden. Gleichzeitig gibt es Augenzeugen, die ihr Schweigen brechen und berichten, damit wir uns bewusst werden, auf wie vielen Ebenen die internationale Gemeinschaft versagte, sodass ein Genozid an den Bosniaken in diesem Ausmaß überhaupt erst möglich wurde.

Erinnerungskultur in Gefahr

1993 wurde der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) ins Leben gerufen, um die Kriegsverbrechen während und nach dem Zerfall des Staates juristisch aufzuarbeiten. Dieser hat, ebenso wie der Internationale Gerichtshof (IGH), auf Basis vieler Befunde viele Urteile gefällt und die Massaker als Genozid eingestuft. Dennoch sind noch nicht alle Gräueltaten aufgedeckt. Erst vor wenigen Monaten bestätigten bosnische Quellen italienische Recherchen, nach denen damals sogar „Kriegstouristen“ Scharfschützen bezahlten, um aus reinem Vergnügen auf Zivilisten zu schießen. Wie mit diesen Erkenntnissen weiter verfahren wird, ist völlig offen.

Unabhängig davon hat es mehr als 30 Jahre gedauert, bis die UN-Generalversammlung den 11. Juli zum internationalen Gedenktag an den Genozid ausrief. Heute jährt sich dieser offizielle Gedenktag erst zum zweiten Mal – für die Betroffenen ist es jedoch bereits das 31. Jahr des Schmerzes. Ein Besuch in Sarajevo und Srebrenica vor zwei Jahren hat mich dazu bewogen, mich mehr mit dem Genozid an den Bosniaken auseinanderzusetzen. Während ich in Sarajevo Wärme, Liebe und Herzlichkeit verspürte, schien in Teilen Srebrenicas die Zeit stillzustehen. Noch immer stehen dort viele Häuser leer: aus Respekt vor den Vertriebenen und den Opfern, aber auch in der leisen Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch ein überlebender Angehöriger meldet, um das Erbe zu beanspruchen. Dennoch sind einige Familien im Laufe der Zeit nach Srebrenica zurückgekehrt. Eine solche Rückkehr erfordert vor allem Mut, Widerstandskraft und Resilienz.

Wir trafen dort eine Familie, die sich nach Jahren zur Rückkehr entschloss. Es war nicht einfach, aber sie betonten: Sie gehören nach Srebrenica. Sie erzählten uns von jenen Nachbarn, mit denen sie kein Wort mehr wechseln, weil diese oder deren Angehörige damals zu Tätern wurden – eine Schuld, die von den Betreffenden heute geleugnet wird. Sie berichteten von der komplexen Lebensrealität in der Republika Srpska, jener Teilrepublik, die sich politisch und kulturell stark an Serbien orientiert, während sie als fester Bestandteil völkerrechtlich zu Bosnien-Herzegowina gehört. Sie erzählten, dass in den dortigen Schulbüchern nicht über den Genozid an den Bosniaken aufgeklärt wird, und sie zeigten auf die Flaggen, die auch wir während der Durchfahrt in der Republika Srpska sahen. Es ist eine nationalistische Symbolik, die die serbische Identität und Zugehörigkeit zur Republika Srpska betont. Es gebe in der Nachbarschaft Familien, die den Genozid leugnen, ihn gar verherrlichen und Kriegsverbrecher als Helden feiern. Während serbische und bosnische Kinder im jungen Alter an manchen Orten in Republika Srpska noch gemeinsam Fußball spielen, droht diese Freundschaft zu verwelken, sobald sie älter werden und realisieren, wie tief der Graben in der Bewertung dieser bitteren Realität ist.

Unser Busfahrer mied bei der Hin- und Rückfahrt ganz bewusst bestimmte Routen. Er wollte es vermeiden, bei potenziellen Polizeikontrollen in der Republika Srpska vor den Augen internationaler Gäste aufgrund seiner Identität als Bosniake schikaniert oder erniedrigt zu werden. Solche Demütigungen kämen nach wie vor häufig vor. Die Spannung war während der Durchfahrt deutlich zu spüren. Manche Gedenkstätten müssen bis auf Weiteres aus Sicherheitsbedenken für ihre Mitarbeiter schließen. Das sind Lebensrealitäten, über die noch viel zu wenig gesprochen wird.

Nichtsdestotrotz findet seit Jahren der Marš mira statt. Dieser Friedensmarsch beginnt am 8. Juli in Nezuk und endet am 11. Juli im rund 100 Kilometer entfernten Potočari. Es sind 100 Kilometer, die als Geschichtsstunde dienen, gefüllt mit dem Austausch und den Berichten von Zeitzeugen, die den historischen „Todesmarsch“ von 1995 durch schwer passierbare Gebirgslandschaften und dichte Wälder mit Bächen und Rückkehrersiedlungen durchlebt haben. Um das Ausmaß des Genozids systematisch zu vertuschen, wurden Massengräber damals während und nach dem offiziellen Kriegsende oft wieder ausgehoben, um die menschlichen Überreste auf andere Gebiete zu verteilen. Bis heute laufen Suchaktionen nach weiteren Gräbern. Bis heute konnte nicht alles aufgeklärt, nicht alle Opfer gefunden und nicht jeder Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen werden. Auch dieses unvollendete Ringen um Gerechtigkeit ist Teil des Marš mira.

Am 11. Juli 1995 wurde die Stadt Srebrenica von Truppen der Republika Srpska und serbischen Paramilitärs überrannt und besetzt. Allein in und um Srebrenica wurden in den darauffolgenden Tagen mehr als „8.372…“ Bosniaken systematisch ermordet. Die offizielle Opferzahl wird oft mit einem „…“ versehen – als Symbol für all jene Vermissten, die bis heute als verschollen gelten. Der Genozid an den Bosniaken beschränkte sich jedoch nicht nur auf Srebrenica; diese Stadt bildete lediglich den Höhepunkt der Verbrechen an den Bosniaken auf dem Balkan. Nach UN-Schätzungen und wissenschaftlichen Erhebungen forderte der Krieg im ganzen Land über 110.000 Menschenleben.

Sprache ist Macht: Wie wir über den Genozid an die Bosniaken sprechen sollten

Melina Borčak, Sejfuddin Dizdarević, Malhun Şahin, Ajla Hrustemović und Armin Begić sind nur einige Stimmen im deutschsprachigen Raum, die sich als Betroffene für die Aufklärung über den Genozid einsetzen. Sie zeigen Missstände, Desinformationen und einen oft eurozentrischen Hochmut auf, mit dem diesem Verbrechen begegnet wird, obwohl es sich hierbei um das wohl schwerste Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg handelt. Bis heute existieren in der breiten Gesellschaft große Wissenslücken über diesen Genozid.

Dabei spielt das präzise Vokabular eine entscheidende Rolle. Sprache formt die Bedeutung, prägt die Erinnerungskultur und ebnet oder versperrt den Zugang zur Lebensrealität der Betroffenen. Die Tatsache, dass der Genozid an den Bosniaken in den vergangenen Jahrzehnten in Teilen der westlichen bzw. deutschsprachigen Berichterstattung oder in vereinzelten medialen Debatten mitunter verkürzt dargestellt oder in seinen tiefen Ursprüngen nicht ausreichend hinterfragt wurde, zeigt, wie sehr ein spezifisch antimuslimischer Rassismus in Europa verwurzelt ist.

Interessanterweise wird, wenn es im europäischen Kontext um antimuslimischen Rassismus geht, oft Spanien rezipiert und an die Reconquista erinnert. Jedoch zeigten sich auf dem Balkan ebenfalls bereits im 13. Jahrhundert die ersten Spuren des antimuslimischen Rassismus. Die enge Verflechtung von Religion und Nationalismus bereitete den Weg zum Genozid theologisch, ideologisch und kulturell vor. Die Bosniaken hätten nämlich mit der Konvertierung zum Islam das eigene Volk verraten. Wie in einer Wechselwirkung verstärkten diese Narrative politische Strategien, ungleiche Machtverhältnisse, Diskriminierung und Abgrenzung. Bis heute tragen diese Eigen- und Fremdzuschreibungen zu Spannungen bei.

In Bezug auf den 11. Juli denke ich oft an das Bauchgefühl von Strina, das wahrscheinlich das Leben ihrer Familie rettete, und daran, wie das Vertrauen in die UN-Soldaten so vielen Menschen das Leben kostete. Ich denke daran, wie die Sprache unsere Erinnerungskultur formt und widerspiegelt und wie noch immer Kriegsverbrecher von Menschen als Helden gefeiert werden. Und wie Religion so weit instrumentalisiert wird, dass sie sich vom Glauben loslöst und sich mit nationalen Identitäten verschränkt.

Gleichzeitig denke ich an die Resilienz der Betroffenen: wie sie Energie schöpfen – sei es allein, wenn sie durch die Straßen von Sarajevo oder Stuttgart laufen, im Garten Obst oder Gemüse anbauen, einlegen und verteilen, oder sei es, indem sie nach Srebrenica zurückkehren oder während einer WM die Diaspora und das Heimatland vereinen. Ich denke an diejenigen, die Haltung zeigen: in ihren Worten und in ihren Taten.


[1] Name wurde geändert.

Über die Autorin: Tuba Rahmann hält einen B.A. in Islamischer Theologie und ist als muslimische Seelsorgerin sowie in der politischen Bildung tätig. Zudem gehört sie der Redaktion der Revue der Religionen an.

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