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Islamismus-Debatte: Prävention oder Pauschalverdacht?

Warum das Warnsignal-Argument scheitert

»Jugendliche, die sich beobachtet, problematisiert oder gar unter Generalverdacht gestellt fühlen, öffnen sich nicht – sie ziehen sich zurück.« Nachdem der Imam und Theologe Ansar Ahmad Arshad in einem seiner letzten Beiträge die manipulativen Maschen radikaler Online-Prediger aufdeckte, nimmt er nun die Gegenseite in den Blick. Er hinterfragt eine Debatte, die unter dem Schlagwort „Prävention“ oft religiöse Identität mit Islamismus verwechselt.

Islamismus-Experten verteidigen die weitreichende Kritik am Islam häufig mit einem zentralen Argument: Prävention. Man müsse frühzeitig warnen, Frühwarnsysteme etablieren und problematische Entwicklungen benennen, bevor sie in Extremismus münden. Auf den ersten Blick klingt das plausibel – wer ließe sich nicht von der Notwendigkeit von Prävention überzeugen? Doch genau hier liegt die Krux: Prävention funktioniert nur, wenn sie präzise ist. Ein Warnsignal, das zu breit gestreut wird, ist kein Schutzmechanismus, sondern ein Fehlalarm. Und Fehlalarme haben Konsequenzen.

Prävention braucht Trennschärfe – keine Verdachtszonen

Diese Kritik am gängigen Präventionsargument ist keine Verharmlosung des Islamismus. Doch um Extremismus effektiv zu bekämpfen, muss er präzise benannt werden, ohne Grauzonen zu schaffen und ohne ständig mit dem groben Extremistenpinsel zu malen. Das Problem muss an der Wurzel gepackt werden. Islamistisch motivierte Extremisten mögen häufig religiös auftreten – daraus folgt jedoch nicht, dass Religiosität zwangsläufig zur Radikalisierung führt. Religiöse Ausdrucksformen dürfen daher nicht fälschlicherweise als Ursachen für Radikalisierung eingestuft werden. Wer Korrelation/Koinzidenz mit Kausalität verwechselt, bekämpft das Falsche.

Die sogenannte „Prävention“ wird so zur Bequemlichkeitslösung. Wirksam ist Prävention jedoch nur dann, wenn sie klar definiert, wovor gewarnt wird. Sie muss sich gegen Ideologien, Netzwerke, Narrative und konkrete Radikalisierungsprozesse richten – nicht gegen Religionen oder kulturelle Zugehörigkeiten. Die Trennlinien dürfen nicht verwischt werden. Wenn von „Problemen unter Muslimen“, von „muslimischen Milieus“ oder einem reformbedürftigen „deutschen Islam“ die Rede ist, verschiebt sich der Fokus: Das Warnsignal setzt nicht mehr bei der politischen Ideologie des Islamismus an, sondern bei der religiösen Identität. Das ist kein semantisches Detail, sondern ein kategorialer Fehler. Wenn religiöse Praxis zum Risikoindikator erklärt und konservative Frömmigkeit als Vorstufe zur Radikalisierung missverstanden wird, bleiben solche Analysen gefährlich und kontraproduktiv.

Wie sich diese Verschiebung konkret äußert, zeigt sich auch bei prominenten Stimmen der Debatte. So argumentieren Extremismus-Experten wiederholt mit der Notwendigkeit früher Warnsignale. Dies führt dazu, dass beispielsweise bereits die Forderung von Schülern nach einem Gebetsraum nicht als harmloses Identitätsstatement, sondern als „Indikator für Radikalisierung“ gewertet wird. Anhand solcher Aussagen ist ein deutlicher Rückschritt zu erkennen; wurde doch vor einigen Jahren noch sehr wohl über multikausale Zusammenhänge gesprochen, ohne eine unzulässige Generalisierung vorzunehmen.

Ein anderer Blick auf Radikalisierung

Wie eine präzise Prävention in der Praxis aussehen kann, zeigt beispielsweise ein Workshop zu „Aufklärungs-, Präventions-, Interventions- und Deradikalisierungsarbeit zum Thema Islamismus und Salafismus im Rahmen der politischen Bildungsarbeit“, der 2019 von Dr. Vera Dittmar und Alexander Gesing in Bocholt geleitet wurde. Dort arbeiteten die Teilnehmenden mit einem systemischen Ansatz: Radikalisierung wird demnach immer im sozialen Kontext betrachtet – in der Familie, dem Freundeskreis und dem weiteren Umfeld – statt auf äußere Merkmale wie Kleidung oder religiöse Praxis zu fokussieren. Risikofaktoren lassen sich nur als Komplex aus individuellen Biografien, subjektiven Motiven und sozialen Bedingungen verstehen, auch wenn jüngere Studien den Fokus wieder verstärkt auf die Religiosität lenken möchten.

Praktisch zeigt sich das etwa in der Arbeit mit Fallvignetten: Zugang und Kooperation entstehen durch Wertschätzung und Ressourcenorientierung, nicht durch eine Logik des Verdachts. Die Workshop-Leiter stützten sich dabei auf Modelle wie die „Staircase to Terrorism“ von Moghaddam oder das Pyramiden-Modell von McCauley und Moskalenko, die beide Radikalisierung als stufenweisen, vielschichtigen Prozess beschreiben. Es handelt sich dabei um heuristische Modelle zur Veranschaulichung, nicht um präzise Vorhersageinstrumente. Dennoch beschreiben sie einen Prozess, der für das Verständnis der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen von Bedeutung ist. Nichtsdestotrotz bleibt dies ein sensibles Terrain, da es in der Praxis pädagogische Vorsicht gebietet.

Imam Ansar Ahmad Arshad (ganz rechts) spricht vor Schülerinnen und Schülern des Grundschulverbunds Ludgerus in Bocholt anlässlich der feierlichen Eröffnung des neuen Schulgebäudes. Neben ihm stehen der ehemalige Bürgermeister, ein katholischer Pfarrer und ein evangelischer Pastor, mit denen er gemeinsam die Einweihung des Gebäudes begleitet.

Schulen sind keine Sicherheitsbehörden

Denn besonders deutlich werden die Folgen einer unscharfen Präventionslogik im schulischen Kontext. Schulen sind pädagogische Räume, keine Vorfeldorganisationen der Sicherheitsbehörden. Lehrkräfte sind Pädagogen, keine „Ideologie-Profiler“, und Kinder sind keine potenziellen Gefährder. 

Ein schulisches Warnsystem, das an der religiösen Identität oder „muslimischen Kontexten“ ansetzt, erzeugt kein Plus an Sicherheit, sondern Misstrauen. Jugendliche, die sich beobachtet, problematisiert oder gar unter Generalverdacht gestellt fühlen, öffnen sich nicht – sie ziehen sich zurück. Genau in diesem Rückzug entstehen Entfremdung und eine Anfälligkeit für Radikalisierung. Wenn Lehrkräfte dazu angehalten werden, verstärkt auf „religiöse Signale“ oder „konservative Haltungen“ zu achten, ist das kein Frühwarnsystem, sondern Profiling im Klassenzimmer. Prävention in Bildungseinrichtungen funktioniert nur auf der Grundlage von Beziehung, Vertrauen und Anerkennung, und nicht etwa durch kollektive Verdachtslogik. 

Wenn alles zum Warnsignal deklariert wird – von den Moscheevereinen bis zur konservativen Religiosität –, verliert das echte Warnsignal seine Schärfe. Noch entscheidender ist, dass es genau die Menschen schwächt, die man für eine erfolgreiche Prävention braucht: Niemand kooperiert bereitwillig, wenn er permanent als potenzielles Risiko markiert wird.

Prävention ohne Pauschalisierung ist möglich

Echte Prävention beginnt nicht mit Warnungen, sondern mit den richtigen Fragen: Was ist politische Ideologie und was religiöse Praxis? Welche individuellen Faktoren spielen eine Rolle? Und welche Menschen sind dadurch konkret betroffen? Gibt es stabile soziale Bindungen? Wird Gewalt explizit oder implizit gerechtfertigt?

Wenn diese Differenzierung fehlt, kann der Brandherd nicht frühzeitig eingedämmt werden. Man lässt die Öffentlichkeit im Nebel der Pauschalisierungen zurück – mit fatalen Folgen: Muslimfeindlichkeit wird befeuert, rechtsextreme Narrative werden gestärkt und ein Klima aus Misstrauen und Feindseligkeit geschaffen, das eine tatsächliche Radikalisierung erst provozieren kann. Denn am Ende profitieren davon genau jene ‚Hassfluencer‘, die diese Entfremdung dankbar als Beweis für ihre radikalen Narrative nutzen. Echte Prävention schützt Jugendliche vor beidem: vor den Brandstiftern im Netz und vor der Ausgrenzung in der Mitte der Gesellschaft.

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Autorensteckbrief:

Ansar Ahmad Arshad ist Theologe und Imam der Ahmadiyya Muslim Gemeinde. Er gehört zu einer neuen Generation in Deutschland geborener und aufgewachsener Religionsgelehrter, für die interreligiöser Dialog und gesellschaftliche Partizipation feste Bestandteile ihres Wirkens sind.

  • Akademischer Hintergrund: Sein siebenjähriges Studium der Islamischen Theologie absolvierte er an der Jamia Ahmadiyya Deutschland in Riedstadt. Das 2008 gegründete Institut ist das erste in Deutschland, das Imame – muslimische Geistliche – ausbildet.
  • Wirkungskreis: Derzeit betreut er als Imam die lokalen Gemeinden in Bocholt, Borken und Ahaus (mit Sitz in Isselburg). Über seine Gemeinde hinaus ist er als Brückenbauer in der Region bekannt und engagiert sich als Kursleiter bei der Katholischen Familienbildungsstätte (FABI) Bocholt.
  • Journalistisches Engagement: Ansar A. Arshad ist festes Mitglied der Redaktion der Revue der Religionen und schreibt regelmäßig Beiträge.
  • Auszeichnungen: Aufgrund seines Engagements für ein verständnisvolles Miteinander und seiner Präsenz in sozialen und gesellschaftlichen Diskursen wurde er vom Bocholt-Borkener Volksblatt (BBV) als einer der „Hoffnungsträger für 2024“ für friedliches Miteinander in Bocholt ausgezeichnet.

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