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Schlafen Teil 1: Die verlorene ›mittlere Stunde‹ – wie Industrialisierung die Nacht beschnitten hat

Der moderne Mensch hat den Schlaf weitgehend funktionalisiert: als Mittel zur Leistungsfähigkeit, als Reparaturphase für das Tagwerk. Haben wir uns in diesem Prozess vom Wesen der Nachtruhe entfremdet?
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von Yunus Mairhofer, Redaktion

Es gibt Themen, die uns alle betreffen, und trotzdem sprechen wir selten darüber. Dazu gehört auch der Schlaf, oder genauer genommen: seine Unterbrechung. Nicht wenige wachen mitten in der Nacht auf und wissen nicht recht, weshalb. Der Blick auf die Uhr steigert die Unruhe: halb drei, wie viele Stunden noch bis zum Wecker? Man wälzt sich, denkt an Unerledigtes, daran, was morgen zu tun ist – manche fühlen sich dem eigenen Wachsein direkt ausgeliefert. Solche Momente erscheinen wie ein Widerspruch zwischen Bewusstsein und Zeit: Der Mensch möchte schlafen – die Uhr verlangt es -, aber etwas in ihm ist hellwach.

Ein vergessener Rhythmus?
Die Schlafforschung kennt dieses Phänomen gut. Thomas Wehr, ein amerikanischer Chronobiologe, ließ in den 1990er Jahren Versuchspersonen mehrere Wochen lang in vollständiger Dunkelheit leben, vierzehn Stunden pro Tag. Nach einigen Tagen entwickelte sich nachweislich bei fast allen dasselbe Muster: Sie schliefen zuerst etwa vier Stunden, wachten dann für ein oder zwei Stunden ruhig auf, lasen oder ruhten still, bevor sie in eine zweite, ebenso lange Schlafphase eintauchten. Der durchgehende Acht-Stunden-Schlaf, den wir heute als Ideal ansehen, war plötzlich verschwunden – als hätte die Dunkelheit eine vergessene Ordnung wieder freigelegt.

Historische Spuren des geteilten Schlafs
Tatsächlich sprechen auch historische Quellen von diesem geteilten Rhythmus. Der Sozialhistoriker A. Roger Ekirch fand in Briefen, Tagebüchern und Romanen der frühen Neuzeit unzählige Hinweise auf den sogenannten „ersten“ und „zweiten“ Schlaf, die er in seinem Buch At Day’s Close: Night in Times Past1 publizierte. Seine Recherche zeigt: Menschen in früheren Zeiten gingen kurz nach Sonnenuntergang zu Bett, wachten mitten in der Nacht für eine Stunde oder länger auf und schliefen dann weiter bis zum Morgengrauen. In dieser sogenannten mittleren Stunde tat man vieles, was nicht dem Tag entsprach: man prüfte das Feuer, beruhigte Tiere, sprach leise miteinander, betete. Der Tag war für Arbeit, die Nacht für Aufmerksamkeit.

Die Moderne und der Verlust der Mitte
Diese Beobachtungen erwägen den Anschein, dass das wache Intervall kein Defekt, sondern Teil eines Gleichgewichts (gewesen) ist. Die Nacht war keine lineare Strecke, sondern ein Bogen. Erst mit der Industrialisierung und dem Siegeszug des elektrischen Lichts verlor sie scheinbar ihre besondere Mitte. Fabrikglocken, Arbeitszeiten und heute die Bildschirme – sie alle pressen den Schlaf in ein einziges, geschlossenes Segment: Gleichmäßig ruhen, um gleichmäßig zu leisten. Wer nachts wachliegt, gilt seither als schlafgestört.

Leben nach einer anderen Uhr
Nicht nur in Laborsettings zeigt sich indes, dass dieser alte Rhythmus tief unter uns Menschen weiterlebt. In Gemeinschaften ohne Strom, etwa auf Madagaskar oder in Teilen des Amazonas, schläft man häufig in zwei Abschnitten.2 Nach einigen Stunden wachen die Menschen auf, trinken Tee, unterhalten sich oder sitzen still vor der Hüttentüre, bevor sie sich wieder hinlegen. Der Schlaf folgt dort offenbar einem anderen Verlauf als dem der modernen Uhr.

Gut möglich also, dass das, was viele heute als Schlafstörung erleben, in Wahrheit ein Echo dieser anderen Ordnung ist. Der Körper erinnert sich an eine Zeit, in der er kein Gefangener der Nacht war. Man könnte auch sagen: Wir sind nicht wach, weil wir nicht schlafen können, sondern weil die Nacht uns etwas mitteilen will. Die Vorstellung, dass Schlaf ein einziger, ununterbrochener 8 Stunden Block sein müsse, scheint daher erstaunlich jung zu sein. Sie ist wohl das Kind einer Welt, die alles Messbare liebt und das Unberechenbare meidet.

Ein stilles Angebot
Wenn man das bedenkt, verliert die Schlaflosigkeit etwas von ihrem Schrecken. Sie muss kein Feind sein, sondern ist möglicherweise auch ein Zeichen, dass die innere Uhr noch funktioniert. Dass der innere Mensch – trotz Strom, Schichtdienst und Bildschirm – nicht ganz vergessen hat, wie die Nacht einst gedacht wurde: als Zeit, die aufgeteilt ist zwischen Ruhe und Bewusstsein.

Auch religiöse Traditionen legen Nahe, dass diese mittlere Stunde tatsächlich noch eine tiefere Bedeutung hat. Seit jeher galt sie nicht nur als Moment der Ruhe, sondern auch als Zeit des Nachsinnens und der Zwiesprache – mit sich selbst, mit der Welt, mit dem Schöpfer.

Mehr dazu in Teil 2

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Quellen:
1 A. Roger Ekirch: At Day’s Close: Night in Times Past, New York 2005.
2 David R. Samson et al. (2017), Segmented sleep in a nonelectric, small-scale agricultural society in Madagascar (American Journal of Human Biology)

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