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Wie gehen Muslime mit Trauer um?

„Sein Kummer entsprang nicht persönlichem Verlust oder gekränktem Stolz, sondern einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl.“
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von Amtul-Wakiel Ahmad

Traurigkeit gilt in der modernen Gesellschaft als ein Zustand, der möglichst schnell überwunden werden sollte. Sie passt schlecht in eine Lebenswelt, die auf Leistungsfähigkeit und ständige Verfügbarkeit ausgerichtet ist. Von Menschen wird erwartet, dass sie funktionieren und nach außen Stabilität zeigen. Wer traurig ist, empfindet sein Gefühl nicht selten als persönliches Versagen oder als Zeichen innerer Schwäche.

Dabei ist Traurigkeit keine Randerscheinung des Menschseins. Sie entsteht dort, wo einem etwas wirklich wichtig ist – wo Bindung besteht, Verantwortung empfunden wird oder ein Sinn infrage steht. Deshalb geht es nicht in erster Linie darum, dieses Gefühl möglichst rasch abzulegen. Entscheidend ist vielmehr, wie ein Mensch ihm begegnet, damit es ihn nicht beherrscht.

Der Islam geht nicht davon aus, dass der Mensch seine Gefühle unterdrücken muss, um innerlich gefestigt zu sein. Emotionen werden vielmehr als Teil der menschlichen Veranlagung verstanden. Entscheidend ist nicht das Vorhandensein eines Gefühls, sondern die Richtung, in die es den Menschen führt.

Diese Sichtweise zeigt sich bereits im Leben des Propheten Muhammad (Friede und Segnungen seien auf ihm). Die islamische Überlieferung zeichnet das Bild eines mitfühlenden und zutiefst besorgten Menschen. Es wird von einer tiefen inneren Anteilnahme berichtet, insbesondere von seiner Sorge um andere Menschen und um ihren moralischen und geistigen Zustand. Sein Kummer entsprang nicht persönlichem Verlust oder gekränktem Stolz, sondern einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl. Der Koran beschreibt ihn deshalb als einen Menschen von besonderer Güte und Barmherzigkeit ür die gesamte Welt und im Besonderen gegenüber den Gläubigen.

Auch im Koran selbst wird Traurigkeit nicht pauschal verneint. Vielmehr wird zwischen verschiedenen Formen unterschieden. Für den Gläubigen wird dort eine klare Grenze gezogen gegenüber jener Traurigkeit, die den Menschen an das Vergangene fesselt und ihn innerlich lähmt. Es ist eine Traurigkeit, die aus dem Festhalten an dem entsteht, was nicht mehr erreichbar ist. („[…] damit ihr nicht trauern möget um das, was euch entging […]“, vgl. 3:154) In dieser Form soll sich der Mensch nicht verlieren, weil sie ihm Orientierung raubt und ihm die Fähigkeit nimmt, nach vorne zu blicken.

Daneben kennt der Islam eine Form der Traurigkeit, die nicht aus materiellem Verlust entsteht. Sie ist vielmehr mit dem Glauben selbst verbunden. Diese Traurigkeit ergibt sich aus dem Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und den Mitmenschen, sowie aus der Sorge um den eigenen geistigen Zustand. Sie richtet sich nicht auf äußere Umstände, sondern  auf das eigene Handeln und die eigene Ausrichtung. In dieser Form führt Traurigkeit nicht zur Lähmung, sondern zur Selbstprüfung und zur Rückkehr zu Gott.

Hier liegt ein Gedanke, der für viele ungewohnt ist. Traurigkeit wird im Islam nicht daran gemessen, ob sie empfunden wird, sondern worin sie mündet. Sie kann den Menschen verengen oder vertiefen. Sie kann ihn von Gott entfernen oder aber ihn seinen Glauben näherbringen.

Der Islam empfiehlt daher keinen demonstrativen Umgang mit Traurigkeit. Sie soll weder verdrängt noch öffentlich zur Schau gestellt werden. Ihr Ort ist – neben dem vertrauensvollen Austausch mit nahestehenden Menschen – das Gebet und die innere Hinwendung zu Gott. Wer vor Gott seine Tränen vergießt und seine innere Not ausspricht, erfährt eine innere Hinwendung, die ihn noch weiter im Glauben stärkt und ihn vor Hoffnungslosigkeit bewahrt. Dort verliert die Traurigkeit nicht unbedingt ihre Schwere, aber sie verliert ihre Macht über den Menschen und befähigt ihn, geduldig und gefestigt zu bleiben.

Der Koran bezeichnet diesen inneren Zustand als Standhaftigkeit. Gemeint ist damit, dass der Mensch trotz Traurigkeit handlungsfähig bleibt und sich nicht von Angst oder Hoffnungslosigkeit leiten lässt. Standhaftigkeit bedeutet nicht, Gefühle zu unterdrücken, sondern ihnen nicht die Führung über das eigene Handeln zu überlassen.

Negative Gefühle, Frustration und Traurigkeit stellen somit nicht grundsätzlich ein Problem dar. Richtig eingeordnet und im Glauben verankert, können sie vielmehr als Chancen zum Wachsen gesehen werden. Entscheidend ist der Umgang mit diesen Emotionen und die Reinheit der Absicht. Traurigkeit, die in Ungeduld, persönliche Rache oder Verzweiflung an der Allmacht Gottes mündet, entfernt den Menschen von Seiner Barmherzigkeit. Wird sie jedoch auf dem Wege Gottes getragen, vertieft sie das Gebet, lindert die innere Anspannung und führt den Menschen näher zu seinem Schöpfer.

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Über die Autorin: Amtul-Wakiel Ahmad absolviert derzeit ihr Masterstudium im Bauingenieurwesen. Neben ihrem Studium befasst sie sich mit gesellschaftlichen und religiösen Themen.

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