
von Chaudhry Masroor Ahmad
Ein Weckruf
Die Zahl der Single-Frauen wächst schneller als die Gesamtbevölkerung und das durchschnittliche Heiratsalter verschiebt sich jährlich um rund 1,5 Monate nach hinten. Ob einzelne Prozentpunkte variieren oder nicht: Die Geburtenzahlen verharren auf niedrigem Niveau – und der gesellschaftliche Trend zeigt nicht nur abwärts, sondern gewinnt zunehmend an Tempo.
Die gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung sind weitreichend und potenziell katastrophal. Eine schrumpfende und überalternde Bevölkerung bedeutet nicht nur einen Kollaps der Sozialsysteme, sondern auch den Verlust kultureller und wirtschaftlicher Dynamik. Wenn immer weniger Kinder geboren werden, fehlen in wenigen Jahrzehnten nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Beitragszahler für Renten- und Pflegekassen. Gleichzeitig steigt der Versorgungsaufwand für eine alternde Gesellschaft dramatisch an. Ohne einen gesunden Generationenvertrag bricht das Fundament der Solidargemeinschaft weg. Aber auch auf emotionaler und sozialer Ebene verliert die Gesellschaft ihren Zusammenhalt: Familiennetzwerke zerfallen, Einsamkeit nimmt zu, das Gefühl kollektiver Verantwortung schwindet.
Eine zentrale Frage lautet: Ist dieser Wandel bloß Ausdruck individueller Freiheit – oder sogar Ergebnis gezielter gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Kräfte, die Familie relativieren und den Einzelnen vereinzeln?
Aus religiöser Sicht hingegen ist die Familie kein Lifestyle-Produkt, sondern Gnade, Verantwortung und Fundament sozialer Stabilität.
Im Folgenden werden fünf Gründe für den vorherrschenden Wandel angeführt und religiös kontextualisiert – mit einer Ethik, die Verantwortung, Barmherzigkeit und Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt.
Die traditionelle Kernfamilie verliert Priorität
Heute lässt sich eine dauerhafte Relativierung der Kernfamilie beobachten. Familie wird oftmals als eine Option unter vielen präsentiert; Kinderlosigkeit wird als bewusste, „emanzipierte“ Entscheidung gefeiert, Alleinsein als Selbstverwirklichung vermarktet. Medien zeichnen häufig das Bild der erfolgreichen, kinderlosen Karrierefrau als Ideal, während Mütter nicht selten als schlaflos, überfordert oder wenig „modern“ erscheinen. Auch wenn es darin auch Gegenströmungen gibt, verstärkt Social Media diese Weltsichten. Der Effekt: Eine junge Generation wächst heran, die Familie nicht mehr als gesellschaftliche Verantwortung und tragendes Fundament versteht.
Auch auf politischer und wirtschaftlicher Ebene lässt sich eine Entwicklung beobachten, die den systematischen Abbau der traditionellen Familie begünstigen kann – teils subtil, teils offen propagiert. Sozialpolitische Maßnahmen für den Erhalt kinderreicher Lebensmodelle, wie beispielsweise KiTa-Ausbau, Kindererziehungszeiten oder die aktuell diskutierte Mütterrente wirken vor diesem Hintergrund vielfach wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Der knappe „bezahlbare“ Wohnraum ist in Europa zu einer veritablen Krise mutiert, die die Lebensunterhaltskosten zusammen mit der hohen Inflation regelrecht explodieren lässt. Halbherzige Maßnahmen wie die Mietpreisbremse verpuffen in der Luft – die immer dünner wird für Geringverdiener-Haushalte, zu denen ein Großteil der Haushalte mit Kindern nun mal gehört.
Arbeitsmarktpolitisch betrachtet zeigt sich die Schieflage besonders eindrücklich: Während Doppelverdiener-Haushalte („DINKS“: Double Income No Kids), wohnhaft in der teuren City-Lage zur Norm erhoben werden, stehen Alleinverdiener-Familien unter wachsendem Druck. Wer sich für Kinder entscheidet, verzichtet nicht selten auf Karrierechancen, ökonomische Sicherheit und gesellschaftliche Anerkennung. Das Arbeitgeberinteresse ist hier gnadenlos bei der Selektion: junge, meist kinderlose Arbeitskräfte haben weniger Fehlzeiten und opfern gerne auch mal ein Wochenende für die hehren Unternehmensziele. Mit Kindern schwer zu vereinbaren, wenn auch noch Care-Arbeit obendrauf kommt. Es ist ein Preis, den junge Menschen zunehmend nicht mehr zu zahlen bereit scheinen, zumal dann, wenn sie den Kinderwunsch auch als echten „Erziehungswunsch“ verstehen und ihre jungen Sprösslinge nicht möglichst früh der Fremdbetreuung überlassen wollen, geschweige denn unter Bedingungen, die als problematisch empfunden werden, etwa in Brennpunktschulen oder sozial belasteten Wohnumfeldern.
Die Kultur der Verantwortungslosigkeit
Zunehmend etabliert sich eine Mentalität, in der persönliche Entscheidungen selten als eigene Verantwortung begriffen werden. Für viele Konsequenzen findet sich rasch ein äußerer Schuldiger – „unreife Männer“, „zu wählerische Frauen“, „überhöhte Erwartungen“, „die Gesellschaft“. Man könnte fragen, ob eine solche Haltung Selbstreflexion und Reifung eher erleichtert — oder womöglich behindert.
Anstatt Herausforderungen direkt zu begegnen, werden diese manchmal durch bestimmte Narrative umschrieben: So wird etwa vom „Setzen von Grenzen“ gesprochen, wenn eine Situation vermieden wird, oder von einer „Entscheidung für sich selbst“, wenn keine Kompromissbereitschaft vorhanden ist. Begriffe wie „toxisch“, „patriarchal“ oder „traumatisierend“ ersetzen dabei zunehmend differenzierte Auseinandersetzung mit Mitmenschen und der Welt. Der Rückzug in das eigene Wohlbefinden und den Luxus wird moralisch verklärt – als mutiger Akt der Emanzipation und Selbstliebe, weniger als Ausdruck möglicher mangelnder Bindungsfähigkeit.
Diese kollektive Entlastungskultur untergräbt die Bereitschaft zur Verantwortung. Wer sich stets nur als Opfer erlebt, muss sich selbst nie ändern. Doch bleibt äußere Freiheit ohne innere Arbeit nicht ausgehöhlt? Reife bedeutet, auch eigene Fehler zu erkennen – nicht nur die der anderen. Gerade das scheint in einer Zeit, in der jede Kritik als „Shaming“ gilt, immer schwerer vermittelbar.
Parallel dazu entsteht in den sozialen Medien eine zunehmend polarisierte und teils hasserfüllte Gegenkultur, in der gegenseitige Abwertung zur Normalität zu werden droht. Männer werden pauschal als unfähig, unreif oder überflüssig dargestellt, während Frauen als manipulativ, egozentrisch oder „zu emotional“ diffamiert werden. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Selbstermächtigung auf beiden Seiten formiert sich so ein Klima der Verachtung, das jede Form von Verständnis oder Dialog untergräbt. Hashtags wie #menaretrash auf der einen und frauenverachtende Memes oder Videos mit Millionen Aufrufen auf der anderen Seite lassen sich als Ausdruck eines tiefsitzenden Grolls lesen – oft gespeist aus persönlichen Verletzungen, aber medial kultiviert zur identitätsstiftenden Pose. Was früher individuelle Enttäuschung war, wird heute zur gesellschaftlich salonfähigen Feindseligkeit erklärt.
In einer solchen Atmosphäre wird echte Nähe zur Gefahr: Wer sich öffnet, macht sich angreifbar. Wer liebt, verliert Kontrolle. Also zieht man sich zurück – nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Der andere erscheint dann weniger als Partner mit Eigenheiten und Bedürfnissen, sondern eher als potenzielle Belastung oder Risiko.
Die Folge ist eine vergiftete Kommunikationskultur, worin es kaum noch um Versöhnung oder Miteinander geht, sondern um Rechtbehalten, Abgrenzung und Dominanz. Doch kann auf diesem Boden überhaupt eine Beziehung wachsen, geschweige denn eine Familie?
Der Preis dieser Entwicklung scheint hoch: Beziehungen werden instabiler, Gemeinschaften brüchiger, der öffentliche Diskurs vergifteter. Denn wer sich nicht stets selbst hinterfragt, darf nicht in der Haltung leben, von anderen alles zu erwarten und ihnen zugleich alles zuzutrauen. Vertrauen nämlich setzt echtes Selbstvertrauen voraus – nicht Selbstmitleid oder Selbstverherrlichung.
Diese Prinzipien betreffen Männer und Frauen gleichermaßen. Die islamische Religion, die von Nicht-Muslimen oft als zu regelbetont und daher einschränkend wahrgenommen wird, kennt tatsächlich keine geschlechtsspezifische Narrenfreiheit. Selbstkritik und der Wille zur moralischen Verbesserung sind darin für beide Geschlechter gebotene Tugenden.

Toxische Geschlechterbilder
Ökonomisch betrachtet werden viele Kaufentscheidungen von Frauen getroffen, und kinderlose Single-Frauen konsumieren nachweislich mehr – Schätzungen zufolge im Schnitt rund 40 % mehr Luxusgüter als verheiratete Mütter. Für die Konsumwirtschaft ist das vereinsamte, kaufkräftige Individuum ideal: emotional offen genug, um ständig zu kaufen, und materiell erfolgreich genug, um es sich leisten zu können. Vor diesem Hintergrund wirkt es nachvollziehbar, dass „Single-Sein“ als Empowerment und Kinderlosigkeit als Freiheit vermarktet wird.
Diese Erzählung findet sich in Medien, Werbung und Popkultur in auffallender Dichte wieder: Die erfolgreiche, unabhängige Frau – frei von familiären Verpflichtungen, stets stilvoll gekleidet, urban, mobil – wird zum Leitbild. Mutterschaft hingegen erscheint als bedauernswert, altmodisch, einschränkend, belastend. Wer sich für Kinder entscheidet, wird wie gesagt oft mit dem Bild der erschöpften, überforderten Mutter konfrontiert, die im Chaos versinkt und den Anschluss an die „wirklich erfüllten“ Lebensentwürfe verpasst.
Wenn Bilder Wirklichkeit formen, dann ist es kein Zufall, dass Mutterschaft kaum noch glamourös dargestellt wird – denn sie ist ganz einfach schlecht für’s Geschäft. Eine Frau, die sich aufopfert, spart ihr Geld. Eine Frau, die liebt, braucht keine Kompensation durch Konsum.
All dies lässt den Schluss zu, dass Kinderlosigkeit nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern längst Teil einer durchökonomisierten Lebensstrategie ist, die – unter dem Vorwand der Selbstbestimmung – vor allem eines sicherstellt: dauerhafte Kaufkraft und unkompliziertes Humankapital, um den Wirtschaftskreislauf intakt zu halten.
Auch auf männlicher Seite zeigt sich ein spiegelbildlicher Prozess: In einer Kultur, in der Stärke leicht mit Rücksichtslosigkeit verwechselt wird und Männlichkeit sich über Dominanz definiert, gedeiht eigentlich das Rollenbild eines verantwortungslosen Hedonisten. Der „Playboy“, der sich jeder Verpflichtung entzieht, wird zum vermeintlich erfolgreichen Mann – finanziell ehrgeizig, emotional unbeteiligt, sexuell verfügbar, aber theoretisch beziehungsunfähig. In sozialen Medien und Podcasts verbreiten selbsternannte „Alpha-Coaches“ die Vorstellung, Frauen müssten beherrscht und kontrolliert werden – als wäre Partnerschaft ein Machtspiel und nicht ein Ort des Vertrauens. Der Anspruch, „der Frau überlegen“ zu sein, wird rhetorisch verpackt als „Selbstoptimierung“ und „Männergesundheit“, ist aber in Wahrheit oft Ausdruck von Unsicherheit und einem tiefen Mangel an innerer bzw. spiritueller Reife. Die Folgen sind dramatisch: Männer, die sich selbst nur über Status, Sexualität oder Kontrolle definieren, ‘verlernen’ echte Verantwortung – gegenüber sich selbst, anderen und schließlich kommenden Generationen.
Betrachten wir ein religiöses Vorbild, so beschrieb der Prophet Muhammad (saw) jedoch »den Stärksten nicht als den, der andere bezwingt, sondern als den, der sich selbst in der Wut beherrscht« (Bukhari, sinngemäß). Ein derartiges Ideal fehlt in der heutigen „toxisch maskulinen“ Selbstdarstellung nahezu vollständig.
Die Kapitalisierung von Intimität
Es haben sich Formen etabliert, worin körperliche und emotionale Nähe zunehmend in ökonomische Zusammenhänge eingebettet wird — mit wachsender Reichweite und gesellschaftlicher Sichtbarkeit. Damit verändert sich nicht nur Verhalten, sondern auch das, was Menschen unter Nähe, Beziehung und Bindung zu verstehen lernen. Intimität wird marktkonform, Beziehungen werden zweckrational, Bindungsfähigkeit erodiert.
Was früher Ausdruck tiefster Verbundenheit war, wird heute in Reichweiten und Preisstrukturen berechnet. Der Körper verliert seine metaphysische Würde und wird zur Markenidentität. Das einst Schützenswerte wird sichtbar und auswählbar – nicht als Verfehlung einzelner, sondern als strukturelle Verschiebung dessen, was als normal gilt.
Gleichzeitig verwischen die Grenzen zwischen echter Zuneigung und performativer Intimität. Junge Menschen wachsen mit einem Bild von Beziehung auf, das mehr mit Konsum als mit Hingabe zu tun hat. Wer sich selbst beständig vermarktet, lernt nicht mehr, sich wirklich zu schenken – oder zu empfangen.
Auch digitale Formen der Partnerschaftsanbahnung verstärken diese Logiken. Sie begünstigen Konstellationen, in denen Aufmerksamkeit ungleich verteilt ist: Wenige erhalten sehr viele Kontaktanfragen, während viele kaum wahrgenommen werden. Wenn Sichtbarkeit und Auswahl so asymmetrisch werden, verliert Verbindlichkeit an funktionalem Gewicht. Begegnung wird vergleichbar, austauschbar und jederzeit revidierbar. Und wenn Beziehungen jederzeit abbrechbar erscheinen — was bedeutet das dann für Verantwortung?
Das Resultat ist ein System, in dem wenige Männer viele Frauen „bedienen“, ohne Verantwortung zu übernehmen – mit der Folge zunehmender Alleinerziehender. Traditionelle soziale Kontexte, in denen Charakter, Religion, Familie und Verantwortung sichtbar wurden, werden durch oberflächliche, algorithmische Selektion ersetzt.
In einer Welt, in der Nähe entkoppelt von Bindung erlebt und Körperlichkeit funktionalisiert wird, verliert daher auch die Vorstellung von Familie ihren natürlichen Ort. Kinder sind dann kein logisches Produkt solcher Beziehungen mehr – sie passen halt schwer in ein Modell, das auf kurzfristige Flexibilität, ständige äußerliche Selbstoptimierung und maximale Unabhängigkeit ausgerichtet ist. Wo Nähe kalkuliert und Körperlichkeit ökonomisiert wird, entsteht kein Raum für Dauerhaftigkeit, Geduld und Hingabe – alles Voraussetzungen für Familie und Elternschaft. Kinder erscheinen dann nicht mehr als Segen, sondern als Einschränkung – ein „Kostenfaktor“, ein „Karrierekiller“, eine „emotionale Belastung“. Die Fruchtbarkeit bleibt biologisch bestehen, doch kulturell wird sie zunehmend verdrängt: nicht durch bewusste Ablehnung, sondern durch ein Lebensgefüge, das Nähe scheut, Verantwortung meidet und das Ich zum alleinigen Maßstab macht.
Ökonomische Unabhängigkeit senkt den Partnerwunsch
Mit wachsender finanzieller Eigenständigkeit verändert sich zudem bei vielen Frauen das Verhältnis zu Sicherheit, Versorgung und der Notwendigkeit eines Partners. Hinzu kommt: Viele Frauen möchten selten „nach unten“ heiraten. Je erfolgreicher sie werden, desto kleiner wird der Kreis akzeptabler Partner – bis er faktisch verschwindet. Das Ergebnis sind nicht selten Biografien hochqualifizierter Frauen mit erfolgreicher Karriere, aber zugleich ohne Partner und ohne Kinder – gefangen in Standards, die kaum ein realer Mann erfüllen kann. Dabei wird übersehen, dass Beziehungen auf gegenseitige Vervollkommnung beruhen, nicht auf Konkurrenz.
Doch der kulturelle Diskurs hat sich verschoben: Statt Ergänzung wird Gleichstand zum impliziten Maßstab, statt Partnerschaft Augenhöhe in allen Belangen – beruflich, finanziell, intellektuell. Doch wer nur jemanden „auf dem gleichen Level“ akzeptiert, sucht oft weniger Nähe als Spiegelung. Wie viel Raum bleibt dann noch für Ergänzung? Für das Anerkennen von Verschiedenheit?
So kann das Beziehungsmodell schleichend technokratische Züge annehmen: Lebensläufe werden abgeglichen, Erwartungen kalibriert, Abweichungen aussortiert. Wo aber Checklisten dominieren — welche Rolle spielen dann Geduld, Demut und die Bereitschaft, sich miteinander zu entwickeln? Ganz abgesehen von der miserablen Erfolgswahrscheinlichkeit, die solche Partnervorstellungen naturgemäß nach sich ziehen.
Ökonomische Unabhängigkeit ist dabei keineswegs das Problem an sich – sie kann Missbrauch vorbeugen und Würde stärken. Problematisch wird sie, wenn sie die Familie entwertet, Kinder zu einer „Option für später“ macht und biologische wie emotionale Zeitlichkeiten ausblendet.
All diese Dynamiken tragen maßgeblich zum anhaltenden Geburtenrückgang bei. Wenn Partnerschaften seltener entstehen, werden auch Familiengründungen vertagt oder ganz aufgegeben. Viele erreichen ein biologisch sensibles Alter, ohne je in eine stabile Beziehung gelangt zu sein – nicht aus Unvermögen, sondern weil die gesellschaftlichen Bedingungen, die Partnerschaft und Elternschaft einst begünstigten, an Wert verloren haben.
Religion allgemein – und der Islam im Besonderen – negiert weder weibliche Bildung noch ökonomische Stärke. Sie wird eingeordnet in eine Ethik von Barmherzigkeit, Verantwortung und Gemeinwohl. Wenn der Koran beispielsweise sagt: »Die Männer sind die Verantwortlichen (Unterhaltspflichtigen) über die Frauen.«, verteidigt er keine toxische Männlichkeit, sondern ruft zu verantwortlicher Männlichkeit auf; er romantisiert nicht jede Ehe, sondern fordert Gerechtigkeit, Liebe und Reife.
Zurück zur Tugend
Wenn man die beschriebenen Entwicklungen – den Rückzug ins Ich, die Ökonomisierung von Intimität, den kulturellen Abstieg von Familie, die Verhärtung von Geschlechterbildern und die Entkopplung der Freiheit von Verantwortung – nicht nur beklagt, sondern wirklich versteht, dann wird deutlich: Die Gesellschaft steht nicht vor einem rein privaten Lifestyle-Phänomen, sondern vor einer zivilisatorischen Zäsur. Diese bedroht nicht nur Rentenkassen und Fachkraftmärkte, sondern das, was der Koran als »Zeichen Gottes Barmherzigkeit« beschreibt: Ehe, Familie, generationenübergreifende Verantwortung.
Die Antwort darauf sollte weder romantisierend-naiv noch ein moralisierend-autoritäres Gegennarrativ sein. Sie sollte geistig, institutionell, kulturell und politisch sein – und sie muss Männern wie Frauen zutrauen, reif, barmherzig, gerecht und zukunftsorientiert zu handeln.
Sie verlangt eine Rückgewinnung von Begriffen, die erneut gedacht und wieder in die Praxis übersetzt werden: Freiheit sowie Verantwortung, Liebe sowie Bindung und Gemeinwohl – nicht als nostalgische Parolen, sondern als gelebte Praxis, die Individuen stärkt, ohne die Gemeinschaft zu schwächen. Konkret würde dies bedeuten: Freiheit wird wieder als Fähigkeit verstanden, das Gute zu wählen; Gleichberechtigung nicht als Nullsummenspiel, sondern als komplementäre Reife zweier Geschlechter, die sowohl einander einem höheren Zweck dienen, als auch dem Gemeinwohl gegenüber verantwortlich sind; Selbstbestimmung nicht als Entbindung von Bindungen, sondern als bewusste Bindung an das, was trägt – Ehe, Kinder, Familie, Gesellschaft.
Eine solche Perspektive fordert von Männern verantwortliche Fürsorge statt Dominanzfantasien und von Frauen selbstbewusste Stärke ohne Entwertung der Mutterschaft; sie fordert von Politik und Wirtschaft Rahmenbedingungen, die Familien nicht sanktionieren, sondern fördern; und sie fordert von religiösen Gemeinschaften, nicht nur als Richter aktiv zu werden, sondern als Begleiter, die vor, während und nach Entscheidungen Orientierung und Stütze geben.
Vielleicht liegt hier also ein möglicher Wendepunkt: nicht in der Rückkehr zu starren Rollenklischees, sondern eine spirituell fundierte, institutionell abgesicherte Kultur der Mündigkeit, die zeitlose Tugenden wiederentdeckt: Liebe, Maß, Verlässlichkeit, Zukunftssinn. Wird dieser Wandel als gemeinsame, ehrenhafte Aufgabe angenommen – mit einer Ethik, die Barmherzigkeit über Ideologie stellt –, kann aus dem Verstehen allmählich ein Weg entstehen: eine Kultur, in der Kinder wieder als Segen, Ehe als Zeichen der Barmherzigkeit und Verantwortung als Ausdruck von Freiheit neu erfahrbar werden.
»Unser Herr, gewähre uns an unseren Ehepartner Augentrost und mache uns zu einem Vorbild für die Rechtschaffenen.« (Koran 25:75)
_______
Über den Autor: Chaudhry Masroor Ahmad ist gebürtiger Ahmadi-Muslim, Vater von vier Kindern und Autor des Buches „Keuschheit im Islam“, erschienen im Verlag Der Islam.
Quellen:
– Rise of the SHEconomy, Morgan Stanley, 2019
– Eurostat (2025): Anteil alleinlebender Erwachsener 2015–2024
– Single, L. & Childless, K. (2022): „Consumer Patterns among Women – A Socioeconomic Analysis“, Journal of Modern Society, 18(4), S. 210–225
– Der Heilige Koran, Kapitel 4, Vers 35





Kommentar hinzufügen