
von Khola Maryam Hübsch
Es gibt einen Konflikt, den ich regelmäßig mit meinem Mann habe. Er ist Minimalist, ich besitze eine riesige Bücherwand. »Was willst du denn noch mit all den Büchern?«, fragt er. »Du wirst sie ja wohl nicht noch ein zweites Mal lesen, oder?« Sein Einwand ist nicht unberechtigt. Als IT-Architekt hat er seine Bücher digital archiviert, und in einer Großstadt wie Frankfurt ist jeder Quadratzentimeter kostbar – vor allem mit vier Kindern. Macht es also Sinn, die Bücher zu entsorgen? Diese Frage stellte sich mir bereits, als mein Vater starb. Er hinterließ Hunderte Bücher, und wir Kinder wussten zunächst nicht, wohin damit.
Die Revolution des Buchdrucks
Tatsächlich mangelt es längst nicht mehr an Büchern, wohl aber an Lesern. Während im Mittelalter Bücher kostbar waren und kaum jemand lesen konnte, löste eine Erfindung aus Deutschland eine Medienrevolution aus: Johannes Gutenberg revolutionierte mit dem Buchdruck die Wissensproduktion. Bücher wurden zur Massenware, Lesen und Lernen demokratisiert. Diese Entwicklung war ein zentraler Faktor dafür, dass Europa die islamische Welt überholen konnte. 700 Jahre lang war Arabisch die internationale Wissenschaftssprache. Das Haus der Weisheit in Bagdad war ein Zentrum für Innovation, und die erste Universität der Welt wurde 859 von Fatima al-Firhi in Marokko gegründet. Viele fundamentale Entwicklungen, von Algebra über das indisch-arabische Ziffernsystem bis zu Optik und medizinischen Enzyklopädien, stammen aus diesen Zentren. Heute ist davon nur wenig übrig. Der Arab Human Development Report zeigt, dass nur ein Bruchteil der Patente und neu herausgegebenen Bücher aus der islamischen Welt stammt. Gutenbergs Erfindung führte zu einer Verbreitung von Wissen wie nie zuvor. Arabische Buchstaben erwiesen sich als komplex und der Buchdruck erreichte die arabische Welt erst mehrere Jahrzehnte später – ein Vorsprung, dessen Folgen bis heute spürbar sind.
Die digitale Medienrevolution
Heute befinden wir uns mitten in einer neuen Medienrevolution, der dritten in der Geschichte der Menschheit nach Schrift und Buchdruck: Die Digitalisierung ermöglicht den Zugang zu Wissen jeder Art wie nie zuvor. Jeder trägt eine riesige Bibliothek in der Hosentasche. Gleichzeitig sinkt die Fähigkeit, komplexe Texte zu verstehen. Leseforscher sprechen vom Zeitalter der »Post-Literalität«: Zwar können die meisten Menschen lesen, doch die Fähigkeit zum tiefen, analytischen Erfassen komplexer Texte – das sogenannte »Deep Reading« – geht rapide zurück. Rund ein Fünftel der Menschen kann Texte zwar lesen, aber nicht wirklich verstehen; bei Jugendlichen sind die Werte noch dramatischer. Selbst Studierende der Literaturwissenschaft haben zunehmend Probleme, komplexe Texte zu begreifen. Die Pisa-Studie bestätigt diesen Trend bereits bei Kindern.
Vom Lesen zur Plattform-Oralität
Der Medienwissenschaftler Christian Engelmann beschreibt diesen Kulturwandel als Verschiebung von vertieftem Lesen hin zu »Plattform-Oralität«: Podcasts, Videoclips und KI-gestützte Tools übernehmen die Vermittlung von Wissen. Lesen verliert an Bedeutung; das gesprochene Wort dominiert. In den USA las 2024 fast die Hälfte der Bevölkerung kein einziges Buch. Die klassische Lesekultur weicht einer Kultur der Mündlichkeit. Mündlichkeit ist historisch nicht neu: Die vorislamische arabische Kultur war stark mündlich geprägt. Der Koran wurde neben seiner zeitgleich zur Offenbarung verlaufenden schriftlichen Fixierung zunächst vor allem mündlich überliefert. Der Islam verlieh dem Wissenserwerb jedoch einen hohen Stellenwert – alphabetisierte Gefangene wurden freigelassen, wenn sie zehn Kindern Lesen und Schreiben beibrachten. Das Streben nach Wissen wurde Männern und Frauen zur Pflicht erklärt.
Digitale Ablenkung als soziales Problem
Heute erleben wir eine Renaissance der Mündlichkeit. Lesen droht zur Technik einer Minderheit zu werden, was soziale Ungleichheit verstärken könnte. Marry Harrington beschreibt dies in der New York Times als Luxusfertigkeit: Digitale Ablenkungen wirken wie ungesundes Fast Food fürs Gehirn. Plattformen wie TikTok, YouTube-Shorts oder Instagram-Reels liefern kurze, süchtig machende Inhalte – vor allem für sozial schwächere Gruppen. Konzentration, analytisches Denken und Aufmerksamkeit nehmen ab. Besonders gefährdet sind Menschen aus ärmeren Haushalten, deren Kinder mehr Zeit vor Bildschirmen verbringen. Die wohlhabende Elite kann Bildung, Konzentration und geistige Fitness besser schützen, während der Mehrheit diese Fähigkeiten verloren gehen. Dies verschiebt kognitive Macht hin zu wenigen.
Gesellschaftliche Folgen
Eine post-literate Gesellschaft könnte weniger rational, stärker tribalistisch und anfälliger für Desinformation werden. Politische Manipulation und Populismus profitieren von einer Meme-basierten Kommunikation. Die digitale Medienrevolution ist also nicht nur ein kulturelles Phänomen, sondern hat unmittelbare politische Folgen.
Kognitive Fitness trainieren
Was können wir tun, um diese Entwicklungen aufzuhalten? Eines ist klar: Die digitalen Errungenschaften sind gekommen, um zu bleiben. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Mit der Erfindung von Maschinen, die uns körperliche Arbeit abnehmen, entstand eine Kultur von Fitness-Clubs und Sportvereinen. Weil wir Autos nutzen, gehen wir bewusst 10.000 Schritte und nehmen uns Zeit fürs Gym, um gesund zu bleiben. Genau das müssen wir auch für unsere kognitive Fitness tun.
Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem die Wände mit Büchern tapeziert waren. Die Regale reichten vom Boden bis zur Decke. Ganze Berge von Zeitungen stapelten sich. Einen Fernseher hatten wir zwar, aber lange Zeit ohne Kabelanschluss – die drei Programme, die wir empfingen, waren uninteressant. Smartphones oder Internet gab es nicht. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als zu lesen, wenn ich Neues entdecken wollte. Die Bücherei wurde mein Lieblingsort, aus dem ich immer wieder spannende Schätze mitbrachte und mich stundenlang in meiner Lesehöhle vergrub. Es waren kostbare Momente des Verlorenseins in anderen Welten. Ich erinnere mich auch, wie mein Vater meinen Schwestern regelmäßig vorlas, als sie noch klein waren.
Heute wissen wir, dass das Kleinkindalter die entscheidende Phase für die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten ist, das zeigt Forschung zur Leseförderung. Laut Vorlesemonitor 2024 der Stiftung Lesen bekommt jedes dritte Kind jedoch gar nicht vorgelesen. Und wenn vorgelesen wird, übernimmt das fast immer die Mutter, nicht der Vater. Jungen identifizieren sich so weniger mit dem Lesen, was ihre Lesekompetenz und kritische Denkfähigkeit langfristig beeinflusst. Das könnte erklären, warum sie später anfälliger für vereinfachende Narrative oder Populismus werden.
Doch auch Erwachsene können ihre Lesekompetenz stärken: Wer jeden Tag einen anspruchsvollen Text liest – zum Beispiel einen theologischen (da religiöse Texte das sogenannte »Deep Reading« voraussetzen) – wird das zunächst anstrengend finden. Es ist wie Muskeltraining fürs Gehirn: Eine halbe Stunde steigert Konzentration, analytisches Denken und die Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Wer diese Fähigkeiten entwickelt, stärkt nicht nur die persönliche kognitive Fitness, sondern legt auch einen entscheidenden Grundstein für die Zukunft der Gesellschaft – und die unserer Kinder. Vielleicht hänge ich deswegen so sehr an meiner Bücherwand: Sie wird zum Sinnbild des Widerstands gegen die Kurzlebigkeit der digitalen Welt – ein Ort, der zum Denken einlädt, den ich bewahren will.
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Über die Autorin: Khola Maryam Hübsch ist Journalistin, Publizistin und Spoken-Word-Künstlerin sowie Mitglied des Redaktionsausschusses der Revue der Religionen.





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