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Coronavirus & die Suche nach einem Heilmittel

Von Dr. Maleeha Qazi Medizinstudentin an der Universität zu Toronto in Kanada

Im Dezember 2019 wurden in Wuhan, China, die ersten Fälle von Patienten mit einer lungenentzündungsähnlichen Viruserkrankung identifiziert. In der Folge wurde ein neuartiges Coronavirus (bezeichnet als SARS-CoV-2) als Erreger der Krankheit diagnostiziert.[1]

Seitdem haben 210 Länder Fälle von COVID-19 (COronaVIrus-Disease-2019) gemeldet, wobei weltweit über 7,5 Millionen Fälle und fast 400.000 bestätigte Todesfälle zu verzeichnen sind (WHO-Lagebericht COVID-19 – 145, 13. Juni 2020). Da die COVID-19-Pandemie weltweit wütet, werden derzeit mehrere Behandlungsmöglichkeiten entwickelt und auf ihre Wirksamkeit gegen den SARS-CoV-2-Erreger getestet. Bislang gibt es noch keine universellen Heilmittel gegen COVID-19 und die Suche nach einem wirksamen Impfstoff geht weiter.

Was ist COVID-19?
COVID-19 ist der offizielle Name, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die durch das SARS-CoV-2-Virus verursachende Krankheit vergeben hat. SARS-CoV-2 gehört zu einer großen Familie von Viren, den so genannten Coronaviren, von denen angenommen wird, dass sie sich in Fledermäusen entwickelt haben.[2]

Man geht davon aus, dass diese Viren durch genetische Mutationen von Fledermäusen auf andere Tiere übertragen wurden und anschließend weiter mutierten, so dass der Mensch sich mit ihnen infizieren konnte. In den letzten 20 Jahren haben zwei solcher Arten von Coronaviren beim Menschen zu Ausbrüchen schwerer Krankheiten geführt: Im Jahre 2002 kam es zum Ausbruch des schweren akuten respiratorischen Syndroms (SARS), verursacht durch SARS-CoV und im Jahre 2012 das respiratorische Syndrom des Nahen Ostens (MERS), verursacht durch MERS-CoV.

SARS-CoV-2 
SARS-CoV-2 infiziert wie seine Vorgänger menschliche Atemwegszellen, was häufig zu Symptomen wie Fieber, Husten und Kurzatmigkeit führt. In schweren Fällen verursacht die Infektion jedoch eine Lungenentzündung mit der Gefahr eines Multiorganversagens und führt schließlich zum Tod. Die rasche Ausbreitung von SARS-CoV-2 unterscheidet es von anderen Coronaviren und lässt Nationen auf der ganzen Welt nach Möglichkeiten suchen, die Übertragung zu reduzieren. Da derzeit keine Behandlungsmethoden bekannt sind, beschränkt sich die Therapie allenfalls auf vorbeugende Maßnahmen.[3]

Wir verfolgen die Entwicklung der Pandemie und auch uns nahestehende Menschen sind von ihr betroffen, so dass wir uns fragen müssen, wann eine Behandlung zur Verfügung stehen wird, die uns von dieser Krankheit heilt!

Krankheit und Heilung – die islamische Perspektive
Der Heilige Qur’an erklärt, dass Allah der Allmächtige die Quelle der Heilung der Kranken ist, wie der Prophet AbrahamASseinem Volk sagte: »Und wenn ich krank bin, ist Er es, der mich wieder gesund macht.«[4] Dieser Grundsatz wird durch ein Hadith des Heiligen Propheten MuhammadSAW bekräftigt, welches von Hadhrat Abu HurairahRA überliefert wird: »Es gibt keine Krankheit, die Allah geschaffen hat, außer, dass Er auch ihre Heilung geschaffen hat.«[5] Während die menschlichen Bemühungen zur Entdeckung neuer Behandlungsmethoden für Krankheiten führen, ist es doch Allah der Allmächtige in Seinem unendlichen Mitgefühl und Seiner unendlichen Gnade, Der der Menschheit den Verstand gegeben hat, um diese Bemühungen zum Erfolg zu führen, und Er leitet jene, die danach suchen. Allahs Mitgefühl für Seine Schöpfung lässt hoffen, dass Er, wie schlimm die Situation auch sein mag, die notwendigen Heilmittel bereitstellen wird. Allerdings sind in der Tat menschliche Anstrengungen auf dem Gebiet der Forschung erforderlich, um humane Krankheiten besser zu verstehen und dieses Wissen bei der Entwicklung von Behandlungsmethoden nutzen zu können. Der Fünfte Kalif, das weltweite Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, erläuterte während seiner Deutschlandreise im Jahre 2016 den Zweck dieser Bemühungen in seiner Botschaft an Studenten im Bereich der Forschung: »Jeder Mensch wird eines Tages sterben, jedoch ist es sehr wichtig, dass wir unser Gehirn einsetzen bei dem Versuch, Heilmittel für die Krankheiten und Leiden zu finden, die so viele Qualen verursachen, und bei dem Versuch bestrebt zu sein, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. Das ist die Essenz und der wahre Geist, mit dem Forschung betrieben werden sollte.«[6]

Mit dieser Hoffnung, dass ein Heilmittel, so Gott will, gefunden wird, werden im Folgenden einige der Bemühungen aufgezählt, die weltweit unternommen werden mit dem Ziel der Heilung von COVID-19. Darüber hinaus beten Millionen Menschen auf der ganzen Welt für den Erfolg dieser Wissenschaftler. Es ist jene Kombination aus Anstrengung und Gebet, die die Gnade Allahs anzieht.

Neueinsatz von bereits entwickelten Medikamenten 
Obwohl ein Impfstoff gegen SARS-CoV-2 die wirksamste Strategie für eine langfristige Schutzmaßnahme darstellt, kann die Neuverwendung von Medikamenten, die bereits zur Behandlung anderer Erkrankungen eingesetzt werden, schnellere Lösungen zur Bekämpfung der Pandemie bieten. Während sich das Therapiespektrum für SARS-CoV-2 rasch weiterentwickelt, wird eine Reihe von bereits bestehenden Therapeutika von staatlich finanzierten Organisationen (z.B. NIH in den USA, NIHR in Großbritannien und CIHR in Kanada) und Pharmaunternehmen an Patienten getestet. Im Folgenden beschreiben wir einige der derzeitigen Therapien, die zur Behandlung von SARS-CoV-2 getestet werden und gehen im Detail auf die absolute Notwendigkeit eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie ein.

Chloroquin
Einer der vielversprechenden Wirkstoffe zur Behandlung von COVID-19, der in den Medien viel genannt wird, ist Chloroquin und Hydroxychloroquin. Diese beiden Medikamente werden häufig zur Behandlung von Malaria und Autoimmunkrankheiten wie Lupus und Rheumatoider Arthritis eingesetzt. Während sich Malaria (verursacht durch ein einzelliges Plasmodium) biologisch sehr stark vom Coronavirus unterscheidet, haben die Medikamente unterschiedliche Auswirkungen auf menschliche Zellen, stören die Fähigkeit von Krankheitserregern, Zellen zu infizieren und können auch ihre Replikationsfähigkeit einschränken.[7] Hydroxychloroquin wurde erstmals 2002 nach dem Ausbruch von SARS als mögliche Behandlung gegen eine Coronavirusinfektion getestet.[8,9]

Damals wurde das Medikament nur in Laborzellkulturen getestet, und es wurden keine randomisierten Kontrollstudien an Patienten durchgeführt.

Ähnlich wie seine Wirkung gegen SARS-CoV hat sich Chloroquin/Hydroxychloroquin nun auch gegen SARS-CoV-2 in Laboratorien als vielversprechend erwiesen.[10-12]

Solange kein wirksames Medikament gefunden ist, ist man auf klassische vorbeugende Schutzmaßnahmen angewiesen.
Pixabay

Frühe klinische Studien schienen darauf hinzudeuten, dass bei Patienten, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind,[13] diese Wirkstoffe wirksam sein könnten, was Euphorie und Hoffnung auslöste. Dabei handelte es sich um vorläufige Beobachtungsstudien und nicht um qualitativ hochwertige randomisierte Studien, die üblicherweise zur Beurteilung der Wirksamkeit eingesetzt werden. Trotz der begrenzten klinischen Daten genehmigte die US Federal Drug Administrationdie Notfallverwendung von Hydroxychloroquin bei COVID-19-Patienten. Bald darauf tauchten widersprüchliche Argumente für die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Medikamente auf, so dass der Ruf nach randomisiert-kontrollierten Studien lauter wurde. Tatsächlich zeigte die erste randomisiert-kontrollierte Studie mit Hydroxychloroquin zur Behandlung von SARS-CoV-2-Infektionen, an der 150 Patienten teilnahmen, keine Wirksamkeit des Medikaments.[14]

Gegenwärtig führt das National Institute of Health (NIH) eine blinde, placebokontrollierte, randomisierte, klinische Studie (NCT04332991) durch, in die mehr als 500 Erwachsene aufgenommen werden sollen, um weiter zu klären, ob die Behandlung mit Hydroxychloroquin tatsächlich COVID-19-Patienten über die Standard-Krankenhausbehandlung hinaus helfen kann. Ähnliche klinische Studien wurden auch in Kanada, Australien und in mehreren europäischen Ländern durchgeführt. Bis jedoch schlüssige Beweise zur Wirksamkeit von Chloroquin/Hydroxychloroquin vorliegen, wird die Verwendung dieser Verbindungen nur in Notfallsituationen für Patienten mit schweren COVID-19-Symptomen empfohlen, wobei die mit diesem Medikament verbundenen kardialen Risiken sorgfältig zu berücksichtigen sind.[15-17]

Remdesivir
Remdesivir ist ein antivirales Medikament mit großem Behandlungsspektrum (d. h. es wirkt gegen eine Reihe von Krankheiten), das in Tierversuchen positive Ergebnisse für die Behandlung von Viren wie SARS-CoV, MERS-CoV und MERS gezeigt hat.[18] Remdesivir wirkt, indem es die Replikationsfähigkeit von Viren blockiert.[18] Aus diesem Grund sind Forscher daran interessiert, Remdesivir als mögliches Therapeutikum für COVID-19 zu testen. Zu Beginn der Verbreitung von COVID-19 wurde dieses Medikament zur Behandlung von Patienten mit schweren Symptomen aus Gründen des Mitgefühls eingesetzt. Eine kleine Studie mit einer begrenzten Anzahl von Patienten erzielte vielversprechende Ergebnisse, da 36 von 53 Patienten (68%) mit schweren Symptomen eine klinische Besserung zeigten. [18] In einer randomisierten Studie mit knapp 300 an COVID-19 erkrankten Patienten wurde Remdesivir getestet. Zwar stellten die Forscher eine Verkürzung der Zeit bis zur klinischen Besserung fest, doch war mit der Behandlung durch Remdesivir kein signifikanter klinischer Nutzen verbunden. [19] Derzeit laufen jedoch größere randomisierte Studien, um die Wirksamkeit von Remdesivir bei der Behandlung von COVID-19 umfassend zu bewerten. Gilead, das Pharmaunternehmen, das Remdesivir entwickelt hat, hat im März 2020 eine klinische Studie der Phase 3 begonnen. Etwa 1.000 zufällig ausgewählte Patienten aus Ländern mit hoher Prävalenz von COVID-19 wurden in die Studie aufgenommen, um die Sicherheit und Wirksamkeit von Remdesivir bei Patienten mit moderaten Symptomen von COVID-19 im Vergleich zur Standardbehandlung zu testen.[20] Unter den führenden in Frage kommenden Medikamenten gilt Remdesivir als das vielversprechendste.[21]

Die beiden oben genannten Medikamente gehören zu den gängigsten, die in letzter Zeit Aufmerksamkeit erregt haben, aber wie bereits erwähnt, handelt es sich bei beiden nicht um bewährte Behandlungsmethoden. Ohne schlüssige Beweise ist nicht klar, ob diese Medikamente einen positiven Effekt auf den Genesungsprozess der Patienten haben bzw. ob ihre Anwendung überhaupt sicher ist. Aus diesem Grund begann die Weltgesundheitsorganisation Ende März 2020 eine groß angelegte internationale Studie, um über ein Dutzend verschiedener Behandlungskombinationen zu testen. Im Rahmen der »Solidarity-Studie«[21,22] sollen mehrere Medikamente, Chloroquin/Hydroxychloroquin und Remdesivir etc. getestet werden. All diese Medikamente sind für die Behandlung anderer Krankheiten zugelassen und stehen nun im Fokus für die potentielle Behandlung von COVID-19. Durch die Zusammenführung klinischer Daten aus mehr als 100 Ländern kann die »Solidarity-Studie« schnell Tausende von Patienten erfassen, die Ergebnisse und deren Analysierung koordinieren und schließlich Befunde erbringen, über die rasch die Gesundheitsbehörden in aller Welt informiert werden können.[21]

Plasmatherapie – die gemeinsame Nutzung der Immunität
Medikamente mögen eine Option der Therapie sein, aber vielleicht gibt es außer der pharmakologischen Behandlung von COVID-19 weitere Möglichkeiten. Eine Idee ist es, auf jene Menschen zu schauen, die das Virus besiegt haben, d. h. auf Patienten, die sich von der Krankheit erholt haben. Die Antwort liegt vielleicht buchstäblich in ihrem Blut.

Wie bei jeder Infektion reagiert der menschliche Körper, indem er eine Immunreaktion erzeugt, die Antikörper produziert, die den Erreger binden und unschädlich machen können. Im Fall von COVID-19 werden solche Antikörper gegen Bestandteile des SARS-CoV-2-Virus gebildet, die das Virus daran hindern, sich an die menschlichen Zellen zu binden und somit verhindern, dass diese eine Infektion verursachen. Sobald COVID-19-Patienten genügend Antikörper entwickelt haben, können sie das Virus abwehren und eine Verbesserung ihres Gesundheitszustands wahrnehmen. Wichtig ist, dass diese aufgebaute Immunität im Körper der Patienten verbleibt, falls das Virus erneut die Zellen befällt und die Antikörper erneut eingesetzt werden müssen, um das Virus zu bekämpfen. Eine therapeutische Hypothese ist, dass es, je mehr Patienten sich von COVID-19 erholen, möglich sein könnte, das Plasma (Bestandteil des Blutes, der Antikörper enthält) von genesenen Patienten denjenigen zu transfundieren, die an einer schweren COVID-19-Infektion leiden. Die genesenen Patienten teilen somit ihre Immunität gegen eine SARS-CoV-2-Infektion und verhelfen anderen zu deren Heilung.[23]

Auch wenn die Idee ungewöhnlich erscheinen mag, würde dies nicht das erste Mal sein, dass ein ähnlicher Ansatz gewählt wurde. Die Plasmatherapie wurde bereits während der SARS-Epidemie 2002, bei verschiedenen Grippepandemien (H1N1, H5N1) und gegen Ebola eingesetzt, wobei Sicherheit und Wirksamkeit in bestimmten Fällen nachgewiesen wurden.[21] Eine kleine Gruppe von erwachsenen Patienten (5 in der ersten Studie und 10 in der zweiten Studie) wurde bereits mit einer Plasmatherapie gegen COVID-19 behandelt, wobei eine klinische Besserung nach einer Plasmatransfusion mit Anti-SARS-CoV-2-Antikörpern aus dem Spenderblut genesener Patienten nachgewiesen wurde.[24,25] Obgleich die Ergebnisse vielversprechend sind, wurde die Plasmatherapie-Intervention wie bei früheren Tests nicht in einem breiteren Umfang in einer randomisiert-kontrollierten Studie getestet. Darüber hinaus können die Merkmale des Spenders, die Dosierung sowie der Zeitpunkt der Therapie und andere Aspekte der Versorgung mit der aktuellen Forschungslage nicht beurteilt werden. Schließlich kann wie bei jeder Immunantwort auf einen Krankheitserreger, die Stärke der Immunität mit der Zeit abnehmen und den Patienten anfällig für eine mögliche Reinfektion machen. Daher ist selbst bei einer primären Immunantwort gegen SARS-CoV-2 ungewiss, ob genesene Patienten oder solche, die eine Plasmatherapie erhalten, vollständig immun bleiben und gegen künftige Reinfektionen geschützt sind.[26] Forscher führen jetzt groß angelegte klinische Studien durch, um den Nutzen der Plasmatherapie für die Verbesserung der klinischen Ergebnisse bei COVID-19-positiven Patienten ohne nachteilige Nebenwirkungen umfassend bewerten zu können.[27]

SARS-CoV-2-Antikörper – Schaffung der Immunität
Obwohl das Vorhandensein neutralisierender Antikörper gegen SARS-CoV-2 zu einer klinischen Besserung bei Patienten mit COVID-19 führen kann, kann der Effekt einer Plasmatherapie ggf. eingeschränkt sein – je nach Verfügbarkeit genesener Patienten, der Fähigkeit verschiedener medizinischer Zentren, Plasma zu sammeln und Transfusionen durchzuführen sowie je nach Auftreten unerwünschter Zwischenfälle im Zusammenhang mit Transfusionen.[28] Eine ähnliche alternative Option für die Behandlung von Patienten mit neutralisierenden Anti-SARS-CoV-2-Antikörpern besteht darin, diese Antikörper in einem anderen Organismus zu produzieren – in Labormäusen oder sogar in Lamas. Zwei kürzlich durchgeführte Studien haben die Produktion von Anti-SARS-CoV-2-Antikörpern in Tiermodellen gezeigt, die leicht für den Einsatz beim Menschen verwendet werden können.[29,30] Unter Verwendung eines speziellen Mausmodells, das menschliche Antikörper anstelle von Maus-Antikörpern erzeugen kann, setzte eine Gruppe niederländischer Forscher Mäuse einem spezifischen Teil des SARS-CoV-2-Virus (als Antigen bezeichnet) aus, so dass die Mäuse eine Immunantwort ähnlich der eines Menschen erzeugten.[29,30] Bei der Untersuchung all der verschiedenen menschlichen Antikörper, die von den Mäusen als Reaktion auf das SARS-CoV-2-Antigen produziert wurden, identifizierten die Forscher einen potenten Antikörper, der sowohl SARS-CoV als auch SARS-CoV-2 unschädlich machen kann. In ähnlicher Weise verwendete eine internationale Gruppe von Forschern aus Deutschland, Belgien und den USA zunächst Lamas, um kleine neutralisierende Antikörper gegen SARS-CoV- und MERS-CoV-Viren zu entwickeln, die über Inhalatoren verabreicht werden können, ähnlich der Behandlungsform von Asthma.[30] Die Forscher fanden heraus, dass einer dieser in Lamas produzierten Antikörper auch in der Lage war, SARS-CoV-2 unschädlich zu machen und in Zellkulturen massenhaft produziert werden kann. Obwohl Antikörper aus beiden Quellen nur in Zellkulturstudien getestet wurden, eröffnen sie einen breiten Weg für die weitere Entwicklung und Produktion dieser Antikörper als Therapeutika gegen COVID-19.

Impfstoffe – das Endziel
Alle Behandlungen, ob pharmakologisch oder basierend auf Antikörpern setzen voraus, dass Menschen krank werden, bevor sie einer Therapie zugeführt werden. In der Medizin lautet eine gängige Redewendung: »Vorbeugen ist besser als Heilen«, und dementsprechend bietet ein Impfstoff die Möglichkeit, das Virus frühzeitig an seiner Vermehrung zu hindern. Seit die genetische Sequenz für SARS-CoV-2 Anfang Januar diesen Jahres entschlüsselt wurde, sind erhebliche Anstrengungen unternommen worden, um einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 zu entwickeln.

Impfstoffe verhindern tödliche Infektionskrankheiten wie Poliomyelitis, Tetanus, Masern und Mumps, um nur einige zu nennen, und haben sogar zur Ausrottung der Pocken geführt.[31] Ein Impfstoff gegen Virusinfektionen besteht im Allgemeinen aus geschwächten Viren (lebend oder tot) oder deren Bestandteilen (als Antigen bezeichnet), so dass die Injektion des Impfstoffs eine Immunantwort auslöst, ohne eine vollständige Infektion zu verursachen. Wenn das Immunsystem aktiviert wird, beginnt es, neutralisierende Antikörper zu produzieren, so wie es auch bei einer Infektion des Wirts mit dem Virus auf natürlichem Weg der Fall wäre. Diese induzierte Immunantwort gibt unseren Zellen die Möglichkeit, ein immunologisches Gedächtnis zu entwickeln und aufrechtzuerhalten und uns somit für eine gewisse Zeit vor zukünftigen Infektionen zu schützen, indem sie das Virus rasch angreifen können.

Die Entwicklung eines Impfstoffs ist ein mühsamer Prozess, der monatelange präklinische Untersuchungen und Laborarbeiten erfordert, um gute Antigene zu finden, die eine angemessene und starke Immunantwort hervorrufen können und um zu zeigen, dass er in Proof of Principle-Tierstudien funktionieren kann.[32] Unter den gegenwärtigen Umständen wurden viele Schritte bei der Impfstoffentwicklung beschleunigt, aber es gibt noch Herausforderungen in Bezug auf die richtige Antigenidentifizierung und -gestaltung, die Milderung potenzieller unerwünschter Wirkungen (z. B. einer allergischen Reaktion auf den Impfstoff) und die Bestimmung der Dauer des durch den Impfstoff induzierten Immungedächtnisses.[33] Gegenwärtig befinden sich sechs Impfstoffe in der klinischen Erprobungsphase, in der die Sicherheit und Dosierung derselben getestet wird, während sich über 70 Impfstoffe in der präklinischen Testphase befinden. Die Mehrzahl der derzeit in der Entwicklung befindlichen Impfstoffe zielt darauf ab, die Produktion neutralisierender Antikörper gegen Teile des SARS-CoV-2-Virus zu induzieren, die sich an die Oberfläche menschlicher Lungenzellen binden.[34] Wenn das Virus sich nicht an unsere Zellen binden kann, wird es nicht in der Lage sein, Infektionen hervorzurufen und sich zu vermehren.

Das Streben nach Perfektion
Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass wir ein Höchstmaß an Evidenz benötigen, um entscheiden zu können, welche Behandlungen am wirksamsten sind. Zwar kann es in dringlichen Situationen erforderlich sein, etablierte Medikamente auf der Grundlage begrenzter Evidenz und aus ethischen Gründen einzusetzen (z.B. Hydroxychloroquin bei COVID-19), doch ist dies nicht ideal. Beobachtungsstudien sind anfällig für Verzerrungen und daher zur Bestimmung der Wirksamkeit einer Behandlung nicht sehr zuverlässig. Zwar wird Hoffnung geweckt, wenn einige Frühergebnisse vielversprechend scheinen, aber nach Abschluss der Testungen ist es möglich, dass sich die Therapien als nicht besser erwiesen haben als unterstützende Behandlungen. Der Verzicht auf Sorgfalt, Standards und die Qualität der wissenschaftlichen Forschung kann Patienten unangemessenen Schäden aussetzen und stellt die Angehörigen der Gesundheitsberufe vor große ethische Herausforderungen[35] Zufallskontrollierte Studien gelten in der evidenzbasierten Medizin seit mehr als 70 Jahren als Goldstandard[36,37] zur Beurteilung des Nutzens einer Behandlung, und bei COVID-19 wird dies auch das Auswahlkriterium sein, um die beste Behandlung zu finden. Qualitativ hochwertige randomisierte Studien beseitigen Verzerrungen, indem die Patienten nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt werden, so dass alle anderen Faktoren, die sich auf sie auswirken könnten, gleichmäßig verteilt sind. Darüber hinaus ermöglicht ein Kontrollarm den direkten Vergleich der Wirksamkeit einer Behandlung mit einer anderen oder mit einem Placebo. Da täglich mehr Verfahren zur Behandlung und Prävention von COVID-19 getestet werden, werden die Antworten darauf, wie Forscher und Mediziner die Patienten zukünftig  behandeln sollten und die Ausbreitung von COVID-19 kontrollieren können, in qualitativ hochwertigen und zufallsgesteuerten klinischen Studien liegen.

Über die Autorin
Maleeha Ahmad Qazi promovierte in Biochemie und biomedizinischen Wissenschaften an der McMaster University in Kanada, wo sie den Doktortitel des Canadian Institute of Health Research und den Canadian Neuro-Oncology Young Investigator Award für hervorragende Leistungen in der Hirntumor-Stammzellenforschung erhielt. Zurzeit befindet sie sich im ersten Jahr ihres Medizinstudiums an der Universität zu Toronto mit dem klinischen Schwerpunkt Neurochirurgie und Neuroonkologie zur Betreuung von Patienten mit primären und metastasierten Hirntumoren. Sie ist auch Chefredakteurin des »University of Toronto Medical Journal«, der ältesten von Studenten betriebenen und von Fachkollegen anerkannten Zeitschrift in Kanada. Sie arbeitet aktiv mit der Ahmadiyya Muslim Frauenorganisation Kanada zusammen und konzentriert sich auf die Betreuung von Studenten, die eine Ausbildung im MINT-Bereich anstreben.

Referenzen
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