Aktuelle und soziale Themen Krieg & Frieden Seine Heiligkeit der Fünfte Kalif – Hadhrat Mirza Masroor Ahmad

Der Zerfall der Gerechtigkeit und die Suche nach Frieden

Offizielle deutsche Übersetzung der Grundsatzrede Seiner Heiligkeit Mirza Masroor Ahmad (aba), dem weltweiten Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Gemeinschaft, anlässlich des 19. Nationalen Friedenssymposiums der Ahmadiyya-Community UK. Die Veranstaltung fand am 16. Mai 2026 in der Masroor Hall auf dem Gelände der Mubarak-Moschee in Islamabad (Tilford, Großbritannien) statt.

*Bitte beachten Sie, dass dieses Transkript ohne ausdrückliche Genehmigung weder auf anderen Websites noch in gedruckter Form veröffentlicht oder vervielfältigt werden.

Nach der Rezitation der traditionellen islamischen Eingangsgebete (Taʿawwuz und Bismillah) sagte Seine Heiligkeit Mirza Masroor Ahmad (aba), weltweites Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Gemeinschaft und Fünfter Kalif (spiritueller Nachfolger) des Verheißenen Messias (as):

»Sehr geehrte Gäste, as-salāmu ʿalaikum wa-raḥmatullāhi wa-barakātuhū – Friede und Segnungen Allahs seien auf Ihnen allen.

Zuerst möchte ich all den Gästen, die heute Abend hier bei uns sind, meinen aufrichtigen Dank aussprechen.

Die Pflicht, unermüdlich für den Frieden einzutreten

Anfang des Jahres, als die Organisatoren vorschlugen, dieses Friedenssymposium abzuhalten, war meine erste Reaktion der Hinweis darauf, dass wir diese Veranstaltung bereits seit über zwei Jahrzehnten durchführen. Manche Leute fragen daher völlig zu Recht, welchen Nutzen sie gebracht habe und ob sie zu einer bedeutsamen Veränderung in der Gesellschaft geführt habe.

In jüngster Zeit haben viele einflussreiche Persönlichkeiten, darunter Politiker, Gelehrte und religiöse Führer, die zunehmende Flut globaler Kriege und Ungerechtigkeit verurteilt und sowohl Regierungen als auch Bürger dazu gemahnt, Frieden und Sicherheit Vorrang einzuräumen. Wenn solche Menschen, die in den Augen der Welt Ansehen und Einfluss besitzen, erleben müssen, dass ihre Warnungen ungehört verhallen, wer wird dann auf meine Stimme oder die Stimme unserer Gemeinde hören? Es ist daher berechtigt zu fragen, ob es überhaupt einen Nutzen hat, diese Veranstaltung durchzuführen.

Dennoch lautet meine Antwort, dass der Islam uns lehrt, unermüdlich nach dem Guten zu streben und niemals aufzugeben. Und welches höhere Gut könnte es geben, als sich darum zu bemühen, die Menschheit vor der Selbstzerstörung zu bewahren? Wenn wir dem Krieg, der Gewalt, dem Hass und der Ungerechtigkeit, die das Gefüge der modernen Gesellschaft rapide zersetzen, keinen Einhalt gebieten, wird dies nicht nur zu unseren Lebzeiten weitreichende Verwüstungen anrichten, sondern auch einen langen Schatten auf das Leben der nachfolgenden Generationen werfen.

Der Schatten der modernen Kriegsführung

Im Zweiten Weltkrieg kamen über 70 Millionen Menschen ums Leben. Die große Mehrheit davon waren Zivilisten – einfache Männer, Frauen und Kinder. Es ist nur ein schwacher Trost, dass Tod und Zerstörung weitgehend auf jene Ära beschränkt blieben, mit einer erschütternden Ausnahme: Japan, auf das 1945 zwei Atombomben abgeworfen wurden. Während Hunderttausende sofort starben, suchten die radioaktiven Auswirkungen auch ihre nachfolgenden Generationen heim. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Kinder von Überlebenden einem erhöhten Risiko für neurologische und körperliche Behinderungen ausgesetzt waren, während die Rate der Totgeburten bei schwangeren Frauen, die der Strahlung ausgesetzt waren, anstieg.

Im Jahr 1945 verfügten nur die Vereinigten Staaten über eine Atombombe, doch heute besitzen mehrere Nationen Kernwaffen, deren Kraft und Zerstörungspotenzial die auf Japan abgeworfenen Bomben weit in den Schatten stellen. Sollten folglich – Gott bewahre – jemals auch nur ein oder zwei Länder solche Waffen einsetzen, würden das daraus resultierende Massaker und die katastrophalen Langzeitfolgen unser Vorstellungsvermögen bei Weitem übersteigen.

Eine wachsende Zahl einflussreicher Persönlichkeiten schlägt nun Alarm gegen Krieg und Ungerechtigkeit, da sie erkennen, dass das Fortsetzen dieses Weges rücksichtsloser Aggression zu einer Katastrophe führen wird, die in der Menschheitsgeschichte ihresgleichen sucht. Zu Recht beschwören sie die Nationen, rechtzeitig vom Abgrund zurückzutreten, bevor es zu spät ist. Warum treiben die Führer der Welt die Menschheit an den Rand eines unvorstellbaren Unheils, anstatt den einfachen Bürgern zu ermöglichen, ein besseres Leben für ihre Familien aufzubauen?

In der Tat müssen wir uns als Menschheit fragen, warum wir nicht nur gegeneinander Krieg führen, sondern auch gegen unsere Kinder, Enkelkinder und künftige Generationen.
In diesem Zusammenhang werde ich nun eine Auswahl aktueller Äußerungen von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens über die moderne Kriegsführung und das Versäumnis, Gerechtigkeit in der Welt zu wahren, präsentieren.

Staats- und Regierungschefs der Welt schlagen Alarm

Letztes Jahr warnte der damalige irische Präsident Michael Higgins: „Wir sind in eine Ära eingetreten, in der die kriegerische Rhetorik den globalen Diskurs dominiert, während die traditionelle Diplomatie und die Suche nach Gemeinsamkeiten in den Hintergrund gedrängt wurden.“ Er merkte an: „Anstatt sich gezielt auf eine Kriegsmentalität einzustellen, muss die Menschheit jetzt eine Friedensmentalität entwickeln.“[1] 

In ähnlicher Weise sprach der slowakische Premierminister Robert Fico letztes Jahr offen darüber, wie kriegerische Drohgebärden und das Säbelrasseln mittlerweile zur Normalität geworden seien. Er sagte: „Jeder spricht über Krieg. Überall rasselt jeder mit den Waffen. Wenn es um die Ukraine geht, ist alles klar. Wenn es um den Iran geht, wenn es um Gaza geht, ist gar nichts klar.“ Er fuhr fort: „Die Doppelmoral ist absolut offensichtlich. Verzeihen Sie meine Offenheit, aber ich sage, dass die Welt verrückt geworden ist. Ich verstehe schlichtweg nicht, warum jeder den Krieg zu mögen scheint. Als Ministerpräsident mag ich keinen Krieg; ich bin für den Frieden.“

Die fatalen Folgen von Doppelmoral

Die Doppelmoral, von der er spricht, schürt unweigerlich Frustration und Groll.

Eine der grundlegenden Lehren des Islam besagt, dass man für andere das wünschen sollte, was man für sich selbst wünscht. Es ist meine feste Überzeugung, dass die Welt in ein Paradies des Friedens und der Verständigung verwandelt würde, wenn dieser goldene Grundsatz tatsächlich befolgt würde.

Nach dem Ausbruch des Iran-Krieges sprach sich auch der deutsche Vizekanzler Lars Klingbeil gegen diesen Krieg aus. Obwohl ich jeden würdige, der sich gegen Ungerechtigkeit ausspricht, müssen diejenigen, die Autorität und Einfluss innehaben, auch praktische Schritte aufzeigen, die sie unternehmen, um ihren Worten Taten folgen zu lassen. Bedauerlicherweise tun sie wenig oder gar nichts, wenn es um die tatsächliche Politik oder das Ergreifen entschlossener Maßnahmen geht. Bloße Worte, egal wie beeindruckend oder weise sie sein mögen, können allein keinen Frieden herbeiführen.

Während eines Besuchs in der Türkei erklärte Papst Leo, dass der Dritte Weltkrieg „auf Raten“ geführt werde und die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel stehe. Der Papst und andere erkennen nun an, wovor ich schon lange gewarnt habe; dass ein Weltkrieg bereits begonnen hat und die Welt Stück für Stück immer tiefer in dessen Klauen schlafwandelt.

Bezüglich des Eskalationsrisikos sagte der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez kürzlich: „Man kann eine Rechtswidrigkeit nicht mit einer anderen Rechtswidrigkeit beantworten, denn so beginnen die großen Katastrophen der Menschheit. Sehr oft brechen große Kriege aufgrund einer Kette von Reaktionen aus, die infolge von Fehlkalkulationen, technischem Versagen und unvorhergesehenen Ereignissen außer Kontrolle geraten.“ Dies ist eine weise und wichtige Beobachtung: dass die Ungerechtigkeit einer Partei anderen nicht das Recht gibt, dasselbe zu tun. Heute agieren bestimmte Großmächte völlig ungestraft, missachten unverhohlen internationale Normen und stellen ihre engstirnigen Eigeninteressen über alles andere.

Doch sie sollten bedenken, dass ungerechte oder illegale Handlungen niemals im luftleeren Raum stattfinden. Sie sollten nicht blind gegenüber der Realität sein, dass auch sie leiden werden, wenn die Welt im Chaos versinkt und die Fundamente des Friedens erschüttert werden. Zweifellos ist Ungerechtigkeit ein bösartiger Virus, der sich schnell ausbreitet. Wenn also heute die Großmächte internationale Gesetze ohne Konsequenzen verletzen, werden morgen kleinere Mächte dazu ermutigt, mit der gleichen Missachtung für das Gesetz und das menschliche Leben zu handeln.

Wenn Macht und Profit die Menschlichkeit verdrängen

Der spanische Premierminister stellte zudem fest, dass Kriege oft als Ablenkung genutzt werden, um das Versagen von Regierungen und ihren Anführern zu verschleiern. Er sagte: „Regierungen sind dazu da, das Leben der Menschen zu verbessern und Lösungen für Probleme anzubieten, nicht um das Leben der Menschen zu erschweren. Und es ist absolut inakzeptabel, dass jene Führungspersönlichkeiten, die unfähig sind, diese Pflicht zu erfüllen, die Nebelwand des Krieges nutzen, um ihr Versagen zu verbergen und dabei gleichzeitig die Taschen einiger Weniger zu füllen.“[2]

Mit anderen Worten: Das Streben nach Macht und materiellem Gewinn veranlasst Nationen und ihre Anführer dazu, genau die Menschen zu verraten, denen zu dienen sie eigentlich gewählt wurden. Er beklagte, dass, anstatt Leben durch den Bau von Krankenhäusern zu retten, Milliarden dafür ausgegeben werden, Leben durch die Herstellung von Massenvernichtungswaffen zu beenden.

Das Versagen globaler Systeme

Professor John Mearsheimer, ein renommierter amerikanischer Politikwissenschaftler, sagte kürzlich: „Ich denke, im Westen, und dies gilt ganz besonders für die Vereinigten Staaten, sprechen wir gerne über militärische Macht. Natürlich tun die Israelis das auch. Und die Vorstellung ist, dass jedes politische Problem, dem wir begegnen, mit militärischen Mitteln gelöst werden kann. Man muss nur den großen Knüppel hervorholen und Kanonenbootpolitik betreiben, dann werden wir das Problem schon lösen.“[3] Er warnte ferner, dass der Iran-Krieg eine grundlegend andere Situation darstellt, und mahnte, dass ein Scheitern bei der Herbeiführung einer raschen Lösung eine weltweite Wirtschaftskrise auslösen könnte. Und so ist die Wahrheit, dass kein Teil der Welt vor den toxischen Auswirkungen von Krieg und Ungerechtigkeit gefeit ist.

Die Geschichte zeigt uns, dass Nationen, wenn sie befürchten, ihre Macht sei bedroht, zu Gewalt und Ungerechtigkeit greifen, um ihre Vorherrschaft zu sichern. Und wenn ihre Opfer sich schließlich erheben, werden auch sie von einem rasenden Verlangen nach Rache verzehrt. Auf diese Weise entwickelt sich ein unaufhörlicher Teufelskreis aus Krieg, Gewalt und Unrecht, während die Verfehlungen der Mächtigen die Unterdrückten dazu bringen, genau jene Ungerechtigkeiten zu begehen, unter denen sie einst selbst gelitten haben. Genau aus diesem Grund lehrt der Islam, dass wir sowohl dem Unterdrücker als auch dem Unterdrückten Einhalt gebieten sollten. Während wir dazu verpflichtet sind, den Unterdrückten beizustehen, müssen wir gleichermaßen sicherstellen, dass sie keine Rache üben und sich strikt innerhalb der Grenzen der Verhältnismäßigkeit bewegen.

Warum internationale Institutionen scheitern

Der amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs gab kürzlich eine ernüchternde Einschätzung zum Versagen der Welt ab, die Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Er argumentierte, dass die Institutionen und Rahmenbedingungen des Internationalen Rechts, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden, vollständig zerschlagen worden seien, sodass die Vereinten Nationen heute ebenso wirkungslos dastehen wie der Völkerbund Ende der 1930er Jahre. Er sagte: „Wir haben eine solche Gesetzlosigkeit im Atomzeitalter noch nie erlebt. (…) Die Vereinten Nationen sind (…) derzeit im Grunde nutzlos.“[4]

Das Versagen der Vereinten Nationen ist ein Thema, das ich bereits viele Male angesprochen habe. Sie operieren weiterhin unter einem System, in dem die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates ein absolutes Vetorecht besitzen – ein Privileg und eine Befugnis, weit über denen anderer Nationen. Diese grundlegende Ungleichheit ist der Kern ihres Scheiterns. Wenn jedoch in den internationalen Beziehungen echte Gerechtigkeit und Fairness herrschten, hätten weder die Vereinigten Staaten noch Israel noch der Iran noch irgendein anderes Land irgendeinen Anlass, zum Krieg zu greifen.

In einer weithin berichteten Rede Anfang dieses Jahres erklärte Kanadas Premierminister Mark Carney: „Die regelbasierte Ordnung bröckelt; die Starken können tun, was sie wollen, und die Schwachen müssen erdulden, was sie erdulden müssen.“[5] Auch er räumt ein, dass für die Reichen und Mächtigen andere Regeln gelten. Dennoch sollten mächtige Nationen, die diesen Grundsatz ausnutzen, erkennen, dass die Anwendung von Gewalt und Zwang eine kurzsichtige und kontraproduktive Strategie ist. Sie führt unweigerlich zu Frustration, Unordnung und Instabilität.

Ebenso warnte der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich davor, dass unsere Freiheit nicht mehr einfach so gegeben sei. Sie sei gefährdet. Die internationale Ordnung, die auf Rechten und auf Regeln ruhte, existiere nicht mehr so, wie es sie einst gegeben habe.[6] Trotz dieser Worte nutzt Deutschland, wie viele andere Industrienationen auch, weiterhin seine Macht, um seine Vorherrschaft auf Kosten schwächerer Nationen aufrechtzuerhalten. Sie geben strategischen Bündnissen den Vorrang vor Prinzipien und verschließen die Augen vor den Grausamkeiten ihrer Verbündeten, anstatt unter allen Umständen für Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten.

Frauenrechte als Vorwand für den Krieg

In jüngster Zeit war eine oft angeführte Rechtfertigung für westliche Interventionen in fremden Ländern die Befreiung der Frauen und Mädchen dieser Länder. Tragischerweise entlarven jedoch die Tausenden von Frauen und Mädchen, die durch ausländische Bomben getötet wurden, die Leere solcher Ansprüche. Nach dem Ausbruch des Iran-Krieges erklärte die spanische EU-Abgeordnete Irene Montero, dass die Rechte von Frauen und Mädchen zynisch als Vorwand missbraucht werden, um eine geopolitische Agenda voranzutreiben. Sie sagte: „Noch nie wurde eine Frau durch amerikanische Bomben oder illegale Aggression befreit. Nicht in Syrien, nicht im Irak, nicht im Libanon, nicht in Afghanistan, und es wird auch nicht im Iran geschehen. Wir haben es satt, dass unsere Rechte, unsere Körper und die Gewalt, die Frauen erleiden, als Entschuldigung benutzt werden, um illegale Bombardierungen und imperialistische Aggressionen zu rechtfertigen.“[7]

Ihre Worte legen eine ernüchternde Wahrheit offen: dass mächtige Länder versuchen, ihre Ungerechtigkeiten und Kriege unter dem falschen Vorwand der Verteidigung von Menschenrechten zu rechtfertigen. Zunehmend öffnen sich die Augen der  Menschen für die Gefahren der gegenwärtigen Lage.

Der Islam ist nicht die Ursache für die globale Unordnung

Dabei erfüllt es alle aufrichtigen Muslime mit Kummer, zu wissen, dass viele Menschen versuchen, dem Islam die Schuld zu geben und zu behaupten, er sei die Ursache für die Unordnung in der Welt. Solche Anschuldigungen, die durch die Mainstream- und sozialen Medien verstärkt werden, sind vollkommen falsch und äußerst schädlich. Anstatt dem Islam oder irgendeiner anderen Religion die Sündenbockrolle zuzuweisen, braucht die Welt dringend Menschen, die sich für ein gemeinsames Ziel vereinen: die Etablierung von Frieden und Harmonie.

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat stand bei diesen Bemühungen schon immer an vorderster Front und wird dies auch weiterhin tun. Wir veranstalten dieses Symposium in der Hoffnung, dass es das gegenseitige Verständnis fördern und zumindest einige Menschen dazu inspirieren möge, sich für die Sache des Friedens einzusetzen. In ebendieser Absicht habe ich vor einigen Jahren an verschiedene Oberhäupter der Welt geschrieben und sie eindringlich aufgefordert, ihre Differenzen beiseitezulegen und zum Wohle der Menschheit zusammenzuarbeiten. Zum Beispiel schrieb ich an den israelischen Premierminister unter Berufung auf die Lehren der Thora sowie an den iranischen Präsidenten und andere muslimische Führer unter Bezugnahme auf den Heiligen Koran, und forderte sie alle zu Gerechtigkeit und Versöhnung auf.

Dieselbe Botschaft mit der Mahnung zum Frieden richtete ich an den britischen Premierminister, den US-Präsidenten, den Präsidenten Chinas und viele andere Staatsoberhäupter. Mein einziges Ziel war es, dass sie über den sich verschlechternden Zustand der Welt nachdenken und die existenziellen Risiken erkennen mögen, denen die Menschheit gegenübersteht. Leider waren sie nicht bereit zuzuhören, und die ständig zunehmende Instabilität und Unordnung in der Welt sind ein Zeugnis dieses Scheiterns. In dieser Ära werden Kriege geführt, Nationen gespalten, Hass breitet sich aus, Minderheiten werden ins Visier genommen. Toleranz, Gnade und Mitgefühl werden allzu oft als Schwächen oder Mängel angesehen anstatt als Tugenden.

Währenddessen wird unterstellt, der Islam sei eine extremistische Religion und die Wurzel allen Übels in der Welt. Dies ist eine schwerwiegende Ungerechtigkeit. Nicht eine der Aussagen, die ich zuvor angeführt habe, nahm Bezug auf den Islam. Vielmehr wiesen sie auf das geopolitische Versagen von Regierungen und den Zusammenbruch von Institutionen hin, die eigentlich Frieden und Sicherheit gewährleisten sollten. Die globale Unordnung wird durch das Bestreben der Reichen und Mächtigen vorangetrieben, ihre Eigeninteressen zu befriedigen und ihre Dominanz über andere aufrechtzuerhalten.

Islamische Prinzipien für einen dauerhaften Frieden

Die Lehren des Islam sind keineswegs eine Quelle von Konflikten, sondern bieten einen zeitlosen Weg zum Frieden. Um dies zu veranschaulichen, möchte ich auf einige Verse des Heiligen Koran verweisen.

In Kapitel 4, Vers 136 heißt es: „O die ihr glaubt, seid fest in Wahrung der Gerechtigkeit und Zeugen für Allah, mag es auch gegen euch selbst oder gegen Eltern und Verwandte sein.

Hier ruft Allah die Muslime dazu auf, absolute Gerechtigkeit und Billigkeit aufrechtzuerhalten. Dies erfordert von einem Menschen die Bereitschaft, um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen gegen sich selbst, seine Eltern, seine Angehörigen oder seine Gemeinschaft auszusagen. Der Vers fährt fort: „Ob Reicher oder Armer, Allah steht beiden näher als ihr. Darum folget nicht niederen Begierden, damit ihr billig handeln könnt.

Mit anderen Worten: Der soziale Rang oder der materielle Wohlstand eines Menschen zählen in den Augen Gottes nichts. Was zählt, ist die Aufrichtigkeit des eigenen Einsatzes für Wahrheit und Gerechtigkeit. Daher wird den Muslimen geboten, jenen niederen Begierden zu widerstehen, die den Weg zu wahrer Gerechtigkeit versperren.

Ähnlich heißt es in Kapitel 5, Vers 9: „O die ihr glaubt! Seid standhaft in Allahs Sache, bezeugend in Gerechtigkeit! Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist näher der Gottesfurcht.

Auch hier gebietet Allah den Muslimen, Fairness und Rechtschaffenheit unter allen Umständen zu wahren, selbst gegenüber denjenigen, die ihnen feindlich gegenüberstehen. Es ist leicht, die Rechte derer zu erfüllen, die auf der eigenen Seite stehen. Die weitaus größere Prüfung besteht darin, die Rechte derer zu wahren, die einen bekämpfen.

Gerechtigkeit, Zurückhaltung und Versöhnung

In einer Passage von tiefgreifender Relevanz für die heutige, vom Krieg zerrissene Welt besagt Kapitel 49, Vers 10 des Koran, dass es die Pflicht Dritter ist, nach Versöhnung zu streben, wenn zwei Nationen oder Parteien in einen Konflikt geraten. Sollte ein Friedensabkommen geschlossen, dann aber von einer Partei verletzt werden, müssen sich die anderen gegen den Aggressor zusammenschließen und verhältnismäßige Gewalt anwenden, um dessen Grausamkeiten ein Ende zu setzen. Sobald der Aggressor jedoch zum Frieden zurückkehrt, darf an ihm keine Rache geübt werden. Vielmehr müssen seine Ehre und Würde respektiert werden. Dies ist das Mittel zur Sicherstellung eines nachhaltigen Friedens. In jeder Situation, ob im Umgang mit den Mächtigen oder den Schwachen, den Rechtschaffenen oder den Übertretern, lehrt uns der Islam, mit Fairness zu handeln.

Frieden erfordert Opferbereitschaft und Demut

Darüber hinaus erfordert das Erlangen von Frieden auch einen Geist der Opferbereitschaft. Es kann nicht sein, dass eine Nation Zugeständnisse von anderen erwartet, während sie sich weigert, selbst solche zu machen. Obwohl ich aus einer islamischen Perspektive spreche, bin ich fest davon überzeugt, dass Gerechtigkeit ein universelles Prinzip ist, das als Garant für den Frieden auf jeder Ebene der Gesellschaft und unter den Menschen aller Glaubensrichtungen und Überzeugungen dient. Religiöse Unterschiede sollten einen Menschen niemals dazu veranlassen, die Weisheit von Anhängern eines anderen Glaubens oder einer anderen Tradition abzulehnen. Der Islam lehrt, dass jedes weise Wort das verlorene Gut eines Gläubigen ist, das es anzunehmen gilt, wo immer es gefunden wird – ganz gleich, ob es von einem Christen, einem Juden, einem Atheisten oder sonst jemandem stammt. Ein solch aufgeschlossener Geist verbessert nicht nur den moralischen Charakter eines Menschen, sondern vertieft auch seine Verpflichtung gegenüber Gerechtigkeit, Toleranz und Frieden. 

Frieden ist die Pflicht unserer Generation

Trotz der beunruhigenden globalen Realitäten, die ich skizziert habe, glaube ich fest daran, dass, während bestimmte Individuen und Länder nach der Macht, dem Reichtum und den Ressourcen anderer gieren, das gemeinsame Herz der Menschheit schlichtweg den Wunsch hegt, in Frieden zu leben.

Der Beitrag jedes Menschen spielt daher eine Rolle. Und die Dringlichkeit dieser Aufgabe wiegt von Tag zu Tag schwerer. Wie der Papst sagte, hat ein Dritter Weltkrieg auf Raten begonnen, und wir müssen uns bemühen, seine Ausbreitung aufzuhalten, bevor er die gesamte Welt verschlingt. Andernfalls fürchte ich, dass seine Zerstörungskraft und der damit einhergehende Verlust an Menschenleben den Horror der vorangegangenen zwei Weltkriege weit in den Schatten stellen und ein in der Geschichte der Menschheit beispielloses Ausmaß erreichen werden. Eine solche Katastrophe wird nicht allein uns treffen; ihr langer und beklemmender Schatten wird den Horizont künftiger Generationen verdunkeln. Wir dürfen also nicht nur an uns selbst denken. Stattdessen haben wir alle die Pflicht, an die Welt zu denken, die wir unseren Kindern und Nachfolgenden hinterlassen.

Eine kollektive Verantwortung für den Frieden

Lassen Sie uns jetzt handeln, damit diejenigen, die nach uns kommen, eine Welt des Friedens und des Wohlstands erben können, anstatt die Last unseres Versagens tragen zu müssen. Lassen Sie uns jetzt handeln, damit uns die vorwurfsvollen Blicke unserer Kinder erspart bleiben, die uns fragen, warum wir ihnen eine in Brand gesetzte Welt hinterlassen haben. Nur dann wird dieses Friedenssymposium dem Versprechen seines Namens gerecht werden und nicht bloß eine Versammlung guter Absichten bleiben, sondern einen Wendepunkt im Streben nach Frieden markieren.

In der Tat ist es meine tiefe Hoffnung und mein Gebet, dass diese Veranstaltung als wahrer Katalysator für Frieden und Gerechtigkeit dient und einen dauerhaften Wandel in der Welt herbeiführt.

Möge Allah, der Allmächtige, die Menschheit befähigen, den Ernst dieses Augenblicks zu begreifen, und mögen sich alle Menschen, ungeachtet ihres Glaubens und ihrer Überzeugungen, in dem gemeinsamen Ziel zusammenschließen, Frieden in der Welt zu stiften. Mögen die dunklen Kriegswolken, die uns überall bedrohlich umgeben, sich auflösen und einem strahlend blauen Himmel des Friedens, der Liebe und des Mitgefühls Platz machen.

Mit diesen Worten drücke ich Ihnen allen noch einmal meinen tiefsten Dank dafür aus, dass Sie heute Abend zu uns gekommen sind. Vielen Dank.«

[Ursprünglich in der englischen Originalfassung erschienen in The Review of Religions]

Weiterführende Links:
Aufzeichnung der gesamten Konferenz (Englisch)
Die Grundsatzrede im Original (Englisch)
Die Grundsatzrede mit deutschem Voiceover

Quellen und Nachweise:

_______________

[1] Michael D. Higgins, “Speech at National Holocaust Memorial Day Commemoration,” Präsident von Irland, Mansion House, 26. Januar 2025, https://president.ie/en/media-library/speeches/speech-at-national-holocaust-memorial-day-commemoration.

[2] Pedro Sánchez, “Institutional Statement by the Spanish Prime Minister, Pedro Sánchez, Concerning the Recent International Events,” Präsidium der spanischen Regierung, Madrid, 4. März 2026, PDF, https://www.lamoncloa.gob.es/presidente/intervenciones/Documents/2026/260304-INSTITUTIONAL-STATEMENT-BY-THE-SPANISH-PRIME-MINISTER-PEDRO%20SÁNCHEZ-CONCERNING-THE-RECENT-INTERNATIONAL-EVENTS.pdf

[3] John J. Mearsheimer, “John Mearsheimer: Alliance System Collapses & Risk of Nuclear War,” Interview geführt von Glenn Diesen, YouTube-Video, 4. Mai 2026, bei 1:00:13, https://youtu.be/dkXQW_ZRL3I?t=3613.

[4] Jeffrey D. Sachs, “Jeffrey Sachs: U.S. Attacks Venezuela & Kidnaps President Maduro,” Interview, YouTube-Video, 3. Januar 2026, bei 8:45, https://youtu.be/LhZuTOuwKGA?t=525.

[5] Mark Carney, “‘Principled and Pragmatic: Canada’s Path’: Prime Minister Carney Addresses the World Economic Forum Annual Meeting,” Premierminister von Kanada, 20. Januar 2026, https://www.pm.gc.ca/en/news/speeches/2026/01/20/principled-and-pragmatic-canadas-path-prime-minister-carney-addresses.

[6] Bundeskanzler, “Rede von Bundeskanzler Merz bei der Münchner Sicherheitskonferenz” Bundesregierung Deutschland, Freitag, 13. Februar 2026 in München, https://www.bundeskanzler.de/bk-de/suche/rede-kanzler-msc-2407218.

[7] Irene Montero, “EE.UU no ha liberado ni va a liberar a ninguna mujer con sus guerras. Dejad de usar nuestros cuerpos y nuestros derechos,” Facebook-Video, aufgerufen am 22. Mai 2026, https://www.facebook.com/irene.montero.5070/videos/eeuu-no-ha-liberado-ni-va-a-liberar-a-ninguna-mujer-con-sus-guerras-dejad-de-usa/1415133803626448/.

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