Ahmadiyya

Die große Exegese: Ein epochales Werk in der Geschichte des Heiligen Qur’an

Basil Raza Butt, Kanada

»Ein Muslim muss die Übersetzung nur lesen und sie gründlich verstehen. Der Rest des Wissens kommt durch die von Gott gegebene Erkenntnis. Dafür muss man sich entsprechend anstrengen und sie bei Allah suchen.«

Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadRA

Ist ein Buch überhaupt lesenswert, wenn es nicht sofort unseren Interessen entspricht? Mit Bedauern haben wir darauf als Gesellschaft verneinend geantwortet. Als das allgemeine Interesse am Lesen allmählich nachließ1, schrumpften die Bereiche der Klassiker und der heiligen Schriften in modernen Bibliotheken, so dass von Animes bis hin zu persönlichen Biografien der Popstars alles Platz fand. Diese übertrafen ihre traditionellen Rivalen sowohl in Bezug auf den physischen Raum in den Bücherregalen als auch auf ihre Popularität.

Wohin ist die tiefe Bedeutung und überragende Inspiration gegangen, die die Heiligen Schriften einst hatten? Vielleicht wurde die wachsende Kluft zwischen der Heiligen Schrift und der empfindsamen Wissenschaft so lange ignoriert, dass wir einfach akzeptierten, dass die Bemühungen und Überlegungen, die notwendig waren, um beide zu versöhnen, eine Belastung waren, die unserer neu entdeckten Bequemlichkeiten nicht wert war. Zum Vergleich: Es bedarf der Berührung eines Tablets, um die neueste Netflix-Serie fortzusetzen, wohingegen es als ein mühsamer Versuch erscheint, neue lexikalische Bedeutungen für klassische und komplizierte Wörter zu entdecken. Ausgehend davon, dass die Worte, die wir Gott ehrwürdig zugeschrieben haben, für das moderne Leben nicht so bedeutsam sein dürfen, haben wir den perfekten Boden geschaffen, um zu fragen: Ist das Wort Gottes heute überhaupt noch relevant?

In der jüngsten Vergangenheit sah sich ein erstaunlich neugieriger junger Mann mit der gleichen intellektuellen Blockade konfrontiert, selbst wenn er ernsthaft das las, was er für Gottes Wort hielt: Den Heiligen Qur’an. Seine unaufhörlichen, aber genialen Fragestellungen ließen seine spirituellen Mentoren – selbst die etabliertesten Intellektuellen – oft sehr verärgert. Es war Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadRA, der zweite Nachfolger des Verheißenen MessiasAS und das zweite weltweite Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat. Angesichts der Einwände des neuen Zeitalters gegenüber dem Heiligen Qur’an begann der junge Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadRA, lange Stunden dem Beten zu widmen. Einige Zeit nach diesen innigen Gebeten, noch als Jugendlicher, traf er im Traum einen Engel. Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadRA berichtet, dass der Engel damit begann, ihm die Auslegung des Heiligen Qur’an beizubringen. Obwohl er fast alle Worte des Engels vergessen hatte, gab ihm die spirituelle Erfahrung die Überzeugung, dass es Gott selbst sein würde, der ihn die wahre Bedeutung Seiner Worte lehren würde. Das sollte sein Schicksal werden. Eine Bestimmung, das Wort und das Werk Gottes in vollkommenen Einklang zu bringen. Es war diese lebenslange Reflexion und Recherche, die unter dem Namen at-tafsīru l-kabīr (die große Exegese) bekannt wurde.

Von Kindheit an spiegelten die Fähigkeiten und Interessen des jungen Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadRA – wie seinem Vater prophezeit – genau den Geist wider, der eine der größten modernen Exegesen einer religiösen Schrift hervorbringen würde. Sein ehrwürdiger Lehrer, Hadhrat Maulvi Hakim NooruddinRA, selbst ein Heiliger und Gelehrter höchsten Ranges seiner Zeit, der auch der erste Kalif der Ahmadiyya Muslim Jamaat war, sollte offen vor ganzen Versammlungen verkünden – erst nach der bescheidenen Zustimmung seines begabten Schülers: »Seht! Allah spricht auch mit unserem Mian [Mirza BashiruddinRA].«2 Sein junges Alter stand nicht im Geringsten im Weg, das »Licht Allahs« glänzend zu reflektieren, das mit seiner Ankunft verheißen worden war. Die göttliche Inspiration, die in seiner Kindheit begann, blieb sein ganzes Leben lang erhalten, der grundlegende Wegbereiter seiner bemerkenswerten Qur’an-Exegese.

»Er wird mit weltlichem und geistigem Wissen erfüllt sein«, waren die Worte, die seine intellektuelle Veranlagung prophezeiten. Er erfüllte die prophetischen Worte buchstabengetreu und zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass er den Kern eines sehr komplexen Themas verstand und seinen Inhalt für den Laien vereinfacht darstellte. Diese Brillanz wird in seiner berühmten Exegese des Heiligen Qur’an deutlich. Jedes Wort eines jeden Satzes, auf jeder der mehr als zehntausend Seiten, ist durchdrungen von seiner Leidenschaft für die Wahrhaftigkeit des Textes, die Rationalität der Bedeutung und die tiefe Relevanz für jede erdenkliche profane wie auch spirituelle und menschliche Erfahrung. Eine seiner geliebten Töchter, Amatul Jameel, erzählt, dass er bis spät in die Nacht, wenn alle im Haus eingeschlafen waren, aufblieb. Auf dem kalten Boden mit unzähligen Büchern und Seiten an seiner Seite sitzend, schrieb er seine Exegese mit der innigsten Hoffnung, dass seine Gemeinde die Wahrheit des Wortes Gottes entdecken möge. Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadsRA anregende Darstellung des Textes des Heiligen Qur’an gab den heiligen Worten, die in der Vergangenheit in falschen Erzählungen dargelegt worden waren, in den Köpfen von Millionen Menschen neues Leben.

Von der wissenschaftlichen Versöhnung, der metaphorischen Darstellung, der Entstehung des Universums, bis hin zur Erklärung der Spaltung des Meeres durch MosesAS als empirisch annehmbares Gezeitenphänomen, übersetzt sein Verständnis von der Schrift traditionelle Konzepte für ein modernes Publikum.

Aber seine revolutionäre wissenschaftliche und philosophisch neugierige Denkweise verlor nie den geistigen Kompass, von dem er selbst glaubte, dass es die wahre Quelle seiner Brillanz war. Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadRA vertrat zu diesem Thema die Ansicht, dass der Mensch unfähig war, die Bedeutung eines religiösen Textes ohne geistige Inspiration zu verstehen. »Ein Muslim muss die Übersetzung nur lesen und sie gründlich verstehen.«3 Er sagte: »Der Rest des Wissens kommt durch die von Gott gegebene Erkenntnis. Dafür muss man sich entsprechend anstrengen und sie bei Allah suchen.«4

Und während er sein Wissen direkt Gott zuschrieb, war seine Motivation und Absicht, dieses unglaubliche Werk zu verfassen, der glühende Wunsch, dass die Menschheit ihm Aufmerksamkeit schenken und von jedem seiner Worte profitieren möge.

Referenzen
1. Peter Toohy, Ph.D., »Don’t People Enjoy Reading Anymore?«, Psychology Today, https://www.psychologytoday.com/gb/blog/annals-the-emotions/201807/don-t-people-enjoy-reading-anymore
2. Mujeebur Rahman, Fazl-e-Umar (Islam International Publications Ltd., 2012), S. 112
3. Mujeebur Rahman, Fazl-e-Umar (Islam International Publications Ltd., 2012), S. 48
4. Ibid.

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