Ahmadiyya

Untold Stories: Die Reise meines Vaters, die unsere Familie veränderte

Marwan Sarwar Gill, Argentinien

Es ist oft der Fall, dass wir die Segnung, als ein Ahmadi-Muslim geboren zu sein, für selbstverständlich erachten oder uns ihrer nicht vollends bewusst sind. Wenn ich darüber nachdenke, wie Ahmadiyyat in unsere Familie gekommen ist, empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit gegenüber meinem Vater, der der erste Ahmadi in unserer Familie ist. Aber die Tatsache, dass er der Ahmadiyya Muslim Gemeinde um 1974 herum in Pakistan beitrat, erinnert mich auch zu einem gewissen Grad an die glaubensstärkenden Geschichten und Lebensumstände der frühen Muslime in Mekka.

Im Dezember 1975 (fast ein Jahr, nachdem die Ahmadiyya Muslim Gemeinde in der pakistanischen Verfassung als »nichtmuslimisch« erklärt worden war) hatten die Diskussionen über Ahmadiyyat auch das Dorf Darwali (im Bezirk Sheikhupura) erreicht, wo mein Vater, der einer sunnitisch-muslimischen Familie angehörte, gerade erst die Schule abgeschlossen hatte. Aufgrund der anhaltenden Debatte über Ahmadiyyat war mein Vater sehr neugierig geworden, mehr zu erfahren, sodass er einige Ahmadi-Freunde aus dem Dorf kennenlernte und sogar ab und zu mit ihnen betete. Eines Tages, als die Jahresversammlung der Ahmadiyya Gemeinde, bekannt als Jalsa Salana, näherrückte, schlugen sie ihm vor, ebenfalls an der Versammlung teilzunehmen, die in Rabwah [in Pakistan] stattfinden sollte. Mein Vater nahm den Vorschlag, sich den drei lokalen Ahmadis anzuschließen, sofort an, aber er hätte kaum Wissen können, dass die Jalsa im Beisein des Kalifen keine gewöhnliche Versammlung ist!

Während der Jalsa übernahmen seine Ahmadi-Freunde auch ehrenamtlich Aufgaben in der Abteilung Sicherheit. Auch mein Vater arbeitete freiwillig mit ihnen zusammen, aber da er kein Ahmadi war, entwickelte sich dies bald zu einem Streitpunkt unter den Administratoren. In diesen Zeiten, in denen die Lage für Ahmadis in Pakistan sehr angespannt war, hätte ein kleiner Fehler oder eine Fehleinschätzung zu fatalen Folgen führen können. So gab es verständlicherweise Bedenken, meinem Vater diese Art von Aufgabe anzuvertrauen. Doch nachdem der Präsident der Gemeinde in Sheikhupura, Chaudhry Anwar Hussain, eine prominente Persönlichkeit, die meinen Vater persönlich kannte, den Administratoren versicherte, dass sie meinem Vater vertrauen können, erlaubten sie ihm schließlich, dies zu tun. Während der Jalsa waren sich weder seine Freunde noch mein Vater darüber im Klaren, dass die Frage seines Einsatzes auch direkt dem Dritten Kalifen, Hadhrat Mirza Nasir AhmadRA, vorgelegt worden war.

Als die Jalsa am 29. Dezember zu Ende ging, hatte das Sicherheitsteam das Privileg, dem Dritten KalifenRH die Hand zu schütteln. Obwohl meinem Vater der Status eines Kalifen nicht bekannt war, konnte er spüren, dass die Menschen um ihn herum ziemlich nervös waren, da sie nicht wussten, wie der Kalif in dieser Angelegenheit um meinen Vater reagieren würde. Der Anblick der ängstlichen Gesichter um ihn herum hatte meinen Vater auch etwas nervös gemacht. Aber sobald er das leuchtende Gesicht des Dritten KalifenRH sah, wie er vor ihm stand, fühlte er sofort Frieden und Ruhe in seinem Herzen. Der Leiter der Sicherheitsabteilung stellte meinen Vater dem KalifenRH mit den folgenden Worten vor:

»yehī wo larkā hä«, d.h., dass er jener junge Mann sei (diese Worte im Kontext würden bedeuten, dass er der junge Mann ist, der ein Nicht-Ahmadi ist und die Kontroverse verursacht hatte). Daraufhin antwortete der KalifRH mit einem Lächeln auf seinem strahlenden Gesicht: »ye larkā to hä hī Ahmadi«, d.h., dass dieser junge Mann (bereits) ein Ahmadi ist.

Zu jener Zeit schenkte mein Vater dieser Aussage nicht viel Aufmerksamkeit, da er einfach sprachlos war und tief von der Persönlichkeit des KalifenRH inspiriert war. Diese wenigen Sekunden, in denen er seine Hand hielt und vor seinem strahlenden Antlitz stand, hatten einen so tiefen Eindruck auf meinen Vater, dass noch heute, 45 Jahre später, als mein Vater sich an diesen kostbaren Moment erinnerte, ihm Tränen in die Augen kamen und ich, der hinter einem Bildschirm auf der anderen Seite des Planeten in Argentinien saß, die Wellen seiner Emotionen spüren konnte.

Doch nach der Jalsa kehrte mein Vater nach Hause in sein Dorf und zu seiner normalen Routine zurück; aber er würde den KalifenRH bald wieder treffen.

Diesmal befahl der Dritte KalifRH meinem Vater in einem Traum, das Bai’at [Treuegelübde] abzulegen. Mit dem Widerstand seiner gesamten Familie im Hinterkopf und noch ohne jegliche Unterstützung oder Einkommensquelle fühlte sich mein Vater noch nicht bereit für diese Herausforderung. Das nächste Treffen mit dem KalifenRH würde jedoch nur wenige Wochen später stattfinden. Es war Anfang Februar 1976 und der KalifRH sagte zu meinem Vater erneut im Traum, er solle das Bai’at machen, aber diesmal war der Ton seiner Stimme strenger. Nachdem er aufgewacht war, machte er sich sofort auf, den Anweisungen des KalifenRH zu gehorchen.

So war seine Identität als Ahmadi drei Jahre lang ein Geheimnis zwischen ihm und seinen Ahmadi-Freunden im Dorf. Doch 1979 war für ihn die Zeit gekommen, seine neue Identität durch sein praktisches Beispiel zu offenbaren. Als einer seiner Ahmadi-Freunde versehentlich seiner Familie erzählte, dass er sich bereits Ahmadiyyat angeschlossen habe, versuchten sie zunächst, ihn zu überzeugen und emotional unter Druck zu setzen, die Traditionen seiner Familie und Religion nicht zu verraten. Dann entwickelte sich dies zu permanenten verbalen Beleidigungen und Angriffen gegen ihn und die Gemeinde. Nachdem sie erkannten, dass er immer noch keine Anzeichen von Schwäche zeige, begann der Boykott gegen ihn. Angesichts des Boykotts und aus Angst, dass die Situation eskalieren könnte, beschloss mein Vater, seine Familie zu verlassen und auszuziehen. Schließlich konnte er nach sechs Monaten zu seiner Familie zurückkehren, da sie zu diesem Zeitpunkt akzeptiert hatten, dass mein Vater seiner spirituellen Familie den Vorzug vor seinen Blutsverwandten geben werde. Doch mit der Rückkehr meines Vaters nach Hause war es nicht das Ende; vielmehr fand in den nächsten 40 Jahren seine gesamte Familie durch den Beitritt zur Ahmadiyya Muslim Gemeinde zum wahren Weg des Islam. Seine drei jüngeren Brüder waren die ersten, die sich Ahmadiyyat anschlossen und im Jahr 2009 nahm schließlich auch mein Großvater, der sich zuvor gegen meinen Vater gestellt hatte, Ahmadiyyat an. Heute sind durch die Gnade Allahs alle männlichen Nachkommen meines Großvaters väterlicherseits damit gesegnet, Ahmadiyyat anzugehören und das erinnert mich auch an die göttlichen Worte, die dem Verheißenen MessiasAS offenbart wurden:

»Er wird deine Seitenverwandten abschneiden und mit dir beginnen.«


Über den Autor: Marwan Sarwar Gill wurde in Deutschland geboren und schloss 2016 sein Studium an der Jamia Ahmadiyya in Großbritannien, dem Institut für moderne Sprachen und Theologie, ab. Im Jahr 2017 wurde er nach Argentinien entsandt, wo er derzeit als Imam und nationaler Präsident der dortigen Ahmadiyya Muslim Jamaat tätig ist. Marwan ist auch der Koordinator für die spanische Ausgabe der Zeitschrift The Review of Religions in Südamerika.

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