Interviews S.H. der Fünfte Kalif - Hadhrat Mirza Masroor Ahmad (aba)

Hoffen auf Weltfrieden

Immer mehr muslimische Schüler besuchen europäische Schulen. Was können alle Beteiligten tun, um die Situation zu meistern?

Interview mit Seiner Heiligkeit von Lat Blaylock vom REtoday Magazin

Seine Heiligkeit Hadhrat Mirza Masroor Ahmad ist der Fünfte Kalif der weltweiten Ahmadiyya Muslim Gemeinde. Es war mir eine Ehre und ein Privileg, ihn Anfang 2023 am Hauptsitz der Gemeinschaft in Tilford, in der Nähe von Guildford in Surrey, zu interviewen. Das Interview ist für Schüler der Sekundarstufe I und für Examenskandidaten, die sich mit dem Islam und seiner Vielfalt beschäftigen, von Nutzen.

REtoday wird von Lehrern gelesen, und Sie waren Schulleiter von zwei ghanaischen Schulen. Wie haben Sie als Lehrer islamische Grundsätze im Unterricht vermittelt?

Die Oberschulen in Ghana, die ich leitete, waren säkulare Schulen. Als ich dorthin kam, lehrten sie biblisches Wissen, also begann ich auch, islamisches Wissen zu unterrichten. Schon im ersten Jahr haben fast alle Schüler, ob Christen oder Muslime, in diesem Fach gut abgeschnitten, und das hat [andere] christlichen Schüler ermutigt, es ebenfalls zu belegen. Wenn junge Menschen richtig in Religionskunde unterrichtet werden, ermutigt sie das und hilft ihnen in der Praxis. Mehr als 80 Prozent unserer Schüler waren Christen. Unsere Versammlungen beinhalteten sowohl islamische als auch christliche Gebete, so dass die Schüler diese Religionen verstanden und auch die Offenheit des Islam sehen konnten.

Ich interessiere mich für Ihre Arbeit im Bereich der Mädchenbildung.

Der Prophet des Islam sagte, dass jeder Muslim, ob Junge oder Mädchen, versuchen sollte, Wissen zu erwerben. Er lehrte auch, dass die Hälfte des religiösen Wissens über seine Frau Aisha erlangt werden kann. Es gibt eine ganze Reihe von Hadith-Überlieferungen, die von ihr weitergegeben wurden. Nach seinem Tod beantwortete sie die Fragen der Gefährten des Propheten in Angelegenheiten, worin sie unsicher waren, und sie gab die Führung und das Wissen weiter, welche sie vom Heiligen Propheten erhalten hatte.

Frauen, die sich auskennen, können Männer unterrichten. Mädchen sollten eine gute Ausbildung erhalten, denn auf diese Weise werden ihre Kinder eine Bereicherung für die Gemeinschaft sein. In unserer Gemeinschaft sind 99 Prozent der Frauen, selbst in den unterentwickelten Gegenden einiger Länder, entsprechend der Definition von Bildung ihres Landes gebildet, wenn nicht sogar darüber hinaus. In Pakistan sagen wir zum Beispiel, dass eine gebildete Person mindestens das Äquivalent der 8. Klasse der Sekundarstufe erreicht hat. In unseren Gemeinden steht dieses Thema für alle an höchster Stelle, selbst in ländlichen Dörfern, wo Bildung nicht leicht zugänglich ist.

Sie haben in Ihrer Rolle als Fünfter Kalif die Bedeutung der Friedensstiftung hervorgehoben. Inwiefern sehen Sie den Propheten selbst als Friedensstifter?

Als der Prophet von Mekka nach Madinah zog, schloss er einen Bund zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen, damit sie in der Gesellschaft vereint sind, und er sagte, dass jeder Religion Freiheit gewährt werden sollte. Er erkannte an, dass Muslime, Juden und Christen, die “Völker des Buches”, in einer gemeinsamen Sache zusammenkommen und zusammenarbeiten konnten, dass wir alle die Schöpfung Gottes des Allmächtigen sind und Frieden in der Welt schaffen sollten. Da dies also der Prophet praktizierte und wir sagen, dass es keinen Menschen gibt, der die Lehre des Heiligen Qur’ans jemals vollkommener praktizieren kann als er, hat er uns das beste Beispiel gegeben. Dieses Thema wird in den Büchern, die ich empfohlen habe, erläutert.*

Religionslehrer begegnen oft den sehr negativen Stereotypen über den Islam in den britischen Medien. Sie haben sich in vielerlei Hinsicht dafür eingesetzt, Muslime zu ermutigen, den Angriffen auf den Islam, die von Unwissenden kommen, sowohl mit Entschlossenheit als auch Nachsicht zu begegnen. Was raten Sie Lehrern, die versuchen, Respekt zwischen den Religionen zu fördern?

Die Lehre des Islam findet sich im Heiligen Qur’an: Das ist es, was wir lesen, verstehen und entsprechend praktizieren. Zweitens gibt es die Sunna, das Beispiel, das uns der Prophet gegeben hat, dem wir folgen sollen. Drittens gibt es die Überlieferungen (Hadith), die später von einigen Gefährten (des Propheten) überliefert wurden. Es gibt sechs Bücher mit authentischen Hadithen. Wenn es irgendwelche Widersprüche in den Hadithen gibt, hat der Heilige Qur’an Vorrang. Wir versuchen, diese wahre Lehre zu praktizieren und sie anderen zu erklären. Wenn Lehrer dies ihren Schülern erklären, dann wird dies die wahre Lehre des Islam darstellen. Die Lehre muss auch durch das Handeln der Muslime abgebildet werden. Auf diese Weise kann die negative Darstellung des Islam beseitigt werden.

Das ist es, was wir tun und wir sind dafür von Nicht-Muslimen im Vereinigten Königreich, den Vereinigten Staaten, Afrika und anderswo anerkannt worden. Wir Ahmadi-Muslime versuchen, all diese Lehren auch zu praktizieren, und deshalb sind wir keine Extremisten. Wir halten uns an die Gesetze des Landes und versuchen, Frieden zu schaffen. In unserer Gesellschaft kann die [Verbreitung der] Lehre selbst nicht alles bewirken; man muss mit gutem Beispiel vorangehen. Wir stellen fest, dass alle Religionen gute Lehren haben, aber sie werden nicht von allen Gläubigen praktiziert.

Sie haben über die Bedeutung des spirituellen Lebens, die Hingabe an Allah und die persönliche Frömmigkeit gesprochen. Mich interessiert, wie junge Menschen heute das Gebet und das Gefühl der Gegenwart des barmherzigen Gottes erleben. Was sind Ihre Botschaften an junge Menschen zu diesem Aspekt des Islam?

Wenn man nichts erlebt hat, kann man auch nicht daran glauben. Wir behaupten, dass der Islam eine wahre Religion ist, die dich in die Nähe deines Schöpfers bringen kann. Wenn man die fünf täglichen Gebete nicht verrichtet, wie es in der Lehre des Islam vorgeschrieben ist, oder das Heilige Buch nicht liest, dann warnt der Heilige Qur’an, dass die Gebete einiger Menschen auf sie zurückgeworfen werden, weil ihre Praxis von ihrer Lehre abweicht.

Wenn ein wahrer Muslim betet, dann sollte er auch die Pflichten erfüllen, die er seinen Mitmenschen schuldet. Der Qur’an sagt, dass Allah “Rabbul Alameen” ist, der Versorger und Erhalter aller Welten und Religionen, einschließlich aller Muslime, Juden, Hindus und anderer. Wenn er der “Barmherzigste” ist, warum sollten wir dann anderen ihre Rechte verweigern? Wenn wir unsere Pflichten einander gegenüber erfüllen und zu Allah beten, können wir unser spirituelles Niveau erhöhen und uns in unserer Moral verbessern. Das ist es, was wir heute brauchen.

Ich wollte Sie nach Ihrem Engagement für Entwicklungsziele, für nachhaltige Umweltprogramme und für Gerechtigkeit für die Armen auch in Zeiten der Klimakrise fragen. Inwiefern sehen Sie das als Ausdruck islamischer Ideale?

Allah hat diese Welt erschaffen und er ist der Barmherzige und der Erhalter seiner Schöpfung. Im Heiligen Qur’an heißt es, dass er den Tieren und auch euch [den Menschen] Nahrung gibt. Wenn wir das Gleichgewicht der Natur durch das Abholzen von Bäumen, den Anstieg der Kohlenstoffemissionen und viele andere Dinge gestört haben, und wenn wir nicht versuchen, Abhilfe zu schaffen für das, was wir getan haben, um die Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen, dann sind wir es, die dafür verantwortlich sind. Ich glaube, dass es ein großes Potenzial für den Anbau von mehr Nahrungsmitteln auf der Welt gibt. In Afrika, Nordamerika, Südamerika und Asien gibt es riesige Flächen, die für den Anbau von Nahrungsmitteln genutzt werden können. Wenn wir uns gegenseitig lieben und unseren Schöpfer lieben, sind wir es uns gegenseitig und Allahs Schöpfung schuldig, uns zu ernähren und mehr Nahrungsmittel anzubauen, damit kein Mensch an Hunger sterben muss.

Wenn wir heutzutage überschüssige Lebensmittel haben, werfen wir sie weg, anstatt sie den Armen zu geben – das kommt von unserem mangelnden Interesse an anderen Menschen. Aber wenn die reichen Nationen ihre Pflichten erfüllen, dann können wir die Welt retten. Die islamische Lehre besagt, dass man versuchen sollte, anderen gegenüber Mitgefühl zu zeigen. Der Islam sagt nicht, dass es Sozialismus geben soll; was er sagt, ist, dass wir darauf achten sollen, jeden Menschen mit Nahrung zu versorgen.

Ihr Nachbar hat das Recht auf Ihre Fürsorge – nicht nur der Nachbar, der in Ihrer Straße wohnt. Die Definition des Begriffs “Nachbar” ist weit gefasst. Zu den Nachbarn gehören auch diejenigen, die mit Ihnen arbeiten und reisen. So können Sie die Welt retten: und nicht nur durch die Bereitstellung von Lebensmitteln, sondern auch durch die Schaffung von Frieden. Wenn man an einem Ort Bäume fällt, dann sollten wir anderswo mehr pflanzen. Die Menschen sollten ihr Wissen für positive Zwecke nutzen. Wir sprechen voller Hoffnung, auch wenn andere Menschen derzeit weniger hoffnungsvoll über die Umweltkrise denken. Wir sollten nicht pessimistisch sein.

Ihre Ahmadiyya Gemeinden sind manchmal Anfeindungen und Verfolgung ausgesetzt, und ich weiß, dass Sie selbst davon betroffen waren. Wie würden Sie die derzeitige Position der Ahmadiyya Muslime im Gesamtgefüge des globalen Islam beurteilen? Wie sind die Aussichten auf Akzeptanz?

Unsere Arbeit ist von Natur aus missionarisch, und man kann seine Ziele nicht in kurzer Zeit erreichen. Nicht alle Propheten haben ihr Ziel zu ihren Lebzeiten erreicht, und in einigen Fällen hat es Hunderte von Jahren gedauert. Wir glauben, dass die Akzeptanz mit der Zeit kommen wird. Wir sehen, dass sich uns jedes Jahr Hunderttausende von Menschen aus dem Kreis der Muslime und anderer Religionen anschließen. Dies geschieht allmählich und langsam, und wir glauben, dass wir eines Tages, so Gott will, von den Menschen in der Welt anerkannt werden.

Das ist der Grund, warum Sie heute hier dieses Interview führen. Die Gemeinschaft begann mit einer Person in einem kleinen Dorf oder einer kleinen Stadt, Qadian in Indien, wo es keine Straßen- oder Eisenbahnverbindung gab, und unsere Ahmadiyya Gemeinschaften haben sich inzwischen in über 200 Länder ausgebreitet. Ich sage nicht, dass jeder den Ahmadiyya-Islam annehmen wird, aber ich hoffe, dass diejenigen, die sich uns jetzt wütend entgegenstellen, damit aufhören werden.

Haben Sie eine Botschaft an die jugendlichen Leser dieses Artikels?

Betrachtet das Beispiel eurer Eltern. Wenn ihr 13, 14, 15 oder sogar 18 seid, denkt ihr vielleicht, dass ihr sehr reif seid und völlig frei sein solltet, aber ihr solltet euch bewusst machen, was eure Eltern euch beigebracht haben. Wichtig ist, dass du deinen Schöpfer kennst und ihn ehrst: Deine Zeit sollte besser genutzt werden, als nur im Internet zu sein, Spiele zu spielen oder dein Geld zu verschwenden. Versucht, darüber nachzudenken, wer unser Schöpfer ist, was der Zweck der Religion ist und wie wir unsere Verantwortung Ihm gegenüber erfüllen sollten. Denkt auf diese Weise über das Leben nach, und wir können eine bessere Gesellschaft für euer Land und für eure Welt schaffen.

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  • Während des Gesprächs bemerkte Seine Heiligkeit, dass viele Lehrer sich auf die Werke von Orientalisten über den Islam verlassen und dass sie aus authentischen Quellen lernen sollten. Folgende Bücher empfahl er Religionslehrern besonders:

“Introduction to the Study of the Holy Qur’an”: www.alislam.org/library/ books/Introduction-Study-Holy- Qur’an.pdf
“The Life and Character of the Seal of the Prophets”:
Band 1: www.alislam.org/ book/life-character-seal-prophets-vol-1/
Band 2: www.alislam.org/ book/life-character-seal-prophets-vol-2/
Band 3: www.alislam.org/ book/life-character-seal-prophets-vol-3/
“Das Wirtschaftssystem des Islam”: www.alislam.org/book/ wirtschaft-system-islam/
“Die Philosophie der Lehren des Islam”

Danksagung von REtoday:

Dieses Interview erschien zuerst in der Zeitschrift REtoday, Herbst 2023 (RE Today Services). Verwendung mit Genehmigung.

(Sie können auch einen Teil des Interviews auf Englisch hier auf YouTube ansehen)

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