
von Yunus Mairhofer, Redaktion
„Jeder sollte das wissen, weil es alle betrifft.“ – sagt der britische Demograf Stephen J. Shaw. Der Forscher bringt damit die Brisanz eines Wandels auf den Punkt, der sich leise und scheinbar unspektakulär vollzieht – und gerade deshalb so folgenreich ist. Der Geburtenrückgang in Europa und weiten Teilen der Welt – ein schleichender Prozess, durch den ganze Landstriche altern, Schulen schließen, Dörfer verwaisen. Manchmal verändert sich eine Gesellschaft nicht durch Revolutionen, sondern durch Verzögerungen. Nicht nur das, was laut geschieht, prägt unsere Zukunft – auch das, was ausbleibt.
Die stille Krise
Anlass zum Interview mit Shaw in der österreichischen Tageszeitung Die Presse gibt sein aktueller Dokumentarfilm Birthgap – Childless World, der weniger eine Anklage als vielmehr eine Bestandsaufnahme ist: Der Streifen zeigt die wachsende Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Shaw benennt nämlich einen bislang wenig beachteten Kern des Phänomens: Nicht – wie viel vermutet hätten – die gänzliche Ablehnung von Familie, sondern das ständige Verschieben der Familiengründung hat sich zu einem kollektiven Muster entwickelt, das nun seine Folgen zeigt. Seine Analyse gilt daher als eine neue, tiefere Deutung der Geburtenkrise. „Sie wollten Kinder, aber es hat sich nie ergeben“, umreißt Shaw den Kern des Problems. So banal diese Worte fast wirken, so sehr treffen sie doch ins Mark einer Generation, die gelernt hat zu planen, aber nicht mehr in Angriff zu nehmen.
Der moderne Mensch – gebildet, abgesichert, frei – stößt also auf ein Paradox: Je mehr Möglichkeiten er hat, desto mehr verliert er offenbar den Mut zur Entscheidung. Was als individuelle Freiheit beginnt, endet nicht selten in einem leisen und ungewollten Verzicht. Es ist diese „stille Trauer“, von der Shaw spricht, die oft keinen Ausdruck findet und sich jetzt erst in der Statistik zeigt. Und diese spricht Bände.
Aufgeschobenes Leben
In Europa liegt die durchschnittliche Geburtenrate derzeit bei 1,38 Kindern pro Frau, in Deutschland bei 1,35 – bei weitem zu wenig, um eine Bevölkerung stabil zu halten. Der Abstand zum sogenannten „Ersatzniveau“ von 2,1 zeigt eine eklatante Diskrepanz, die sich Jahr für Jahr vertieft.
Diese Zahlen allein erzählen indes nur die Oberfläche. Hinter ihnen verbirgt sich laut Shaw eine kulturelle Verlagerung: das Aufschieben der Bindung, das Warten auf den „richtigen Moment“, die Vorstellung, dass Familie ein Projekt sei, das man irgendwann in Angriff nimmt. Der Demograf meint auch, dass aktuelle politische Anreize zur Familienplanung wie Kinderboni etc. zu kurz greifen würden und mahnt: „Solange eine Politik nicht darauf abzielt, diese Vitalitätskurve zu verjüngen, also Menschen früher in die Familiengründung zu bringen, wird sie scheitern.“
Sein Schluss legt einen Nerv offen: Der Mensch hat begonnen, selbst sein eigenes Werden zu managen. Kinder, Ehe, Verantwortung – all das wird vertagt, bis die vermeintlichen Bedingungen stimmen. Nur verhält sich das Leben, das wir aufschieben, nicht nach unseren eigenen Regeln.
Familie als Verantwortung und Segen – Entwurfsfassung
Unweigerlich kommen einem hier auch jene Seitenhiebe in den Sinn, die Muslime heute wegen ihrer vergleichsweise kinderreichen Familien pauschal als unzeitgemäß oder rückständig einordnen. Dabei gilt in nahezu allen religiösen Traditionen Nachkommenschaft als Segen – und die Heilige Schrift der Muslime spricht keine andere Sprache.
Der Koran beschreibt das Verhältnis zwischen Mann und Frau mit dem Bild zweier Gewänder füreinander und fügt hinzu:
„…und begehret, was Allah euch bestimmt hat.“ (vgl. 2:188)
Dieser Ausdruck trägt bei genauerer Betrachtung des arabischen Originals einen klaren Sinn: Gemeint ist nicht eine Pflicht, sondern etwas, das dem Menschen zugedacht ist – ein Recht, das ihm zusteht, eine Gabe, die ihm gewidmet ist. Der Wunsch nach Nachkommenschaft gilt als etwas Legitimes, das der Mensch weder zu fürchten noch zu verdrängen braucht. Und er wird gleichzeitig angespornt, so wie nach anderen Rechten auch nach diesem Recht zu streben.
Im religiösen Denken bedeutet Elternschaft indes nicht nur, eine Familie zu haben, sondern Teil einer Kette zu werden, die Himmel und Erde verbindet. In dieser Sichtweise wird das, was Shaw als demografische Krise beschreibt, zu einer spirituellen Mahnung: Wenn wir Bindung, Fürsorge und Nachkommenschaft verlieren, verlieren wir mehr als Zahlen – wir verlieren die Verbindung zu Mensch und Gott.
Glaube ist keine Vertröstung, sondern ein Weckruf
In der modernen westlichen Kultur herrscht aber weitläufig der Gedanke, dass Lebensphasen beliebig verschiebbar seien. Ausbildung, Karriere, Reisen, Selbstfindung – der Rest darf warten, auch die Familie. Doch irgendwann, so Shaw, „konkurriert der Mann von vierzig mit der jüngeren Version seiner selbst“, und auch viele Frauen entdecken, dass Biologie kein Mythos ist.
Die Aussage einer 35-jährigen Japanerin, der Shaw begegnete, beschreibt es sinnbildlich: „Ich will keine Blumen. Ich will keine Urlaube. Ich will keine Geschenke. Ich will einfach nur eine Familie.“ In diesem Satz liegt die Erkenntnis, dass Erfolg und Erfüllung nicht unbedingt dasselbe sind.
Im Koran indes wird das Werden des Menschen in einer weiteren Metapher beschrieben:
„Und Allah hat euch aus der Erde erwachsen lassen wie Pflanzen.“ (71:18)
Natürliches Wachstum folgt Rhythmen. Man kann es pflegen und beeinflussen, aber nicht unbegrenzt hinauszögern. Wer zu spät sät, wird wenig ernten oder sogar gar nichts – das kann als Strafe gesehen werden oder eben als Gesetz des Lebens.
Vielleicht ist das, was Shaw nüchtern als „demografischen Übergang“ beschreibt, also in Wahrheit eine spirituelle Herausforderung. Es geht um Zeit, Vertrauen und Hingabe – um die Wiederentdeckung dessen, was in einer beschleunigten Welt unmodern geworden ist: das Warten auf ein Kind, das Eintreten in eine Verantwortung, die nicht nach Kalender berechnet wird.
Die Frage, der wir uns als Gesellschaft vielleicht stellen müssen, ist also nicht, wie viele Kinder geboren werden, sondern wann wir wieder beginnen, das Leben als kollektives Geschenk zu sehen, das der Einzelne nicht endlos aufschieben kann.
Über den Autor: Yunus Mairhofer ist ausgebildeter Ethnologe, Trainer für Deutsch als Fremdsprache und Teil des Redaktionsausschusses der Revue der Religionen.
Quellenverzeichnis:
1 Österreichischen Tageszeitung Die Presse vom 8.11.2025: Experte warnt vor Bevölkerungskollaps: „Männer überschätzen ihre Fruchtbarkeit“
2 „Heiratet liebevolle und fruchtbare Frauen, denn eure große Zahl wird mir am Tage der Auferstehung vor den anderen Völkern zum Ruhm gereichen.“ – Hl. Prophet Muhammad, überliefert bei Abū Dāwūd (Nr. 2050) und an‑Nasāʾī (Nr. 3175/3227), als ṣaḥīḥ eingestuft von al‑Albānī.





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