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Meine erste Vegan-Expo – Begegnung mit dem Strongman aus Game Changers von Netflix & Anderen

Von Zubair Ahmed Hayat

Das Magazin The Review of Religions schickte am 1. und 2. Februar 2020 ein dreiköpfiges Social-Media-Team zur „Plant Powered Expo 2020“ ins ikonische Olympia in London. Fast jeder Aspekt des Vegan-Seins [d.h. einer pflanzlichen Lebensweise zu folgen und auf tierische Produkte zu verzichten] oder Veganer sein zu wollen, wurde an über 200 Ständen und 100 Fachrednern aus aller Welt gezeigt.

Seit Jahrhunderten folgen Religionen [oder dharmische Traditionen], die ihren Ursprung im alten Indien haben (Hinduismus, Jainismus und Buddhismus), dem Vegetarismus und haben eine Philosophie entwickelt, die sich auf andere Lebensbereiche ausdehnt, wie z.B. die Unversehrtheit von Tieren usw. Die Veganer bewegen sich seit 1944 in einer ähnlichen Richtung und sind in der Philosophie der Veganer des 21. Jahrhunderts durch die sozialen Medien zu einem viralen Trend geworden, der den Menschen, der seinen eigenen Körper formen möchte, wissenschaftlich anleitet und die Gesundheit und die Lebensdauer fördert.

In der westlichen Welt ist es heute normal, dass es vegane Restaurants, Rezepte, Sportmannschaften und Kleidermarken gibt. Der auf Pflanzen basierende Lebensstil hat sich in unseren Köpfen festgesetzt. Innovative und augenöffnende Filme wie „The Game Changers“ und „What the Health“ nutzen die Stärke der Wissenschaft, der Prominenz und der neuesten Filmstile, um ihre Botschaft der breiten Masse zu präsentieren.

Was einst eine Nischen-Subkultur war, ist heute Mainstream und immer noch im Trend. Werden sich Fleischesser in naher Zukunft „schuldig“ fühlen, wenn sie ihr Chicken-Sandwich in der Öffentlichkeit essen? Was steckt hinter der Popularität dieses Lebensstils? Gibt es einen Trend zur Schaffung einer kultähnlichen Anhängerschaft, die sich vor allem auf die Wahl der Lebensmittel stützt? Welchen Einfluss hat der Veganismus auf das Umweltbewusstsein der Menschen?

Da ich selbst Fleischesser bin, entschloss ich mich, mich mit pflanzlicher Ernährung für meine eigene sportliche Leistungsoptimierung zu befassen. Auf der Expo stieß ich auf eine Reihe sorgfältig vermarkteter veganer Produkte, die nach eigener Angabe Krankheiten heilen, Ängste abbauen und die Immunität stärken sollen. Es schien jedoch, als ob die Veganer aus vielen verschiedenen Gründen die Entscheidung für die Ernährung und den Lebensstil getroffen hätten. Einige aus Gründen der sportlichen Leistung, einige zur Verringerung ihres Kohlenstoff-Fußabdrucks und andere zum Schutz der Tierrechte.

Auf der Suche nach einem Mittelweg zwischen meiner eigenen Erkundung des Veganismus und auch meinen Überzeugungen als Muslim begann ich, mit den Standbesitzern über ihren persönlichen Weg, Veganer zu werden, zu sprechen, und stellte schnell fest, dass viele erst vor einigen Jahren Veganer geworden waren.

Das gab mir den Mut, meine eigene Liebe zum Fleisch zu erwähnen (und scheinbar meine Sünden zu bekennen), was ihnen allerdings nichts ausmachte. Es gab jedoch einen allgemeinen Hype, der sich in der Art und Weise, wie sie über den Veganismus sprachen, bemerkbar machte, vom ständigen gegenseitigen Abklatschen bis hin zu Aussagen über den Lautsprecher wie »wir sind Veganer und wir sind stark«.

Abgesehen von einigen wenigen Veganern wussten viele nicht, warum sie Veganer waren, und lieferten nur anekdotische Beweise dafür, warum sie diesen Lebensstil gewählt haben, der aus »wir fühlen uns besser« und »wir können uns schneller von Sportverletzungen erholen« besteht, was schwierig war, da ich einen Notizblock mit schwierigen Fragen zu B12 und all den anderen Nährstoffen hatte, die ihnen in ihrer Ernährung fehlten, was ich aus dem Internet erfahren hatte.

Patrick Baboumian, veganerischer Strongman, in der Hauptrolle im Netflix-Film The Game Changers; Deutschlands stärkster Mann 2011 und Interviewer Zubair Ahmed Hayat

Zu meiner Überraschung trafen und interviewten wir Patrick Baboumian, einen der Stars des größten Veganer-Dokumentarfilms von Netflix »The Game Changers« und Deutschlands stärkster Mann 2011. Obwohl er doppelt so groß war wie ich und eine hulkartige Figur hatte, schien er in seiner Sichtweise des Veganismus recht ausgewogen zu sein und verstand meine Perspektive als Muslim, der ihre Lebenswelt erforscht. Er sagte:

»Wenn man strenge Regeln hat, werden die Leute das nicht akzeptieren, sie werden in die andere Richtung gehen. Viele Menschen, die in die Extreme gehen, haben Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl und wollen perfekt sein, was nicht gut ist. Wenn es darum geht, Veganer zu sein, bedeutet das nur, dass ich der Welt so wenig Schaden wie möglich zufügen möchte.«

Während unseres 15-minütigen Gesprächs habe ich Patrick darauf angesprochen, dass der 4. Kalif der Ahmadiyya Muslim Gemeinde gesagt hat, dass wir bei den Milchprodukten, die wir verwenden, auf Freilandhaltung setzen sollten, und dass die Art und Weise, wie Tiere in bestimmten Schlachthäusern behandelt werden, völlig falsch und gegen die Lehren des Islam ist. Außerdem wird im Islam eine ausgewogene Ernährung gefördert, die mit dem Konzept von Halal einhergeht, das darin besteht, die Tiere bestmöglich zu behandeln und sie ohne Schmerzen oder unnötigen Schaden zu schlachten. Patrick meinte dazu:

»Einige Leute denken, es gibt nur Veganer und Nicht-Veganer, aber es gibt ein ganzes Spektrum, wo man von Menschen, denen es egal ist, woher ihr Fleisch kommt, bis hin zu Menschen gehen kann, denen es wirklich wichtig ist, woher es kommt und wie die Tiere in der Anlage behandelt werden. Ich sehe keinen Kampf zwischen diesen verschiedenen Positionen, und es ist mir egal, andere Menschen zu verurteilen, ich schätze eher Menschen, die dem Planeten weniger Schaden zufügen«.

Im Laufe des Tages wurde mir klar, dass ich mit Veganern insofern viel gemeinsam habe, als dass ich als Muslim auch erkenne, wie wir mit unserem Umgang mit dem Planeten viel mehr Schaden als Nutzen anrichten und wie einige Schlachthäuser auf der ganzen Welt ihre Tiere auf die denkbar schlechteste Art und Weise behandeln. Es hat mich jedoch nicht dazu verleitet, Veganer zu werden, aber es hat in mir das Bedürfnis geweckt, ein Aktivist zu werden und meiner Stimme Gehör zu verschaffen. Eines der Schlüsselmerkmale des Islam, für das ich bei den Besuchern der Expo warb, ist die Maßhaltung:

»Esset und trinket, doch überschreitet das Maß nicht.« (Der Heilige Qur’an 7:32)

»Esset von den guten Dingen, die Wir euch gegeben haben.« (Der Heilige Qur’an 2:173)

Solch einfache, aber tiefgründige Aussagen aus dem Heiligen Qur’an, die sicherstellen, dass die Menschheit bei der Wahl ihrer Ernährungsbedürfnisse nicht bis zum Extremen geht.

Die Begegnung mit einem anderen veganen Bodybuilder, der einen Vortrag über den B12-Mangel-Mythos hielt, namens Carlos aus Spanien, der ein anderer gigantischer muskelbepackter Athlet und ein Aushängeschild für Veganismus ist, brachte ein zusätzliches Licht auf den gemäßigten veganen Ansatz. Er sagte:

»Viele neue Veganer beginnen, sich von ihren Eltern, Freunden und Familien zu distanzieren, wenn sie diesen neuen Lebensstil annehmen und eine militante Einstellung entwickeln, was extrem ist. Das ist nicht gut für sie und sie werden nicht in der Lage sein, dies auch in Zukunft aufrechtzuerhalten. Es ist gut, einen Mittelweg einzuhalten, und selbst meine Familie hat mich nicht akzeptiert, als ich meinen Lebensstil änderte, aber ich bin nicht vor ihnen weggelaufen.«

Meine Erfahrung auf der Plant Powered Expo war daher positiv und hat viele Probleme ans Licht gebracht, denen wir heute in der Welt gemeinsam gegenüberstehen und wie sie unsere täglichen Entscheidungen beeinflussen. Das Konzept des gesunden Lebens, des Wohlbefindens und der Rettung des Planeten sollte bei jedem einzelnen Menschen, der heute lebt, ganz oben auf der Liste stehen, aber wenn man es bis zum Äußersten treibt, könnte dies mehr Schmerz, Leid und Entfremdung verursachen als Gutes.

In Kürze erscheint auch der Video-Beitrag zum Event. Bleiben Sie dran!

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