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Narzissmus & (Un)glaube

Während Narzissmus, Unglaube und Heuchelei auf den ersten Blick verschiedenen Welten angehören, offenbart ein Vergleich ihrer Muster verblüffende Gemeinsamkeiten.
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von Yunus Mairhofer

Narzissmus – die meisten haben eine Idee, was ungefähr damit gemeint ist. Wissenschaftlich betrachtet bieten Disziplinen wie Psychologie, Soziologie und Medizin genauere Erläuterungen der Natur dieses Phänomens.
Was viele nicht vermuten werden, ist, dass auch die Heilige Schrift der Muslime, der Qur’an, durchzogen ist mit Beschreibungen bestimmter Persönlichkeitsbilder. Neben den noblen Tugenden, die wahren Glauben (iman) ausmachen, werden gleich eingangs im Qur’an zwei weitere Geisteshaltungen beschrieben, nämlich jene des kufr und munafqat, was meist übersetzt wird als Zustand des Unglaubens bzw. der Heuchelei.
Während diese Phänomene, also Narzissmus einerseits sowie Unglaube und Heuchelei andererseits, auf den ersten Blick verschiedenen Welten angehören, offenbart ein Vergleich ihrer Muster verblüffende Gemeinsamkeiten.

Narzissmus verstehen
“Ausweichende und narzisstische Persönlichkeiten beziehen ihre Position in dem Bemühen, eine falsche Selbstidentität und ein grandioses Bild von sich selbst zu bewahren.” – Otto Kernberg, “Liebesbeziehungen: Normalität und Pathologie” (1995)

Narzissmus wird der Fachliteratur gern als ein übermäßiges Gefühl der Selbstherrlichkeit, ein Verlangen nach Bewunderung und einen Mangel an Empathie beschrieben und häufig auf verschiedene psychologische Faktoren zurückgeführt. Dazu gehören frühkindliche Erfahrungen, gesellschaftliche Einflüsse oder aber auch genetische Veranlagungen. Im Kern spiegelt der Narzissmus eine Verzerrung des Selbst wider, bei der sich die Person übermäßig mit ihren eigenen Wünschen, Leistungen und ihrem Image beschäftigt. Und das leider in der Regel auf Kosten anderer.

Es heißt, Narzissten konstruieren oft ihre eigene Version der Realität, in der nicht Gott, sondern sie selbst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Sie müssen von allen bewundert werden und immer Recht haben. Sie übertreiben, um diesem Anspruch gerecht zu werden, ihre Leistungen, spielen ihre Schwächen herunter und ignorieren alle Hinweise, die ihrem Selbstbild widersprechen. Es ist, als lebten sie in einer Fantasiewelt, in der nur sie der Held ihrer eigenen Geschichte sind, unabhängig davon, was tatsächlich um sie herum geschieht. Um ihre herausragende Position zu bewahren, müssen, wie bereits erwähnt, andere ständig erniedrigt, verunsichert, betrogen und belogen werden. Ein Verhältnis auf Augenhöhe ist mit solchen Menschen unmöglich.

Verhalten durch eine spirituelle Linse
Für den Menschen zentral ist in den islamischen Lehren das Konzept der sogenannten tauhid, der Einheit und Transzendenz Gottes. Sie unterstreicht die Bedeutung der Anerkennung des Göttlichen als letzte Quelle der Existenz und der Führung. Dieses Bewusstsein der göttlichen Gegenwart wird im Qur’an tatsächlich als Schutz vor egoistischen Tendenzen genannt, indem es den Einzelnen an seine eigenen Grenzen und seine Abhängigkeit von seinem Schöpfer erinnert.

Umgekehrt kann ein Mangel an spirituellem Bewusstsein zu einem übersteigerten Gefühl der Selbstherrlichkeit führen, da der Einzelne Bestätigung und Erfüllung in weltlichen Bestrebungen sucht, anstatt sein Leben an der Liebe und dem Dienst Gottes und Seiner Schöpfung auszurichten. Die dadurch entstehende spirituelle Leere schafft einen fruchtbaren Boden für die Entwicklung ebensolcher Züge, wie sie beim Narzissmus beschrieben werden.

Weiters steht im Mittelpunkt der islamischen Lehren das Konzept der Gotteserkenntnis (ma’rifah), die ein tiefes Verständnis und gleichzeitige Verinnerlichung der göttlichen Eigenschaften wie Barmherzigkeit und Seiner Allmacht beinhaltet. Dieses intime Wissen fördert ein tiefes Gefühl der Ehrfurcht, Demut und Dankbarkeit und zwingt den Einzelnen förmlich, sein Ego aufzugeben und sich dem göttlichen Wesen hinzugeben.

Unglaube und spirituelle Blindheit
In der islamischen Theologie ist mit Unglaube (kufr) nicht nur eine Ablehnung religiöser Lehren gemeint, sondern ein daraus resultierender Zustand geistiger Blindheit, der durch die Leugnung universeller Wahrheiten und die Weigerung, sich der göttlichen Leitung hinzugeben, gekennzeichnet ist. Dieser Zustand des Unglaubens beruht häufig auf mangelndem Wissen oder Unkenntnis über die Natur der Existenz und den Sinn des Lebens.

Im Qur’an, der Heiligen Schrift im Islam, erinnern folgende Stellen sehr an diese Beschreibungen.
In der Sura Al-Mu’minun (23:53) heißt es: “Aber sie haben die Wahrheit verleugnet, als sie zu ihnen kam, so dass sie in einem verwirrten Zustand sind.”

In Sura Al-A’raf (7:175-176) heißt es: “Und gib ihnen die Kunde von dem, dem Wir Unsere Zeichen gegeben haben, der sich aber von ihnen abwandte; da verfolgte ihn der Satan, und er wurde einer der Abtrünnigen. Und wenn Wir gewollt hätten, hätten Wir ihn dadurch erheben können, doch er blieb auf der Erde und folgte seinem eigenen Verlangen. So ist sein Beispiel wie das des Hundes: Wenn du ihn verjagst, hechelt er, oder wenn du ihn sein lässt, hechelt er. Das ist das Beispiel der Menschen, die Unsere Zeichen verleugnet haben. Gib Ihnen also diese Schilderung, damit sie vielleicht nachdenklich werden.”

Was in der islamischen Terminologie die Beschreibung von Heuchlern angeht, so erfahren wir abseits vom Qur’an aus den Aussagen des Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), dass ein Heuchler (munafiq) jemand ist, der sich äußerlich zu etwas (Glauben) bekennt, aber innerlich Abneigung und Argwohn verbirgt. Heuchler mögen scheinbar fromme Handlungen vollziehen oder rechtschaffen erscheinen, aber ihre Absichten sind unaufrichtig. Der Prophet Muhammad (saw) betonte die Gefahr der Heuchelei und warnte vor ihren Merkmalen:

“Die Zeichen eines Heuchlers sind drei: Wann immer er spricht, lügt er; wann immer er verspricht, bricht er sein Versprechen; und wann immer man ihm vertraut, betrügt er.” (Sahih Bukhari)

Diese augenscheinlichen Gemeinsamkeiten der Ausformungen von Narzissmus und Unglauben oder Heuchelei deuten auf ein komplexes Zusammenspiel zwischen menschlichem Verhalten, Glauben und spirituellem Bewusstsein hin. Indem der Einzelne erkennt, wie wichtig es ist, seinen Schöpfer zu kennen und anzuerkennen, kann er Demut, Einfühlungsvermögen und Zielstrebigkeit in seinem Leben kultivieren, die Begrenzungen sowie Leidenschaften des Egos überwinden und sich mit einer transzendenten Führung in Einklang bringen.

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