Islam Medizin Ramadan

Ramadan als Reset: Wie Verzicht unserer Seele guttut

Von der Dopamin-Forschung zur spirituellen Praxis: Neurobiologische Erkenntnisse über unser Belohnungssystem werfen ein neues Licht auf die Jahrhunderte alten Traditionen des Fastens.
Shutterstock

von Faraz Ahmad

Mit großem Interesse habe ich letztes Jahr Mustafa Yöntems Artikel in der Berliner Zeitung über seine Ramadan-Erfahrungen in Berlin gelesen. Besonders seine lebhaften Eindrücke während der Mittagspause auf Berlins Straßen lassen schmunzeln – jeder Fastende kennt das Phänomen, dass Gerüche mit leerem Magen viel intensiver wahrgenommen werden. Der Sinn des Fastens liegt aber nicht in bloßem Hungern, wie der Autor treffend beschreibt: Die Essenz des Ramadans ist der bewusste Verzicht auf Sinnesfreuden, um eine mentale und spirituelle Weiterentwicklung zu vollziehen. Zweifelsohne ist der Ramadan jedes Jahr aufs Neue eine Prüfung – wie so viele Gebote und Verbote im Islam, die auf den ersten Blick streng und „genussfeindlich“ erscheinen. Warum werden vor allem „sinnliche Angelegenheiten“ im Islam reglementiert? 

Dopamin und Disziplin

Um diese Frage näher zu ergründen, lohnt sich ein Blick in die Wissenschaft: Die US-amerikanische Psychiaterin Anna Lembke, die die Abteilung für Suchtmedizin und begleitende Störungen der Universität Stanford leitet, veröffentlichte im Jahr 2021 ihr Buch Dopamine Nation. Darin setzt sie sich mit den neurobiologischen Mechanismen von Vergnügen, Sucht und Abhängigkeit auseinander und bettet ihre Forschungsergebnisse in einen soziologischen Kontext ein. Die Betrachtung der biologischen Mechanismen unseres Empfindens für Vergnügen und Lust lohnt sich, um die übergeordneten Motive vieler islamischer Glaubensvorschriften zu verstehen.

Lembke untersucht eine zentrale Triebkraft unseres Daseins: Das dopamingesteuerte Belohnungssystem im Gehirn. Dopamin, ein wichtiger Botenstoff im Körper, beeinflusst maßgeblich unser Lust- und Glücksempfinden sowie unsere Motivation. Das Gehirn schüttet Dopamin aus, um uns in einen aufgeregt-angespannten Zustand zu versetzen, damit wir motiviert auf eine erwartete Belohnung hinarbeiten. Das eigentliche Glücksgefühl beim Erreichen der Belohnung wird jedoch durch andere Botenstoffe wie Serotonin vermittelt. Lembke beschreibt diesen Mechanismus als „Mehr Wollen als Mögen”: Der Drang nach einer Belohnung ist oft stärker als das tatsächliche Vergnügen daran – ein Effekt, der zur Entstehung von Süchten beitragen kann. Die Redewendung „Vorfreude ist die schönste Freude!” veranschaulicht treffend die Funktionsweise unseres Belohnungssystems.

In ihrem Buch schildert Anna Lembke viele Beispiele aus ihrer Arbeit mit suchtkranken Patienten. Der Kernmechanismus bei Abhängigkeiten besteht darin, dass ein Reiz starke Dopaminausschüttungen im Gehirn bewirkt, die negative Emotionen wie Schmerz oder Trauer vorübergehend überlagern. Reize nennt man Substanzen oder Aktivitäten, die unser Belohnungssystem aktivieren: Dazu gehören soziale Interaktionen mit geliebten Menschen ebenso wie die Schokolade, deren zart schmelzende Konsistenz uns kurzzeitig alles um uns herum vergessen lässt. Die stärksten Aktivatoren sind Suchtstoffe wie Nikotin und Kokain sowie Geschlechtsverkehr und die Konfrontation mit expliziten sexuellen Darstellungen. Sie verursachen einen raschen Dopaminanstieg, gefolgt von einem sehr schnellen Abfall, der Leere und depressive Gefühle hinterlässt. Anna Lembke spannt hier einen weiten Bogen und legt dar, dass auch Essen, Nachrichten, Glücksspiel, Einkaufen und die sozialen Medien ähnlich potent unser Belohnungssystem aktivieren können. 

Die Autorin betont, dass unser grenzenloser Zugang zu diesen Reizen historisch einmalig ist und weitreichende individuelle wie gesellschaftliche Konsequenzen hat. Lembke verzichtet dabei auf eine strikte Trennung zwischen süchtig und nicht-süchtig – sie beschreibt unser Belohnungssystem vielmehr als Kontinuum, das durch jeden übermäßig konsumierten Reiz empfindlich aus dem Gleichgewicht geraten kann. Die Folge ist eine neuronale Abstumpfung: Wir brauchen stetig steigende Dosen des Reizes, um ein Belohnungsgefühl zu erleben. Lembke plädiert für einen bewussten Umgang mit Reizen jeder Art – nicht erst bei manifester Abhängigkeit. Ihr höheres Motiv ist ein ausgeglichenes Leben, das wir nur durch die richtige Balance zwischen Begierden und Entbehrungen erreichen können.

Hijab und Hormone

Mit diesem Vorwissen widmen wir uns wieder der ursprünglichen Frage: Was ist der tiefere Sinn vieler Glaubensvorschriften im Islam? 

Analog zu den Ausführungen Lembkes wird deutlich, dass viele Regeln im Islam darauf abzielen, durch die Regulation von Reizen unseren biologischen „Glücksapparat“ auf nachhaltige, ausgeglichene Zufriedenheit auszurichten: Kurzfristig starke, aber langfristig schädliche Stimulatoren unseres Belohnungssystems wie Drogen jeder Art sind verboten, langfristig zufriedenheitsstiftende Aktivatoren wie die Pflege sozialer und familiärer Bindungen, aber auch die Phasen der Entbehrung während des Ramadans sind geboten.

Das Zusammenspiel zwischen individueller und kollektiver Verantwortung in Bezug auf unseren Umgang mit Reizen und Sinnesfreuden jeder Art wird auch am Beispiel des Hijab deutlich: Er bezeichnet nicht nur ein Bekleidungsstück für muslimische Frauen, sondern steht als Überbegriff für ein Konzept der Distanz zwischen den Geschlechtern, vergleichbar übrigens mit Negiah und Mechiza im Judentum.

Das Konzept nur auf die weibliche Verhüllung zu reduzieren – wie es in der öffentlichen Wahrnehmung oft verkürzt geschieht – greift aber zu kurz. In der ganzheitlichen Auffassung des Islam geht es nicht nur um das Verschleierungsgebot, sondern eine umfassende Ordnung der Diskretion. Dieser ganzheitliche Ansatz beginnt nicht beim Gegenüber, sondern bei sich selbst. Folgerichtig richtet sich der Koran in Sure an-Nūr zuerst an Männer: »Sprich zu den gläubigen Männern, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen. Das ist reiner für sie.«
Dieser Appell berücksichtigt, dass Männer stärker auf visuell-sinnliche Reize reagieren und betont ihre Verantwortung für die Wahrung dieser Rücksicht nehmenden Ordnung mit Verweis auf ihre eigene Selbstdisziplin. 

Innere Leere und innere Einkehr

Lembke beschreibt mit dem Zitat „We’ll do almost anything to distract ourselves from ourselves“, wie wir im Überangebot an Reizen ständig versucht sind, uns von uns selbst abzulenken. Die innere Leere, die entsteht, wenn unser Belohnungssystem im multimedialen Dauerfeuer ermüdet, betrifft uns alle. Und nicht nur angenehme Sinnesreize können negative Effekte haben – auch die Überflutung mit Negativnachrichten und Kriegsbildern lässt uns abstumpfen und reduziert unsere Empathie und aufrichtige Sorge für die wachsende Zahl globaler Konflikte.

Hier wird auch verständlich, warum der Ramadan für viele Muslime besonders in den ersten Tagen so anstrengend ist: Wenn selbst gewöhnliche Stimulanzien wie Essen wegfallen, erkennen wir, wie schwer es ist, unser unstimuliertes Ich auszuhalten. Dies verdeutlicht die Wichtigkeit des Maßhaltens bei Reizen aller Art für unser psychisches Wohlbefinden. In der Sure Qāf des Heiligen Koran wird beschrieben, dass Gott die innersten Gedanken des Menschen kennt und ihm näher ist als dessen eigene Halsschlagader. Innere Einkehr und Selbstreflexion führen dabei nicht nur zur Gotteserkenntnis, sondern auch zur Wahrheit über uns selbst: Was sind die wahren Motive hinter unseren Handlungen?

Innere Einkehr spielt auch in Anna Lembkes Buch eine zentrale Rolle – als Voraussetzung für unsere Selbstbesinnung nennt sie den vorübergehenden Verzicht auf stimulierende Reize. Die Autorin hat ein stufenweises Konzept namens Dopaminfasten entwickelt, das Menschen dabei hilft, in einem Zustand der mentalen Klarheit ihre seelischen Probleme reflektieren zu können. Beide Ansätze – islamische Selbstprüfung und Dopaminfasten – zielen auf eine neuroplastische Klarheit. So schaffen wir erst durch den bewussten Umgang mit äußeren Ablenkungen die biologische Grundlage, um unsere wahren Handlungsmotive zu erkennen. Dabei gewinnen wir die Freiheit, Herr über unser Tun und damit über uns selbst zu werden.

Bei vielen islamischen Geboten geht es genau um die Modulation von Reizen zur Erhaltung der individuellen und gesellschaftlichen Balance. Der Islam priorisiert deswegen das Wohlergehen der Gemeinschaft gegenüber individuellen Freiheiten, da Solidarität und sozialer Frieden als höchste Güter gelten. Der öffentliche Raum wird als gemeinsame Sphäre verstanden, die alle Mitglieder der Gesellschaft empathisch und wohlwollend empfangen sollte. Um dies zu gewährleisten, soll jener Raum freundlich-neutral und reizarm gestaltet sein. Es wird also zwischen öffentlicher und privater Sphäre differenziert: Während durch verschiedene Vorschriften die Neutralität der ersteren angestrebt wird, dient letztere als geschützter Ort für die Entfaltung natürlicher Kräfte und Reize. Diese Unterscheidung zeigt sich beispielsweise im Konzept des Hijab, das die gottgewollte Natur physischer Anziehung anerkennt und dafür den privaten Raum als geschützten Ort zur freien Entfaltung unserer sinnlichen Kräfte vorsieht.

Der Islam will Sinnesfreuden nicht unterdrücken, sondern deren neurobiologische Entwertung durch Überflutung verhindern. Dies gilt für alle Reizarten: Nicht Reichtum an sich ist verpönt, sondern dessen öffentliche Zurschaustellung, die nachgewiesenermaßen zu seelischen Problemen wie Neid, Depressionen und sozialer Spaltung führen kann. Die Neutralität der öffentlichen Sphäre wahrt somit unsere biologische Empfänglichkeit für diese Reize im Privaten und trägt langfristig zum sozialen Frieden bei. 

Der Monat Ramadan – Ein wiederkehrender Appell an Muslime

Diese Ausführungen mögen angesichts der oft exzessiven Zurschaustellung von Reichtum in gewissen sogenannten islamischen Gesellschaften nicht realitätsfremd erscheinen – sie sind daher auch ein dringend nötiger Appell an die Muslime: In einer Welt, die Demut und Selbstreflexion dringender denn je benötigt, bietet uns der Ramadan eine einzigartige Gelegenheit zur Besinnung: Nutzen wir diesen heiligen Monat, um innezuhalten und Abstand von den Stürmen und Versuchungen unserer Zeit zu gewinnen.

Wie Mustafa Yöntem in seinem Artikel treffend beschreibt, sollte die Fastenzeit nicht nur zu mehr Dankbarkeit führen, sondern auch zu einer stärkeren Verinnerlichung islamischer Kernwerte wie Bescheidenheit, Solidarität und Frieden. In der bewussten Mäßigung und der Hinwendung zu diesen Kernwerten liegt ein Schlüssel zu einem erfüllten Leben und einer gerechteren Gesellschaft.

________________

Über den Autor: Faraz Ahmad ist Internist und Notfallmediziner. Fundiert durch seine medizinische Expertise gilt sein besonderes Interesse dem Dialog zwischen der Medizin und den ethisch-spirituellen Prinzipien der islamischen Glaubenspraxis, wobei er sich mit den Schnittstellen beider Bereiche beschäftigt.

Kommentar hinzufügen

Klicken Sie hier, um einen Kommentar zu posten

Aktuelle Freitagsansprache

Multimedia

Neueste Kommentare

Archiv