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USA Wahlen 2020

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Reehana Shah, USA

Gestern fand eine der strittigsten Wahlen der jüngeren Geschichte statt. Auf der einen Seite steht der Amtsinhaber, Donald Trump und auf der anderen Seite der ehemalige Vizepräsident Joe Biden. Der bisherige Weg zu dieser Wahl war für beide Kandidaten gelinde gesagt interessant. Von hitzigen und heftigen Debatten, Angriffen auf die politische Strategien und sogar persönlichen Angelegenheiten, die ans Licht gebracht wurden – all das inmitten einer globalen Pandemie und zunehmender sozialer Ungerechtigkeiten in Amerika. Diese Wahl hat nicht nur die Amerikaner, sondern die ganze Welt in ihren Bann gezogen. Unabhängig davon, welchen Kandidaten die Menschen unterstützen mögen, und trotz der Bedenken hinsichtlich des Wahlverfahrens aufgrund von Gesundheits- und Sicherheitsbeschränkungen, war die Botschaft an alle Amerikaner klar: »Geht wählen!« Die Ausübung dieses Rechts wird jetzt, mehr denn je betont, bei der – wie viele es nennen – wichtigsten Präsidentschaftswahl in der amerikanischen Geschichte.

Die Turbulenzen, Unsicherheiten und Ängste, die mit dieser Wahl einhergingen, lassen vermuten, dass sich dieses Szenario in irgendeinem entlegenen Winkel der Welt abspielt, aber schockierenderweise ist dies die aktuelle Situation, in der Amerikaner in dieser Woche gewählt haben. 

Viele der Ängste und Befürchtungen im Zusammenhang mit dieser Wahl sind begründet. Die amerikanische Politik war schon immer umstritten; in den letzten Jahren hatten jedoch viele Amerikaner das Gefühl, dass bestimmte neue Politikansätze bestenfalls grausam sind und sich speziell an Randgruppen richten. Einige werden argumentieren, dass dies immer Amerika war, die Fassade der Wahrheit sei lediglich abgerissen worden. Andere werden sagen, dass eine Kombination aus zunehmender Ungleichheit, Apathie der Wähler, Lobbyismus der Konzerne und die Abschaffung von Schutzmaßnahmen uns in diesen Schlamassel geführt haben.

Aber Politik ist nur so gut wie die gewählten Volksvertreter. Auf welche Qualitäten sollte bei der Wahl einer Führungsperson aus einem Kandidatenkreis geachtet werden? Was macht eine gute Führungspersönlichkeit aus? Sollten es die Wähler sein, die durch die von ihnen gewählten Führungskräfte die nationale Agenda festlegen, oder sollte die gewählte Führungskraft das Land auf der Grundlage ihres Wissens, ihrer Fachkenntnisse und des entgegengebrachten Vertrauens lenken?

Aus islamischer Sicht ist Führungsverantwortung ein hohes Maß an Vertrauen. Im vierten Kapitel des Heiligen Qur’an sagt Allah: 

»Allah gebietet euch, dass ihr die Treuhandschaft jenen übergebt, die ihrer würdig sind; und wenn ihr zwischen Menschen richtet, dass ihr richtet nach Gerechtigkeit. Fürwahr, herrlich ist, wozu Allah euch ermahnt. Allah ist allhörend, allsehend.«[1]

»O die ihr glaubt! Seid standhaft in Allahs Sache, bezeugend in Gerechtigkeit! Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist näher der Gottesfurcht. Und fürchtet Allah; wahrlich, Allah ist kundig eures Tuns.«[2]

Die Macht sollte denjenigen gegeben werden, die sie wirklich verdienen, die den Fortschritt der Nation als Ganzes zu ihrer Priorität machen und die mit Ehrlichkeit und Integrität regieren werden. Dieser Aspekt wird durch folgende Worte Seiner Heiligkeit Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, des Fünften Kalifen und weltweiten Oberhauptes der Ahmadiyya Muslim Jamaat, weiter unterstrichen:

»Heutzutage stimmen die Bürger für die Partei, die sie unterstützen. Sie schauen nicht auf die Person, die die Partei vertritt, ob sie diese Rolle verdient oder nicht. Weder handelt der Wähler mit Gerechtigkeit, noch handelt die Person, der durch die Abstimmung Autorität verliehen wird, gerecht.«[3]

Keine andere Person verkörpert dieses Vertrauen besser als der Heilige Prophet MuhammadSAW. Selbst seine schärfsten Feinde, die ihm nichts anderes als den Tod wünschten, waren gezwungen, seine hohe Moral und Integrität als Oberhaupt anzuerkennen. Lange vor seinem Anspruch auf das Prophetentum war MuhammadSAW als ṣādiq, der Wahrhaftige, und amīn, der Vertrauenswürdige, bekannt. Seine Führung erweckte unerschütterliches Vertrauen und seine Anhänger zweifelten nie an seinen Absichten.[4]

Diese hohen Führungsstandards stehen in krassem Gegensatz zur gegenwärtigen Situation in den Vereinigten Staaten und es ist leicht zu verstehen, warum es so viel Apathie und Verzweiflung im Zusammenhang mit Wahlen gibt. Als Amerikaner ist es jedoch von entscheidender Bedeutung, dass wir unser demokratisches Recht ausüben und bei jeder Wahl, auf jeder Ebene, unsere Stimme abgeben. Dies ist der wirksamste Weg, um einen echten und sinnvollen Wandel herbeizuführen. 

Seine Heiligkeit Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA hat die Ausübung dieses Rechts betont:

»Um wirklich Veränderungen herbeizuführen, bedarf es einer geschickten Art und Weise, Druck auf die Behörden auszuüben. Zum Beispiel sollte jedes Mitglied mobilisiert werden, seine bürgerlichen und demokratischen Rechte zu nutzen, anstatt an Wahltagen zu Hause zu bleiben. Sie wiederum sollten andere Bürgerinnen und Bürger ermutigen, dass sie, wenn sie einen Wandel herbeiführen wollen, sich am demokratischen Prozess beteiligen sollten, und zwar auf allen Ebenen, da dies das Mittel ist, um Veränderungen herbeizuführen und Menschen wählen zu lassen, die ihre Rechte und Anliegen geltend machen werden.«[5]

Das Recht, gewählte Amtsträger zur Rechenschaft zu ziehen, kann nur dann zum Tragen kommen, wenn die Bürger aktiv wählen und sich an der Demokratie beteiligen. Der Vierte Kalif der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Hadhrat Mirza Tahir AhmadRH, warnte ebenfalls vor Selbstgefälligkeit und riet den amerikanischen Ahmadi-Muslimen davon ab, sich der Stimme zu enthalten oder nicht zu wählen:

»Außerdem muss eine Treuhandschaft guten Glaubens ausgeführt werden. Deshalb muss jeder Wähler uneingeschränkt dafür sorgen, während der Wahl seine Stimme abzugeben, ausgenommen, dies ist ihm nicht möglich. Ansonsten ist er an der Pflichterfüllung gegenüber seiner eigenen Treuhandschaft gescheitert. Die Vorstellung der Wahlverweigerung oder des Unterlassens seiner Stimmabgabe, wie es in den Vereinigten Staaten von Amerika geschieht, wo sich Berichten zufolge nur fast die Hälfte der Wahlberechtigten ernsthaft darum bemüht zu wählen, hat im islamischen Demokratiegedanken keinerlei Raum.«[6]

Das Ergebnis dieser Wahl könnte die Grundsätze der Demokratie für die kommenden Jahre grundlegend verändern. Das Recht, uneingeschränkt und frei zu wählen, ist ein entscheidender Teil des demokratischen Prozesses und ein Grundsatz, den der Islam voll und ganz unterstützt. Wenn Demokratie wirklich vom Volk, durch das Volk und für das Volk ist, dann muss das Wahlrecht von jedem Bürger und auf jeder Ebene ausgeübt werden.   


Über die Autorin: Reehana Shah ist Kanadierin und Amerikanerin und lebt derzeit in den Vereinigten Staaten. Sie hat einen BA Honours in International Studies, Cooperation and Conflict, and Russian Studies und ist Teil des Online-Teams von The Review of Religions. Sie hat kürzlich an ihrer ersten amerikanischen Präsidentschaftswahl teilgenommen.

Referenzen:
1. Der Heilige Qur’an, 4:59.
2. Der Heilige Qur’an, 5:9 
3. “An enlightening audience: Jamia UK graduates in the blessed company of Huzoor”, Asif M. Basit, www.alhakam.org, 2ndNovember 2020.
4. Our Beloved Master, Sheikh Muhammad Ismail Panipati, pg. 86. 
5. Letter from Huzoor (aba) to Ameer Sahib USA, June 2020.
6. Hazrat Mirza Tahir Ahmad, Islam’s Response to Contemporary Issues, [Dt. Ü.: Frankfurt am Main 2012, S. 279].

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