
Drei Billionen Dollar für Rüstung weltweit, wöchentlich neue Aufrüstungsdebatten und eine Weltuntergangsuhr bei 85 Sekunden vor Mitternacht: Der weltweite Kurs auf Konfrontation stellt auch die Menschen in Deutschland vor drängende Fragen über ihre Sicherheit, ihre Zukunft und den Wohlstand der Gesellschaft.
Welchen Beitrag können Bürger, Friedensbewegte und gesellschaftliche Bündnisse leisten, um dieser Eskalationslogik etwas entgegenzusetzen und den Ausweg aus dieser Krise mitzugestalten?
Am 17. Juli 2026 traf Naghman Ahmed von der Redaktion der Revue der Religionen den langjährigen Friedensaktivisten und ehemaligen IPB-Präsidenten Reiner Braun in der Khadija-Moschee in Berlin. Entstanden ist ein schonungsloses, aber hoffnungsvolles Gespräch darüber, wie Dialog und Diplomatie wieder echte Sicherheit schaffen, warum Frieden mit sozialer Gerechtigkeit verbunden ist – sowie über weitere drängende Aspekte rund um Friedenspolitik.
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Revue der Religionen (RdR): Herr Braun, Sie engagieren sich seit Jahren für Frieden und gegen Aufrüstung. Erinnern Sie sich an den Augenblick, in dem Sie aktiv beschlossen haben: „Das soll mein Lebensweg werden“?
Reiner Braun: Ich glaube, diesen Moment gibt es nicht. Ich bin eher in diese gesamte Situation hineingestolpert. Ich war AStA-Vorsitzender in Dortmund, als der Krefelder Appell, also der große Appell gegen die Mittelstreckenwaffen, entwickelt und beschlossen wurde. Bei der entsprechenden Veranstaltung war ich für den AStA vor Ort, weil wir sagten: Frieden ist das Wichtigste; dort muss jemand hin. Meine lieben Kolleginnen und Kollegen wollten alle ins Wochenende, also fuhr der Chef selbst hin. Dort konnte ich mit einer ganzen Reihe wichtiger Leute reden und mich auch mit einem eigenen Beitrag beteiligen.
Fast ein Jahr später wurde ich gefragt, ob ich das Büro des Krefelder Appells übernehmen würde. Ich war gerade fertig mit meinem zweiten Studium, Journalistik in Dortmund. Und was kann man einem jungen Menschen Ende 1981 Interessanteres anbieten als einen Job in der Friedensbewegung, wenn man aus der politischen Studentenbewegung kommt?
Ich sagte dann: Jawohl, das mache ich. Salopp gesagt, bin ich dann dort hängen geblieben. Wir entwickelten den Krefelder Appell weiter. Zu meinen Kernaufgaben gehörte es, die Entwicklung und Gründung von berufsbezogenen Friedensinitiativen voranzutreiben. Es gab einige, die wir mitaufgebaut haben: Sportler, sehr stark dann auch Künstler. Ich war aktiv beteiligt an dem großen Festival „Künstler für den Frieden“ in Bochum mit 200.000 Teilnehmern im September 1982.
Da ich aus der Hochschule kam, hatte ich mich natürlich auch um die Wissenschaft mitgekümmert. Wir gründeten damals das Forum „Naturwissenschaftler für Frieden und Abrüstung“. Dort landete ich erst als Sekretär und dann als Geschäftsführer.
So bin ich mein Leben lang – mit einer kurzen Unterbrechung, die allerdings keine inhaltliche war – in der Friedensbewegung aktiv gewesen. Diese Unterbrechung lag zwischen 2003 und 2006 am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Dort bereitete ich das Einsteinjahr 2005, also 100 Jahre nach den drei großen Entdeckungen, mit vor. Da gab es im Kronprinzenpalais in Berlin die bisher größte Einstein-Ausstellung, und ich war mit zuständig und verantwortlich für den Bereich „Einstein und Frieden“. Mit Unterstützung des Instituts und seines Direktors durfte ich darüber publizieren und habe ein großes Buch auf Englisch und Deutsch zum Thema Einstein und Frieden herausgebracht. Das war also keine inhaltliche, sondern eine strukturelle Unterbrechung. Danach bin ich eben wieder zurück zur Friedensbewegung, und dort bin ich bis heute.
RdR: Es gibt Menschen, die sagen, man solle das, was man liebt, zum Beruf machen; dann fühle es sich nicht wie Arbeit an. Wenn Sie dieses Prinzip auf sich ummünzen: Wie wird aus einem Historiker und Journalisten ein Friedensaktivist?
Reiner Braun: Erst einmal ist der riesige Vorteil dessen, was ich mein Leben lang gemacht habe, dass ich nicht entfremdet gearbeitet habe. Ich habe immer eine Arbeit gemacht, die meiner eigenen Identität, meinen Wünschen, meinen Zielvorstellungen und auch meiner eigenen Ethik und Moral entsprach. Das ist ein großer Vorteil und absolut kraftschöpfend.
Das führt andererseits natürlich auch dazu, dass es in diesen Tätigkeiten keine festen Arbeitszeiten gibt, sondern man arbeitet so lange, wie es die Sache, an der man gerade dran ist, erfordert. Das ist die Ambivalenz einer solchen Situation. Trotzdem muss ich sagen: Ich habe diese Jahrzehnte bei allen Schwierigkeiten und Kontroversen genossen. Denn sie haben mich geprägt, weiterentwickelt und dazu beigetragen, dass ich wirklich das machen konnte, womit ich mich mein Leben lang identifizieren konnte. In dieser Hinsicht hatte ich ein Privileg.
Was das Finanzielle angeht: Ich weiß nicht, was ich verdient hätte, wenn ich einen normalen bürgerlichen Beruf ergriffen hätte. Der Verdienst war in dem, was ich gemacht habe, sicher etwas limitierter, aber das wiegt all das nicht auf, was es an riesigem Fundus gegeben hat.
Vor allen Dingen hatte ich die Möglichkeit, mit Menschen zusammenzukommen, die mich sehr geprägt haben und von denen ich ungeheuer viel mitnehmen konnte. Um nur zwei zu nennen: Der eine war Linus Pauling, zweimaliger Nobelpreisträger – der einzige, der zwei ungeteilte Nobelpreise für Chemie und Frieden bekommen hat. Ihn lernte ich kennen, als er schon ein alter Mann war, aber ich hatte die Gelegenheit, mit ihm zusammenzusitzen und zu diskutieren. Das war fantastisch. Oder Joseph Rotblat: Pugwash-Präsident, Friedensnobelpreisträger als Person und mit der Organisation, der aus dem Manhattan-Atomwaffen-Projekt ausstieg, bevor die Bombe fiel, und sich sein Leben lang – er ist 96 geworden – gegen Atomwaffen engagierte. Solche Menschen kennenzulernen – das sind wirklich nur zwei Namen von vielen –, ist natürlich wahnsinnnig prägend und positiv beeinflussend.
Ich hatte auch die Gelegenheit, die Welt zu bereisen. Durch meine internationale Tätigkeit war ich in vielen Ländern und habe Menschen getroffen, die ich sonst niemals kennengelernt hätte. Dieses Leben war absolut bereichernd. Dafür nimmt man die eine oder andere Kleinigkeit, die dann eben so ist, wie sie ist, durchaus in Kauf.
RdR: Wann würden Sie sagen – auch wenn das retrospektiv natürlich schwierig zu beantworten ist – haben Sie sich dieses Label „Friedensaktivist“ selbst zugeschrieben? Hätten Sie 1980 beim Krefelder Appell schon gesagt: „Ich bin ein Friedensaktivist“?
Reiner Braun: Ich hatte immer gesagt: Ich bin für den Frieden engagiert. Das war ich aber auch schon als Studentenfunktionär und AStA-Vorsitzender. Wir hatten im AStA bereits Friedenspolitik gemacht und hatten schon 1980 einen Slogan, der sich für Abrüstung einsetzte und der lautete: „Bildung statt Bomben“.
Aber dieses Etikett „Friedensaktivist“ habe ich mir nie selbst zugeschrieben und mache das auch heute nicht. Ich bin für den Frieden engagiert und setze mich dafür ein, in möglichst breiten Koalitionen Kriegsgefahren abzuwenden. Das ist das, wofür ich stehe. Dass andere das als Friedensaktivismus bezeichnen – gut, das nehme ich gerne an.
RdR: Es ist immer sehr interessant, wenn ich mit Menschen aus Ihrer Generation spreche. Ich habe mich einmal mit einer Bekannten unterhalten, einer Bibliothekarin. Wir sprachen über die jüngere Generation. Was ich auch in meinem eigenen Freundeskreis merke: Wenn man über die Zukunft spricht, insbesondere aktuell über das Thema Familienplanung, schauen einen viele an, als hätte man etwas Ungeheuerliches ausgesprochen, und sagen: „Du, in diese Welt ein Kind setzen? Das möchte ich nicht.“ Meine Bekannte meinte dazu: „Damals in den 80ern und 90ern wussten wir auch nicht, was morgen kommt, und haben uns nicht ganz sicher gefühlt.“ Meine Frage lautet nun: Sie als jemand, der das damals aktiv miterlebt hat: Was hat Sie am meisten bewegt? Die Angst vor dem Krieg oder die Hoffnung auf Frieden?
Reiner Braun: Eindeutig das Zweite. Ich glaube bis heute, dass die Menschheit in der Lage ist, ihre Zukunft friedlich zu gestalten. Ich möchte zu „friedlich“ noch ein Wort hinzufügen: friedlich und gerecht. Wobei Gerechtigkeit auch einen vernünftigen Umgang mit der Umwelt und der Natur einschließt. Das hat mich viel mehr bewegt als die Angst.
Sicherlich war das Angstphänomen, vor allem Anfang der 1980er-Jahre, ein stark mobilisierendes Moment. Aber ich hatte es nie in den Mittelpunkt gestellt. Ich versuchte immer herauszustellen: Wir haben die Chance, aus dieser schwierigen Situation mit großer Kriegsgefahr – was für heute mindestens ebenso gilt – herauszukommen. Und zwar durch eigenes vernünftiges Handeln und den Versuch, Mehrheiten in der Bevölkerung für den Frieden zu schaffen und zu erhalten. Das hat mich insgesamt stets viel mehr bewegt.
Ich bin ja nicht nur friedensengagiert, sondern – ich benutze jetzt mal diesen Begriff, obwohl er natürlich ein bisschen umstritten ist – politisch auch ein Linker; einer, der für Gerechtigkeit steht; für eine Gesellschaft, in der die Kluft zwischen Oben und Unten nicht mehr so dramatisch ist wie derzeit, sondern in der durch soziale Gerechtigkeit mehr Gleichberechtigung, Gestaltungsmöglichkeiten und Entwicklungschancen geschaffen werden, vor allem für diejenigen, die eben nicht reich geboren sind. Dieser Gedanke ist untrennbar mit Frieden verbunden. Denn nur im Frieden kann sich eine Gesellschaft gerechter gestalten. Im Krieg oder in Zeiten der Kriegsvorbereitung werden Gesellschaften immer ungerechter und autoritärer. Von daher ist der Gedanke „Frieden“ für mich auch stets mit dem Gedanken „Gerechtigkeit“ verknüpft.
RdR: Darauf würde ich später gerne noch einmal zurückkommen. Aber da wir gerade über den Generationenvergleich und die Weltlage sprechen: Wie unterscheidet sich die heutige Lage von früheren Krisen, wenn Sie das einordnen müssten?
Reiner Braun: Durch ihre Dramatik und ihre Irrationalität. Der Kalte Krieg – das lässt sich heute historisch leichter beurteilen als mittendrin – besaß eine gewisse Rationalität. Beide Seiten wussten, wie weit sie reizen konnten und was ein Überreizen bedeutete. Man ging bis an die Grenzen des Reizens: Die Stationierung von Pershing II und Cruise-Missiles war ein Austesten dieser Grenzen, aber es blieb in der Schwebe, dass man Abschreckung wollte, nicht den Krieg. Zudem sind die Gespräche zwischen Ost und West – das klingt heute fast verrückt – nie abgebrochen. Selbst in der schlimmsten Zeit nach der Stationierung gab es zwischen Ost und West Kontakte und Kanäle hinter den Kulissen, über die miteinander geredet und verhandelt wurde. Und schließlich hatten wir das Glück, auf eine historische Persönlichkeit wie Michail Gorbatschow zu treffen – den ich wohlgemerkt nicht ausschließlich positiv sehe –, der bereit war, unsere Idee des Ausstiegs aus der Abschreckungslogik durch einseitige Schritte der zweiten großen Supermacht in die Welt zu setzen. Das hatte diese Welt natürlich ziemlich verändert.
Heute erleben wir eine Situation, die meiner Ansicht nach durch einen absoluten Irrationalismus der politischen Führung gekennzeichnet ist, wobei dieser Irrationalismus einen rationalen Hintergrund hat. Der rationale Hintergrund ist: Was 500 Jahre Kolonialismus und westliche Hegemonie ausmachte – unter Federführung der USA und im engen Bündnis, besser gesagt Vasallentum, mit Europa –, ist zu Ende. Diese hegemoniale Rolle des globalen Westens ist gebrochen, weil andere Mächte ökonomisch, politisch und sozial deutlich stärker geworden sind. Das gilt allen voran natürlich für China, das eine gigantische Aufholjagd hinter sich hat. 800 Millionen Menschen aus der Armut zu führen, hat historisch noch kein Land geschafft. Man kann und soll über China viel diskutieren, muss jedoch anerkennen, was dort geleistet wurde. In der Tendenz gilt das auch für Indien mit seinen Fortschritten; alles nicht frei von Widersprüchen, aber das ist die Welt.
Der Verlust der Hegemonie führt bei den bisherigen Hegemonialmächten zu einem aggressiven Verhalten, mit dem sie ihre Stellung verteidigen und zurückgewinnen wollen. Die Kriege der USA sind dafür das beste Beispiel, ebenso wie das Verhalten der nachlaufenden Europäer mit einem geradezu wahnwitzigen Militarisierungsprogramm. Historisch ist das zum Scheitern verurteilt, so wie jeder Verlust von Hegemonie in der Geschichte zum Scheitern verurteilt war. Man kann die Griechen, die Römer, die Habsburger und all die anderen als Beispiel heranziehen. Da dies heute jedoch auf der Spitze der Hochrüstung und, historisch neu, mit Atomwaffen betrieben wird, ist es so extrem gefährlich und birgt die Gefahr eines vernichtenden Krieges, zumindest für Europa.
Nichtsdestotrotz bleibt für mich in dieser Dialektik zwischen Irrationalität und Rationalität das Rationale prägend. Deshalb glaube ich, dass man noch einen Ausweg finden kann, der eben zurückführt zu einer Politik der gemeinsamen Sicherheit, zu Verhandlungen und Dialog. Allerdings wird das nicht ohne ein deutlicheres Aufwachen der Bevölkerung in den betroffenen Ländern gelingen.
RdR: Sie haben gerade den Kalten Krieg angesprochen. Viele sprechen heute von einer Rückkehr der Blockkonfrontation. Teilen Sie diese Einschätzung oder unterscheidet sich die jetzige Weltordnung grundlegend von jener des Kalten Krieges?
Reiner Braun: Die Blockkonfrontation der 1980er-Jahre war eine politisch-ideologische Konfrontation, die sich dann auch militaristisch manifestierte. Heute haben wir im Wesentlichen ein unipolares kapitalistisches Weltsystem – einmal abgesehen von den wenigen Ausnahmen, die sich für sozialistisch halten, wie Kuba, vielleicht Vietnam oder eingeschränkt China. Ja, über die Staatsform Chinas kann man viel diskutieren. Jedenfalls haben wir heute eine andere Situation.
Was heute stattfindet, ist eben ein Hegemonialkampf der ökonomisch dominanten Länder des Westens über Jahrzehnte. Der Anteil des Westens an der weltweiten Produktion lag einst bei fast zwei Dritteln und ist heute auf deutlich unter 50 Prozent gerutscht. China hielt, wenn ich das recht weiß, 1980 3 Prozent des Weltinlandsprodukts, heute sind es 18 oder 19 Prozent. Europa sank von 21 auf 9 Prozent. Das verdeutlicht die dramatischen Verschiebungen. Und der Konkurrenzkampf verläuft unter kapitalistischen, extrem profitorientierten Bedingungen keineswegs friedlich. Die alten Mächte wollen ihre Profite sichern. Das sieht man exemplarisch an VW: Das Unternehmen gerät unter Druck, weil es dem globalen Konkurrenzkampf nicht standhält – durch eigene Versäumnisse, aber auch durch objektive Faktoren. Den „Exportweltmeister Deutschland“ wird es in dieser Form nie wieder geben. Es kann ihn gar nicht mehr geben, weil sich die Welt verändert hat.
Diese Verschiebungen werden von den absteigenden Mächten nicht als Chance begriffen, sich neu aufzustellen. Es geht nicht darum, dass diese Länder bankrottgehen, sondern darum, dass sie sich meiner Ansicht nach auf ein neues Gesellschaftssystem mit Aufteilung einstellen. Und das kann es nur geben auf der Basis einer grundlegenden sozial-ökologischen Transformation. Sie können nur ein Vorbild für die Welt sein, indem sie diese notwendige Transformation avantgardistisch vorantreiben. Das heißt: Klimagerechtigkeit in ihrem Lande einführen und nicht die armen Leute mit immer mehr Preisen belasten – das ist keine Klimagerechtigkeit. Darüber hinaus gilt soziale Gerechtigkeit als Vorbildfunktion, denn auch in anderen Ländern wie China oder Indien ist die soziale Schere gigantisch. In Richtung Gerechtigkeit muss noch einiges geschehen. Eine geistig-politische Vorbildfunktion könnte das sein, was vor allen Dingen Europa als ausstrahlende Rolle innehaben könnte. Dies wäre eben eine andere Rolle als in den vergangenen 500 Jahren als Kolonialmacht.

RdR: Sie haben über Veränderungen gesprochen. Ich würde gern in eine etwas dystopischere Richtung gehen: Die „Doomsday Clock“ steht heute so nah an Mitternacht wie nie zuvor – aktuell bei 85 Sekunden. Vor knapp zehn Jahren waren es noch 120 Sekunden, also zwei Minuten. Ist das für Sie ein rein symbolisches Warnsignal oder entspricht das der tatsächlichen Realität?
Reiner Braun: Es ist ein dramatisches Warnsignal. Um diese Dramatik einzuordnen: Während der Kubakrise stand die Uhr auf sieben Minuten vor zwölf. Und man ist sich heute einig, dass dies die am schärfsten zugespitzte Situation zwischen Ost und West in der Geschichte war. Ich kann mich als Kind noch daran erinnern: Bei uns lief sonst nie der Fernseher, aber an diesem Tag lief er ununterbrochen. Ich sah meine entsetzten Eltern und Großeltern durchs Haus laufen, die sich gigantische Sorgen machten. Diesen Eindruck habe ich bis heute nicht vergessen. Ich konnte wahrnehmen, dass da irgendetwas ganz Schreckliches war. Dennoch haben damals verantwortungsvolle Staatsmänner noch einen Ausweg gefunden – und zwar im direkten Gespräch. Robert Kennedy mit Dobrynin und schließlich Chruschtschow mit Präsident Kennedy.
Wenn wir heute von nur noch 85 Sekunden sprechen, verdeutlicht das, wie dramatisch die Situation ist. Sie ist deswegen dramatisch, weil es weltweit rund 13.000 Atomwaffen gibt. Die beiden großen Mächte – Russland und die NATO – haben den Erstschlag oder Ersteinsatz von Nuklearwaffen in ihrem Programm verankert. China ist das einzige Land, das einen Ersteinsatz nicht im Programm hat. Hinzu kommt die Gefahr einer nuklearen Ausweitung auf Europa, sei es durch einen ‚französischen Nuklearschirm‘ oder sogar eine ‚Eurobombe‘. Solche Szenarien werden tatsächlich diskutiert. Das geht bis hin zu manchen besonders ‚klugen‘ Köpfen in Deutschland, die nach wie vor von einer eigenen deutschen Atombombe träumen und fabulieren. Die FAZ bringt alle paar Wochen irgendeinen Artikel in diese Richtung, und sie gilt nun mal als das geistige Blatt der herrschenden Eliten. Daher halte ich diese Diskussion überhaupt nicht für ausgestanden.
Zweitens: Atombomben und eine Atomwaffenstationierung sind niemals zu 100 Prozent sicher – ein technischer Fehler, ein menschlicher Fehler oder eine Fehlreaktion reichen aus. Nehmen wir als Beispiel die baltischen Staaten: Eine Rakete schlägt ein – ganz gleich, woher sie stammte –, man hält sie für russisch, und dann drückt jemand den falschen Knopf, weil er meine, jetzt müsse man antworten. Das ist in der aktuellen Lage keineswegs ausgeschlossen.
Daher ist die Situation unter allen Rahmenbedingungen dramatisch. Ich bin den Machern der Doomsday Clock und dem Bulletin of the Atomic Scientists sehr dankbar, dass sie immer wieder den Finger in die Wunde legen. Auf der anderen Seite zeigt der Atomwaffenverbotsvertrag, den über 100 Staaten unterzeichnet und rund 80 ratifiziert haben, dass auch die Gegenbewegung wächst. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern vielschichtige Entwicklungen. Deshalb bleibt die Anti-Atomwaffen-Arbeit sowie das Erinnern an Hiroshima und Nagasaki am 6. August ein ganz wichtiger Punkt unserer Friedensarbeit.
Und ein weiterer Faktor ist, dass Atomwaffen natürlich nicht kostenlos sind: Die USA planen in den nächsten 20 Jahren etwa eine Billion Dollar, eine kaum vorstellbare Summe, für die Modernisierung ihrer Atomwaffen ein. Wenn die USA modernisieren, ziehen alle anderen nach – ein wahnwitziges atomares Wettrennen. Verbindliche Verträge, die dem entgegenwirken, gibt es kaum noch; der New-START-Vertrag ist ausgelaufen. Daher ist eine meiner dringendsten Forderungen, die ich immer wieder vortrage: Wir brauchen wieder Verhandlungen über Rüstungskontrolle. Selbst innerhalb der Logik der Atomwaffenmächte ist die Zahl von 13.000 (Sprengköpfen) irrsinnig. 4.000 oder 5.000 wären aus deren Sicht völlig ausreichend. Sie würden zwar immer noch alles zerstören, aber es wären immerhin 6.000 oder 8.000 weniger. Eine solche Reduzierung von Atomwaffen ist demnach auch in der Logik von Rüstungs- und Abschreckungsbefürwortern möglich, was wiederum eine neue Dynamik für weitere Schritte beinhalten würde. Die Absage an Atomwaffen bleibt auf der Agenda jeder Friedensbewegung zentral.
RdR: Ich habe Ihnen ein Zitat mitgebracht. Zum Hintergrund: Es handelt sich um ein Epigramm von Goethe aus dem Jahr 1797 als Antwort auf Kants Werk „Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“. Goethe schrieb: „Bald, kennt jeder den eigenen Vorteil und gönnet dem andern seinen Vorteil. So ist ewiger Friede gemacht.“ Kants Ansatz war damals primär philosophisch und juristisch geprägt: Wie schaffen wir internationale Rechtsdurchsetzung? Die Einschränkung der Heere? Viele argumentieren, dass Goethes Antwort eher anthropologisch und pragmatisch gelagert war. Wie sehen Sie das? Was ist entscheidender: Funktionierende Ordnungen und internationale Institutionen oder die innere Haltung des Menschen?
Reiner Braun: Ich sehe in diesen beiden Positionen überhaupt keinen Gegensatz, sondern denke, dass wir beides brauchen. Kant hat im Prinzip die Vision eines gerechten Weltfriedens unter völkerrechtlichen Bedingungen formuliert – so würde man das heute ausdrücken –, die meiner Ansicht nach bis heute Ausstrahlungskraft besitzt. Und diese Vision eines gerechten globalen Friedens brauchen wir; davon lebt jede Friedensbewegung.
Gleichzeitig brauchen wir natürlich auch pragmatisches Handeln. Pragmatismus bedeutet immer zu fragen: Was sind die nächsten Schritte unter schwierigen Bedingungen? Genau das hat Goethe in seinen Aussagen im Grunde vertreten: Ich schaue, was machbar ist, setze das um und sehe dann weiter. Die Friedensbewegung lebt von der Verbindung dieser beiden Ebenen, und das ist heute erst Recht wichtig.
Um es zugespitzt zu formulieren: Wir müssen uns heute Gedanken darüber machen, wie wir – während wir die Vision bereits im Auge haben – aus der aktuellen Politik der Konfrontation und Kriegsvorbereitung herauskommen. Ich kann versuchen, dort herauszugelangen, indem ich immer die Vision beschwöre; das hat dann fast etwas Metaphysisches. Oder aber ich mache mir Gedanken über konkrete erste Schritte: Wie gelangen wir vom jetzigen Zustand zu etwas Besserem? Ein Kollege von mir nannte das vor Kurzem „Babysteps“. Ich finde diesen Begriff, weil er so schön humanistisch ist, ausgesprochen passend.
Ein Teil meiner Antwort lautet daher: Denkt doch einmal mit uns darüber nach, ob wir nicht wieder etwas Vergleichbares wie den Harmel-Bericht brauchen. Der Harmel-Bericht von 1967, benannt nach dem belgischen Außenminister, war ein NATO-Dokument mit der Kernbotschaft: Wir brauchen beides. Wir brauchen Abschreckung, also Aufrüstung und Modernisierung, UND Entspannungspolitik UND Dialog. Das bedeutete damals: Ihr müsst auf euer Feindbild nicht sofort verzichten und könnt auch eure Profite vorerst sichern, aber wenigstens sprecht ihr wieder miteinander – und dann sehen wir weiter.
Vielleicht brauchen wir ein solches Dokument heute wieder – sei es von der NATO oder vielleicht auch von anderen Institutionen –, das anerkennt: Die Lage ist extrem schwierig, aber wir müssen vorankommen. Mit Einseitigkeit kommen wir nicht weiter, also setzen wir wieder auf Harmel: Abschreckung und Entspannung. Diese Ausrichtung gab damals Willy Brandt die Möglichkeit für die Ostverträge; das war die NATO-seitige Absicherung dieser Politik.
Vielleicht ist genau das auch heute nötig. Man kann von der herrschenden Politik, wie immer man zu ihr stehen mag, schließlich nicht erwarten, dass sie alles, was sie in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren gemacht hat, schlagartig über Bord wirft und mit einem Mal so vernünftig wird, wie wir es sind. Man muss Anknüpfungspunkte an das bestehende herrschende Bewusstsein finden. Ich könnte mir vorstellen, dass allein die Diskussion über einen Harmel-Bericht schlichtweg eine neue Beweglichkeit in die Debatten der Eliten oder in herrschende Diskurse bringen würde. Deshalb bin ich eigentlich einer derer, die diese Idee ein wenig vorbringen.
Ich denke dabei natürlich auch in Richtung der Sozialdemokratie. Nicht nur, weil ich die SPD irgendwie nach wie vor für wichtig hielte, sondern weil die Sozialdemokratie eine historische Strömung darstellt, die weit über die einzelne Partei hinausreicht. Es geht um die Frage, ob man Strömungen wie diese gewinnen kann, einen solchen Weg mitzugehen, um so die gesamte Front derer, die alternativ denken, zu stärken. Das ist für mich die Dialektik aus der Vision, die wir absolut brauchen und mit der wir leben, und einem sehr pragmatischen Ansatz, der für eine Übergangszeit sogar das Aufrüsten in Kauf nimmt. In diese Richtung muss man meines Erachtens denken, wenn man in „Babysteps“ einen Ausweg aus der Philosophie der Kriegsvorbereitung sucht.
RdR: Wenn wir auf die nationale und internationale Friedensbewegung blicken und die aktuellen Konflikte betrachten: Was fehlt den Friedensbewegungen heute?
Reiner Braun: Man muss differenziert an diese Frage herangehen. Was genau ist die „internationale Friedensbewegung”? Das sind in erster Linie Netzwerke, die auf dem basieren, was in den einzelnen Ländern geschieht. Eine internationale Friedensbewegung kann nicht besser sein als die nationalen Bewegungen, auf denen sie fußt.
Wir sind mit der Entwicklung der Friedensbewegung natürlich nicht durchweg glücklich. Viele bemühen sich sehr intensiv, aber es gelingt uns noch nicht ausreichend, zu einer breiten, vielfältigen Bewegung zu werden. Es gibt hierfür sowohl objektive als auch subjektive Hemmschwellen, an denen gearbeitet werden muss.
Das Positivste an der internationalen Friedensbewegung ist für mich, dass es mittlerweile internationale Netzwerke mit dem Globalen Süden in einer neuen Dimension gibt. Das International Peace Bureau (IPB) ist dafür sicher ein gutes Beispiel: Zum ersten Mal ist unser Vorstands-Board mehrheitlich mit Vertretern aus dem Globalen Süden besetzt. Wir haben zunehmend Veranstaltungen, die sich mit Thematiken des Globalen Südens beschäftigen – nicht nur zur gemeinsamen Sicherheit im indopazifischen Raum, sondern auch zu drängenden Konflikten wie im Sudan und Ähnlichem.
In der internationalen Friedensbewegung tut sich derzeit doch mehr als in den vergangenen Jahren: Kürzlich hatten wir die große gewerkschaftliche Friedenskonferenz in London, Mitte Juni gab es in Brüssel die erste interessante Demonstration gegen die europäische Militarisierung. Und wir erleben eine weltumspannende Palästina-Solidaritätsbewegung, die mutig gegen die Repressionen in wichtigen Ländern ankämpft und die immer wieder versucht, zu mobilisieren. Mein Gefühl in Bezug auf die Entwicklung der Friedensbewegung auf internationaler Ebene ist daher durchaus positiv.
Bei den nationalen Bewegungen hingegen besteht die größte und schwierigste Aufgabe darin, den Schritt aus der eigenen Blase hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Friedensbewegung zu vollziehen. Dafür müssen mindestens drei große gesellschaftliche Strömungen eingebunden werden: die Religionsgemeinschaften, die Gewerkschaften und die Umweltverbände.
Schon bei der Nennung dieser Akteure werden die Probleme deutlich:
Bei den Gewerkschaften beobachten wir ein ausgeprägtes Stillhalten gegenüber der Politik der Bundesregierung und ein Vermeiden, den klaren Zusammenhang zwischen Hochrüstung und Sozialabbau herauszuarbeiten. Im Sozialen werden sie jetzt gottseidank aktiver. Bezüglich des anderen gibt es im Aufruf des DGB zum 1. September zwar erste Ansätze, was ein kleiner Fortschritt ist, doch das ist noch völlig unzureichend.
Bei den Kirchen liegt eine Studie der EKD vor. Bischöfe der katholischen Kirche wollen schon wieder die Waffen segnen. Auch dies ist die Realität. Jedoch ist hier die Lage natürlich nicht schwarz-weiß; es gibt auch viel Widerstand.
Und bei den Umweltverbänden dominiert in den Führungsetagen nach wie vor eine stark grün geprägte Linie.
Selbstverständlich gibt es Vorbehalte und Widerstände; wie sich das Ganze letztlich entwickelt, wird sich zeigen. Wir sollten uns jedenfalls diesen Organisationen öffnen, um tatsächlich zu Kooperationen auf allen Ebenen zu gelangen. Dies schließt die Führungsebene übrigens mit ein. Ich will weder eine Sozialfaschismustheorie wiederbeleben noch sonst etwas. Wir können nicht jede Zusammenarbeit mit den Führungen ablehnen. Es ist ein Prozess, der Zeit und Kraft kostet. Und er beinhaltet auch Misserfolge. Nichtsdestotrotz sollte dies meiner Ansicht nach die strategische Orientierung sein.
Zweitens muss die Friedensbewegung ihre Aufklärungsarbeit intensivieren. Das gilt in allen Ländern. Wir müssen mit unseren Argumenten wieder näher an die Menschen heran – auf welchem Weg auch immer, von Social Media bis hin zum Infostand. Das ist für viele in der Bewegung etwas Neues, da wir in den letzten Jahren zu selten unsere eigene Blase verlassen haben. Schließlich gehört dazu auch das Ringen um Verjüngung. Der Schlüssel hierfür liegt in der aktuellen Wehrpflichtdebatte, wobei diese im Grunde eine breit anzulegende antimilitaristische Debatte ist, denn die Wehrpflicht steht in direktem Zusammenhang mit der schleichenden Militarisierung der gesamten Gesellschaft – vom Zivilschutz über Schulen und Universitäten bis hin zu den Krankenhäusern.
Das sind die Aufgaben, die vor uns stehen. Dass wir dabei auch innere Konflikte überwinden müssen, gehört in Krisenzeiten einfach dazu. Ich bin jedoch optimistisch, dass wir uns auf einem Weg befinden, der zu einer Verbesserung und Intensivierung der Kontakte und Zusammenarbeit führen wird.
RdR: Was müsste sich politisch ändern, damit Vertrauen zwischen Staaten wieder neu erblühen kann?
Reiner Braun: Neben dem, was ich bereits zum Harmel-Bericht gesagt habe, ist der zweite wesentliche Punkt: Diese unseligen Gesprächsverbote müssen überwunden werden. Wir müssen wieder miteinander reden.
Ich habe kürzlich auf Tagesschau online einen Bericht gelesen über drei gestandene Politiker – zwei Deutsche und ein Schweizer –, die sich auf den Weg machten, um mit russischen Vertretern zu sprechen. Da sie nicht nach Moskau reisen konnten, trafen sie sich in Baku. Und was macht der Bericht daraus? Das Vorhaben wurde regelrecht zerfleischt, als handele es sich um Vaterlandsverrat! Aber mit wem soll man denn sprechen, wenn nicht mit der anderen Seite? Wir können dem Verhandlungspartner doch nicht vorschreiben, wer auf seiner Seite am Tisch sitzt.
Über Gesprächspartner, die ich teilweise persönlich kenne und sogar sehr schätze, wird in den Medien in einer Weise hergefallen, als seien sie die schlimmsten Kriegsverbrecher. Dieser Umgangston in Berichterstattung und Politik ist völlig inakzeptabel. Wir müssten vielmehr froh sein, dass es noch Menschen gibt, die über Kontakte verfügen und Gespräche aufrechterhalten.
Von daher lautet mein dringendes Plädoyer: Bitte nutzt alle Ebenen für den Dialog und in erster Linie mit Russland, aber auch mit Belarus. Wir müssen nicht übereinstimmen. Wir müssen auch nicht gleich große gemeinsame Erklärungen unterzeichnen. Aber wir müssen miteinander reden, damit das wieder entsteht, was so zutiefst zerstört wurde: Vertrauensbildung.
Wer die Memoiren von Egon Bahr gelesen hat, der weiß, dass der Kern dieser Memoiren über viele Seiten hinweg derselbe ist: Ich habe mich um Vertrauensbildung bemüht. Ich habe immer einen Gesprächskanal offengehalten, wenn andere nicht mehr funktionierten. Und den habe ich dann genutzt. Oder – einmal von der anderen Seite betrachtet – wer die Schriften von Valentin Falin liest, dem sowjetischen Botschafter in Deutschland, dem Vater der sowjetischen Ostpolitik und späteren Sekretär des Zentralkomitees unter Gorbatschow, der stößt im Prinzip auf genau dieselbe Aussage: Wenn wir nicht miteinander reden, können wir nichts erreichen.
Dazu sind jetzt auch die Zivilgesellschaft, die Friedensbewegung, die Kirchen und die Gewerkschaften gefordert, auf ihren jeweiligen Ebenen entsprechende Initiativen zu entwickeln. Ich war bekanntlich Ende April in Moskau, um genau diese Gespräche auf den Ebenen zu führen, auf denen die Friedensbewegung tätig werden kann. Wir sind sehr zufrieden zurückgekehrt und werden diesen Weg weitergehen. Wenn wir diesen allerersten Schritt des Redens nicht hinbekommen, dann weiß ich nicht, wie die nächsten Schritte aussehen sollen.
Dabei ist übrigens auch Unterstützung gefordert. Möglicherweise benötigen wir für die Entwicklung bestimmter Gesprächskontakte Mediatoren und Moderatoren. Auch der Globale Süden ist gefragt. Vielleicht trifft man sich ja doch einmal in Brasília bei Lula oder in Peking bei Xi – an Orten also, die beide Seiten zusammenführen könnten. Entscheidend ist, dass uns dies gelingt und wir zugleich zu einer Entradikalisierung der Sprache unserer Politik kommen, sodass wir den anderen wieder als Menschen und als Gesprächspartner akzeptieren, dem man zuhört. Was ich teilweise an Worten aus dem Mund unserer Politiker höre, ist wirklich unterirdisch.
Wir müssen mit kleinen Schritten beginnen und hoffen, dass daraus mehr erwächst. Zunächst geht es darum, diese ersten Schritte überhaupt zu gehen. Wir als Friedensbewegung, aber auch alle sozialen Bewegungen sowie alle, die ähnlich denken – in Gewerkschaften, Kirchen und Umweltverbänden –, haben dabei dieselbe Aufgabe. Jeder Sportverein kann auf Sportvereine zugehen, jeder Musikverein auf Musikvereine. Wir brauchen wieder diesen Dialog; diese Volksdiplomatie von unten, wie wir sie bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren hatten. Sie ist der Unterpfand dafür, dass sich auch auf der höchsten politischen Ebene etwas entwickeln und vorangehen kann.
RdR: Vielleicht ist es nur mein Eindruck, aber warum glauben Sie, dass Frieden heute scheinbar weniger Menschen mobilisiert als damals?
Reiner Braun: Zum einen ist diese Gesellschaft ein Stück weit Gefangene ihrer eigenen Ideologie. Die Ideologie der Herrschenden ist die herrschende Ideologie – das hat schon einmal (sinngemäß) jemand gesagt, der inzwischen lange tot ist, aber ich glaube, diese Aussage stimmt noch immer. Es fällt vielen schwer, angesichts der täglich auf uns einprasselnden Feindbildkonstruktionen einen halbwegs klaren Kopf zu bewahren. Blickt man auf die Wahrnehmung Russlands, ist dieser klare Kopf im Osten Deutschlands deutlich ausgeprägter als im Westen der Republik. Das hängt mit der historischen Prägung Westdeutschlands zusammen, wo das Feindbild Russland bzw. Sowjetunion vor und nach 1945 fortbestand. Das führt dazu, dass selbst Gutgläubige und selbst Menschen, die früher mit uns waren, heute Zweifel haben und sagen: „Muss man nicht vielleicht doch aufrüsten? Steht Putin nicht doch schon in unserem Vorgarten?“ – und all diesen Unsinn glauben.
Zum Zweiten hat die neoliberale Gesellschaft der letzten drei bis vier Jahrzehnte dazu geführt, dass Solidarität und Gemeinsamkeit sehr zugunsten von Individualismus und Konkurrenz verloren gegangen sind. Friedensbewusstsein und Friedensgedanken lassen sich jedoch eigentlich nur gemeinsam und solidarisch entwickeln. Mit ganz wenigen Ausnahmen ist das kein individualistischer Bewusstseinsprozess. Damit sind auch die solidarischen Strukturen geschwunden, die Menschen dabei helfen, Gemeinschaft zu erleben und nicht allein zu stehen. Ich kenne das von Betriebsräten, die zu mir sagen: „Reiner, ich bin absolut bei dir. Aber wenn ich in den Betrieb gehe, bekomme ich alles um die Ohren gehauen. Deshalb sage ich erst einmal nichts oder überlege mir dreimal, wie ich es formuliere.“ Ich glaube, dieses Gefühl gibt es heute an sehr vielen Stellen.
Zu meiner Zeit war es noch einfach, in einem Seminar über Frieden zu diskutieren. Heute ist es an einer Universität eine Herausforderung. Das sieht man auch an der gesamten Zivilklausel-Bewegung. So wichtig sie auch ist – sie ist keine Massenbewegung geworden. All das zeigt, dass der Neoliberalismus genau das bewirkt hat, wofür er steht: Er hat den Solidaritätsgedanken zugunsten von Konkurrenz, Egoismus und Individualisierung geschwächt. Dadurch wird die Entwicklung solidarischer Widerstandsformen und eines kollektiven Bewusstseins erheblich erschwert. Friedensbewusstsein entsteht – von wenigen schlauen Ausnahmen abgesehen – kollektiv. Dieser Weg ist heute wesentlich komplizierter geworden. Das ist nicht zuletzt dem Siegeszug des Neoliberalismus zu ‘verdanken’.
RdR: Ich würde gerne wieder überleiten: Sie haben vorhin über drei wichtige Träger der Friedensarbeit gesprochen – Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften und Umweltverbände. Da uns bei der Revue der Religionen der religiöse Dialog ein zentrales Anliegen ist, möchte ich gerne etwas näher auf das Thema Religion eingehen. Heutzutage hört man oft sehr pauschale Urteile. Da heißt es oft: Religion bringe doch keinen Frieden, sondern sei vielmehr die Ursache vieler Konflikte. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die sagen: Religion ist im Grunde die Quelle des Friedens. Sie verfügen über jahrzehntelange Erfahrung und haben sehr viel gesehen: Wie ordnen Sie das ein? Welche Rolle schreiben Sie der Religion zu?
Reiner Braun: Meiner Ansicht nach kann die Religion eine ganz entscheidende Rolle bei Friedensprozessen spielen. Was mich in dieser Hinsicht sehr geprägt hat – um auf meine eigene Vergangenheit zurückzukommen –, ist der interreligiöse Dialog, den Carl Friedrich von Weizsäcker in den 1980er-Jahren initiiert hatte; mit allen Kirchen, in großer internationaler Zusammensetzung und auf riesigen Konzilien, in denen über Frieden gesprochen wurde. Das hatte damals eine enorme Ausstrahlungskraft auf viele Friedensprozesse.
Religion kann und muss meines Erachtens ihrem eigenen Selbstverständnis nach einen aktiven Beitrag zum Frieden leisten. Sonst nimmt sie das, wofür sie steht, nicht ernst. Dabei ist mir völlig gleich, welche religiöse Grundüberzeugung man vertritt; in ihren Grundpositionen sind sie alle sehr ähnlich – zumindest, wenn ich die monotheistischen Religionen betrachte. Und genau diese Aufgabe sollten sie wahrnehmen.
Dazu braucht es natürlich auch religiöse Führer, die eine echte Avantgardefunktion gegen die in der Religionsgeschichte immer wieder vorkommende Kriegsbegeisterung einnehmen. Der deutsche Faschismus und die Rolle von Protestantismus und Katholizismus während dieser Zeit sind dafür eines der schlimmsten Beispiele, bei allem Bewusstsein für die internen Widersprüche. Ich hatte das große Vergnügen, eng mit Pfarrer Martin Niemöller zusammenzuarbeiten, der im Konzentrationslager gesessen hatte und einer der Initiatoren des Krefelder Appells war. Ich lernte ihn erst kennen, als er bereits ein sehr alter Mann war, und er hatte mir immer wieder gesagt: „Reiner, glaube ja nicht den Religionen, denn die segnen immer die Waffen – wenn es darauf ankommt.“ Das war das Fazit eines ganzen Lebens mit seinen Erfahrungen im deutschen Protestantismus und Katholizismus. Das zeigt, wie Religion auch missbraucht werden kann.
Die positive Rolle besteht für mich darin, auf religiöse Führer zu setzen und zu hoffen, dass sie eine noch aktivere Rolle einnehmen. Das Peace Symposium der Ahmadiyya Gemeinschaft in Großbritannien war dazu ein wichtiger Beitrag, ebenso die Initiativen des Papstes. Wenn man diese Akteure noch enger zusammenbringen könnte und überlegte, welche weiteren religiösen Führungspersönlichkeiten in diese Richtung denken, wäre das für die Entwicklung einer weltumspannenden Friedensbewegung ein ausgesprochen wichtiger Beitrag. Dazu gehört natürlich auch die solidarische Unterstützung aller religiösen Basisorganisationen – wie etwa Pax Christi bei den Katholiken –, die weltweit und in Deutschland in diesem Sinne wirken.
RdR: Sie sind bereits auf das Thema der Solidargemeinschaft und die Verwirklichung der Friedensvision eingegangen. Wenn Sie es jedoch etwas eingrenzen müssten: Welche Verantwortung tragen Religionsgemeinschaften heute, wenn wir einmal von den einzelnen Führungspersönlichkeiten absehen?
Reiner Braun: Eigentlich tragen die Religionsgemeinschaften kraft ihrer eigenen Philosophie die Verantwortung, Frieden zu sichern und in einer Situation der Konfrontation alles zu tun, um Wege aufzuzeigen, die zum Frieden führen. Um es ganz praktisch zu machen: Dazu gehört für die evangelische Kirche etwa, dass sie ihre Kontakte zur orthodoxen Kirche in Russland wegen des Angriffskrieges keineswegs abbricht, sondern sie im Gegenteil intensiviert, um gemeinsam Wege aus der Krise zu suchen. Dazu müsste es im Grunde ein interreligiöses Weltfriedenskonzil geben. Religionsgemeinschaften haben die Verantwortung, nicht nur intern, sondern weit über ihre eigenen Reihen hinaus durch Aktivitäten dafür zu sorgen, dass nicht Kriegslüsternheit, sondern der Friedensgedanke im Mittelpunkt steht.
Dafür gibt es wunderbare Beispiele: Ihre Religionsgemeinschaft ist für mich ein Avantgarde-Beispiel dafür, wie man es macht. Der Kalif der Ahmadiyya Muslim Gemeinschaft ist meines Erachtens einer der wenigen religiösen Führer, die das mit größter Intensität versuchen und entwickeln. Aber salopp gesagt: Wenn ich mir die Religionsgemeinschaften weltweit anschaue, dann ist da noch viel Luft nach oben. Das heutige Friedensengagement des Papstes schätzen wir jedoch auch und wünschen uns, dass es gestärkt wird.
Nicht zu unterschätzen ist, dass die Religionsgemeinschaften eine ungeheure Ausstrahlungskraft auf die Gesellschaft besitzen, die weitaus größer ist, als wenn sich Friedensaktivisten mit bunten Fahnen und Friedenstauben hinstellen. Da kann noch sehr viel geschehen. Vor allem sollte es öffentlicher und sichtbarer werden.
RdR: In privaten Gesprächen begegnet mir oft der Satz: „Religion ist Privatsache. Das sollte man nicht in die Öffentlichkeit tragen, sondern zu Hause leben.“ Diese Haltung findet sich kurioserweise sogar im AfD-Wahlprogramm in Bezug auf den Islam wieder.
Reiner Braun: Diejenigen, die das behaupten, tun in der Praxis das genaue Gegenteil. Das ist verlogen. Bei der AfD ist es völlig verlogen, weil sie permanent gegen Muslime hetzt. Und in der offiziellen Politik ist es ebenso verlogen, weil man sich den Mantel des angeblich Christlichen umhängt, um Kriegspolitik zu betreiben und zu propagieren.
Ich bin sehr dafür, die Privatsphäre zu achten. Es sollte einen geschützten privaten Raum geben, in den nicht hineinregiert wird und in den der Staat nur bei kriminellen Handlungen eingreift. Aber man muss diesen Schutz ehrlich meinen und darf das Argument nicht vorschieben, um eigene Kriegspolitik zu verschleiern.
Auf Religionen trifft dieses Argument ohnehin nicht zu. Religionsgemeinschaften sind ein öffentliches Gut und Teil der Gesellschaft – und Gesellschaft ist öffentlich. Sie artikulieren sich daher naturgemäß öffentlich. Das Argument der reinen Privatsache ist eine Doppelmoral, wie sie unsere Gesellschaft leider zunehmend prägt. Privatsphäre ist selbstverständlich ein hohes Gut, aber Frieden ist vor allem ein öffentliches Gut. Und dieses öffentliche Gut muss durch die Religionsgemeinschaften stärker mitgestaltet werden, als es derzeit der Fall ist.
Man muss unheimlich aufpassen, wenn man die Geschichte betrachtet: Religionen dürfen nicht für politische und geostrategische Interessen missbraucht oder gesellschaftliche Konflikte zu religiösen umgedeutet werden. Nehmen wir doch das Beispiel Sudan in den 1970er-Jahren: Das wurde uns damals immer als religiöser Konflikt verkauft, als Kampf eines islamischen Flügels gegen den anderen. Im Grunde war das aber überhaupt kein religiöser Konflikt. Es war ein reiner Verteilungskampf zwischen Farmern und Viehzüchtern, die wegen der Klimaveränderungen in der Region schlicht nicht mehr genug Ressourcen hatten – und die Viehzüchter haben die Farmer massakriert, weil sie deren Land brauchten. Da eine religiöse Ursache hineinzukonstruieren, war verlogen. Deshalb: Bitte missbraucht die Religionen nicht für politische und geostrategische Interessen!
RdR: Ich würde damit gerne noch einmal auf das Peace Symposium der Ahmadiyya Muslim Gemeinschaft in Großbritannien zurückkommen. Für die Leserinnen und Leser unserer Zeitschrift: Welchen Eindruck hat die Begegnung mit dem spirituellen Oberhaupt der Gemeinschaft, Seiner Heiligkeit Mirza Masroor AhmadABA, bei Ihnen hinterlassen?
Reiner Braun: Ich hatte bereits zum zweiten Mal die Ehre, Seine Heiligkeit zu treffen; im Frühjahr war ich schon einmal zu einer Privataudienz bei ihm. Besonders erfreulich war, dass er sich sofort an unser erstes Treffen erinnerte, wodurch wir direkt an einen sehr vertrauensvollen Dialog anknüpfen konnten.
Der Kern unseres Austauschs war die Frage: Was lässt sich eigentlich tun, um den Frieden besser zu sichern? Seine Heiligkeit rekurrierte auf seine Rede vom Vortag. Ich habe ihm gegenüber gesagt, dass ich die Kerngedanken dieser Rede für außerordentlich wichtig und unterstützenswert für die Arbeit von Friedensbewegten halte – insbesondere seine Ausführungen zu den Atomwaffen sowie seine Mahnung, dass jegliche Aufrüstung das gesellschaftliche Leben der Menschen erschwert oder gar unmöglich macht.
In den wenigen Minuten, die uns zur Verfügung standen, waren wir uns einig, dass jeder an seinem Platz sein Bestes geben muss. Und: Das fand ich bereits beim ersten Treffen mit Seiner Heiligkeit sehr überzeugend, dass er betonte, seine Religionsgemeinschaft steht fest an der Seite unserer Friedensarbeit und ist an weiteren gemeinsamen Aktivitäten und Veranstaltungen interessiert. Das habe ich auch als Ermutigung mitgenommen. Unsere Zusammenarbeit hat sich seitdem durchaus positiv entwickelt: Wir haben hier [in Berlin] bereits eine gemeinsame Veranstaltung durchgeführt, und ich gehe davon aus, dass nach dem Sommer weitere Aktivitäten folgen werden.
Der größte Wert, der uns dabei eint, ist der Frieden – er steht absolut im Mittelpunkt. Ebenso verbindet uns der Anspruch auf einen respektvollen und toleranten Umgang, der jedoch auch das Diskutieren von Trennendem erlaubt, sowie ein gemeinsamer Zukunftsoptimismus. Das sind die wesentlichen Punkte, die uns verbinden und die dazu führen, dass ich diese Zusammenarbeit als so bereichernd und hoffnungsvoll empfinde.

RdR: Sie hatten in einem kurzen Interview mit dem Fernsehsender der Ahmadiyya-Gemeinschaft (MTA International) erwähnt, dass die Begegnung mit Seiner Heiligkeit ein besonderes Treffen war. Viele Menschen berichten – völlig unabhängig davon, ob sie Muslime, Christen oder Atheisten sind –, dass man in seiner Gegenwart eine besondere Atmosphäre spürt.
Reiner Braun: Seine Heiligkeit besitzt ein enormes Charisma, und dieses Charisma überträgt sich. Wenn man dann noch die Gelegenheit hat, in den Dialog mit ihm zu treten, wirkt dieses Charisma doppelt, weil man merkt, wie er zuerst die eigenen Argumente aufmerksam aufnimmt und anschließend mit seinen Argumenten bereichert. Daraus entwickelt sich ein Sprit, der sehr gestaltend, optimistisch und vorwärtsweisend ist. Natürlich hat das auch mit seiner Religion und seinen Überzeugungen zu tun. Vor allem aber ist es das Charisma einer beeindruckenden Persönlichkeit. Und, um es einmal salopp zu sagen: Zurzeit gibt es nicht viele Persönlichkeiten für Frieden mit einem solchen Charisma.
In der Vergangenheit hatten wir mehr. Das ist auch eines der Probleme der Friedensbewegung insgesamt. Ohne charismatische, ausstrahlungsfähige Persönlichkeiten fehlt Friedensbewegungen etwas.
RdR: Wenn Sie es in einem Satz formulieren müssten: Was bedeutet Frieden für Sie persönlich?
Reiner Braun: Frieden heißt für mich, jedem Mitmenschen mit Respekt zu begegnen und Widerstand gegen alles zu leisten, was eine Gesellschaft in Richtung Krieg treibt. Daraus resultiert, dass Frieden das oberste Gebot meines Handelns ist, aus dem sich alles andere ableitet.
RdR: Sie haben zuvor betont, dass wir nicht nur einen Mangel an Frieden erleben, sondern auch Gerechtigkeit und gewissermaßen Selbstlosigkeit brauchen. Warum verbinden Sie gerade diese Begriffe miteinander? Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von Gerechtigkeit und Selbstlosigkeit sprechen?
Reiner Braun: Wenn ich in Berlin durch die Straßen gehe, sehe ich jeden Tag, dass es an Gerechtigkeit fehlt, ob beim Blick unter die Brücken, an die Straßenränder oder in der S-Bahn.
Gerechtigkeit bedeutet für mich, dass es stets das höchste Ziel sein muss, für alle Menschen ein lebenswertes Umfeld zu schaffen – ganz gleich, wie schwierig sie sind oder wie sehr sie gelitten haben. Doch dieses Gerechtigkeitsempfinden gibt es kaum mehr; der Neoliberalismus hat es letztendlich völlig zerstört, weil er ausschließlich auf das Ich, auf Konkurrenz und den persönlichen Gewinn setzt statt auf die kollektive Gerechtigkeit einer Gesellschaft.
Das ist das große Manko. Gerechtigkeit beinhaltet aber immer auch, dass derjenige, der mehr hat, darüber nachdenkt, wie er anderen helfen kann. Das berührt den Gedanken der Selbstlosigkeit. Das heißt nicht, dass man sein letztes Hemd hergeben muss. Aber man sollte sich fragen, ob man wirklich das fünfte Hemd kaufen muss oder ob man das Geld nicht lieber in einen Solidarfonds gibt, damit sich jemand anderes überhaupt ein Hemd kaufen kann.
Wenn ich das für unsere Gesellschaft diskutiere, spreche ich nur über eine Randerscheinung. Auf globaler Ebene geht es darum, dass Hunderte Millionen Kinder an den Folgen von Mangelernährung leiden. Rund eine Dreiviertel Milliarde Menschen gehen täglich hungrig ins Bett. Gerechtigkeit herzustellen und dazu beizutragen – was ein Teil von Selbstlosigkeit ist –, ist die eigentliche Aufgabe engagierter Menschen, die verstanden haben, dass eine Welt und auch eine Gesellschaft nur funktionieren können, wenn sie auf den Prinzipien von Gerechtigkeit und gegenseitiger Hilfe basieren.
Andernfalls funktioniert eine Gesellschaft irgendwann nur noch über Aufrüstung und Repression. Eine solche Gesellschaft ist nicht zukunftsfähig.
Gerechtigkeit und das persönliche Engagement dafür, was ein klein wenig unter Selbstlosigkeit fällt, bedeutet nicht, dass ich mich selbst aufgebe. Es bedeutet vielmehr, dass ich mir stets überlege, wie ich selbst einen Teil dieser Gerechtigkeit beitragen kann, sodass die Gesellschaft als Ganzes lebendig bleibt. Das soll nicht die Hauptprofiteure aus ihrer Verantwortung entlassen: Gerechtigkeit muss vor allem dort ansetzen, wo wenige in Maßlosigkeit von der Ausbeutung des Rests der Gesellschaft profitieren.
Man kann die Konzerne und das Finanzkapital benennen, die das tun. In einer gerechteren Welt gäbe es für diese Ausbeutung keine Überlebensnotwendigkeit; stattdessen müssten Strukturen geschaffen werden, die Gerechtigkeit ermöglichen. Unter den jetzigen Strukturen ist echte Gerechtigkeit gar nicht möglich. Wenn ich über Gerechtigkeit spreche, diskutiere ich daher immer auch einen gesellschaftsverändernden Prozess – ein individueller und vor allem gesellschaftlicher Anspruch an die Gestaltung der Gesellschaft und an die Notwendigkeit der Veränderbarkeit einer Gesellschaft.
RdR: Sie sind seit vielen Jahrzehnten in der Friedensarbeit aktiv. Wir haben heute auch über Hoffnung gesprochen: Was gibt Ihnen persönlich nach all diesen Jahrzehnten die Hoffnung weiterzumachen? Gibt es ein zentrales Leitmotiv, das Sie seit dem Krefelder Appell begleitet? Oder gab es eine neuere Entwicklung in Ihrer persönlichen Gesinnung?
Reiner Braun: Ich will es erst mal andersrum beantworten: Nach so vielen Jahrzehnten gibt es für mich gar keine andere Wahl, als weiterzumachen. Die aktuelle Situation erfordert es zwingend. Ich könnte mich nicht einfach zu Hause hinsetzen und nur zusehen; dafür war ich viel zu lange aktiv. Das wäre zunächst eine negative Abgrenzung.
Was mir wirklich Hoffnung gibt, ist der grundlegende Wandel, den wir vorhin diskutiert haben: Neue Kräfte mit neuen Ideen und Gestaltungsmöglichkeiten hin zu einer multipolaren Welt gewinnen an Gewicht. Sie haben das Potenzial, die Zukunft besser zu gestalten als die alten Kräfte. Wenn wir mit dazu beitragen, dass es nicht zu einem Atomkrieg kommt, sind diese neuen Kräfte in der Lage, eine Zukunft zu gestalten.
Das ist eine hoffnungsvolle Perspektive. Diese Kräfte bergen bei allen Widersprüchen auch so viel Neues in sich, dass die berechtigte Hoffnung besteht, dass unsere Welt trotz Klimakrise, Umweltzerstörung und sozialen Desasters eine Chance hat, zu überleben und sich in eine vernünftige Richtung zu entwickeln. Dazu einen kleinen Beitrag zu leisten, soweit der Einzelne es vermag, ist eine schöne Perspektive, auch sozusagen für die letzten Jahre des eigenen Lebens. Ich bin daher optimistisch, dies weiterzumachen und hoffe, noch ein paar Erfolge mitnehmen zu dürfen.
RdR: Welche Botschaft würden Sie jungen Menschen mitgeben?
Reiner Braun: Die erste Botschaft: Nutze deinen Kopf zum eigenen Denken! Plappere nicht einfach nach, was Medien oder Social Media vorgeben, sondern reflektiere deine eigene Situation und deine Perspektiven. Und tue das nicht isoliert für dich, sondern suche dir ein Kollektiv, mit dem du deine Perspektiven diskutierst, denn alleine kann man das kaum bewältigen. Ich selbst habe es auch nie alleine geschafft, sondern stets in einer Gemeinschaft.
Zweitens, und das stimmt mich als langjährigen Präsidenten des IPB optimistisch: Jede Generation hat bislang den Weg zum Frieden gefunden. Die Wege waren unterschiedlich, aber das ist auch gut so. Ich bin optimistisch, dass auch die heutige Generation ihren Weg zum Frieden findet. Denn Frieden ist eine solch humanistische Grundhaltung, dass er eigentlich ein integraler Bestandteil des Menschseins ist.
Daher habe ich eigentlich gar keine große Botschaft, sondern schlicht die Empfehlung: Schau dir die Welt an, vergiss nicht, dass du Mensch bist, und versuche, diese Welt im Menschsein mitzugestalten.
RdR: Zum Abschluss eine Frage: Wenn Sie morgen fünf Minuten vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen sprechen könnten, was wäre Ihr wichtigster Appell?
Reiner Braun: Ihr, die ihr die Mehrheit in diesem Raum stellt und für den Frieden seid: Nehmt diese Verantwortung aktiver, engagierter und mutiger wahr! Stellt euch entschlossen an die Seite derer, die unter Aggressionen leiden.
Sendet Schiffe mit Öllieferungen nach Kuba. Beendet den Krieg in Gaza auf gerechte Weise – und nicht im Interesse weniger Oligarchen. Helft mit, den Ukraine-Krieg durch Dialog und Verhandlungen zu lösen. Und stellt euch der großen Menschheitsherausforderung: Die Welt ist viel zu klein, um drei Billionen für Rüstung auszugeben, während in fast allen euren Ländern Menschen hungern oder sozial verwahrlosen.
Das sind die Aufgaben, denen ihr euch stellen müsst. Ihr, die große Mehrheit, müsst diese Pflichten mutiger, aktiver, engagierter und auch in Kontroverse mit jenen wahrnehmen, die zum Krieg treiben wollen.
RdR: Herr Braun, vielen Dank für das Gespräch.
Reiner Braun: Gerne.
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Anmerkungen:
- Die im Interview erwähnte Rede Seiner Heiligkeit Mirza Masroor Ahmad (ABA) beim Peace Symposium 2026 ist hier in deutscher Übersetzung nachzulesen: Der Zerfall von Gerechtigkeit und die Suche nach Frieden
- Kurze Videoausschnitte zu den beiden Audienzen von Reiner Braun bei Seiner Heiligkeit (aba) finden Sie auf dem YouTube-Kanal von MTA International. Die beiden Begegnungen finden Sie hier in chronologischer Reihenfolge:
Erste Audienz
Zweite Audienz





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