
Revue der Religionen (RdR): Stellen Sie sich gerne bitte kurz vor.
Herr Rüdiger Meier: Mein Name ist Rüdiger Meier. Ich praktiziere seit gut 20 Jahren Buddhismus und studiere dabei mit verschiedenen Lehrern, die mich unterstützen, unterrichten und mit denen ich Retreats mache. Ich bin verheiratet und habe die letzten 20 Jahre bis zu meiner Rente als Berufsschullehrer für Deutsch sowie Politik & Wirtschaft gearbeitet.
RdR: Sie gehören hier in Marburg einer buddhistischen Gruppe an. Zum Einstieg ganz allgemein: Um welche Tradition handelt es sich bei Ihrer Gruppe?
Meier: Die Buddhistische Gruppe Marburg ist keiner festen Tradition zugeordnet. Es gibt verschiedene buddhistische Traditionen: den frühen Buddhismus, die Vipassana-Tradition, die besonders in Burma gepflegt wird; den Zen in Japan; den Chan in China sowie unterschiedliche Linien des tibetischen Buddhismus. Unsere Gruppe hat sich – basierend auf Erfahrungen in anderen Gruppen – entschieden, keiner bestimmten Tradition als Gruppe anzugehören, weil uns diese Konzepte doch oft zu eng erscheinen. Deshalb haben wir uns entschieden, ein unabhängiges buddhistisches Angebot in Marburg zu schaffen, das allen, die an der Philosophie und Praxis des Buddhismus interessiert sind, offensteht und ihnen die Möglichkeit bietet, diese gemeinsam zu studieren und zu kultivieren.
Ob sich jemand später einer bestimmten Tradition anschließt, bleibt den Gästen und Mitgliedern selbst überlassen. Einige sind bereits in einer Tradition beheimatet. Meine persönliche Praxis ist die Vipassana- und Mahamudra-Meditation; andere Mitglieder praktizieren Zen oder gehören tibetischen Traditionen an. Dieses Konzept hat sich als »erfolgreich« herausgestellt, weil wir so ein Sammelbecken für alle an der Lehre des Buddhas Interessierten sind, ohne dass es zur Verwässerung kommt.
RdR: Heute soll es konkret um buddhistische Pilgerreisen und -orte gehen. Bei Muslimen denkt man an Mekka, bei Christen an Jerusalem oder bedeutende Kirchen. Welche Orte spielen im Buddhismus eine vergleichbare Rolle?
Meier: Es gibt viele Orte, zu denen Buddhisten gerne reisen. Einer der wichtigsten ist Bodhgaya, der Ort, an dem der Buddha die Erleuchtung erlangt hat. Auch Sarnath, in der Nähe von Varanasi, ist ein für viele wichtiger Platz, denn dort hat er nach dem Erwachen seine erste Lehrrede gehalten. An solchen Orten treffen sich traditionell viele Buddhisten, um dort mit ihren Lehrern in Kontakt zu kommen, zu meditieren und zu rezitieren.
Dort findet man, gerade in Bodhgaya, sehr viele Tempel vieler unterschiedlicher Traditionen. Dieser Ort wird von Buddhisten weltweit sehr geschätzt, und viele denken, dass sie ihn wenigstens einmal im Leben besucht haben sollten. Ich selbst war noch nicht in Bodhgaya. Eines Tages, wenn mir die Zeit und das Geld reichen, werde ich vielleicht auch dorthin fahren. Der Fortschritt auf dem Pfad hängt allerdings nicht vom Besuch solcher Orte ab, er kann allerdings unterstützend wirken.
RdR: Welche buddhistischen Orte haben Sie bereits besucht?
Meier: Der wichtigste Ort für mich war – und ist – die Shwedagon-Pagode in Myanmar, in der früheren Hauptstadt Yangon. Viele betrachten sie als Heiligtum, denn sie ist ein beeindruckendes Bauwerk: ein großer, auch materiell wertvoller Stupa, weil dort viel Gold und Edelsteine verbaut wurden. Es gibt viele kleine Nischen, in denen man meditieren kann. Nonnen und Mönche laden zu Gesprächen ein.
Das ist schon ein Ort, der sehr aufgeladen ist und eine Wirkung entfaltet, wenn man dort die Treppen hinaufgeht und diesen erhabenen Stupa erblickt. Das geht einem schon ans Herz, selbst wenn man wie ich ein säkularer Buddhist ist, der nicht an Wiedergeburt oder Übersinnliches glaubt. Aber er wirkt auch auf Menschen, die mit Religion oder Buddhismus nichts zu tun haben. Im Rahmen einer geführten Reise habe ich einmal ein paar Leute dorthin begleitet, die mit dem Buddhismus nichts zu tun hatten. Sie waren so gerührt, als sie dort standen, dass ihnen unwillkürlich die Tränen kamen.
RdR: Welche weiteren Orte haben Sie auf Ihrer Liste bereits abgehakt?
Meier: Ich habe noch nicht so viele »abgehakt«, aber zum Beispiel habe ich in Tibet ein Kloster besucht, in dem Tsongkhapa gelehrt hat. Tsongkhapa ist der Begründer der Gelugpa-Linie. Das ist tibetischer Buddhismus – die Tradition, die bis heute noch vom Dalai Lama vertreten wird. Diesen Ort zu besuchen, war sehr besonders – weil er eben so historisch ist und eine ganz wichtige Figur des Buddhismus tatsächlich dort gelebt und gelehrt hat. Auch der zentrale Tempel in Lhasa, der Jokhang, ist ungemein beeindruckend, vor allem durch die Hingabe der Tibeterinnen und Tibeter, die dort zu spüren ist.
RdR: Wenn man an diese Wallfahrtsorte denkt, kommen vielen vermutlich auch die riesigen Buddha-Statuen in den Sinn. Sieht man sie dort überall? Welche Rolle nehmen sie ein?
Meier: In jedem buddhistischen Tempel befinden sich Buddha-Statuen – in ganz unterschiedlichen Größen. Manche sind zehn oder mehr Meter hoch, andere nur fünf Zentimeter. Auch die kleinen können eine große Bedeutung haben. Es hängt immer davon ab, welche Geschichte damit verbunden ist. In Bangkok gibt es zum Beispiel den Samaragd-Buddha. Der ist gar nicht so groß. Man denkt, er wäre sehr groß, weil er so berühmt ist, aber tatsächlich ist er gerade einmal 66 Zentimeter hoch – allerdings aus einem Smaragd gefertigt.
Die Buddhastatuen repräsentieren die Möglichkeit, aus Täuschungen und Illusionen zu erwachen und ein erfülltes erwachtes Leben im Hier und Jetzt zu leben. Für mich ist es schön, so oft daran erinnert zu werden, wenn ich mich z.B. in Thailand oder Laos aufhalte. Viele Menschen in diesen Ländern beten sogar zu Buddha und bitten um etwas. Tatsächlich funktioniert dies natürlich nicht, denn Buddha ist vor ca. 2500 Jahren wie ein normaler Mensch, der er war, gestorben. Seine Wirkung entfaltet sich meines Erachtens aus seiner Lehre der Selbstbefreiung und seiner Vorbildfunktion für Menschen aller Kulturen.
RdR: Was genau hat Sie vor Ihren bisherigen Reisen gereizt? Waren es zum Beispiel die Reliquien Buddhas, oder die Buddha-Statuen?
Meier: Für mich sind es eigentlich eher die Statuen, die beeindrucken, weil sie einen großen Symbolgehalt haben. Wenn man sagt, dass der Buddha für ein erwachtes Leben steht, das in dieser Welt möglich ist, dass er gelehrt hat, dass man sich selbst befreien kann, dass man niemand anderen dafür braucht, dass man es eben nur selbst tun kann – durch meditative Praxis und Studium – dann sind es für mich weniger die Reliquien. Die sind für viele Buddhisten sehr bedeutend. Deswegen spenden auch viele Menschen dort. Aber für mich persönlich spielen Reliquien keine Rolle.
RdR: Können Sie kurz beschreiben, wie der Aufenthalt bei einer Pilgerreise abläuft? Gibt es überhaupt einen festen Ablauf?
Meier: Im Buddhismus gibt es – soweit ich weiß – keine so organisierte Form der Pilgerreise wie bei dem Haddsch im Islam, sondern es ist etwas, das man manchmal in einer Gruppe oder auch alleine macht. Wenn ein tibetischer Rinpoche [Ehrentitel für einen Würdenträger des tibetischen Buddhismus] oder ein buddhistischer bzw. thailändischer Lehrer so etwas anbietet, dann würde man in seiner Begleitung solche Orte besuchen und dort praktizieren. Praktizieren bedeutet im Buddhismus, sich der Meditation zu widmen, Texte aus den Lehrreden zu rezitieren und während der Pilgerreise ein buddhistisches Leben zu führen. Dazu gehört, sich an die Grundregeln zu halten: keine Lebewesen absichtlich zu töten – dass man einmal eine Ameise versehentlich zertreten kann, ist natürlich unvermeidbar –, sich vom Alkohol und von sexuellem Fehlverhalten fernzuhalten; all diese Regeln werden in solchen Reisen eingehalten.

RdR: Wie erleben Sie die Atmosphäre an solchen Orten? Gibt es bestimmte Rituale oder Begegnungen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Meier: Ja, aus meinem persönlichen Leben ist mir etwas in Erinnerung geblieben. Es ist etwas, was man im Buddhismus die Zufluchtnahme nennt. Zufluchtnahme bedeutet, in einem kleinen Ritus auch durch Worte zum Ausdruck zu bringen, dass man die buddhistische Lehre und Praxis zu einem seiner Lebensmittelpunkte machen möchte. Und das mit einem Lehrer aus Bhutan gemacht zu haben, mit Gangteng Tulku Rinpoche, war sehr berührend. Es geht einem wirklich ans Herz, weil es so eine Art von Rückversicherung ist, die man einfach in Anwesenheit vieler Anderer ausdrückt. Daran erinnert man sich lange. Man erhält dann einen buddhistischen Namen. Man kann im Laufe seines Lebens mehrere buddhistische Namen bekommen.
RdR: Wie lautet Ihr buddhistischer Name?
Meier: Meinen buddhistischen Zufluchtsnamen führe ich nicht im Alltag, aber er sei hier verraten, lautet Yeshe Wangchuk, ein tibetischer Name. Yeshe bedeutet so viel wie »Weisheit«, Wangchuk so etwas wie »guter Freund« oder »Helfer«. Gangteng Rinpoche hat das auf Deutsch als »spiritueller Freund« übersetzt. Dies beinhaltet dann auch noch eine kleine Aufgabe: nämlich zu versuchen, den Namen mit Leben zu füllen und in diesem Fall für andere ein solcher spiritueller Freund zu sein und sie auf ihrem Weg der Geistes- und Herzensschulung zu unterstützen.
RdR: Welche Bedeutung haben historische buddhistische Stätten für Praktizierende heute – eher eine spirituelle, eine kulturelle oder beides?
Meier: Ich glaube, das hängt sehr davon ab, in welcher Region der Welt man sich bewegt. In Asien merkt man, dass viele Einheimische zu diesen Orten pilgern: Sie verbringen dort Zeit, spenden, putzen, rezitieren Texte und meditieren. Für sie steht das Spirituelle an erster Stelle.
Für uns Europäer ist es oft eine Mischung. Wir suchen solche Stätten natürlich auch als spirituelle Orte auf. Wenn ich nächsten Monat in Thailand und Laos unterwegs bin, werde ich viele solcher Orte aufsuchen. Gleichzeitig spielt natürlich auch das kulturelle Interesse eine Rolle, weil für uns vieles ungewohnt ist und kulturhistorisch sehr spannend. Diese Mischung macht solche Reisen für mich sehr lohnenswert.
RdR: Viele dieser Orte sind UNESCO-Weltkulturerbestätten oder bedeutende Kulturgüter. Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, solche Stätten für die buddhistische Gemeinschaft bzw. generell für die religiöse Welt zu schützen?
Meier: Ich glaube, es ist sehr wichtig, weil man beobachten kann, dass die Verwestlichung auch in diesen Ländern zunimmt. Sie werden stärker in die Weltwirtschaft eingebunden, und die marktwirtschaftlichen Bedingungen bringen die Menschen immer mehr in Bedrängnis durch steigende Verarmung und Umweltzerstörung. Für viele sind diese Orte daher manchmal einfach Zufluchtsorte. Wenn sie zerstört würden, würde den Menschen etwas fehlen. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht auch um ihre sozialen Belange kümmern sollten. Als Buddhist muss man nicht unpolitisch sein, sondern soll und darf sich auch um das materielle Wohlergehen der Lebewesen kümmern. Es ist nicht alles, aber ein wichtiger Bestandteil. Ausbeutung und Unterdrückung zu dulden kann für mich nicht buddhistisch sein.
RdR: Wie hilft das Pilgern zum Erlangen der Erleuchtung und Reinigung der Seele?
Meier: Das hängt ganz vom Individuum ab; davon, in welcher geistigen Haltung man so eine Reise unternimmt, welche Erwartungen man daran hegt und wie sehr man vielleicht auch in der Lage ist, die Erwartungen zu relativieren. Denn den großen Knall: »Jetzt bin ich erleuchtet«, wird kaum jemand erleben – vermute ich. Aber wenn man eine Pilgerreise mit wachem Verstand und wachem Herzen unternimmt, wird sie auf jeden Fall transformierend wirken. Es wird sich etwas im Inneren verändern, das der Person selbst und den Menschen um sie herum gut tun wird. Wenn wir uns verändern, strahlen wir das auch aus. Die Idee der Veränderung ist im Buddhismus – und natürlich auch in vielen anderen Religionen – sehr verankert, denn es geht darum, das Herz zu weiten und Freundlichkeit, Großzügigkeit und Mitgefühl mit allen Lebewesen zu kultivieren.
Buddhisten gehen allerdings nicht von der Existenz einer »Seele« aus. Während die Glaubensvorstellungen Indiens zu Buddhas Zeiten noch von »atta«, einem »Selbst« oder festem Kern ausgingen, lehrte Buddha »anatta«, Nichtselbst, weil er in der Meditation die Unbeständigkeit aller Phänomene erfahren hatte.
RdR: Welche Tipps würden Sie Menschen geben, die vielleicht selbst eine Pilgerreise oder den Besuch einer entsprechenden Stätte planen?
Meier: Gute Frage – da bin ich wahrscheinlich etwas überfordert. Aber ich würde sagen: Wer eine solche Reise beginnt, hat bereits gespürt, dass sie ihr oder ihm guttun könnte. Und genau aus diesem Grund sollte man sie auch antreten. Ein wichtiger Rat wäre, die Reise im Geiste der Metta Sutta anzutreten – der Lehrrede über die grundlegende, keinen Bedingungen unterworfene Freundlichkeit. Dort geht es darum, sich selbst und zugleich allen Lebewesen – nahen wie fernen, bekannten und unbekannten, freundlichen wie unfreundlichen – Gutes zu wünschen: Mögen sie glücklich sein, mögen sie gesund sein, mögen sie frei von Leid und den Ursachen von Leid sein.
Außerdem sollte man die Reise nicht ausschließlich unternehmen, um selbst so etwas wie einen spirituellen Fortschritt zu erreichen, sondern auch im Bewusstsein, dass man sie gewissermaßen auch für alle unternehmen könnte. Welche Idee wäre schöner, als diesen Wunsch zu kultivieren: Mögen alle Lebewesen glücklich sein und frei von Leid.
RdR: Ein wunderschönes Schlusswort. Vielen Dank für Ihre Zeit und die interessanten Einblicke!
Meier: Herzlichen Dank, dass Sie mir die Gelegenheit geben, diese Ideen hier einmal vorzustellen.





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