
von Usama Ahmed
Es ist tief in der Nacht, als der Prophet Muhammad (saw) erwacht. Er tritt nach draußen, blickt in den sternenklaren Himmel und verweilt in tiefem Nachdenken, bis ihm die Tränen über das Gesicht fließen. In dieser Nacht, so überliefert es Ata1, rezitiert der Prophet (saw) einen Vers, der empirische Naturbeobachtung und theologischen Erkenntnisgewinn zusammendenkt:
»In der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag sind in der Tat Zeichen für die Verständigen.«2
Über ein Achtel des Heiligen Korans – mehr als 750 Verse – ruft den Menschen explizit dazu auf, in der Natur nachzusinnen. Diese Aufforderung ist kein poetischer Appell, sondern ein intellektueller Auftrag. Die moderne Naturwissenschaft liefert uns heute die mathematischen und physikalischen Instrumente, um diesen Zeichen mit bisher ungekannter Präzision nachzugehen. Und je tiefer wir in die fundamentale Struktur der Realität blicken, desto mehr Fragen wirft das materialistische Konzept des blinden Zufalls auf.
Das Gedankenexperiment des kosmischen Zufalls
Stellen wir uns ein simples Gedankenexperiment vor: Die gesamte Menschheit verschwindet schlagartig von diesem Planeten. Tausende Jahre später landet ein außerirdischer Beobachter auf der Erde. Bei seinen ersten Ausgrabungen stößt er auf die Überreste eines einfachen Holztisches und eines Stuhles. Kein Beobachter mit rationalem Verstand würde angesichts der symmetrischen Konstruktion, der Statik und der zweckmäßigen Formgebung argumentieren, diese Strukturen hätten sich durch Milliarden Jahre alte geologische Prozesse und kosmischen Zufall aus Sternenstaub von selbst formiert. Der logische Schluss ist unweigerlich: Hier war eine Intelligenz am Werk. Ein intelligenter Urheber wird vorausgesetzt.
Wenn nun aber ein unbelebter, primitiver Holztisch zwingend einen Schreiner erfordert, wie plausibel ist es dann, dass der Mensch – ein unfassbar komplexerer, bewusster Organismus, der buchstäblich aus demselben Sternenstaub besteht – das Produkt eines ungelenkten Zufalls ist?
Hadhrat Mirza Bashir-ud-Deen Mahmood Ahmad (ra), der Zweite Kalif der Ahmadiyya Muslim Gemeinschaft, greift exakt diese Diskrepanz in seiner Abhandlung Zehn Beweise für die Existenz Gottes auf.3 Im fünften Beweis seines Werkes legt er eindrücklich dar, dass ein System, welches durch Zufall entstanden sein soll, unweigerlich von Unordnung geprägt sein müsste.4 Die Perfektion des makrokosmischen und mikrokosmischen Entwurfs spricht jedoch gegen die Annahme einer zufälligen Entstehung.5 Gott fordert den menschlichen Intellekt im Koran regelrecht dazu heraus, die physikalische Fehlertoleranz dieses kosmischen Systems zu prüfen:6
»Der sieben Himmel Schicht für Schicht erschaffen hat. Keinen Fehler kannst du in der Schöpfung des Gnadenreichen sehen. So wende den Blick: Siehst du irgendeinen Mangel? So wende den Blick abermals und abermals: Dein Blick wird nur zu dir zurückkehren ermüdet und geschwächt.«7
Die Architektur der Ewigkeit: Feinabstimmung und das Elektron
Diese im Koran beschriebene absolute Fehlerlosigkeit offenbart sich der heutigen Physik in der extremen Feinabstimmung (Fine-Tuning) der Naturkonstanten.8 Betrachten wir das Elektron, einen der fundamentalsten Bausteine unserer Materie.
Im Standardmodell der Teilchenphysik gilt das Elektron als absolut stabiles Elementarteilchen. Seine Stabilität ist elementar mit der Erhaltung der elektrischen Ladung verknüpft – eines der absolutesten und unverrückbarsten Symmetrieprinzipien unseres Universums.
Wissenschaftliche Schätzungen und experimentelle Beobachtungen setzen die Lebensdauer eines Elektrons auf mindestens 6,6 × 1028 Jahre fest (66.000 Yottajahre).9 Das entspricht etwa dem Fünf-Trillionen-fachen des aktuellen Alters unseres gesamten Universums. Wäre das Elektron auch nur im kleinsten messbaren Bereich instabil und könnte zerfallen, würde dies eine vollkommene Revision unserer fundamentalen Physik bedeuten. Der Zerfall würde das Prinzip der Ladungserhaltung brechen, was unweigerlich den Zusammenbruch der uns bekannten Materie zur Folge hätte.
Diese schier grenzenlose Stabilität ist kein Zufallsprodukt, sondern der mathematische Beweis eines makellosen kosmischen Uhrwerks. Alles folgt einem präzisen, festgelegten Gleichgewicht. Der Koran beschreibt diese kosmische Verankerung und Feinabstimmung der himmlischen und irdischen Gesetze mit überwältigender Klarheit:
»Allah allein hält die Himmel und die Erde, dass sie nicht wanken. Und wankten sie wirklich, so gäbe es keinen, der sie halten könnte nach Ihm. Fürwahr, Er ist langmütig, allverzeihend.«10

Der Pfeil der Zeit: Entropie und Vergänglichkeit
Doch trotz dieser unfassbaren Präzision unterliegt die physikalische Realität einem gnadenlosen Gesetz: dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Die Entropie, das naturwissenschaftliche Maß für die Unordnung in einem geschlossenen System, nimmt unweigerlich zu. Jede Maschine verschleißt, Sterne brennen ihren nuklearen Treibstoff aus, biologische Zellen altern, und komplexe Strukturen zerfallen im Laufe der Äonen zu Staub. Das gesamte Universum bewegt sich unausweichlich auf einen Zustand maximaler Entropie zu – den thermodynamischen Wärmetod.
Diese naturwissenschaftliche Tatsache der absoluten Vergänglichkeit aller Materie wurde bereits vor über 1.400 Jahren im Koran als metaphysisches Gesetz verankert:
»Alles, was auf (Erden) ist, wird vergehen. Aber es bleibt das Angesicht deines Herrn – der Herr der Majestät und der Ehre.«11
Die ultimative Ursache
Wenn nun das gesamte messbare Universum einem stetigen Zerfall unterliegt und sich ständig wandelt, greift zwingend das physikalische Prinzip der Kausalität: Jedes physikalische Ereignis, jede Zustandsänderung, setzt zwingend eine vorausgehende Ursache voraus. Wenn wir die kausale Kette der kosmischen Evolution vom Menschen über die biologische Evolution, die Sternenentstehung bis zurück zum Urknall verfolgen, stehen wir vor einer logischen Singularität.
Eine unendliche Regression – eine ewige Kette von Ursache und Wirkung ohne tatsächlichen Anfang – ist mathematisch und logisch unhaltbar. Im vierten Beweis seiner eingangs erwähnten Abhandlung widmet sich der Hadhrat Mirza Bashir-ud-Deen Mahmood Ahmad (ra) exakt diesem Kausalitätsproblem.12 Er verdeutlicht, dass wir in unserem Verstehen des Universums an einen Punkt gelangen, an dem jede weltliche Ursache ihr Ende findet.13 Hinter jeder Handlung muss ein Akteur stehen, und ohne einen unabhängigen Schöpfer kann es keine Schöpfung geben.14
Die Kausalkette des Universums muss zwingend bei einer Ersten Ursache münden, die selbst nicht Teil dieses sterblichen, entropischen Systems ist, sondern außerhalb von Raum und Zeit operiert. Der Verheißene Messias, Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad (as), führt dieses Prinzip der Kausalkette präzise aus und belegt, dass Gott nicht nur die absolute Ursache, sondern das erste und das letzte Glied dieser Kette ist.15 Der Koran deklariert dieses endgültige Ziel aller Ursächlichkeiten unmissverständlich:
»Und dass zu deinem Herrn die endgültige Heimkehr ist.«16
Die Schatten der Realität
Als Physiker müssen wir demütig anerkennen, dass unsere empirischen Instrumente letztlich nur die Wirkungen messen können – niemals das abstrakte Konzept der Ersten Ursache selbst. Die kosmische Hintergrundstrahlung ist hierfür ein exzellentes Analogon. Wir können den Urknall nicht direkt beobachten; wir vermessen lediglich sein thermisches, in den Mikrowellenbereich verschobenes Echo. Wir beobachten die kausale Auswirkung der Vergangenheit, die unsere Raumzeit durchdringt.
Der Koran nutzt die brillante Metapher des Schattens, um die Unterwerfung aller Materie unter das gottgegebene Naturgesetz (die physikalischen Gesetze) zu verbildlichen. So wie der optische Schatten wehrlos der Geometrie des Lichts folgen muss, so muss sich die Materie den Gesetzen der Ursächlichkeit unterwerfen:
»Wer immer in den Himmeln und auf der Erde ist, wirft sich nieder vor Allah, willig oder widerwillig, und (also) ihre Schatten, des Morgens und des Abends.«17
Die Naturwissenschaft und die islamische Theologie stehen somit nicht im Widerspruch, sondern beschreiben ein und dieselbe universelle Wahrheit aus zwei Perspektiven. Die Physik kartografiert für uns das „Wie“ – die feine Mechanik des Sternenstaubs, die extrem lange Lebensdauer des Elektrons und die unaufhaltsame Zunahme der Entropie. Doch die Theologie beantwortet das „Warum“. Sie führt unseren Intellekt aus dem Labyrinth der Ursächlichkeiten heraus zur Ersten Ursache. Wer das Universum analysiert, ohne den Gesetzgeber dahinter zu erkennen, könnte nur die tanzenden Schatten betrachten. Vielleicht lenkt erst die Synthese aus naturwissenschaftlicher Empirie und spiritueller Einsicht den wahren Blick auf das Licht selbst.
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Über den Autor: Usama Ahmed ist promovierter Physiker. Er widmet sich dem Dialog zwischen der theoretischen Physik und den ethisch-spirituellen Prinzipien der islamischen Glaubenslehre, wobei er gezielt die Schnittstellen von empirischer Wissenschaft und koranischer Metaphysik analysiert. Er ist Teil der Redaktion der Revue der Religionen und leitet das Ressort »Naturwissenschaft & Religion«.
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REFERENZEN
1. Vgl. Ibn Hibban, Sahih, Hadith 620.
2. Heiliger Koran, 3:191
3. Vgl. Hadhrat Mirza Bashir-ud-Deen Mahmood Ahmad: Zehn Beweise für die Existenz Gottes, Frankfurt am Main 2019, S. 43.
4. Vgl. ebd., S. 44.
5. Vgl. ebd., S. 44.
6. Vgl. ebd., S. 43.
7. Heiliger Koran, 67:4–5
8. Vgl. Hadhrat Mirza Bashir-ud-Deen Mahmood Ahmad: Zehn Beweise für die Existenz Gottes, S. 43.
9. Vgl. Agostini, M. et al. (Borexino Collaboration): Test of Electric Charge Conservation with Borexino. Physical Review Letters 115, 231802, 2015.
10. Heiliger Koran, 35:42
11. Heiliger Koran, 55:27–28
12. Vgl. Hadhrat Mirza Bashir-ud-Deen Mahmood Ahmad: Zehn Beweise für die Existenz Gottes, S. 39.
13. Vgl. ebd., S. 40.
14 Vgl. ebd., S. 40.
15. Vgl. Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad: Die Philosophie der Lehren des Islam, Frankfurt am Main, S. 46.
16. Heiliger Koran, 53:43
17. Heiliger Koran, 13:16





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