Geschichtliches

Amerikas beliebter Dichter: Ein muslimischer Mystiker aus dem Iran

Ein persischer Sufi-Heiliger des 13. Jahrhunderts zählt heute in den USA zu den meistverkauften Dichtern: Dschalal-ud-Din Rumi. Ausgerechnet ein Mann, dessen muslimische Identität und Glauben als Inspirationsquelle für seine Dichtkunst heute auf Ablehnung und Anfeindungen stoßen.

von Shahzad Ahmed, Großbritannien

Letztes Jahr strömten Tausende zur rechtsextremen „Unite the Kingdom“-Demonstration nach London. Erschöpft vom Skandieren ihrer Parolen wie „Schickt sie nach Hause“, „Wessen Straße? Unsere Straße“ und „Wir wollen unser Land zurück“, meldete sich bei vielen der selbsternannten ‚Patrioten‘ nach dem von Gewalt und Festnahmen geprägten Marsch unverkennbar der Hunger.[1] 

Nun, was geschah danach?: Viele derselben einwanderungsfeindlichen Demonstranten, gehüllt in Union Jacks und mit fest umklammerten nationalistischen Plakaten, standen nun in langen Schlangen vor südasiatischen Street-Food-Ständen wie „Curry Shack“ oder „Naan Wraps“. Sie ließen sich mit Onion Bhajis und Biryanis verpflegen – Gerichte, die in genau jenen Kulturen verwurzelt sind, die sie den ganzen Tag über verdammt hatten.

Die Ironie war, gelinde gesagt, offensichtlich, aber sie legte auch eine blanke Heuchelei offen. Man könnte von einem ‚Nationalismus à la carte‘ sprechen: Die Vorzüge einer “fremden” Kultur werden und wurden schon während der Kolonialzeit genossen, doch eine Wertschätzung und ein Austausch auf Augenhöhe bleiben bis heute aus. Die Aromen, Traditionen und Beiträge, die in die westliche Gesellschaft eingewoben sind – viele davon durch Migranten und Geflüchtete eingebracht –, werden dankend angenommen, während die Gemeinschaften dahinter in Kreisen nach wie vor als „Fremde“ abstempelt werden.

Aber der Westen hat nicht nur Gefallen an den Gewürzen und Aromen der östlichen Welt gefunden; die Verbindung reicht weitaus tiefer. Seit Jahrhunderten ist die westliche Welt zutiefst von den philosophischen Gedanken, kulturellen Praktiken und sogar der Literatur des Ostens inspiriert und beeinflusst worden. Und als Präsident Trump unter dem Vorwand einer ‚Bedrohung‘ für den Weltfrieden selbst drohte, die gesamte Zivilisation des Iran zu vernichten, war die Ironie abermals kaum zu übersehen.[2] Denn der berühmte persische muslimische Geistliche, Maulana Dschalal ad-Din Rumi, ist seit Jahrzehnten einer der meistverkauften Dichter in den USA, geschätzt dafür, Millionen Menschen durch seine spirituell reichen poetischen Werke Frieden und Trost zu spenden.[3]

Um die Wirkung von Rumis Poesie zu verdeutlichen, sagt Lee Briccetti – selbst Dichterin und langjährige Direktorin des Poets House in New York: „Über Zeiten, Orte und Kulturen hinweg bringen Rumis Gedichte das Gefühl des Lebendigseins zum Ausdruck. Sie helfen uns, unsere eigene Suche nach Liebe und dem Ekstatischen im Getriebe des Alltags zu verstehen.“ Sie verglich Rumis Werk aufgrund seiner „Resonanz und Schönheit“ mit dem von Shakespeare, dem absoluten Maßstab des westlichen Kanons.[4] Die englischen Übersetzungen von Rumis Werken wurden in der englischsprachigen Welt über eine halbe Million Mal verkauft, und seine Gedichtsammlungen führen regelmäßig die Bestsellerlisten in den USA an. Seine Zeilen wurden sogar von Pop-Ikonen wie Madonna, Demi Moore und Coldplay zitiert oder vertont.[5]

Wer war dieser Rumi?

Dschalal-ud-Din ar-Rumi war ein persisch-muslimischer Gelehrter und Mystiker des 13. Jahrhunderts und gilt als einer der bedeutendsten Dichter aller Zeiten. Geboren wurde er 1207 in Balch (im heutigen Afghanistan), das damals ein wichtiges Kulturzentrum des Perserreichs war. Der Name „Rumi“ ist arabisch und bedeutet wörtlich „der Römer“. Dies rührt daher, dass er den Großteil seines Lebens im seldschukischen Sultanat von Rum in Anatolien verbrachte, das zuvor vom Oströmischen (Byzantinischen) Reich beherrscht worden war.

Bis zu seinem 37. Lebensjahr war Rumi ein klassischer islamischer Theologe und Prediger, ganz in der Tradition seines Vaters und Großvaters. Doch im Jahr 1244 begegnete er dem wandernden Sufi Schams-e Tabrizi, was ihn tiefgreifend veränderte. Es heißt, dass er von diesem Moment an eine viel tiefere spirituelle Reise antrat und sich vom reinen Gelehrten zum Mystiker wandelte. Der Großteil seiner Poesie entstand wohl ab diesem Wendepunkt.

Seine Werke, die über 65.000 Verse[6] umfassen, spiegeln auf eindringliche Weise seine tiefen Emotionen und Erfahrungen wider, in deren Zentrum die Liebe zum Göttlichen steht. Zu seinen bedeutendsten Werken gehört das Masnawi, ein spirituelles Epos, das er in seinem späteren Leben begann. Die Dichtung gilt als eines der einflussreichsten Werke des Sufismus – einer Disziplin innerhalb des Islam, die durch persönliche Erfahrung die göttliche Liebe sucht. Das Werk besteht aus sechs Büchern mit rund 25.000 Versen in Reimpaaren. Rumi selbst beschrieb es als ein Werk, das „die Wurzeln der Wurzeln der Wurzeln der Religion“[7] freilegt. Es wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.Auch Seine Heiligkeit Mirza Ghulam Ahmad (as) bezog sich auf Rumi. Der Begründer der islamischen Reformbewegung Ahmadiyya erschien vor etwa 130 Jahren zur spirituellen Wiederbelebung des Islams und um die Menschen zurück zu einer loyalen Bindung an Gott zu führen. Einer der Titel, die ihm von Gott verliehen wurden, lautet Sultan-ul-Qalam (König der Feder). An einer Stelle zitierte er Rumis Weisheit über die Demut:

„Welch schönes Prinzip ist dies fürs Beschreiten des Pfades,
ein Vermächtnis des Maulavi [Rumi], festgehalten in seinem Masnawi: 

Durchtriebenheit widerspricht der Demut und Bescheidenheit;
gib die Schläue auf und nimm die Demut an.“[8]

Rumis Poesie ist von intensiver Spiritualität durchdrungen und spricht direkt die Seele an. Sie vermittelt zudem eine Botschaft von Frieden, Harmonie und Mitgefühl. Eine weitere berühmte Passage aus seinem Masnawi lautet:

„Komm‘, komm‘, wer immer du bist,
Wanderer, Anbeter, Liebhaber des Abschieds.
Es spielt keine Rolle.
Unsere Karawane ist keine der Verzweiflung.
Komm‘, auch wenn du deinen Eid tausendfach gebrochen hast.
Komm nur, und noch einmal: komm.“[9]

Rumi aus dem Osten oder dem Westen?

Obwohl Rumi weltweit bekannt ist und die Wirkung seiner Poesie Grenzen und Kulturen überschreitet, stellen wir fest, dass der „Rumi des Ostens“ sich von der Darstellung Rumis im Westen unterscheidet. Der Grund dafür liegt vor allem darin, dass westliche Gelehrte ihn in ihren Übersetzungen – ob bewusst oder unbewusst – von seiner muslimischen Identität entkoppelt haben.
„Das Hauptproblem seit Jahrzehnten ist, dass der Rumi, der westlichen Lesern (einschließlich Muslimen) präsentiert wird, ein säkularer, universalistischer Dichter ist“,[10] erklärt Zirrar Ali, Autor mehrerer Anthologien persischer und Urdu-sprachiger Poesie. „Das Entfernen von Rumis orthodoxen sunnitischen Überzeugungen hat zu falschen Übersetzungen geführt… die ein pseudo-säkulares Bild des Mannes und seines Werkes bedienen.“[11] Jener Glaube, der heute oft verunglimpft wird, war die Quelle seiner tröstenden Worte über Frieden und Liebe.

Coleman Barks, einer der bekanntesten Übersetzer von Rumis Werken, liefert möglicherweise eine Erklärung dafür, warum das so ist. Er sagte einmal: „Natürlich kann ich bei der Arbeit an diesen Gedichten das Persische nicht konsultieren. Ich habe buchstäblich nichts, dem ich treu bleiben könnte, außer dem, was die Gelehrten mir geben.“[12] Aus diesem Grund versuchte kürzlich eine neue Bühnenproduktion in London, die Geschichte Rumis authentisch darzustellen und die westlichen Stereotypen[13] infrage zu stellen – nicht nur über den Mann, sondern auch über die Region und die Religion, von der er nicht zu trennen ist.

„Ich bin der Diener des Korans, solange ich eine Seele habe. 
Ich bin der Staub auf dem Weg Mohammeds, des Auserwählten. 
Wenn jemand meine Worte anders interpretiert,
dann verurteile ich ihn und ich verurteile seine Worte.“[14]

Ob, wie dem auch sei,  das Masnawi nun in Moscheen oder Madrasas auf dem indischen Subkontinent zum Verständnis des Korans studiert wird, oder in einem Café in einer amerikanischen Kleinstadt eine ruhige „Rumi-Nacht“ mit Lesungen über Liebe und innere Kämpfe stattfindet: Der berühmte muslimisch-persische Dichter inspiriert bis heute Millionen Menschen mit seiner kraftvollen Botschaft von Liebe und Hoffnung.

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[1]https://www.theguardian.com/uk-news/2025/sep/13/unite-the-kingdom-far-right-rally-london-tommy-robinson-police-assaulted

[2] https://www.deutschlandfunk.de/trump-droht-iran-mit-untergang-einer-zivilisation-104.html

[3] https://www.huffingtonpost.co.uk/entry/rumi-us_n_5154692

[4] https://www.bbc.co.uk/culture/article/20140414-americas-best-selling-poet

[5] https://www.trtworld.com/article/13083892

[6] https://lithub.com/how-rumi-became-a-poet/

[7] https://www.newyorker.com/books/page-turner/the-erasure-of-islam-from-the-poetry-of-rumi

[8] Barrāhīn-e Aḥmadiyya Teil III, S. 177

[9] https://allpoetry.com/Come,-Come,-Whoever-You-Are

[10] https://www.aljazeera.com/features/2023/12/17/a-tale-of-two-rumis-of-the-east-and-of-the-west

[11] ibid

[12] https://ajammc.com/2015/03/09/rumi-for-the-new-age-soul/

[13] https://www.theguardian.com/stage/2021/nov/09/rumi-the-musical-london-coliseum-persian-poet-middle-east-islam

[14]https://www.imaginarygardens.org/index.php/2025/11/19/the-power-of-iranian-poetry-lessons-in-mysticism-spirituality-and-god/

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