Ahmadiyya

Apartheid der Ahmadis in Pakistan, Teil 2/2

Ein Vortrag von Anwalt und Juristen Mujeeb ur Rahman an der Harvard Law School Cambridge, Massachusetts, USA
(Aus dem Englischen von Mubashar Cheema)

Über Jahre hinweg werden Ahmadi Muslime in Pakistan als Bürger zweiter Klasse behandelt. Der pakistanische Jurist Mujeeb-ur-Rahman beleuchtet den rechtlichen Hintergrund.
Nachdem der Zweite Zusatzartikel ratifiziert worden war und Ahmadis damit zu Nicht-Muslimen erklärt wurden, nahm die Gemeinde dies zunächst relativ entspannt auf. Wir sagten: „Auch wenn wir im Sinne der Verfassung und des Gesetzes Nicht-Muslime sind, was kümmert uns das? Wir werden zwar ein paar politische Rechte verlieren, aber weiterhin mit unserem Glauben im Reinen sein. Wenn unser Herr im Himmel uns als Muslims zählt, kann die Verfassung uns dieses Recht gern absprechen.“ Also haben wir die Entscheidung im Gericht – aus welchem Grund auch immer – nicht angefochten. Aber die Geistlichen der Gegenseite sind nicht einfach ruhig sitzen geblieben. Sie sagten: „Wir haben sie zu Nicht-Muslimen erklärt und dennoch beten sie wie zuvor; sie fasten wie zuvor; sie rezitieren den Qur’an wie zuvor; was also hat uns das gebracht?“ Infolgedessen gab es eine Welle von Gerichtsverfahren in der Provinz Punjab und ich hatte die Ehre, die Verteidigung einiger solcher Fälle zu übernehmen: Fälle, in denen Ahmadi-Moscheen zerstört werden sollten, in denen Ahmadis daran gehindert werden sollten, an den Moscheen Minarette oder Kuppeln zu errichten; sie sollten daran gehindert werden, das Durud (Segensgebet) auf den Heiligen Propheten Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) zu rezitieren; sie sollten daran gehindert werden, den Adhan (Gebetsruf) ausrufen zu dürfen; sie sollten daran gehindert werden, sich im Salah (rituelles Gebet) niederzuwerfen (sajdah zu machen) – kurzum, jeder einzelne Teil ihrer Religionsausübung wurde infrage gestellt. Es gab viele Prozesse. 35 Gerichtsverfahren wurden vor den Lahore High Court gebracht. In einem dieser Verfahren ging es um Abdur Rahman Mubashar Ahmad – und Prof. Asad Ahmad, der hier vor mir sitzt, kennt den Fall und hat auch viele andere Fälle studiert, auch wenn er einen eigenen soziologischen Blickwinkel vertritt. In diesem Verfahren hatten wir das triftige Argument, dass die Verfassungsänderungen von 1974 gegen die Grundrechte verstoßen würden. Aber der Anwalt der Gegenseite argumentierte so: „Ja, die Verfassung ist das Gesetz, aber das Islamische Recht ist auch Gesetzeskorpus, und in Pakistan werden wir das Islamische Recht vollstrecken.“ Somit wären die Moscheen der Ahmadiyya-Gemeinde unter Islamischem Recht zu zerstören. Er versuchte, sich auf das historische Ereignis der Zerstörung der Masjid-e-Zarar während des Lebens des Heiligen Propheten (saw) und auf gewisse Koranverse zu stützen. Also wurde ich aufgerufen, zur religiösen Seite dieses Falls zu argumentieren. Ich denke, das dauerte insgesamt 14 Tage. Dieser Fall brachte ein Meisterwerk von Urteil durch die Richter Aftab Hussain und Samdani hervor. Diese urteilten, dass Ahmadis unter der Verfassung Nicht-Muslime sind, aber sie sind eine besondere Art von Nicht-Muslimen, da sie an den Koran glauben, an die Ahadith (Aussprüche des Heiligen Propheten saw) glauben, das Òalah verrichten und all ihre Praktiken denen der hanafitischen Muslime gleichen; ergo können wir sie nicht an der Ausübung dieser Riten hindern. Die Ahmadis haben diese Riten, die durch die Verordnung XX von Zia-ul-Haq verboten wurden, die letzten 100 Jahre befolgt. Diese Riten waren jeweils für Ahmadis geschützt und heilig – die Richter verwendeten genau diese Worte. Sie sagten, dass darüber gestritten worden sei, ob der Gebetsruf und das Òalah und ähnliche Dinge Scha’air (heilige Praktiken) des Islam sind; sie sagten, dass diese ebenso Praktiken für den Glauben der Ahmadiyya sind und dass es ein Verstoß gegen ihre Grundrechte wäre, ihnen diese zu verbieten. Dieses Urteil füllte 120 Seiten. Die Gelehrten der Gegenseite trauten sich nicht, mit diesem Fall vor den Supreme Court zu ziehen, da dies ein unschlagbares Argument war. Die Konsequenz dieses Urteils im Fall „Abdul Rahman Mubashar Ahmad“ war, dass es für eine Weile wieder Frieden gab.


Aber die Gelehrten warteten und fanden einen Verbündeten im Verwalter des Kriegsrechts, Zia-ul-Haq. Als er kam – und ich erinnere mich an seine ersten Aussagen, denn die Worte klingen immer noch in meinen Ohren –, sagte er bei seiner ersten Fernsehübertragung in Urdu: „Gebt euren Glauben nicht auf und fasst den Glauben des anderen nicht an.“ So neutral gab er sich. Aber nur zwei Jahre später, als er eine Legitimation für seine politische Herrschaft suchte, führte er diese Verordnung XX ein. Der zweite Teil der Verordnung XX besagt: „Ungeachtet jeglicher Gerichtsurteile oder jeglicher derzeit zu vollstreckender Gesetze wird diese Verordnung in Kraft treten.“ Dadurch zerstörte diese Verordnung alles, was ich durch das Gerichtsurteil erreicht hatte. Die Gelehrten hatten also einen Sieg im Parlament errungen, aber sie konnten mich immer noch nicht zu einem Nicht-Muslimen machen. Ich nenne das juristische Fiktion. Andere nannten es Paradoxon der Identität, aber ich nenne es juristische Fiktion, und ich frage Sie als Juristen: Wie weit kann man eine juristische Fiktion tragen? Juristische Fiktion ist, zu sagen, ein Mann sei eine Frau und eine Frau sei ein Mann. Kann ich daher erwarten, dass ein Mann nun ein Kind gebärt? Auf diese Materie nahm in einer ganz ähnlichen Weise auch ein jüdischer Richter im Supreme Court von Südafrika Bezug. Wie dem auch sei, sie schafften es nicht, mich zu einem Nicht-Muslim zu machen; daher wollten sie mich durch ein ordentliches Gericht zu einem Nicht-Muslim machen. Obwohl die Nationalversammlung mich zu einem Nicht-Muslim erklärte, konnten sie mich nicht zu einem Nicht-Muslim machen, da die Gesetzesänderung mich nicht vom Beten abhalten konnte oder davon, mich als Muslim zu bezeichnen. Sie gingen vor Gericht und zum Parlament, aber sie scheiterten. Also kamen sie nun über das Kriegsrecht. Das Kriegsgesetz besagte: „In Ordnung, ihr werdet dies nicht mehr tun, da ihr euch nur als ,Muslime ausgebt‘!“ Nun ja, wie gibt man sich als Muslim aus? Folglich kam der Zaheeruddin-Fall auf, auf den eine Reihe von Kommentaren über die Angemessenheit des Urteils folgten.

Nicht nur Ahmadi-Muslime, sondern auch Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften werden von religiösen Extremisten in Pakistan verfolgt.
© Asianet-Pakistan | Shutterstock.com


Wenn ich diese zusammenfassen müsste, dann war wohl der erste Kommentar, so denke ich, der von Richter a. D. Duraab Patel des Supreme Court von Pakistan. Er sagte, dass das Urteil fehlerhaft sei, da der Supreme Court gegen sein eigenes Präzedenzfall-Recht verstoßen habe. Es habe den früheren Fall des „Jivindranaat Kishore“ nicht bedacht, ein Urteil durch fünf Richter. Die fünf Richter des Zaheeruddin-Falls konnten das vorangegangene Urteil der fünf Richter nicht aufheben. Das Urteil wurde vor Gericht zitiert: Ich zitierte das Urteil. Richter Fakhruddin Ibrahim, der unser leitender Anwalt war, zitierte es auch, und trotzdem wurde es noch nicht einmal diskutiert. Die Richter hätten sagen können, dass sie mit dem Urteil nicht übereinstimmten, es müsse aufgehoben werden; aber sie haben es nicht einmal erwähnt. Daher sagte Patel, dass das Vorgehen im Zaheeruddin-Fall schlecht gewesen sei, da hier eine frühere Gerichtsentscheidung des Supreme Court ignoriert worden sei. Das Urteil war auch aufgrund einer anderen Gerichtsentscheidung durch fünf Richter des Supreme Court falsch, die als „Haqim-Khan-Fall“ bekannt ist. Am Haqim-Khan-Fall war auch ein Richter beteiligt, der ebenfalls im Zaheeruddin-Fall Richter war. In dem früheren Fall hatte er gesagt, dass das Islamische Recht nicht über der Verfassung stünde; nun, im Zaheeruddin-Fall, meint er, das Islamische Recht stehe über die Verfassung. Was also können wir als seine Meinung betrachten? Er hat einfach die herrschende Meinung unterschrieben. Es gab einen Anwalt vor dem Supreme Court in Pakistan, Misayadree Chaudhry, der sagte, dass das Verhältnis oder die Art der unterschiedlichen Meinungen im Zaheeruddin-Fall nicht klar sei. In diesem speziellen Fall sagten zwei Richter, dass die islamischen Verordnungen vorrangig wären, wohingegen zwei andere Richter der Meinung waren, dass die islamischen Verordnungen nicht den Vorrang hätten, darunter auch ein Richter eines früheren Verfahrens. Es stand zwei gegen zwei, sodass sich keine Mehrheit ergab. Karen Parker, eine Menschenrechtlerin aus San Francisco, sagte in einem Kommentar: „Es ist eine virtuelle Tirade gegen den Glauben der Ahmadiyya.“ Es gab auch einen Kommentar der School of Oriental and African Studies (im Vereinigten Königreich) von Martin Lau, der das Urteil kritisierte und seine juristischen Mängel aufzeigte. Ich habe ein Büchlein über dieses Urteil mit dem Titel „Error at the Apex“ geschrieben. Heute sind wir mit soziologischen und anthropologischen Kommentaren zu diesem Urteil konfrontiert. Ich muss diese noch prüfen und werde sie hier nicht im Detail diskutieren. Aber sie versuchen zu zeigen, dass es eine gewisse Legitimität gibt, die Rechtmäßigkeit des „Muslim-Seins“ oder „innere Fremdartigkeit“ zu definieren. Wenn es eine Fremdartigkeit in deinem Körper gibt, so musst du diese entfernen. Also will man damit sagen, dass die Ahmadis ein fremdes Element im muslimischen Korpus seien und daher hinausgeworfen werden müssten. Die Gültigkeit dieses Arguments müssen wir noch prüfen. Es gab noch ein anderes Argument, dass dieses Urteil, das in den Augen aller Juristen stark fehlerhaft ist, den besten liberalen Traditionen des angelsächsischen Rechts entspreche. Wie das? Weil Ahmadis einen Identitätskonflikt hätten: Ihre ontische Identität sei abweichend von der gesetzmäßigen Identität. Ich habe diesem Argument zwar nicht ganz folgen können, aber so wie ich es verstehe, muss das Gericht abwägen und der gesetzmäßigen Identität Wirkung verleihen, nicht der ontischen (wahren) Identität. Aber meine ontische Identität ist meine wahre Identität. Die juristische Identität wurde mir aufgezwungen. Ich wurde durch die juristische Identität gekennzeichnet, und wenn ich diese anfechte, sagt ihr: „Aber deine gesetzmäßige Identität und deine ontische Identität sind verschieden.“
Wie dem auch sei, dies sind einige juristische Fragen, die ich Ihnen in meiner Rede präsentieren wollte. Lassen Sie mich hier aufhören. Ich bin gerne bereit, Ihre Fragen zu beantworten. Vielen Dank [Applaus].
Frage: Mein Name ist Raj Guppal und ich unterrichte an der MIT-Universität und leite dort auch das Menschenrechtsprogramm. Was sehen Sie als nächste Strategie, wenn man all jene enormen Hürden für die Ahmadis sieht, die Sie hier vorgelegt haben? Wie sieht der künftige Weg aus, in puncto Optionen, um das System oder die Gesetze im Lande zu ändern? Und ich frage mich auch, ob Sie als Teil der Strategie spekulieren können, wie die Beziehung zwischen der Bestrebung der Ahmadiyya-Gemeinde nach Gerechtigkeit und anderen Gemeinden ist, die Ähnliches durchmachen; gibt es hier Allianzen, bei denen es um gemeinsame Interessen geht, oder etwas Ähnliches? Ist es Teil einer größeren Bewegung, um die Verfassung zu ändern?
Antwort: Ich denke, es ist so. In Pakistan ist die christliche Gemeinde eine organisierte Gemeinde, so auch die Ahmadiyya-Gemeinde. Die Pakistanische Kommission für Menschenrechte ist eine säkulare Stimme und es gibt gewiss auch andere, die weiterhin ihre Stimme erheben. Zum Beispiel hat Sherry Rahman (ehemalige Botschafterin in den USA) im Parlament vorgeschlagen, einige Gesetze ändern zu lassen, aber dann musste der Gesetzentwurf aufgrund von äußerem Druck zurückgenommen werden. Sie hatte nur gewisse Änderungen in den Blasphemie-Gesetzen vorgeschlagen, die prozessrechtliche Änderungen wären. Sie sagte: „Lasst das Gesetz, wo es ist, aber macht es sinnvoller, sodass nicht jeder vors Gericht oder zur Polizei geht.“ Doch auch diese Änderung war nicht möglich. Als Teil der Strategie, die sehr effektiv durch die Ahmadiyya-Gemeinde verfolgt wurde, weiß ich von den Versuchen der Ahmadiyya-Gemeinde, aber ich weiß auch, dass die christliche Gemeinde ebenfalls sehr gute Anstrengungen unternimmt und wir an manchen Stellen unsere Anstrengungen auch koordiniert haben. Als Ergebnis bildete sich genügend Druck vonseiten Amerikas und der Europäischen Union, dass Benazir Bhutto und Nawaz Sharif über Änderungen der Gesetze sprachen. Schließlich hat Pervez Musharraf das Gesetz auch tatsächlich geändert. Aber nur einen Teil davon. Er wollte anfangs das Blasphemie-Gesetz ändern, aber damit hatte er keinen Erfolg, da er auch eine Art Koalition mit den fundamentalistisch-religiösen Parteien der Gelehrten anstrebte. Er änderte jedoch einen Teil des Wahlverfahrens.

Pervez Musharraf verabschiedete die Verordnung, welche dem Bürger das Grundrecht auf Wahlen wegnahm. Dieser Schritt der Regierung zielt darauf ab, die Ahmadi-Muslime vom Rest der Wähler in Pakistan zu trennen, damit sie keine Chance haben sich zu integrieren und ein Leben ohne die gleichen Rechte wie der Rest der Bevölkerung, fristen müssen.
(Accessed via Wiki Commons)


Der größte Schaden, um in der politischen Terminologie zu bleiben, ist, dass ich und meine Ahmadi-Geschwister entrechtet wurden. Ich habe kein Recht zu wählen. Ich kann als Ahmadi-Muslim nicht wählen gehen. Nach der pakistanischen Verfassung gibt es keine separaten Listen für Muslime und Nicht-Muslime. Es gibt nur eine Liste; die Bürger sind nicht zu trennen in Muslime oder Nicht-Muslime. Sie alle sind Bürger und das Wahlrecht ist des Bürgers Recht. Also verabschiedete Pervez Musharraf eine präsidiale Anordnung, die als Executive Order 7 (2002) bekannt ist. Diese besagte, dass es von nun an keine separaten Listen, sondern eine gemeinsame Wählerliste geben werde. Daraufhin atmeten wir zumindest ein wenig auf. Warum sind Wahlen so wichtig? Wenn die Minderheit und die Mehrheit nicht miteinander interagieren, wirkt das der Solidarität der Nation entgegen: Sie zerfällt. Wenn die Minderheit und die Mehrheit miteinander interagieren, trägt dies zur Integration der Gesellschaft und im Großen auch der Nation bei. Somit war Musharrafs Anordnung ein willkommener Schritt, denn wenn jemand bei den Wahlen antreten möchte, muss er zu den Muslimen, Christen, Ahmadis und Hindus gehen. Dadurch gibt es eine Interaktion und der Kandidat wird eine Verantwortung spüren, die Rechte der Minderheiten im Parlament zu schützen. Musharraf verabschiedete diesen Erlass, aber innerhalb von wenigen Wochen nahm er ihn wieder zurück und erließ Executive Order 15. Gemäß dieser präsidialen Anordnung Nr. 15, die im Jahr 2007 erlassen wurde, wurden die Wahlen 2008 und 2013 durchgeführt. Es gab ein Parlament, das diese Anordnung hätte ändern können, es aber nicht tat. Dieses Gesetz wird jetzt befolgt und nun gibt es eine Diskussion darüber, das Wahlverfahren zu ändern. Ich möchte, dass sich internationale Stimmen erheben. Ich möchte, dass das menschliche Gewissen auf der Welt aufwacht. Wir werden uns dafür einsetzen und mit den politischen Akteuren arbeiten, um zu sehen, ob das Wahlverfahren geändert werden kann. Vielleicht kann ja jetzt etwas passieren, denn derzeit sehen wir ein sehr eigentümliches Drama außerhalb des pakistanischen Parlaments: Ein gewisser Tahir-ul-Qadri aus Kanada und ein Imran Khan, ein pakistanischer Cricket-Spieler und scheinbar ein Mann von großer Glaubwürdigkeit, sitzen beide vor dem Parlament und fordern eine Wahlreform. Also lassen Sie uns hoffen, dass diese Menschen ein wenig Vernunft sehen, wenn die Wahlreformen kommen.
Also, Herr Raj Guppal, wir interagieren schon. Was mich betrifft: Ich lebe in Hoffnung. Was die Ahmadiyya-Gemeinde und deren 100-jährige Geschichte betrifft, so hat sie niemals gewaltsame Maßnahmen angewandt und sie wird auch nicht auf der Straße demonstrieren. Ihr Kampf ist ein juristischer Kampf, und er ist in den Köpfen und Herzen der Menschen, nicht nur in Pakistan, sondern weltweit. Das ist unsere Strategie.
Ja, ich bin sehr froh, Sie zu sehen, Frau Beena Sarwar. Beena ist eine Stimme der Vernunft, die wir öfter hören.
Frage: Ich bin Beena Sarwar. Ich danke Ihnen und ich bin geehrt, Sie treffen und heute hören zu dürfen. Sie haben eine fantastische Rede gehalten und darin ist so viel, ich wünschte, wir hätten ein paar Stunden mehr. Ich möchte über zwei spezifische Fälle nachfragen. Bei dem einen Fall geht es um den Englischlehrer Junaid, so heißt er, glaube ich, der ein Fulbright-Stipendiat an der Bahauddin-Zakariya-Universität in Multan war. Die Jamaat-e-Islami hatte ein Verfahren gegen ihn ausgeheckt, in dessen Zusammenhang auch unser Freund Rashid Rahman getötet wurde, der Anwalt, der den Fall als Verteidiger angenommen hatte. Ich möchte fragen, was mit dem Verfahren passiert, wenn überhaupt etwas passiert. Und zweitens möchte ich eine Frage zu etwas stellen, das uns als Bürger Pakistans, die wir „Muslime“ sind, sehr verletzt – wir sind „wahre Muslime“ im Gegensatz zu euch „Fake-Muslimen“. Wenn wir unseren Pass holen, müssen wir unsere Religion angeben. Wenn man „Muslim“ angibt (man kann nicht „Atheist“ oder „nicht-gläubig“ angeben, man muss eine Religion angeben), muss man eine Erklärung unterzeichnen, dass Mirza Ghulam Ahmadas ein Betrüger sei, und ich kenne Leute, die das als symbolische Geste weggestrichen und dann unterschrieben haben. Aber nicht jeder kann das tun und wurde es je angefochten, wenn jemand das getan hat?
Antwort: Die Sache mit dem Pass wurde auf Verwaltungsebene angefochten und es gab immer wieder mal Änderungen. Wenn es Druck von bestimmten Staaten gibt, dann wird das Formular zurückgezogen und ein neues Formular erstellt. Aber heutzutage müssen wir das Formular nicht selbst unterschreiben. Neuerdings ist das Verfahren anders: Die Unterschrift wird eingeholt und alles ist online. Wenn ich einen Pass beantrage, gehe ich zur ausstellenden Behörde. Der Beamte fragt und füllt das Formular im Computer aus. Wenn er mich fragt, ob ich Muslim sei oder nicht, dann muss ich das unterschreiben, was er mir vorsetzt. Er druckt es aus, ich muss es unterschreiben, wenn ich sage, ich sei Muslim. Wenn ich sage: „Ich bin Ahmadi“, ist es für mich sehr schwierig zu sagen, ich sei kein Muslim. Was ich also mache, ist, zu sagen: „Ich bin Ahmadi“, und er streicht es durch. Es gibt meines Wissens Fälle, in denen Ahmadis Pässe bekommen haben, in denen „Muslim“ steht. Ich habe meinen Pass gerade nicht in der Tasche. In meinem Pass steht die Bezeichnung „Ahmadi“, da ich meinen Glauben als Ahmadi angegeben habe. Aber es gibt viele Ahmadis, deren Pass ich gesehen habe, die mit der Bezeichnung sehr unzufrieden sind. Es gibt viele Hürden und ich gehe immer wieder zur Passbehörde und zur NADRA (der pakistanischen National Database and Registration Authority). Denn nicht jeder ist gebildet. Der Herr, der meinen Antrag bearbeitet, denkt, wenn er meinen Namen „Mujeeb ur Rahman“ sieht, automatisch: „Er sieht aus wie ein Muslim“ und streicht das andere weg. Wenn ich dagegen ungebildet bin, geht das ohne Weiteres durch. Aber es ist fast unmöglich für einen Ahmadi, einen Pass als Muslim zu bekommen. Als Ahmadi einen Pass als Muslim zu bekommen und diese Erklärung gegen den Gründer der Ahmadiyya-Gemeinde zu unterzeichnen, ist schlimmer als der Tod. Daher würde er es nie unterschreiben. Das ist eine echte Schwierigkeit.
Die andere Frage, die Sie gestellt haben, ist die zum Fall Rashid Rahman. Das Problem ist, dass das Blasphemie-Gesetz im Islam überhaupt nicht auf dem Koran oder der Sunnah basiert und absolut unislamisch ist. Ich werde bei einem Vortrag, ich denke, an der Columbia Law School, das Thema Blasphemie-Gesetz in Pakistan und seine Gültigkeit unter den Aspekten des Gesetzes, der Verfassung und der islamischen Rechtsprechung erörtern. Ich könnte Stunden über diese Materie sprechen und, wenn nötig, auch eine Debatte mit Allama Tahir-ul-Qadri führen. Es gibt keine Bestrafung für Blasphemie im Islam, aber dennoch hat man ein Blasphemie-Gesetz eingeführt. Als dieser Mann (Rashid Rahman) getötet wurde, gab es danach Schwierigkeiten, einen Anwalt zu finden, der bereit gewesen wäre, die Täter zu verfolgen. So ist die Sache nach einem gewissen Aufruhr versandet und ich habe nichts weiter von dem Fall gehört.
Frage: Ich frage mich nur, was aus dem Fall des jungen Mannes geworden ist, der wegen Blasphemie im Gefängnis war.
Antwort: Die Person, die ihn verteidigen sollte, wurde auch getötet. Ich weiß, dass die Pakistanische Kommission für Menschenrechte (Human Rights Commission of Pakistan) daran arbeitet und jemand wird ihn verteidigen. Pakistan ist noch nicht in einem ganz so hoffnungslosen Zustand, jemand wird sich bestimmt finden, der ihn verteidigt.
Frage: Mein Name ist Ken Berkowitz, Polizeichef von Canton, Massachusetts. Ich möchte Ihnen für Ihre Kommentare danken, die sehr aufschlussreich sind. Ein paar Sachen nur: Hier sitzend als Amerikaner, als Polizeichef, ist es für mich unbegreiflich, dass Polizisten, wie Amjad zu Beginn gesagt hat, in Pakistan an der Folter und Diskriminierung der Ahmadis beteiligt sind. Denken Sie, dass die totalitäre Philosophie, die dort implementiert wird, Militanz fördert oder den Samen dafür legt?
Antwort: Militanz fördert, sagten Sie? Ja! Sehen Sie, meiner Ansicht nach hat die Militanz in Pakistan mit der Zeit stark zugenommen, aufgrund solcher rechtlichen und gesetzlichen Verordnungen. Wenn ich vorhin über meinen Fall gesprochen habe, sage ich nun absolut unvoreingenommen und unabhängig, dass der Zweite Zusatzartikel, der die Ahmadis zu Nicht-Muslimen deklariert, den Prozess der Spaltung der Gesellschaft in Gang gebracht hat. Es wurde damals befürchtet, dass man nach den Ahmadis gegen die Schiiten vorgehen würde. Eine Zweiteilung und Spaltung der Gesellschaft hat stattgefunden. Als die Gesellschaft gespalten war, begann die Einflussnahme der Fundamentalisten zuzunehmen. Die Tatsache kann nicht geleugnet werden, dass die Präsenz der Taliban und anderer terroristischer Organisationen in Pakistan, auch innerhalb der religiös-politischen Parteien in Pakistan, auch darauf zurückzuführen ist, dass diese Gesetzesänderung durch religiöse Einflussnahme entstanden ist. Der pakistanische Staat als solcher gibt nicht zu, dass Terrorismus ein Teil der Staatspolitik ist, und – ich sage das mit ein wenig Zurückhaltung und mit großem Bedacht und großer Vorsicht – unsere pakistanische politische Regierung hat nicht den politischen Willen, gegen die Anschläge der terroristischen Organisationen vorzugehen. Diese Abwesenheit politischen Willens kann vielerlei Gründe haben: Zum einen besteht vielleicht eine mentale Affinität zu den Terroristen oder auch zu den fundamentalistischen Organisationen. Zum anderen wird vielleicht gefürchtet, dass man durch ein hartes Vorgehen gegen solche Leute Vergeltung hervorrufen könnte und diese Einfluss auf die Regierungsmacht haben könnte. Daher gibt es keinen politischen Willen, etwas zu ändern. Ich bin nicht in einer Position, irgendetwas Positives darüber zu sagen, aber manchmal spüren wir Außenstehende, also die normalen Bürger, dass es unterschiedliche Auffassungen beim Establishment und unserer politischen Regierung gibt, wie man mit den fundamentalistischen Attacken umgehen sollte.

Ahmadi-Muslime müssen bei der Beantragung des Passes angeben ob sie Mitglied der Ahmadiyya Gemeinde sind und dann wird ihnen gesagt, sich selbst Nicht-Muslim zu nennen. Daher hat die Regierung die Ahmadiyya Gemeinde ins besondere zur Zielscheibe erklärt und versucht alles um sie von Pakistan auszustoßen.
© Xubayr Mayo | Shutterstock.com


Frage: Mein Name ist Mauroof Sayed, ich bin Student hier an der Harvard-Universität und meine Frage ist mehr historischer Art. Sie sagten, dass Pakistan auf demokratische Prinzipien aufgebaut wurde und später gewisse Elemente, gewiss auch Jamaat-e-Islami, nach Pakistan kamen, ihren Willen geltend machten und diverse perfide politische Allianzen eingingen. Aber schauen Sie, und korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege: Das Establishment von Pakistan war auch vorher schon einen Schritt von dem System „eine Person – eine Stimme“ entfernt. War nicht diese Spaltung im Wahlrecht, die Minderheiten Sondersitze im Parlament gewährte, schon der Scheideweg, der direkt am Anfang begann und zu der Situation führte, in der die Ahmadi-Muslime komplett entrechtet sind? War es also eine Art Schieflage von Anfang an, die dazu geführt hat?
Antwort: Das ist eine sehr wichtige Frage und nicht viele machen sich darüber ernsthafte Gedanken. Der Aspekt, dass Pakistan als ein säkularer oder demokratischer Staat konzipiert war, kann nicht verneint werden. Es kann auch nicht verneint werden, dass die pakistanische Verfassung die Staatsverfassung einer föderalen Republik ist und in ihrer gesamten Gestalt als eine demokratische Verfassung strukturiert ist. Die andere Sache, die Sie erwähnten, ist, dass die Verfassung Sondersitze für Minderheiten vorsah, als Ahmadis noch nicht als Minderheit deklariert wurden. Es gab andere Minderheiten wie Christen, Hindus, Parsis und Sikhs, für die Sitze reserviert waren. Ich denke, das war eine Hinterlassenschaft der Kolonialherrschaft und diese hatte ihre eigene Weisheit für die damalige Zeit. Diese Art der Repräsentation im kolonialen Indien gab es aufgrund von wirtschaftlichen und politischen Interessenkonflikten zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Um die Minderheiten zu schützen – nun, das ist sehr wichtig und ich habe eine eigene These hierzu und habe bereits lange darüber gesprochen –, sind die Sondersitze für Minderheiten im Endeffekt ein Prozess der Integration. Manche Minderheiten sind aufgrund der geschichtlichen Prozesse benachteiligt worden. In Indien hat man sie Unberührbare, „Dalit“, untere Kaste, genannt. In Pakistan haben wir keine untere Kaste, aber wir haben die christliche Gemeinde, die durch den Zufall der Geschichte zurückgelassen wurde. Wenn sie in den Parlamentswahlen antreten würde, würde aufgrund der überwältigenden Mehrheit der Muslime kein Christ, kein Hindu gewählt werden, wodurch sie keine Stimme hätten. Also wurden diese separaten Sitze eingeführt, um ihnen eine Stimme zu verleihen; diese waren ein Teil des Integrationsprozesses. Im Endeffekt ist er dennoch zu einem Desintegrationsprozess geworden, unglücklicherweise.

Ein Protest von normalen Bürgern gegen die gestiegenen Unruhen in Pakistan und der gestiegenen Terrorgefahr, die das Land destabilisieren und den Frieden zerstören.
© Asianet-Pakistan | Shutterstock.com


Frage: Hallo, mein Name ist Shanta Bahaan, ich habe Harvard vor einigen Jahren besucht und bin Mitglied der christlichen Gemeinde in Pakistan, so auch meine Familie. Ich freue mich, dass Sie dieses Thema ansprechen. Ich war mir nicht bewusst, dass Christen und Ahmadis zusammengearbeitet haben, um ihre Stimme zu erheben. Ich denke, wenn es möglich wäre, würde man eine stärkere Stimme haben, wenn noch weitere Minderheitengemeinden mit ihnen zusammenarbeiten würden. Ich weiß noch, als ich nach Khyber Pakhtunkhwa gereist bin, habe ich dort auch einige Sikh-Gemeinden gesehen. Es gibt also noch weitere Minderheiten und ich frage mich, was getan wird, um sie alle zusammenzubringen und eine gemeinsame Stimme zu haben. Ich sage dies auch (meine Familie stammt aus einer etwas privilegierten Gemeinde), da christliche Gemeinden in Gegenden verdrängt werden, ich möchte sie nicht Slums nennen, aber es sind Gegenden wie Slums, Gegenden, die nicht sehr schön sind. Christen sind eher sicherer in den Gegenden, die etwas wohlhabender sind. Daher frage ich mich: Was können wir tun, um alle Minderheiten zusammenzubringen und dann für mehr Freiheit einzustehen?
Antwort: Ich denke, dass Sie diese Frage stellen, liegt an dem Umstand, dass Ahmadis und Christen und andere Gemeinden in Pakistan zwar miteinander interagieren, sich gegenseitig helfen, aber nicht zusammen gesehen werden, dass diese Zusammenarbeit sichtbarer sein sollte. In logistischer Hinsicht und im Hinblick auf die Ideen und die Arbeit interagieren und kooperieren sie miteinander, aber in der pakistanischen Gesellschaft kann das manchmal auch kontraproduktiv sein. Wenn Muslime mit Christen zusammenarbeiten, können sie diesen vorwerfen, dass sie mit den Ahmadis zusammenarbeiten, die angeblich nicht treu gegenüber Pakistan sind, während Christen loyal wie jeder andere seien. Der Geschwader-Führer der pakistanischen Luftwaffe, Cecil Chaudhry, Charles Amjad Ali, der Bischof von Lahore, und ich haben uns miteinander ausgetauscht und uns mal in der amerikanischen, mal in der deutschen und mal in anderen europäischen Botschaften getroffen. In der Tat arbeiten wir zusammen.

Die pakistanische Diaspora hat ihren Höhepunkt erreicht, indem viele aus dem Land fliehen und in verschiedenen Teilen der Welt Zuflucht gefunden haben. Die Karte zeigt die pakistanische Diaspora in der Welt, wo sie den Unruhen, Korruption und Gewalt in ihrem Land entfliehen.
(Accessed via Wiki Commons)


Lassen Sie mich erneut allen meinen Dank aussprechen, dass Sie heute dabei waren. Diese großartige Beteiligung ist sehr erfreulich.
Applaus
Ich danke Ihnen vielmals, Sie haben mir eine große Ehre erwiesen. Ich bin sehr privilegiert, hier an der Harvard Law School sein zu dürfen, einer der renommiertesten juristischen Universitäten weltweit. Wenn ich das so sagen darf: Viele führende Köpfe der Welt, Richter des US Supreme Court und US-Präsidenten kommen von hier. Harvard trägt einen großen Namen und für einen demütigen Mann wie mich ist es eine große Freude, in Harvard sein zu dürfen und vor diesen Studenten und Akademikern zu sprechen. Ich danke Ihnen allen, mir geduldig Ihr Ohr geliehen zu haben.
Applaus
Über den Autor: Herr Mujeeb ur Rahman ist Jurist und hat mehr als 50 Jahre als Anwalt am Supreme Court (Verfassungsgericht) in Pakistan gearbeitet. Als ein Menschenrechtsaktivist ist er für die Religionsfreiheit von Ahmadis eingetreten und hat in mehreren Hundert Fällen die Verteidigung übernommen, darunter auch in zwei aufsehenerregenden Fällen am Supreme Court, die in juristischen Magazinen veröffentlicht wurden. Als Autor verschiedener Publikationen hat Herr Rahman kürzlich an fünf Elite-Universitäten in den USA Vorträge über „Islamisches Recht und Rechtsprechung mit besonderem Fokus auf Blasphemie und Apostasie“ gehalten. Zurzeit schreibt er an weiteren Büchern zu diesen Themen.

Kommentar hinzufügen

Klicken Sie hier, um einen Kommentar zu posten