Islam

Das Allerbeste und das Allerschlimmste 

Von Imam Mansoor Ahmad Clarke

»Der Freitagnachmittag brachte sowohl das Allerbeste als auch das Allerschlimmste  der Menschheit zutage,« schrieb Londons Bürgermeister Sadiq Khan in seinem aktuellen Artikel für den » Guardian« vom 30. November 2019 und bezog  sich damit auf den schrecklichen Angriff, der sich am 29. November 2019 auf der London-Bridge ereignete und zwei unschuldige Leben forderte.

Ich stand in der bitteren Kälte und dirigierte Autos als Teil  einer Gruppe von Freiwilligen, als ich zum ersten Mal von dem Anschlag  erfuhr. Ich war zusammen mit einer Gruppe von Freunden und Kollegen bei der feierlichen Scheckübergabe der „Mercy for Mankind Charity Challenge“, durchgeführt von der Ahmadiyya Muslim Jugendorganisation (AMYA).

Ich hielt mein Telefon  in meinen behandschuhten Händen und dachte mir: „Nicht schon wieder. Ich hoffe, es ist niemand gestorben. Ich hoffe, es war  kein Muslim.” Aber nur wenige Augenblicke  später bestätigten sich meine Befürchtungen durch eine  Benachrichtigung auf  meinem Telefon – ein 28-jähriger Mann, mit muslimischem Namen, hatte gerade zwei unschuldige Menschen kaltblütig ermordet.

Die U-Bahnfahrt entlang der Northern Line am Samstagmorgen war beängstigend. Zwei andere junge Imame und ich machten uns auf den Weg zur London Bridge, um unser Mitgefühl und unser Beileid auszusprechen. Als wir unterwegs waren,  merkte man die erhöhte  Anzahl von Polizisten und natürlich konnten die Blicke anderer Pendler auf unsere Topis (muslimische Mützen für das Gebet) nicht ignoriert werden.

Ich lehnte  den Strauß frischer, roter Rosen zu Ehren von Jack und Saskia an die kalte Betonwand und leitete ein kurzes stilles Gebet. Währenddessen konnte ich hören, wie sich die Kameras einschalteten und merkte, wie die Reporter ihre Mikrofone vorbereiteten, um zu hören, was „die Muslime“ zu sagen hatten.

Ich stand da und beantwortete ihre Fragen, aber während ich dankbar für die Gelegenheit war, mein aufrichtiges Beileid zum Ausdruck zu bringen und einige negative Vorurteile über den Islam zu entkräften, hörte ich eine spezielle Frage, die mich zurückversetzte auf den Parkplatz von der Nacht zuvor..

„Was denken Sie als Imam, sollte die muslimische Gemeinschaft  tun, um ihr Image zu verbessern?“ Ich muss zugeben, als ich das hörte, war ich ziemlich verblüfft. Ich verstand, was der Interviewer meinte, aber der doch leichtfertige Versuch vom Handeln eines  Einzelnen auf  den  Charakter von fast 2 Milliarden Menschen zu schließen, war einer, den ich allzu oft zuvor schon gehört hatte.

Ich war verletzt, weil es fast so schien, als wäre ich nicht nur gekommen, um mein Beileid und meine Missbilligung zum Ausdruck zu bringen, wie jeder andere auch, sondern dass von mir indes erwartet wurde, dass ich mich entschuldige und verspreche, mich vielmehr zu bemühen – als wäre ich irgendwie verantwortlich.

In Wirklichkeit stand dieser Anschlag  im absoluten Widerspruch zu den friedlichen und liebevollen Lehren des Islam, welche die Tötung eines Unschuldigen als gleichbedeutend mit der Tötung der gesamten Menschheit erklären. Der Gründer des Islam, der Heilige Prophet Mohammed (Friede und Segnungen Allahs seien mit ihm) lehrte auch, dass ein wahrhaftiger Muslim jener ist, vor dessen Hände und Zunge die Menschen in seiner Umgebung in Sicherheit sind! (Bukhari)

Wie könnte man angesichts dieser eindeutigen  Lehren ein solches Verbrechen und einen solchen Angriff als im Namen des Islam geschehen erachten, oder die Religion des Islam dafür verantwortlich machen?

Es war an diesem Punkt, an dem mir die Frage gestellt wurde, dass ich den dringend brennenden Wunsch verspürte, dass die Welt etwas über die AMYA oder, wie jemand es einmal nannte, ,das „bestgehütete Geheimnis Großbritanniens“ erfährt, und darüber, was nur wenige Stunden zuvor im Hauptsitz der Ahmadiyya Muslim Gemeinde geschehen war.

Wie der Bürgermeister von London sagte, sahen wir am Freitagabend „das Beste und das Schlimmste“, aber wo er sich speziell auf das Geschehen an der London Bridge bezog, gab es am Freitagabend auch die unermüdlichen Bemühungen und Anstrengungen der jungen Ahmadi-Muslime in ganz Großbritannien.

Mitglieder von AMYA sammelten fast eine Million Pfund für britische Wohltätigkeitsorganisationen, nicht mithilfe   großer Budgets oder der Unterstützung von Millionären, sondern durch kontinuierliches Engagement und rastlose  Bemühungen geprägt von  Loyalität und Fleiß.

Als die Gäste dasaßen und davon hörten, wie die AMYA Bäume pflanzt, Blutspendeaktionen durchführt, die Straßen reinigt, Obdachlose speist, ältere Menschen besucht, die Bedürftigen kleidet – und das alles kostenlos – bemerkte ein Gast: „Es ist einfach eine solche Schande, dass nichts davon jemals in die Nachrichten kommen wird“.

Sie hatte natürlich völlig Recht, mit dem, was sie sagte. Die Geschichte dieser jungen Helden, jeder einzelne von ihnen ein Beispiel für Menschlichkeit schlechthin, machte keine Schlagzeilen. Es kam nichts davon in die Nachrichten und wahrscheinlich hätte nie jemand davon gehört, außer er war dort gewesen.

Ich kann mir vorstellen, dass, wenn die Menschen in Großbritannien von der Arbeit von der AMYA gehört hätten, sie auch gesagt hätten, „Freitagnachmittag brachte  das Allerbeste der Menschheit zutage“.

Wir verließen die London Bridge, nachdem wir mehrere Stunden damit verbracht hatten, unser Beileid zu bekunden, die Menschen zu den nächsten Blumenständen zu führen, mit den Medien und den tapferen Polizisten im Dienst zu sprechen. Wir unterhielten uns sogar mit einem großen, kräftigen Mann namens Tony, der sich als sanfter Riese herausstellte und der ähnlich am Boden zerstört war von der Nachricht, was passiert war. Wir umarmten uns, als er zu den Kameras sagte: „Das sind meine Freunde, gebt ihnen keine Schuld, gebt nicht der Gemeinschaft die Schuld, es war ein Mann, gebt ihm die Schuld“.

Gerade in Zeiten wie diesen müssen wir als Gesellschaft zusammenkommen und mehr denn je vereint sein. Wir müssen die Arbeit von Organisationen wie der AMYA kennenlernen, anerkennen und würdigen, damit wir lernen können, einander durch das Positive und Gute, das wir alle in der Gesellschaft zeigen, zu erkennen.

Wenn wir dies jedoch nicht tun, werden die Menschen unter uns weiterhin dem endlosen Ansturm negativer Klischees, Vorurteile und Engstirnigkeit zum Opfer fallen.

Beginnen wir die Gespräche, die uns von unserer Feindseligkeit befreien. Lasst uns Liebe, Mitgefühl und Akzeptanz in das Gewebe  unserer wunderbaren und vielfältigen Gesellschaft einflechten, bevor wir sie alt und faserig von der Anspannung und Abnutzung unserer eigenen menschengemachten Intoleranz und unseres Hasses vorfinden.

Mögen wir alle als Botschafter des Allerbesten der Menschheit leben und uns als solche erweisen und lernen, sowohl die Rechte der Mitmenschen als auch die Gottes zu erfüllen.

Über den Autor: Herr Mansoor Clarke ist ein Imam der Ahmadiyya Muslim Gemeinde, der derzeit im Internationalen Presse- und Medienbüro der Gemeinde in London arbeitet. Er ist zudem  Redaktionsmitglied im Magazin The Review of Religions.

Kommentar hinzufügen

Klicken Sie hier, um einen Kommentar zu posten