Der Heilige Qur'an Reflexionen

Das rechte Maß – Ein schmaler Grat

Heute wird gerade der Islam von vielen am wenigsten mit Mäßigung in Verbindung gebracht. Das auch, weil...

von Yunus Mairhofer

Als ich vom Land der teuren Dinge,
Ins teure Land der Engel trat,
Empfing uns dort statt Einkaufsstraßen,
ein schmaler Grat – das rechte Maß. 

Heute wird gerade der Islam von vielen am wenigsten mit Mäßigung in Verbindung gebracht. Das auch, weil immer wieder Leute im Namen des Islam auftreten, deren radikale Gesinnung einen Schatten der Abartigkeit auf diese reine Religion wirft. Dies ist wiederum ein gefundenes Fressen für all jene, die Gott, den Vater der Religionen, am liebsten für tot erklären, und sich dafür selbst an Seine Stelle setzen.

In Seinem Buch, dem Heiligen Qur’an, lehrt Allah uns ein Gebet, das gerne übersetzt wird als: »Führe uns auf den rechten Weg«. In diesem Gebet bittet man auch um göttliche Führung, wenn einem der rechte Weg bereits gezeigt wurde. Deshalb lautet eine zweite Übersetzung dieses sechsten Verses der ersten Sure auch: »Führe uns auf dem rechten Weg«. Das arabische Original lässt also beide Interpretationen zu.

Was aber ist dieser »rechte Weg«, wofür Muslim und Muslimin tatsächlich 30-40 mal täglich inständig beten?

Eine Antwort darauf lässt sich finden, wenn man das im arabischen Original des Verses vorkommende Wort mustaqīm, welches als »recht« übersetzt wird, genauer betrachtet. Es leitet sich vom Wortstamm qāma ab. Vorwiegende Bedeutungen rund um den Wortstamm qāma sind laut Lexikon: treu, aufrichtig und gerecht sein; Standhaftigkeit, Integrität, Geduld; eine gesunde Balance halten.1

Im Bewusstsein, dass wir es hier mit dem Wort einer Heiligen Schrift zu tun haben, erkennt man also allein schon in diesem Wort ein Gebot. Und zwar jenes, in keinster Weise ausufernd oder unbeherrscht zu handeln. Jede Art eines reaktionären, unkontrollierten oder gar extremistischen Handelns ist demzufolge das absolute Gegenteil dessen, wonach ein Mensch strebt, der nach den Lehren des Heiligen Qur’an leben möchte. Wie kann es dann möglich sein, dass genau solche Handlungen im Namen der Religion oder im Namen des Islam begangen werden?

Eine weitere Antwort auf unsere Frage nach der Bedeutung des »rechten Wegs« finden wir im Heiligen Qur’an selbst gleich im darauf folgenden Vers. Im siebten und letzten Vers der ersten Sure, al-Fātiḥa, heißt es nämlich:

»Den Weg derer, die Du gesegnet hast.« Die gesegneten Vorbilder der Gläubigen sind die Propheten und Heiligen Gottes, »die nicht zu jenen gehören, die Gottes Zorn auf sich zogen bzw. ziehen oder die irregegangen sind bzw. in die Irre gehen.«

In der arabischen Urfassung lassen sich zwei zentrale Begriffe dieses siebten Verses jeweils von den Wortstämmen »ġaḍiba« bzw. »ḍalla« ableiten. Damit wird von Gott, dem Allmächtigen, auf zwei bestimmte Gruppen von Menschen aufmerksam gemacht.

Die erste Gruppe namens maġḍūbabgeleitet von ġaḍiba, ist der wörtlichen Bedeutung nach gekennzeichnet von Zorn, innerer und/oder äußerer Wut, Rachsucht und dergleichen. All diese Eigenschaften lassen auf eine gewisse Hartherzigkeit schließen.2 
In einer Überlieferung legt der Heilige Prophet Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) uns eine diesbezügliche Gesetzmäßigkeit dar. Es heißt darin: »Man lā yarḥam lā yurḥam«3, was so viel bedeutet wie: »Wer unbarmherzig ist, wird selbst keine Barmherzigkeit erfahren«. Demnach sind es die oben erwähnten Menschen, die durch ihre eigene verschlossene Geisteshaltung und ihr kaltherziges Handeln gegenüber ihren Nächsten sich ihrerseits Gottes Zorn einhandeln, während sie eigentlich an ihrem eigenen Zorn zugrunde gehen.

Die zweite Gruppe namens ḍāllīn, abgeleitet von ḍalla, wird gern übersetzt als die Irregegangenen. Damit sind laut Lexikon Menschen gemeint, die in der Verfolgung materieller und selbstsüchtiger Ziele verfangen sind und dadurch völlig den Blick für die spirituelle Realität verloren haben.4 Sie vernachlässigen ihre Verpflichtungen gegenüber ihrem Umfeld sowie ihrer Umwelt, gerade weil auch ihr Verhältnis zu ihrem Schöpfer mangelhaft ist. Dazu kommt, dass sie mit ihrem Verhalten in der Regel auch schlechten Einfluss auf andere haben.

Diese beiden Gruppen werden im Heiligen Qur’an also exemplarisch als Menschen oder Charaktere angeführt, deren natürliches Verhalten außer Balance geraten ist. Ein Gläubiger bzw. eine Gläubige wünscht sich indes, größtmöglichen Abstand davon zu nehmen. 
Das in den vorangehenden Versen verschriebene Mittel dafür ist das Gebet und das ständige Bemühen, den heiligen Vorbildern, allen voran dem des Heiligen Propheten Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) und seiner Gefährten und Gefährtinnen, zu folgen.

In der Auseinandersetzung mit dem islamischen Konzept der Mäßigung wurden nun also drei verschiedene Menschennaturen unterschieden, von denen zwei zu Extremen neigen, die einen in restriktiver, die anderen eher in ausschweifender Hinsicht. Die Gruppe der Gläubigen hingegen ist angehalten, weder zu ausschweifend zu sein, noch sich zu versteifen und zu verhärten. Sie allein ist es, die versucht, auf dem schmalen Grat des Mittelwegs zu wandeln.

Allah Selbst lehrt uns auch an anderer Stelle dieser Sure, dass dies ohne festen Glauben an Ihn und ohne Seine Hilfe unmöglich ist. Denn in Wahrheit kann es uns nur gelingen, beispielsweise bei anstößigem Verhalten eines Mitmenschen, unseren Respekt und unser Mitgefühl für ihn zu wahren, wenn wir tief im Herzen daran glauben, dass jeder einzelne Mensch – mehr noch, jedes einzelne Partikel – die Schöpfung eines gemeinsamen Herrn und Fürsorgers ist, der auch verkündet hat: »Meine Barmherzigkeit umfasst jedes Ding.«5 Nur wenn man sich diese Tatsache ständig und lebhaft vergegenwärtigt, wird man, inshaAllah (so Gott will), zunehmend erkennen, dass zum Beispiel das Motto der Ahmadiyya Muslim Jamaat »Liebe für alle, Hass für keinen«, oder auch das christliche Gebot »liebe deinen Nächsten wie dich selbst« keine bloßen Lippenbekenntnisse sein sollen, sondern ein Bekenntnis des Herzens, das sich in selbstlosem Handeln widerspiegelt.

Damit ist der angestrebte Mittelweg auch gleichzeitig der Weg der Reinigung, da er einen zur Uneigennützigkeit erzieht. Während man zunehmend darin aufgeht, auf die Bedürfnisse seiner Mitmenschen einzugehen, tritt man in einen nie enden-wollenden Prozess des Dienens und Erziehens ein, in dem sich eine weitaus größere Seligkeit offenbart, als man durch das ständige Stillen des eigenen Verlangens jemals erreichen könnte. Dies ist, was unser Gott letzendlich für uns wünscht, und Hingabe an diesen höheren Willen bedeutet im Arabischen wörtlich – Islam.

Warum wurde oben nun behauptet, dass dieser heilige Weg der Nächstenliebe nur mit dem Glauben an und der tatsächlichen Hilfe von Gott, dem Allmächtigen, möglich ist? Eine Antwort darauf liegt, wie soeben ausgeführt, in der Erkenntnis, dass wir alle als Geschöpfe eines einzigen Herrn grundsätzlich gleichwertig sind und es uns nicht ansteht, uns über unsere Nächsten zu erheben, weder gedanklich noch in Wort und Tat. So viel zur Voraussetzung des Glaubens an Gott. Wozu aber benötigen wir zur erfolgreichen Umsetzung unserer mitmenschlichen Bemühungen Seine dauernde Hilfe?

Es scheint einleuchtend, dass es sich bei dem aufrichtigen Vorsatz, all seine Mitmenschen zu lieben und sogar für seine Feinde ein grundsätzliches Mitgefühl zu empfinden, um eine sehr hochgesteckte Ambition handelt; um eine Selbstaufgabe, die in Wahrheit mit dem Tod des eigenen Egos einhergeht. 
Was würde nun passieren, wenn wir uns, angenommen, für den einen oder anderen Mitmenschen erfolgreich einsetzen oder gar aufopfern, und wir uns diesen Erfolg, Gott behüte, selbst zuschreiben? Würde dies nicht sehr schnell zu einer gewissen Selbstherrlichkeit, sprich Arroganz, führen, die der eigentlichen Mission, nämlich der Selbstaufgabe, genau entgegenwirkt? Das Ergebnis auf kurz oder lang könnte entweder nur ein letztliches Scheitern unserer Bemühungen sein, oder noch schlimmer, in erschreckender Heuchelei enden.

Das Dienen und die Möglichkeit zur Selbstaufgabe entspringen daher der reinen Gnade unseres Gottes, des Allmächtigen, der über alle Dinge wacht und alles unter Ihm Existierende lenkt und leitet. Seine Gnade und Barmherzigkeit sind es, worin wir in wachsender Demut und Dankbarkeit aufgehen, und von dort spüren wir den Wind unseres Paradieses, das allein in Ihm liegt. Aller Preis gebührt somit Allah, dem Herrn sämtlicher Welten.

1 Dictionary of the Holy Qur’an, UK 2006, S. 708

2 Dictionary of the Holy Qur’an, UK 2006, S. 617 f.

3 Ṣaḥīḥu l-buḫārī, kitābu l-ʾadab

4 Dictionary of the Holy Qur’an, UK 2006, S.508 f.

5 Der Heilige Qur’an 7:157

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