Ramadan

Fasten in der Schule: eine religiöse Pflicht?

Wie sind Schule und Fasten miteinander vereinbar, vor allem wenn Schüler Prüfungen zu schreiben haben?

Shutterstock ID 560243128

Anmerkung: Dieser Artikel erschien in der Print-Ausgabe von Die Revue der Religionen 2/2019.

Auch dieses Jahr fällt der Fastenmonat Ramadan in die Schulphase. In den Schulen hierzulande ist eine wachsende Zahl fastender Kinder wahrzunehmen, was Schulen bundesweit vor eine Herausforderung stellt. Es gibt keine genauen Zahlen über fastende Schüler. Jedoch ist dieses Phänomen besonders an Schulen mit einem hohen Anteil muslimischer Schüler zu beobachten.

Das Thema Fasten in der Schule hat mittlerweile auch die Politik aufgegriffen. Man hat das Fasten minderjähriger Schüler als ein Problem erkannt und ist darum bemüht, zusammen mit den Religionsgemeinschaften und Schulen eine gemeinsame Vorgehensweise zu entwickeln. Allerdings gibt es bisher keine bundesweit einheitliche Verfahrensweise. Auf Bundesebene wird jedoch in der Kultusministerkonferenz beabsichtigt, einen Orientierungsrahmen für Lehrkräfte und Schulleitungen zu erstellen.

Das Hessische Kultusministerium strebt an, mit den beiden Kooperationspartnern Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland und dem DITIB Landesverband Hessen, eine gemeinsame Empfehlung zum Umgang mit den religiösen Geboten während des Ramadan zu erarbeiten. Diese soll Lehrern und der Schulleitung eine argumentative Hilfestellung bieten und den Eltern eine Orientierung ermöglichen.1

Vor zwei Jahren veröffentlichte das Bezirksamt Berlin-Neukölln, in dem viele Muslime leben, eine Broschüre mit Empfehlungen an Eltern, Schüler und Lehrer. Die sogenannten »Neuköllner Leitsätze« sollen aufzeigen, dass beide, Schule und Ramadan, miteinander vereinbar sind und sollen den Umgang mit der Fastenzeit in der Schule regeln. Das Fasten dürfe nicht dazu führen, dass es Kindern in der Schule nicht gut geht und sie am Schulbetrieb nicht teilnehmen oder ihre Leistung bei Prüfungen beeinträchtigt wird. Allerdings stieß diese Initiative bei Moscheevereinen auf wenig Resonanz. Denn die Islamverbände betrachten das Fasten junger Muslime während der Schulzeit als nicht problematisch und argumentieren: Das Fastengebot sei für alle gesunden pubertären Muslime bindend. Lediglich Reisende, Kranke und Schwangere seien von der Fastenpflicht ausgenommen.

Sollten Grundschüler während der Schulzeit fasten? Der Verheißene MessiasAS hat davor gewarnt, dass kleine Kinder fasten, da sie noch wachsen und Speis und Trank benötigen.

Shutterstock ID 139406255

Im Gegensatz zu den obligatorischen islamischen Gebeten, welche Kinder vom 10. Lebensjahr an verrichten sollten, gibt es kein spezifisches Alter im Heiligen Qur’an oder den Ahadith bezüglich des Fastens. Jene, die davon ausgenommen sind, wie etwa Kranke, Senioren, schwangere und menstruierende Frauen und Reisende, sollten stattdessen für die Speisung von Bedürftigen spenden, auch bekannt als fidya. Natürlich sind weder kleine Kinder noch Schüler der Sekundarstufe dazu in der Lage, und dies zeigt, dass sie auch nicht fasten müssen.

In der gleichen Passage im Qur’an, in der das Gebot des Fastens steht, heißt es sehr passend dazu: »Allah wünscht Erleichterung für euch und Er wünscht keine Schwierigkeit für euch.«2 Also kann das Fastengebot ein kleines Kind überhaupt nicht betreffen, da es natürlicherweise regelmäßige Nahrung benötigt, noch einen heranwachsenden Jugendlichen, der auch eine Phase intensiven Lernens durchläuft.

Darüber hinaus können die zentralen Ziele des Fastens – intensiver Gottesdienst, vermehrte Almosen und innere Veränderung – nur von jenen erwartet werden, die spirituell und intellektuell reif genug sind, um nach diesen Tugenden zu leben.

Dies wird weiter durch ein Hadith gestützt, in dem der Heilige Prophet MuhammadSAW drei Arten von Menschen erwähnte, die für ihre Handlungen nicht verantwortlich sind:

»Der Stift wurde für Drei gehoben [Anm.: d. h. sie sind nicht zurechnungsfähig]: Für den Schlafenden, bis er aufwacht; für den Jungen, bis er zu einem jungen Mann wird; und für den Geisteskranken, bis er wieder über gesunden Verstand verfügt.«3

Unweigerlich gibt es viel Begeisterung und Aufregung, sobald der Ramadan kommt; es ist eine Zeit, welche die ganze Familie, die Gemeinschaft und tatsächlich die globale Umma vereint. Natürlich möchten Kinder ein Teil davon sein. Wenige Menschen würden Kindern verweigern tagsüber ein teilzeitiges Fasten als Vorgeschmack auf das Erwachsenenalter zu erproben. Aber während Ermutigung die eine Sache ist, ist die Durchsetzung eine ganz andere. Es ist nicht rechtens, Kinder zu zwingen, zu hungern und sie krank werden zu lassen. Tatsächlich ist dies absolut gegen den Geist des Ramadan.

Während Schüler nicht gezwungen werden sollten, zu fasten, ist es denn erwünscht, dass sie dies tun?

Der Standpunkt der Ahmadiyya Muslim Jamaat ist ziemlich klar, da sie in allen islamischen Angelegenheiten Rechtleitung von ihrem Gründer erfährt.  Der Gründer der Gemeinschaft ist Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, der Verheißene Messias und Imam Mahdi, und seine Nachfolger (Kalifen) geben weiterhin Rechtleitung  in allen offenen Fragen.

In seiner Freitagsansprache vom 3. Juni 2016 sprach Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, der Fünfte Kalif und weltweites Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, direkt die Altersfrage an, ab wann junge Muslime mit dem Fasten beginnen sollten:

Während der Islam eindeutig festlegt, wann Kinder alt und reif genug sind, um der Praxis der fünf täglichen Gebete nachzugehen, gibt es keine Richtlinien für den Beginn des Fastens bei Kindern und Jugendlichen; es ist also der Kraft, der Gesundheit und dem Wachstum der Person überlassen.

»Viele Kinder wie auch Erwachsene fragen, ab welchem Alter das Fasten vollzogen werden sollte. Hadhrat Musleh Mau’ud [Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadRA, der Zweite Kalif und Nachfolger des Verheißenen MessiasAS sowie sein Sohn] sagt: ›Man sollte beachten, dass die Scharia [islamisches Rechtssystem] junge Kinder vom Fasten abhält. Jedoch sollten sie unbedingt behutsam an das Fasten herangeführt werden, zum Alter der Reife hin einige Male zu fasten.‹ Er sagt: ›Soweit ich mich erinnere, gab mir der Verheißene MessiasAS die Erlaubnis, mein erstes Fasten im Alter von 12 oder 13 Jahren zu vollziehen. Aber einige unkundige Menschen lassen ihre Kinder im Alter von 6 oder 7 Jahren fasten und denken, dass sie hierfür belohnt werden würden. Das ist keine Handlung, die belohnt wird, sondern eine Grausamkeit, da dies die Wachstumsphase ist. In der Tat gibt es ein Übergangsalter, welches der Reife angrenzt und das Fasten sich zur Pflicht neigt. Sie sollten sicherlich auf das Fasten in dieser Phase vorbereitet werden. Wenn wir uns die Erlaubnis und die Tradition des Verheißenen MessiasAS anschauen, so sollten eine gewisse Vorbereitungen ungefähr im Alter von 12 oder 13 Jahren ermöglicht werden. Jedes Jahr sollte man einige Male fasten, bis das 18. Lebensjahr vollendet ist, das meines Erachtens das Reifealter zum Fasten darstellt. Der Verheißene MessiasAS erlaubte mir im ersten Jahr nur einmal zu fasten.‹ Als er ihm mit 12 oder 13 Jahren die Erlaubnis gewährte zu fasten, ließ er ihn nur einmal fasten.

Kinder wollen oft nicht von der Begeisterung des Ramadan ausgeschlossen werden, und einige versuchen mit der Ermutigung ihrer Eltern, teilzeitliches Fasten zu vollziehen. Eines der angenehmen Aspekte des Ramadan ist ifṭārī, oder das Fastenbrechen, bei dem Menschen zum Essen zusammenkommen. Shutterstock ID 362537612

›Es ist nur die Begeisterung in diesem Alter und aufgrund dieser Begeisterung wollen Kinder immer mehr fasten. Es ist jedoch die Pflicht der Eltern, sie davon abzuhalten. Dann gibt es ein Alter, in welchem Kinder unbedingt ermutigt werden sollten, einige Male zu fasten.‹ In der Kindheit ist es die Pflicht der Eltern, [Kindern] zu verbieten und [ihnen] das häufige Fasten nicht zu erlauben. Danach, wenn sie sich dem Reifealter nähern, sollten sie ermutigt und dazu gebracht werden, zu fasten. ›Hierbei sollte sichergestellt werden, dass sie nicht zu häufig fasten: Auch sollten sich diejenigen, die sie beobachten, nicht darüber beschweren, warum [die Kinder] nicht durchfasten. Wenn ein Kind in diesem Alter durchfasten würde, so würde es dies in Zukunft nicht mehr können. Dann sind manche Kinder körperlich schwächer. Ich habe gesehen, dass einige Leute ihre Kinder zu mir bringen, um mich zu treffen, und sie sagen, dass das Kind 15 Jahre alt sei, wobei es 7 oder 8 Jahre alt zu sein scheint.‹ Dies passiert häufig. Solche Menschen kommen auch zu mir. Er sagt: ›Meiner Meinung nach erreichen solche Kinder die Reife für das Fasten wahrscheinlich im Alter von 21 Jahren. Im Vergleich dazu könnte ein starkes Kind womöglich im Alter von 15 Jahren [einem Kind] von 18 Jahren ähneln. Wenn er jedoch an meinen Worten festhält, dass das Reifealter für das Fasten das 18. Lebensjahr ist, wird er weder mir noch Gott dem Erhabenen Unrecht tun, jedoch sich selbst. In ähnlicher Weise, wenn ein Kind jungen Alters nicht jeden Tag fastet und die Menschen ihn dafür kritisieren, dann werden sie sich selber Schaden zufügen.‹«

Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA zitierte die älteste Tochter des Verheißenen MessiasAS, Hadhrat Nawab Mubarka Begum SahibaRA, und fuhr fort:

Das Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat hat erklärt, dass Eltern ihren sehr kleinen Kindern das Fasten untersagen sollten, da der Körper noch wächst und Nahrung benötigt.

»Der Verheißene MessiasAS mochte es nicht, dass Kinder im jungen Alter vor der Pubertät fasteten. Ein- oder zweimal war genug. Als Hadhrat Amma JaanRA [Gemahlin des Verheißenen MessiasAS] mich fasten ließ, organisierte sie ein sehr großes ifṭār [Mahl zum Fastenbrechen] und lud alle Lajna [Frauen] der Jamaat ein. Im zweiten oder dritten Ramadan danach fastete ich ein weiteres Mal und erzählte dem Verheißenen MessiasAS, dass ich wieder gefastet habe. Der Verheißene MessiasAS befand sich in einer Klausur und auf einem nahe gelegenen Hocker lagen zwei pāns [traditioneller Snack aus Betelblättern]. Vielleicht hatte Hadhrat Amma JaanRA sie zubereitet und dorthin gelegt. Der Verheißene MessiasAS nahm eines der pāns und sagte: ›Hier, iss dieses pān. Du bist noch schwach und solltest noch nicht fasten; du solltest dein Fasten brechen.‹ Ich aß das pān und sagte dem Verheißenen MessiasAS, dass Saliha, die [spätere Anm. d. Ü.] Ehefrau unseres jüngsten Onkels, auch fastete, und dass sie zu dem Zeitpunkt auch sehr jung war. Daher sollte er auch sie dazu bringen, das Fasten zu brechen. Der Verheißene MessiasAS ließ sie rufen, und so rief ich sie. Als sie kam, gab der Verheißene MessiasAS ihr das zweite pān und sagte: ›Hier, iss das. Du musst nicht fasten.‹ Ich war zu dem Zeitpunkt ungefähr 10 Jahre alt gewesen.«

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass für muslimische Schülerinnen und Schüler in der Schule das im Islam betonte verpflichtende Streben nach Bildung Vorrang hat. Besonders vor religiösen Handlungen, die nicht für sie verpflichtend sind. Wenn sie jedoch sehen, wie andere sich während des heiligen Monats Ramadan der Selbstreform hingeben, könnten sie inspiriert werden, später im Leben ein wahres Verständnis und eine Wertschätzung für die Vorteile des Ramadan zu entwickeln. Für die Zwischenzeit haben sie allerdings viel Stoff zum Nachdenken.

Autoren: Redaktion und Waqar Ahmad Ahmedi, Religionslehrer in Birmingham, Großbritannien.

Referenzen:
[1] Vgl. Plenarprotokoll 19/94, Hessischer Landtag, 24.01.2017, S. 10
[2] Der Heilige Qur’an, 2:186
[3] Sunan at-Tirmiḏī, kitābu l-ḥudūd, www.sunnah.com/tirmidhi/17/1

Schlagwörter

Kommentar hinzufügen

Klicken Sie hier, um einen Kommentar zu posten

Archiv