Hadhrat Mirza Masroor Ahmad - Khalifatul Masih V (aba)

Immigration & Weltkrise

Grundsatzrede von Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, weltweites Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, auf dem 16. Nationalen Friedenssymposium in London

Die Welt steht am Scheideweg, denn die Spannungen zwischen den Ländern nehmen zu. Ein Krieg zwischen den Atommächten könnte zu einer schrecklichen Zerstörung der gesamten Menschheit führen. 

Vor diesem Hintergrund hielt das weltweite Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat am 9. März 2019 eine Grundsatzrede auf dem 16. Nationalen Friedenssymposium in der Baitul Futuh Moschee zu London und übermittelte eine klare Friedensbotschaft. Das Publikum bestand aus mehr als 1 000 Gästen, davon 700 Würdenträger und Gäste aus 30 verschiedenen Ländern, darunter Minister, Botschafter, Parlamentsabgeordnete, Glaubensvertreter und andere. Medien und Fernsehsender haben die Veranstaltung in die ganze Welt übertragen. 

Der Friedenspreis der Ahmadiyya Muslim Jamaat ging dieses Jahr an Dr. Fred Mednick, dem Gründer von »Teachers Without Borders«, einer internationalen Organisation zur Vernetzung von Lehrern mit dem Ziel, Bildungslücken zu schließen.

Die Revue der Religionen präsentiert im Folgenden die deutsche Übersetzung der vollständigen Abschrift der Grundsatzrede.

Wir bitten unsere Leser, diese wichtige Botschaft an ihre Freunde, Bekannte und Kontakte weiterzutragen.

»Bi-smillāhi r-raḥmāni r-raḥīm, im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen.

Sehr geehrte Gäste, as-salāmu ʿalaikum wa-raḥmatu llāhi wa-barakātuhu – Friede und Segnungen Allahs seien mit Ihnen allen.

Jedes Jahr veranstaltet die Ahmadiyya Muslim Jamaat dieses Friedens-symposium, auf dem aktuelle Themen und der allgemeine Zustand der Welt analysiert werden, und in meiner Ansprache bemühe ich mich, Antworten auf diese aktuellen Fragen im Lichte der Lehren des Islam zu geben. Inwiefern diese Veranstaltung einen Einfluss auf die gesamte Welt hat – so habe ich schon einmal gesagt, dass ich es nicht weiß. Ungeachtet der Tragweite werden wir jedoch unsere Bemühungen zur Förderung von Frieden und Gerechtigkeit nie aufgeben, und ich bin sicher, dass Sie alle unseren innigen Wunsch teilen, einen wahren und dauerhaften Frieden in der Welt zu schaffen.

In der Tat erhoffen Sie alle sich sicherlich ein Ende der vielen Konflikte und Kriege, die die Welt in letzter Zeit heimgesucht haben, und eine friedliche Welt, in der alle Menschen und alle Nationen einvernehmlich leben und die Rechte des anderen erfüllen. Dennoch ist die tragische und verheerende Wahrheit, dass sich jedes Jahr das Gegenteil bewahrheitet, anstatt dass Kriege und Konflikte abnehmen. Die Rivalitäten verschärfen sich, neue Fronten werden gezogen, während bestehende Feindseligkeiten kaum Anzeichen eines Rückgangs zeigen.

Obwohl wir uns alle bewusst sind, dass wir schwierige Zeiten durchlaufen, kennen die meisten Menschen das Ausmaß nicht, in dem sich die Beziehungen zwischen bestimmten Ländern verschärft haben und wie katastrophal die Folgen sein könnten. Zum Beispiel schreibt der Journalist Peter Coy in einer kürzlich von Bloomberg Businessweek veröffentlichten Kolumne: »Der Atomkrieg erfährt überraschend wenig Aufmerksamkeit, wenn man bedenkt, dass es genügend Atombomben gibt, um die menschliche Zivilisation innerhalb von Stunden zu vernichten. … Der Grund aufzumerken ist, dass die Rüstungskontrolle – insbesondere zwischen USA und Russland – gescheitert ist. Ein neues nukleares Wettrüsten scheint sich abzuzeichnen. Was jeder tun kann: Die Rüstungskontrolle wird in Folge des öffentlichen Drucks vorangetrieben, wenn die Menschheit lauter spricht als Waffenhändler und kriegerische Weltführer.«

In seinem Artikel zitiert er auch einen leitenden Wissenschaftler des Middlebury Institute of International Studies, Nikolai Sokov, der davor warnt:
»Alle Anzeichen deuten auf ein ernsthaftes kombiniertes nuklear-konventionelles Wettrüsten in Europa hin.«

Der Rest des Artikels bekräftigt den Punkt, dass ein weiteres globales Wettrüsten begonnen hat und dass die Gefahr eines Atomkriegs nicht unterschätzt werden sollte. In den vergangenen Tagen erlebte die Welt eine plötzliche Eskalation und Anspannung zwischen Indien und Pakistan. Beide Länder sind Atommächte und beide haben Allianzen mit anderen Ländern geschlossen, ob offen oder im Geheimen, was bedeutet, dass die möglichen Folgen eines Krieges umfassend und weitreichend sein werden.

Gäste aus 30 verschiedenen Ländern nahmen am diesjährigen Friedenssymposium teil.

Ich habe bei vielen Anlässen die Meinung geäußert, dass die Anführer einiger Atommächte kriegslüstern sind und die wahrhaft schwerwiegenden Folgen eines Atomkriegs scheinbar nicht abzuschätzen wissen. Solche Waffen haben nicht nur die Kraft, die anvisierten Länder auszulöschen, sondern haben auch das Potenzial, Frieden und Stabilität der gesamten Welt zu zerstören. Daher ist es unerlässlich, dass sich die Länder und ihre Anführer nicht nur auf ihr eigenes nationales Interesse beschränken, sondern auch darüber nachdenken, was das Beste für die Welt im Großen und Ganzen wäre. Der Dialog mit anderen Nationen und Gemeinschaften ist von entscheidender Bedeutung, und im Geiste der Toleranz sollte jede Partei an dem gemeinsamen Ziel arbeiten, einen wahren und nachhaltigen Frieden in der Welt zu entwickeln.

Der ehemalige Bundesaußenminister Deutschlands, Sigmar Gabriel, hat in einem aktuellen Interview mit Spiegel Online davor gewarnt, die Gefahren der gegenwärtigen geopolitischen Situation zu unterschätzen, und er vergleicht den aktuellen politischen Zustand mit der Weltlage in den Jahren 1945 und 1989. Der ehemalige deutsche Außenminister sagte:

»Die Welt verändert sich dramatisch … Der alte Westen ist zerbrochen … Es ist ein drastischer Wandel seit den letzten 70 Jahren, als wir uns auf die USA als Führungsnation verlassen konnten. Wir befinden uns in einem Kampf um die europäische Souveränität in einer völlig veränderten Welt.«

Ebenso schreibt der ehemalige Staatspräsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, in einem Artikel der New York Times, dass nach der jüngsten Aussetzung des INF-Vertrags durch die Vereinigten Staaten und Russland ein neues atomares Wettrüsten begonnen hat.

Gorbatschow schreibt:
»Ein neues Wettrüsten wurde angekündigt. Der INF-Vertrag ist nicht das erste Opfer der Militarisierung der Weltpolitik. Im Jahr 2002 zogen sich die Vereinigten Staaten aus dem ABM-Vertrag zurück. In diesem Jahr aus dem Iran-Abkommen. Die Militärausgaben sind auf ein astronomisches Niveau angestiegen und werden immer größer.«

Gorbatschow warnt vor der Gefahr eines Atomkriegs und schreibt:
»Es wird keinen Gewinner in einem ›Krieg aller gegen alle‹ geben, vor allem, wenn er in einem Atomkrieg endet, und das ist eine Möglichkeit, die nicht ausgeschlossen werden kann. Ein unerbittliches Wettrüsten, internationale Spannungen, Feindseligkeit und universelles Misstrauen werden das Risiko nur noch erhöhen.«

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Auch führende Politiker sind mittlerweile der Auffassung, dass ein Atomkrieg möglich ist.
© The Review of Religions

Daher kommen Experten und erfahrene Politiker zu dem Schluss, dass der Atomkrieg keine vage und ferne Vorstellung bleibt, sondern eine wachsende Bedrohung ist, die nicht mehr zu unterschätzen ist.

Wenn wir uns nur einige der drängenden Fragen von heute ansehen, wird deutlich, dass sich die Welt in eine bedrohliche Richtung bewegt. Im vergangenen Jahr behaupteten die Vereinigten Staaten mit einem gewissen Grad an Selbstvertrauen, dass sie kurz davor stünden, ein historisches Friedensabkommen mit Nordkorea abzuschließen. Aber in den letzten Tagen ist deutlich geworden, dass nichts Substanzielles erreicht wurde.

Der Konflikt im Nahen Osten wütet nach wie vor. Seit fast einem Jahrzehnt wird Syrien von einem Blutvergießen heimgesucht, ja, wurde auseinandergerissen. Es wird gesagt, dass sich der Bürgerkrieg nun dem Ende zuneigt, aber was wurde im letzten Jahrzehnt erreicht, außer der Tod hunderttausender unschuldiger Menschen und der Vertreibung von Millionen? Nichts Positives folgte daraus und die Zukunft bleibt ungewiss und prekär, da die Spannungen zwischen den Ländern zunehmen, die ihre eigenen Interessen an die Zukunft Syriens gebunden haben.

Auf der einen Seite schließen sich Russland und die Türkei zusammen, während sich auf der anderen Seite die Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien verbünden und den Druck auf den Iran verstärken und weitere Sanktionen gegen sie anstreben. Politische Experten erklären offen, dass das Ziel dieser Länder darin besteht, den Nahen Osten zu dominieren. Ein weiterer Brennpunkt und eine Konfliktursache sind die sich verschlechternden Beziehungen zwischen der Türkei und den kurdischen Gruppen, die Autonomie anstreben.

Somit steckt die Welt in einem Teufelskreis aus Konflikten und Gegenkonflikten, während die Rivalitäten sich verfestigen und der Hass sich weiter vertieft. Niemand weiß, wohin uns diese Probleme letztendlich führen oder wie schrecklich die Folgen sein werden. Was ich erwähnt habe, ist nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt noch viele andere Probleme, die Frieden und Wohlergehen der Welt bedrohen.

Zum Beispiel wird gesagt, dass die Terrorgruppe Daesch kurz vor dem Zusammenbruch steht und dass ihr sogenanntes Kalifat beendet ist. Allerdings warnen Experten auch: Obwohl Daesch sein Territorium verloren hat, lebt die hasserfüllte Ideologie weiter und die überlebenden Mitglieder zerstreuen sich derzeit, könnten sich aber schließlich neu formieren und Angriffe in Europa oder anderswo durchführen. Darüber hinaus hat der Nationalismus wieder sein hässliches Haupt erhoben und rechtsextreme Parteien gewinnen in der gesamten westlichen Welt an Popularität.

Sie haben sich zwar noch keine völligen politischen Mehrheiten gesichert, aber wenn Gerechtigkeit nicht auf allen Ebenen der Gesellschaft vorherrscht, wird weiterhin ihre Unterstützung zunehmen. Einer der Hauptgründe für ihre Popularität ist die weit verbreitete Einwanderung, die zu Ressentiments und der Annahme geführt hat, dass die einheimischen Bürger nur unzureichend behandelt werden, um die Migranten zu finanzieren und zu unterstützen. Ich habe in der Vergangenheit ausführlich über dieses Thema gesprochen, so dass ich mich nicht zu wiederholen brauche. Es genügt zu sagen: Wenn ernsthafte Anstrengungen unternommen würden, um Frieden zu fördern und allen Ländern zu helfen, ihr Potenzial zu entfalten, dann würde die Verzweiflung der Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, automatisch nachlassen.

Alles, was die meisten Menschen wünschen, ist die Möglichkeit, für ihre Familien zu sorgen; und nur wenn ihnen solche Möglichkeiten verwehrt werden, versuchen sie, ihr Zuhause zu verlassen, um ein besseres Leben zu führen. Dementsprechend muss die langfristige Lösung für die Zuwanderungskrise darin bestehen, Frieden in kriegsgebeutelten Ländern zu schaffen und der dortigen Bevölkerung zu helfen, friedlich zu leben, da sie dazu gezwungen wurde, ein Leben in Elend und Gefahr zu führen.

Seine Heiligkeit sprach sich dafür aus, dass Einwanderer motiviert werden sollten, zügig eine Arbeit aufzunehmen,
anstatt von Sozialleistungen zu leben.
© The Review of Religions

Wenn Flüchtlinge oder Asylbewerber aufgrund der vorherrschenden politischen oder religiösen Bedingungen in ihren eigenen Ländern vorübergehend in den Westen kommen, sollten sie mit Würde und Respekt behandelt werden. Gleichzeitig darf die Unterstützung, die sie erhalten, nicht zu Lasten der ein-heimischen Bürger gehen.

Einwanderer sollten dringend ermutigt werden, so schnell wie möglich ins Arbeitsleben einzutreten, anstatt über einen längeren Zeitraum von Leistungen zu leben. Sie sollten hart arbeiten, versuchen, auf eigenen Füßen zu stehen und einen positiven Beitrag für ihre neue Gesellschaft leisten. Andernfalls, wenn sie dauerhaft aus den Geldern der Steuerzahler finanziert werden, wird es unweigerlich zu Beschwerden kommen. In der Tat glaube ich, dass die zugrundeliegende Ursache für die meisten Ressentiments in der Gesellschaft die wirtschaftliche und finanzielle Frustration ist. Gewisse Gruppen nutzen diese Angst aus, indem sie die Schuld den Einwanderern oder den Religionsanhängern in die Schuhe schieben und gegen sie Hass schüren.

So hat sich in Europa der Eindruck herauskristallisiert, dass Asiaten, Afrikaner und vor allem muslimische Einwanderer eine Bedrohung für die Gesellschaft darstellen. In den Vereinigten Staaten gibt es ähnliche Befürchtungen gegenüber Muslimen und auch Hispanoamerikanern, die versuchen, über Mexiko in das Land einzureisen. Gleichwohl bin ich fest davon überzeugt: Wenn die Großmächte ihre eigenen Interessen beiseitelegen und sich ernsthaft um die Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse ärmerer Länder bemühen und sie mit Sympathie und Respekt behandeln, dann würden solche Probleme nie auftreten.

Hier im Vereinigten Königreich herrscht derzeit eine große Unsicherheit wegen des Brexit und der zukünftigen Beziehung des Vereinigten Königreichs zur Europäischen Union. Ich habe meine eigenen Ansichten zu diesem Thema in einer Ansprache vor dem Europäischen Parlament im Jahr 2012 deutlich gemacht. In meiner Ansprache sagte ich:
»Sie sollten alle möglichen Anstrengungen unternehmen, um diese Einheit zu bewahren, indem Sie die Rechte der anderen respektieren. Die Ängste und Sorgen der Bürger müssen beseitigt werden.«

Ich sagte auch:
»Denken Sie daran, dass die Stärke Europas darin liegt, dass es vereint und zusammenbleibt. Eine solche Einheit wird nicht nur Ihnen hier in Europa zugutekommen, sondern auch auf globaler Ebene das Mittel sein, mit dem dieser Kontinent seine Stärke und seinen Einfluss behaupten kann.«

Seine Heiligkeit beantwortete in einer Pressekonferenz die Fragen der Journalisten.
© The Review of Religions

In meiner Ansprache vor sieben Jahren bin ich auf die Wichtigkeit eingegangen, die Ängste der Bürger vor der Zuwanderung abzubauen und die Vorteile der Einheit zu betonen.

Allerdings wurden die Bedenken der Menschen nicht ausreichend ausgeräumt, so dass die Menschen in ganz Europa zunehmend den Wert der Europäischen Union in Frage gestellt haben. Das deutlichste Beispiel ist natürlich der Brexit, aber in vielen europäischen Ländern, wie Italien und Spanien und sogar in Deutschland, erlangen rechtsextreme oder nationalistische Parteien Popularität und gewinnen Sitze am politischen Tisch, wodurch sie sich bemühen, die Europäische Union weiter zu schwächen und eine Anti-Immigranten-Agenda zu verfolgen.

Wo ich eigentlich auf eine größere Einheit in Europa gehofft hatte, gab es in den letzten Jahren eine zunehmende Spaltung und Verunsicherung. Warum sind solche Frustrationen zum Vorschein gekommen? Sie beruhen auf ökonomischen Schwierigkeiten und dem Versagen der Regierungen, mit Gerechtigkeit zu handeln und die Rechte ihrer Bürger zu schützen. Meiner eigenen Meinung nach ist die internationale Zusammenarbeit nach wie vor eine positive und einigende Kraft zum Guten. Deshalb habe ich im Europäischen Parlament auch gesagt:

»Aus islamischer Sicht sollten wir danach streben, dass sich die ganze Welt vereinigt. In Bezug auf die Währung sollte die Welt vereint sein. … Im Hinblick auf den freien Handel und Wirtschaft sollte die Welt vereint sein. Auch im Zusammenhang mit der Freizügigkeit und der Einwanderung sollte eine kohärente und praktikable Politik verfolgt werden, damit die Welt vereint werden kann.«

Folglich ist der islamische Standpunkt, dass Frieden am besten durch Einheit erreicht werden kann. Bedauerlicherweise streben wir jedoch nicht die Vereinigung an, sondern eher die Spaltung und bevorzugen dabei unsere individuellen Interessen über die kollektiven Interessen der Welt. Ich glaube, dass solche Maßnahmen den Frieden und die Sicherheit der Welt untergraben werden und es bereits jetzt tun. Aus Sicht des Islam ist Gerechtigkeit zwischen den Nationen eine Voraussetzung dafür, dass Frieden herrschen kann.

Wo Länder mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, sollten andere Staaten versuchen, ihnen selbstlos zu helfen, ohne ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Zum Beispiel sagt der Heilige Qur’an, dass, wenn es einen Krieg oder Konflikt zwischen zwei Parteien gibt, andere Staaten unparteiisch vermitteln und versuchen sollten, eine friedliche Lösung herbeizuführen. Wenn jedoch eine Seite weiterhin ungerecht ist und sich nicht auf einen friedlichen Ausgang zubewegt, dann sollten sich die anderen Staaten zusammenschließen, um den Aggressor zu stoppen. Sobald die aggressiven Länder oder Parteien kein Fehlverhalten mehr aufweisen, lehrt der Islam kategorisch, dass keine Vergeltung durch ungerechte Sanktionen oder die Ausplünderung ihrer Ressourcen angestrebt werden sollte.

Es gibt jedoch immer wieder Beispiele von Ländern, die in kriegszerrütteten Ländern interveniert oder benachteiligten Ländern Hilfe geleistet haben, unter dem Vorwand, Frieden zu stiften, diesen aber an Bedingungen geknüpft haben, die es ihnen ermöglichen, die Kontrolle über die Ressourcen des schwächeren Landes zu übernehmen. Anstatt sich mit ihrem eigenen Reichtum zufrieden zu geben, versuchen mächtige Länder, ihre Kontrolle über schwächere Länder zu behaupten.

In seiner Ansprache zeigte Seine Heiligkeit den Gästen islamische Lösungen auf, um Weltfrieden zu schaffen.
© The Review of Religions

Wie ich bereits sagte, ist die Haupt-ursache für die Frustration und die daraus resultierende Feindseligkeit, ob im Osten oder im Westen, die wirtschaftliche Ungerechtigkeit, und deshalb ist es wichtig, dass gemeinsame Anstrengungen unternommen werden, um die wirtschaftliche Kluft zwischen den Ländern und ihren Völkern zu schließen. Darüber hinaus müssen wir uns gemeinsam bemühen, alle Formen von Extremismus und Vorurteilen, seien sie religiöser, rassischer oder anderer Art, zu beenden.

Wo es klar ist, dass die Menschen leiden und dass ihre Führung ihre Rechte nicht schützt, sollten jene internationalen Organisationen, die zum Schutz des Friedens in der Welt gegründet wurden, insbesondere die Vereinten Nationen, rechtmäßigen und angemessenen Druck ausüben, um die Rechte der gesetzestreuen Bürger zu verteidigen und auf Frieden und Gerechtigkeit hinzuwirken.

Mit Blick auf den Islam mögen Sie sich fragen, was er uns über die Befriedung der Welt lehren kann, wenn in den letzten Jahren Instabilität und Konflikte weitgehend auf muslimische Länder konzentriert waren. Doch der traurige Zustand dieser Nationen liegt darin, dass sie sich weit von den wahren Lehren des Islam entfernt haben.

Seine Heiligkeit zeichnete Dr. Fred Mednick, dem Gründer von »Teachers Without Borders« mit dem Friedenspreis der Ahmadiyya Muslim Jamaat aus.

Um eine genaue Darstellung der islamischen Staatsführung und Führungskompetenz zu erhalten, sollten wir auf die Zeit des Gründers des Islam, des Heiligen Propheten MuhammadSAW, schauen. Nachdem der Heilige ProphetSAW nach Medina ausgewandert war, schloss er einen Bund mit den Juden, wodurch die Muslime und die Juden friedlich und im Geiste gegenseitiger Sympathie, Toleranz und Gerechtigkeit zusammenleben sollten.

Dieser Vertrag erwies sich als eine großartige Charta der Menschenrechte und der Staatsführung und sicherte den Frieden zwischen den verschiedenen in Medina lebenden Gemeinschaften. Gemäß dieser Vereinbarung waren alle Menschen, unabhängig von ihrem Glauben oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit, verpflichtet, die Rechte des anderen zu respektieren. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit waren die Eckpfeiler dieses Vertrages.

Einheit untermauerte die Vereinbarung, wonach, wenn Medina angegriffen oder bedroht würde, die Muslime und Juden ihre Kräfte bündeln würden, um sie gemeinsam und als eine Einheit zu verteidigen. Darüber hinaus hatte jede Gemeinschaft das Recht, ihre internen Angelegenheiten entsprechend ihren jeweiligen Überzeugungen und Bräuchen zu lösen. Die Geschichte bezeugt die Tatsache, dass der Heilige Prophet des IslamSAW jeden Aspekt dieser Vereinbarung eingehalten hat.

Als Einwanderer bemühten sich die Muslime, ihrer neuen Gesellschaft zu dienen und die Rechte aller Bürger Medinas zu respektieren. Es war ein herausragendes Beispiel einer gelungenen Integration und ein Ausdruck einer friedlichen und toleranten multikulturellen Gesellschaft. Der Vertrag von Medina basierte unmittelbar auf den Lehren des Heiligen Qur’an. Zum Beispiel heißt es in Kapitel 16, Vers 91 des Heiligen Qur’an:

»Allah gebietet Gerechtigkeit und uneigennützig Gutes zu tun und zu spenden wie den Verwandten …«

Somit hat der Heilige Qur’an drei Ebenen des Umgangs mit anderen Menschen und Gemeinschaften skizziert. Die erste und minimale Ebene ist die der Gerechtigkeit, wodurch der Heilige Qur’an die Notwendigkeit unterstreicht, alle fair und gerecht zu behandeln. Die vom Islam geforderten Gerechtigkeitsstandards sind in Kapitel 4, Vers 136 des Heiligen Qur’an beschrieben, wo es heißt:

»O die ihr glaubt, seid fest in Wahrung der Gerechtigkeit und Zeugen für Allah, mag es auch gegen euch selbst oder gegen Eltern und Verwandte sein. Ob Reicher oder Armer, Allah hat über beide mehr Rechte. Darum folget nicht niederen Begierden, damit ihr billig handeln könnt. Und wenn ihr (die Wahrheit) verhehlet oder (ihr) ausweichet, dann ist Allah wohl kundig eures Tuns.«

So erfordert die Gerechtigkeit laut Qur’an, dass ein Mensch bereit ist, auch gegen sich selbst und seine Liebsten auszusagen, um die Wahrheit zu bewahren und zu schützen. Die zweite Ebene des Umgangs, die vom Heiligen Qur’an befürwortet wird, ist, dass eine Person nicht nur gerecht sein sollte, sondern darüber hinausgehend den anderen Gutes tun sollte, indem sie Großzügigkeit und Vergebung an den Tag legt. Wie ich bereits erwähnt habe, lehrt der Heilige Qur’an, wenn man ein aggressives Land erfolgreich daran gehindert hat, weitere Grausamkeiten zu begehen, sollte man nicht nach Rache streben oder ihm Härte auferlegen.

Vielmehr sollte man versuchen, ihnen beim Aufbau ihrer Wirtschaft und Infrastruktur zu helfen. Dies wird jenen helfen und es wird langfristig auch für einen selbst dienlich sein. Wenn es diesen Ländern, die Zentren des Krieges oder der Spaltung sind, ermöglicht wird, wirtschaftlich zu gedeihen, werden sie keine Frustrationen mehr empfinden und keinen Hass mehr gegen andere Länder hegen. Auch wird ihre Bevölkerung nicht gezwungen sein, auszuwandern.

Dies ist die Weisheit, die der islamischen Lehre zugrunde liegt, dass man also über die grundlegende Gerechtigkeit hinausgeht und Güte und Mitgefühl zeigt. Die dritte Ebene des Umgangs, die vom Heiligen Qur’an gelehrt wird, besteht darin, andere so zu behandeln, wie eine Mutter ihr Kind behandelt, was die selbstloseste Form der Liebe ist, da sie ohne jegliche Erwartungen an eine Belohnung geleistet wird. Andere mit diesem wohlwollenden Geist zu behandeln, ist nicht einfach, aber das sollte unser ständiges Bestreben sein.

Um letztlich Frieden zu schaffen, sei es in muslimischen Ländern oder auf breiterer internationaler Ebene, ist es notwendig, dass die Regierungen zumindest die Anforderungen an Gerechtigkeit erfüllen, damit alle Menschen die ihnen zustehenden Rechte erhalten und egoistische Eigeninteressen dem weichen, was fair und richtig ist. Darüber hinaus sollten internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen jedes Land gleichbehandeln und sich nicht dem Willen bestimmter Mächte beugen. Das ist das Mittel zum Frieden. Das ist der Fahrplan zu einer besseren Welt. Nur so können wir verhindern, dass die Menschheit weiter in schwere Notlage gerät.

Mit diesen wenigen Worten ist es mein innigstes Gebet, dass Allah der Allmächtige den wahren Frieden hervorbringen möge und dass die langen Schatten von Krieg und Konflikt, die über uns schweben, durch den blauen Himmel des Friedens und Wohlergehens ersetzt werden. Ich bete für ein Ende der Misere und Entbehrungen, die das Leben unzähliger Menschen heimgesucht und verheerende Kriege und Missstände auf der ganzen Welt ausgelöst haben.

Anstatt zu versuchen, andere zu dominieren und ihre eigenen Rechte geltend zu machen, bete ich, dass die Nationen und ihre Anführer den Vorteil der gegenseitigen Erfüllung der Rechte erkennen. Anstatt die Schuld für die Probleme der Welt bestimmten Religionen oder Menschen bestimmter Ethnien zuzuweisen, bete ich, dass wir Toleranz gegenüber den Glaubensüberzeugungen und Bräuchen des anderen zeigen und die Vielfalt in unseren Gesellschaften schätzen.

Ich bete, dass wir dazu gelangen, das Beste in der Menschheit zu sehen und dabei gegenseitig die Stärken und Fähigkeiten des anderen nutzen, um eine bessere Welt für unsere Kinder aufzubauen und einen dauerhaften Frieden in der Gesellschaft zu fördern. Sicherlich ist die Alternative nicht einmal einen Gedanken wert. Zuvor habe ich einige Experten zitiert, die vor nuklearer Kriegsführung und einem sich verschärfenden globalen Wettrüsten gewarnt haben. Diese Artikel und viele andere bekräftigen den Glauben, dass die Welt auf eine titanische Katastrophe zusteuert, wie sie die Menschheit noch nie zuvor gesehen hat und die unmöglich einzudämmen sein wird.

In der Pressekonferenz vor der Veranstaltung ging Seine Heiligkeit auf die Fragen der Medienvertreter ein.

Nach einigen Schätzungen könnten die Auswirkungen eines Atomkriegs 90% der Welt betreffen. Zudem werden wir im Falle eines Atomkriegs nicht nur die Welt von heute zerstören, sondern auch für unsere zukünftigen Generationen eine dauerhafte Spur der Zerstörung und des Elends hinterlassen. Deshalb müssen wir innehalten und über die Folgen unseres Handelns nachdenken.

Wir sollten kein Thema oder keinen Konflikt, ob innerhalb eines Landes oder auf internationaler Ebene, als unbedeutend betrachten. Ob wir es nun mit wirtschaftlichen Fragen, der Einwanderung oder einer anderen Krise zu tun haben, wir müssen Toleranz zeigen und uns bemühen, die Barrieren, die uns trennen, abzubauen. Wir sollten alle unsere Energien und Fähigkeiten nutzen, um nach Frieden zu streben, indem wir versuchen, jeden Konflikt friedlich zu beenden, durch Dialog und gegenseitigen Kompromiss und durch die Erfüllung der gegenseitigen Rechte.

Möge Allah der Allmächtige uns dies ermöglichen, Amin. Mit diesen Worten möchte ich mich bei allen unseren Gästen dafür bedanken, dass sie uns heute Abend besucht haben. Ich danke Ihnen vielmals.«