Ahmadiyya Hadhrat Mirza Masroor Ahmad - Khalifatul Masih V (aba) Islam

Islam & Europa – Ein Kampf der Kulturen?

Am 22. Oktober 2019 hielt das weltweite Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Seine Heiligkeit Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, im Herzen Berlins eine richtungsweisende und historische Ansprache mit dem Titel »Islam und Europa: Ein Kampf der Kulturen?« Drei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer, dem berühmten Symbol der Teilung Deutschlands, forderte Seine Heiligkeit die heutigen Führer und Regierungen auf, die Mauern des Hasses und der Konflikte, die die moderne Gesellschaft heimgesucht haben, zu zerstören.
Vor mehr als 80 Würdenträgern und einflussreichen Gästen, darunter Bundestagsabgeordnete, Diplomaten, Akademiker, Glaubensführer und Medienvertreter, sprach Seine Heiligkeit, nur wenige hundert Meter vom Brandenburger Tor entfernt, im Hotel Adlon Kempinski über die verbreitete Behauptung, die Präsenz des Islam und der Muslime sei eine Bedrohung für die westliche Zivilisation und Kultur.
Vor der Grundsatzrede Seiner Heiligkeit betraten einige renommierte Redner die Bühne und äußerten ihre Hochachtung für die Ahmadiyya Muslim Jamaat und ihre Bemühungen, die Friedensbotschaft des Islam in der ganzen Welt zu verbreiten sowie für ihr Engagement zum Wohle der Menschheit. Zu ihnen gehörten Frank Heinrich, CDU, Mitglied des Bundestages (MdB), Omid Nouripour, Die Grünen, MdB und Niels Annen, SPD, MdB und Staatsminister im Auswärtigen Amt.
Die offizielle Abschrift der Grundsatzrede Seiner Heiligkeit Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA wird im Folgenden ins Deutsche übersetzt präsentiert:

»Bi-smillāhi r-raḥmāni r-raḥīm, im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen.
Sehr geehrte Gäste, as-salāmu ʿalaikum wa-raḥmatullāhi wa-barakātuhū – Friede und Segnungen Allahs seien mit Ihnen allen!

Ich möchte mich zunächst bei allen unseren Gästen bedanken, die unserer Einladung gefolgt sind und heute an diesem Abend mit uns zusammengekommen sind. Heute wird in der Welt, insbesondere in den westlichen Staaten und Industrieländern, eine hitzige Debatte über Einwanderung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft geführt. Bei diesen Debatten geht es meistens um Muslime, da sich die Meinung gebildet hat, dass es eine unüberbrückbare Kluft zwischen Muslimen und der restlichen Gesellschaft gibt.

Einige Länder und ihre Bürgerinnen und Bürger befürchten einen »Kampf der Zivilisationen«. Sie sehen in den Muslimen eine Bedrohung für ihre jeweilige Gesellschaft und meinen, Muslime könnten sich nicht in die westliche Gesellschaft integrieren.
Bevor ich auf diese Behauptung antworte, erscheint es notwendig zu definieren, was man unter »Zivilisation« überhaupt versteht. Dabei möchte ich auf eine Definition zurückgreifen, die das zweite Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat gewählt hat und der auch ich voll und ganz zustimme.
Gemäß seiner Definition versteht man unter Zivilisation den materiellen Fortschritt einer Gesellschaft und den Grad ihrer Entwicklung.

Indikatoren, die auf die Stärke einer Zivilisation deuten, sind ihr wirtschaftlicher Fortschritt, der Grad der technischen Entwicklung, der Fortschritt ihrer Transport- und Kommunikationsmittel und der geistige Fortschritt der jeweiligen Gesellschaft. Beispielsweise sind die modernen Kommunikations- und Transportmittel wichtige Indikatoren der Entwicklung einer Zivilisation, ebenso ihre finanziellen Systeme, ihre Wirtschaft, das Maß an Recht und Ordnung, ihr Handel und ihre Industrie, die Bedeutung der wissenschaftlichen und akademischen Forschung in ihr und der Bildungsgrad einer Zivilisation im Allgemeinen.

Ein weiteres Kriterium, welches Aufschluss über eine Zivilisation gibt, ist das Bestreben einer Nation, Frieden und Stabilität zu etablieren, ob durch ihre Ordnungskräfte, ihre militärischen Bemühungen oder auf andere Weise.
Die Kultur eines Landes stellt hingegen etwas Eigenständiges dar und muss von der Zivilisation abgegrenzt werden. Die Kultur ist der Ausdruck der Ansichten eines Volkes, seiner Einstellungen zu gesellschaftlichen Fragen und sie ist der Ausdruck der Praktiken eines Volkes. Die Kultur hat ihre Wurzeln in den moralischen Grundsätzen, in den religiösen Werten und Traditionen eines Volkes und nicht im materiellen Fortschritt.

Die Zivilisation spiegelt also die materielle, technische und geistige Entwicklung einer Gesellschaft wider, wohingegen ihre Kultur aus ihrer religiösen, moralischen und philosophischen Beschaffenheit entsteht.

Ein einfaches Verständnis des Unterschiedes zwischen Zivilisation und Kultur erhalten wir, wenn wir auf die frühchristliche Geschichte zurückblicken. Zu jener Zeit stand das Römische Reich im Zenit seiner Macht. Es zählt bis heute zu den größten Zivilisationen der Weltgeschichte. Die Römer galten aufgrund ihres materiellen Wohlstands, der städtebaulichen Entwicklung und der Herrschaft über ihre Territorien als außerordentlich zivilisiert und gebildet.

Ihr hoher Entwicklungsgrad ging jedoch nicht zwangsläufig einher mit einem hohen Maß an Moral. Vielmehr war es das frühe Christentum, das seinem Volk eine fortschrittliche Kultur einhauchte. Das Christentum gab den Menschen Prinzipien und Werte in Form einer Religion und Morallehre, während es die Aufgabe der Römer war, weltliche Gesetze und Regeln zu erlassen.

Der materielle Fortschritt und die Entwicklung der Römer spiegelten also ihre starke Zivilisation wider, während das Christentum dem Volk eine rühmliche Kultur verlieh. Im Laufe der Zeit stieg das Christentum zur vorherrschenden Religion des Römischen Reiches auf. Die Kultur, die das Christentum hervorbrachte, wurde quasi von einer großen Zivilisation übernommen. Zusammengenommen legten die einflussreichen Elemente beider Erscheinungen den Grundstein jener Traditionen und Werte, die bis heute im Westen bestehen geblieben sind.

Auch wenn die Menschen im Westen sich im großen Stil von Religiosität entfernt haben, sind die grundlegenden moralischen Werte, die die westliche Gesellschaft prägen, jene geblieben, die einst vom Christentum vorgegeben wurden.

Was die Einwanderungsdebatte angeht, muss man festhalten, dass sich in den letzten Jahrzehnten die demografische Situation vieler westlicher Länder verändert hat. Die Einwanderer sind zwar aus vielen Ländern gekommen, aber der Zustrom von Menschen muslimischen Glaubens ist es, der die größten Sorgen und Ängste hervorgerufen hat. Viele einheimische Menschen befürchten, dass die Masseneinwanderung aus muslimischen Ländern ihre seit Jahrhunderten bestehende Zivilisation, Kultur und Werte gefährdet.

Wie ich dargelegt habe, verstehen wir unter Zivilisation den materiellen Fortschritt und die Entwicklung einer Gesellschaft. Statt das Wachstum und die Entwicklung des Westens zu missbilligen oder abzulehnen, sind die Entwicklungsländer bemüht, diese Entwicklung nachzuahmen. Die Folge, die wir beobachten können, ist also nicht etwa, dass die westliche Zivilisation abgelehnt wird, sondern das Gegenteil ist der Fall.

Aufgrund der modernen Verkehrs- und Kommunikationsmittel ist die Welt zu einem globalen Dorf zusammengewachsen. Das Fernsehen, die Massenmedien und insbesondere die Entwicklung des Internets haben dazu geführt, dass nichts mehr in der Welt verborgen bleibt. Menschen, die in wirtschaftlich benachteiligten Ländern leben, können sehen, welchen Lebensstandard die Menschen in wohlhabenden Ländern genießen. Sie werden von der westlichen Zivilisation beeinflusst und möchten den gleichen materiellen Fortschritt und die gleiche Entwicklung für sich erlangen.

Die Behauptung, die westliche oder europäische Zivilisation sei durch die Anwesenheit von Muslimen bedroht, ist daher nicht haltbar. Vielmehr beeinflusst die westliche Zivilisation andere Teile der Welt, die muslimische Welt miteingeschlossen. Darüber hinaus lautet eine berechtigtere Befürchtung: Die religiöse und moralische Kultur des Westens könnte gefährdet sein, wenn sich der Islam in Europa ausbreitet. Auf diesen Punkt möchte ich jetzt eingehen.

Es kann nicht geleugnet werden, dass die Menschen sich rapide von der Religion entfernen. Dieser Trend ist im Westen besonders ausgeprägt. Wenn in den westlichen Ländern Statistiken erhoben werden, wird deutlich, dass die Menschen der Religion oder dem Glauben an Gott immer weniger zugeneigt sind. Angesichts dessen glaube ich, dass der enorme Zuwachs an Atheismus eine weitaus größere Bedrohung für die westliche Kultur darstellt als der Islam. Die westlichen Werte sind Jahrhunderte alt und basieren auf religiösen Traditionen und insbesondere auf ihrem christlich-jüdischen Erbe. Diese religiösen Werte und kulturellen Normen werden jedoch von jenen Kräften angegriffen, die sich allen Formen von Religion und Glauben widersetzen.

Als muslimischer Religionsführer bin ich der Überzeugung, dass Sie Ihr Erbe und Ihre Kultur schützen sollten, indem Sie Ihre Bemühungen darauf konzentrieren, den Niedergang der Religion aufzuhalten und die Menschen zum Glauben und zur Religion zurückzubringen – sei es zum Christentum, zum Judentum oder zu einem anderen Glauben. Es darf nicht sein, dass im Namen des Fortschritts Werte und moralische Standards, die seit vielen Jahrhunderten Teil der Gesellschaft sind, plötzlich aufgegeben werden.

Ich bin ebenfalls der Überzeugung, dass der Niedergang der Religion im Westen der Hauptgrund dafür ist, dass die Menschen den Islam fürchten. Denn sie wissen, dass Muslime im Allgemeinen religiös sind. Vor diesem Hintergrund möchte ich klarstellen, dass es trotz all dem, was Sie in den Medien hören oder lesen, keinen Grund gibt, den Islam zu fürchten. Muslime glauben daran, dass der Heilige Qur’an eine abschließende und vollkommene religiöse Lehre darstellt. Und aufgrund unserer Liebe und unseres Gehorsams dem Heiligen Qur’an gegenüber glauben wir fest daran, dass Religion eine Herzensangelegenheit ist. Sie ist eine persönliche Sache jedes einzelnen Menschen.

In Kapitel 2, Vers 257 hat der Heilige Qur’an kategorisch dargelegt, dass es in Glaubensdingen keinen Zwang geben darf. Daher besteht für Nicht-Muslime kein Grund zur Befürchtung, dass Muslime versuchen könnten, ihren Glauben gewaltsam zu verbreiten oder ihre Ansichten diesem Teil der Welt aufzuzwingen. Die hasserfüllte Ideologie der kleinen Minderheit sogenannter Muslime, die sich dem Extremismus verschrieben haben, steht in keinem Zusammenhang mit den Lehren des Heiligen Qur’an. Ich habe schon sehr oft erwähnt, dass Regierungen und die zuständigen Behörden sich sehr streng und konsequent mit Extremisten – seien diese Muslime oder Nicht-Muslime – auseinandersetzen sollten.

Was die Ahmadiyya Muslim Jamaat angeht, so ist unser Glaube, dass der Islam unter keinen Umständen erlaubt, Gewalt oder irgendeine Form von Zwang für die Verkündung des Glaubens anzuwenden. Warum sollte man dann den Islam fürchten? Warum glauben die Menschen, dass ihre Zivilisation oder Kultur von Muslimen bedroht sei?

Nachdem ich nun die Unterschiede zwischen Zivilisation und Kultur aus islamischer Sicht erklärt habe, möchte ich einige der Kernlehren des Islam vorstellen. Es haben sich viele Mythen und Missverständnisse über den Islam und über den Stifter des IslamSAW verbreitet. Und obwohl es nicht möglich ist, alle Aspekte der islamischen Lehre in der kurzen verfügbaren Zeit abzudecken, möchte ich doch über einige der Menschenrechte sprechen, die der Islam etabliert hat.

Im Hinblick auf die Menschenrechte nimmt der Vers 37 des Kapitels 4 des Heiligen Qur’an eine wichtige Stellung ein. In diesem heißt es:

»Verehrt Allah und setzet Ihm nichts zur Seite, und (erweiset) Güte den Eltern, den Verwandten, den Waisen und den Bedürftigen, dem Nachbarn, der ein Anverwandter, und dem Nachbarn, der ein Fremder ist, dem Gefährten an eurer Seite und dem Wanderer und denen, die eure Rechte besitzt. […].«

In diesem Vers, in dem Allah der Allmächtige die Muslime dazu auffordert Ihn anzubeten, weist Er sie auch an, mit ihren Eltern mit Liebe und Zuneigung umzugehen. Wie kann diese Lehre, gemäß der Muslime angehalten sind, ihre Eltern zu lieben und zu ehren, mit irgendeiner anderen Religion oder einem Volk in Konflikt geraten? Wie kann eine solche Lehre als Untergrabung der westlichen Gesellschaft verstanden werden? Der Vers verlangt zudem von den Muslimen, dass sie ihre Verwandten und Angehörigen mit Güte und Wohlwollen behandeln mögen. Er verlangt von ihnen, dass sie jene Mitglieder der Gesellschaft unterstützen und stärken, die am meisten gefährdet und unterprivilegiert sind, beispielsweise die Waisen.
In dieser Hinsicht glauben wir, dass einer der wichtigsten Wege, den Armen zu helfen, ihre Bildung ist.

Jüngere Mitglieder einer Gesellschaft, die aus zerrütteten Familien stammen oder von Armut geplagt sind, können sich aus den Fesseln der Armut befreien, wenn sie eine Ausbildung erhalten. Ihnen eröffnen sich hierdurch Möglichkeiten und diese Jugendlichen wachsen ohne Frustration und Groll zu produktiven Mitgliedern einer Gesellschaft heran, anstatt sich auf ein Leben in Kriminalität oder Bandenkultur einlassen zu müssen. Aus diesem Grund legt die Ahmadiyya Muslim Jamaat sehr großen Wert auf Bildung. Und in diesem Rahmen haben wir mit unseren begrenzten Ressourcen Schulen in verschiedenen afrikanischen Ländern gebaut und stellen Stipendien für Studenten zur Verfügung, die sich keine höhere Bildung leisten können.

Wir glauben ebenso, dass reiche Länder den schwächeren Nationen der Welt helfen sollten, starke Grundlagen für den Fortschritt zu schaffen. Wenn ärmere Länder ihre Wirtschaftssysteme und Infrastrukturen aufbauen können, öffnen sich für ihre Bürger Möglichkeiten in ihren eigenen Ländern und sie werden wenig Gründe dafür haben, ins Ausland auszuwandern. Wenn ihre Länder stabil und wohlhabend sind, ist es selbstverständlich, dass dies sowohl der einheimischen Region als auch der ganzen Welt zugutekommt.

In dem oben erwähnten Vers des Heiligen Qur’an wird insbesondere darauf Wert gelegt, dass die Rechte der Nachbarn – ob sie nun Muslime oder Nicht-Muslime sind – zu erfüllen sind. Dabei ist die Definition dessen, wer unter den Begriff Nachbarschaft fällt, sehr weit ausgelegt.

Der ProphetSAW des Islam sagte einmal dazu, dass Gott der Allmächtige die Rechte der Nachbarn so stark betont hat, dass er fast schon glaubte, die Nachbarn würden gar den Rang rechtmäßiger Erben einer Person erhalten.
Dabei beschränkt sich die Definition der Nachbarn im Islam nicht bloß auf die unmittelbar in der Nähe lebenden Menschen, vielmehr fallen auch die weiter weg lebenden Menschen, Mitreisende, Arbeitskollegen, Angestellte und viele weitere Personen unter den Begriff der Nachbarschaft.
In Wirklichkeit hat Allah der Allmächtige den Muslimen als moralischen Grundsatz auferlegt, die Rechte aller Mitglieder der Gesellschaft zu erfüllen.

Der Stifter des IslamSAW lehrte auch, dass ein Mensch, der seinen Mitmenschen keine Dankbarkeit zollt, Allah, dem Allmächtigen, nicht dankbar sein kann. Welch wunderschöner Grundsatz! Aus diesem Grund ist es notwendig, dass ein Muslim neben der Anbetung Gottes auch die Rechte der Menschen erfüllt.

Ich möchte nochmals die Frage aufwerfen: Wie kann eine solche Lehre eine Bedrohung für die westliche Zivilisation sein? Vielmehr sind diese islamischen Lehren ein Mittel, Frieden und Stabilität in einer Gesellschaft zu stärken und sie tragen zu ihrem wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt bei.

Meiner Ansicht nach ist es kontraproduktiv, wenn Menschen aus der westlichen Welt meinen, der Islam oder die Muslime hätten keinen Platz in diesem Teil der Welt.
Wenn Muslime hierherkommen, um sich zu integrieren, die Rechte der Nachbarn einzuhalten und für den Frieden und die Besserung der Gesellschaft zu arbeiten, so sollte man sie loben statt sie zu verurteilen und zu geißeln.

Ferner argumentieren einige Menschen, dass Muslime dazu angeleitet würden, den Jihad zu vollziehen. Sie fürchten, dass die Muslime in den Westen eindringen werden und einen gewalttätigen Krieg führen werden, um eine islamische Zivilisation und Kultur zu erzwingen und den Frieden in der Gesellschaft zu zerstören. Dies beruht auf einem klaren Missverständnis darüber, was der Jihad bedeutet und weshalb religiöse Kriege in der frühislamischen Zeit geführt wurden.

Der Islam ist keinesfalls eine blutrünstige und gewalttätige Religion.

In der frühislamischen Zeit waren die Muslime gezwungen sich zu verteidigen, als ihnen der Krieg aufgezwungen wurde. Zu jener Zeit bat einst ein Gefährte den Heiligen Propheten MuhammadSAW um Erlaubnis, in der muslimischen Armee beitreten zu dürfen, damit er am Jihad teilnehmen könne.

Der ProphetSAW des Islam lehnte seine Bitte ab und sagte, da seine Eltern in einem gebrechlichen Zustand seien, möge er zuhause bleiben und sich um sie kümmern. Er sollte dies als seinen Jihad betrachten. Wenn das Ziel des Jihad Eroberung, Blutvergießen und Kriegsführung wäre, hätte der ProphetSAW des Islam gewiss sein Angebot angenommen und danach gestrebt die muslimische Armee zu stärken.

Ich möchte klarstellen, dass in der Tat die muslimischen Armeen in der frühislamischen Zeit gekämpft haben. Indes war der Zweck keinesfalls, die Menschen zur Konversion zum Islam zu bringen, zu bedrängen oder zu zwingen. Diese Kriege wurden geführt, um die Religion an sich zu schützen und die Grundsätze der Glaubensfreiheit zu bewahren.

Im Kapitel 22, Vers 40-41 spricht der Heilige Qur’an eindeutig darüber: Wenn den Aggressoren nicht Einhalt geboten worden wäre, so stünden alle Kirchen, Synagogen, Tempel, Moscheen und alle anderen Stätten des Gottesdienstes unter großer Bedrohung, da die zugrunde liegende Absicht der Ungläubigen von Mekka darin bestand, alle Religionen auf der Erdoberfläche auszuradieren. Dies beweist, dass der Islam alle Religionen beschützen möchte.

Ferner weist der Heilige Qur’an im Kapitel 6, Vers 152 hinsichtlich des Aufziehens von Kindern die Muslimen an, nicht ihre Kinder zu töten. Dieses Gebot ermahnt die Muslime, Kinder mit Liebe und Zuneigung zu behandeln, sie moralisch weiterzuentwickeln und zu erziehen, sodass sie zu kompetenten und moralisch wertvollen Individuen heranwachsen und eine Bereicherung für die Gemeinschaft und Nation darstellen.

Ebenso hat der Islam den Muslimen gelehrt, die Rechte der verletzlichen Mitglieder der Gesellschaft zu verteidigen. Beispielsweise werden die Muslime im Kapitel 4, Vers 7 des Heiligen Qur’an dazu verpflichtet, Waisenkinder vor Ausbeutung zu beschützen und ihr Erbe mit Ehrlichkeit zu behüten, bis sie ein Alter erreichen, in welchem sie es selbst verwalten können.

Darüber hinaus ist ein weit verbreiteter Vorwurf in der westlichen Welt, dass die Muslime die Rechte der Frauen nicht respektieren würden. Zuvorderst sollte beachtet werden, dass der Islam die erste Religion war, die den Frauen das Erbrecht, das Recht zur Scheidung und andere verschiedene Rechte gewährt hat. Daneben betont der Islam die große Bedeutung der Bildung von Mädchen. Er setzt sich dafür ein, ihnen Möglichkeiten für die persönliche Weiterentwicklung und des Fortschritts zu gewähren.
Keinem einzigen Mädchen und keiner einzigen Frau darf jemals das Recht auf Bildung verwehrt werden, noch dürfen sie auf irgendeine andere Weise diskriminiert werden.
In einer Zeit, als es gang und gäbe war, die Rechte von Frauen und Mädchen mit den Füßen zu treten, und sie als minderwertiger als Jungen galten, brachte der Heilige ProphetSAW des Islam eine Revolution in Bezug auf die Frauenrechte.
Er wies Muslime an, ihre Töchter zu lieben, sie wertzuschätzen, sie zu respektieren und sie niemals minderwertiger als ihre Söhne zu betrachten.

Zudem heißt es in einer berühmten Überlieferung des Heiligen ProphetenSAW, dass »das Paradies unter den Füßen der Mutter liegt«. Diese Worte zeigen die bedeutende Rolle, die die Frauen in der Gesellschaft spielen und zeigt ihren einzigartigen und hervorragenden Rang in der Gesellschaft.

In erster Linie ist es die Aufgabe einer Mutter, ihre Kinder in der prägenden Zeit aufzuziehen. Sie spielt die entscheidende Rolle darin, sicherzustellen, dass die kommenden Generationen zu moralisch aufrechten Bürgern heranwachsen, die ihrer Gesellschaft dienlich sind.

Mütter sind jene Menschen, welche die Macht und den Einfluss haben, ihre Gesellschaft in ein Paradies auf Erden zu verwandeln und die Türen zum ewigwährenden Paradies für ihre Kinder zu öffnen.

Ferner werden im Kapitel 4, Vers 20 des Heiligen Qur’an die muslimischen Männer dazu angewiesen, ihre Ehefrauen liebevoll und respektvoll zu behandeln. In den westlichen Ländern vergeht kein Tag ohne einen Polizeibericht über solche Gewalt. Die Gerichte sind ständig dazu gezwungen zu intervenieren, um die schrecklichen Fälle von häuslicher Gewalt anzugehen. Verschiedene Studien und Berichte, wie beispielsweise der Bericht der Abteilung für Nationale Sicherheit im Vereinigten Königreich von 2018, zeigen, dass solche Verbrechen keinen Zusammenhang mit einer Religion aufweisen. Ein weiterer aktueller Bericht hat dies hier in Deutschland bestätigt. Folglich ist es vollkommen ungerecht, den Islam als eine frauenfeindliche Religion zu brandmarken.

Wie ich eben verdeutlicht habe, ist der Islam eine Religion, die den Frauen Respekt und Würde verleiht. Jeder Mann, der eine Frau auf grausame Art behandelt, macht sich einer schweren Verletzung der Lehre des Islam schuldig.

Der Islam verlangt ebenfalls von seinen Anhängern, die religiösen Gefühle und Überzeugungen von anderen Menschen zu respektieren. Das Abkommen von Medina war ein wahres Abbild dieser Lehre. Darin wurde die Thora als ein Gesetzbuch der Juden anerkannt und respektiert.

Der Islam hat sogar die Rechte von einem Feind oder dem Gegner einer Person etabliert. Im Kapitel 2, Vers 191 sagt der Heilige Qur’an, dass auch in einem Zustand des Krieges dem Feind keine Ungerechtigkeit und Übertretung entgegengebracht werden darf. In der heutigen Welt, die stolz damit prahlt zivilisierter und fortschrittlicher zu sein als jede vergangene Ära, missachten bedauerlicherweise Individuen und Länder ständig die Rechte ihrer Opponenten, verüben gewaltsame Grausamkeiten und lassen keine Möglichkeit aus, sich zu rächen.

Im Kapitel 5, Vers 9 des Heiligen Qur’an hat Allah der Allmächtige verkündet, dass die Feindschaft zu einer Nation oder gegen Menschen niemals eine Person dazu anspornen sollte, die Grundsätze von Gerechtigkeit und Fairness zu opfern. Vielmehr lehrt der Islam, dass man unter allen Umständen, wie schwierig diese auch sein mögen, an den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Integrität festhalten sollte und man niemals vom Verlangen nach Vergeltung geleitet sein sollte.

Aufgrund dieser großartigen Lehre entdecken wir ein unvergleichliches Beispiel an Gnade, Mitgefühl und Erbarmen, das vom Heiligen ProphetenSAW zum Zeitpunkt des Sieges über Mekka dargelegt wurde.

Die Geschichte belegt, dass Muslime in Mekka getötet, ausgeraubt und gefoltert und schlussendlich aus ihren Häusern vertrieben wurden. Sie waren gezwungen auszuwandern. Als er jedoch siegreich nach Mekka zurückkehrte und die gesamte Stadt unter seiner Befehlsgewalt stand, war seine erste Verkündung, dass keine Vergeltung an denen verübt werden soll, die die Muslime auf brutalste Weise verfolgt hatten. Zu diesem Zeitpunkt des Sieges legte der Heilige Prophet MuhammadSAW ein außerordentliches Maß an Demut und Nachsicht an den Tag.

Er gab bekannt, dass gemäß der islamischen Lehre all denen, die die Muslime gequält haben, unverzüglich vergeben wurde. Ferner sollte niemand ungerecht behandelt werden, ungeachtet dessen, ob dieser den Islam annahm oder nicht.

Eine weitere moralische Revolution zum Nutzen der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, die der Islam gebracht hat, ist die hinsichtlich der Sklaverei. Vor dem Islam war diese zügellos und wurde als gewöhnlicher Bestandteil der Gesellschaft angesehen.

Im Kapitel 24, Verse 34 heißt es im Heiligen Qur’an, dass einem Sklaven, der Freiheit wünscht, diese gewährt werden soll. Wenn dafür bestimmte finanzielle Gebühren erhoben werden, sollten diese angemessen sein und in kleinen, einfach zu bewältigenden Raten bezahlt werden können oder es soll vollständig darauf verzichtet werden.

Wie ich erwähnt habe, war die Sklaverei zu jener Zeit ein gewöhnlicher Bestandteil der Gesellschaftsordnung. Ihre Gleichstellung, die der Heilige ProphetSAW des Islam brachte, glich also nichts weniger als einem außerordentlichen Umbruch der Verhaltensweisen.

In der heutigen Welt existiert keine physische Sklaverei mehr, aber sie wurde von ökonomischen Zwängen und Unterwürfigkeit ersetzt. Die Beziehung zwischen den mächtigsten Nationen der Erde und den schwächeren Ländern kann mit der Beziehung von Herrn und Sklaven verglichen werden. Beispielsweise werden Darlehen als »Hilfspakete« getarnt von reichen Ländern an schwache Nationen gegeben, die keine andere Möglichkeit besitzen, als alle ihnen gesetzten Bedingungen zu akzeptieren.

Das erdrückende Zinsniveau bedeutet ausnahmslos, dass die kurzfristigen Darlehen zu einem langfristigen Elend und einer endlosen Schuld führen. Das Endresultat ist, dass das notleidende Land keine andere Wahl besitzt, als sich dem Willen der dominanten Nation zu beugen. Eine solche Sklaverei ist gänzlich unmoralisch.

Der Islam hat von Beginn an die Rechte der Nicht-Muslime etabliert und die Muslime dazu angeleitet sich um des Friedens und der Einheit der Gesellschaft willen zurückzuhalten. Im Kapitel 6, Vers 109 erklärt der Heilige Qur’an beispielsweise, dass die Muslime nicht einmal gegen die Götzen von nicht-religiösen Menschen sprechen sollen, weil jene dadurch provoziert werden könnten, Allah den Allmächtigen zu beschimpfen.
Um also sicherzustellen, dass keine Unruhen entstehen und um die Gesellschaft vor einer bösartigen Spirale des Hasses und der
Feindseligkeit zu bewahren, sind Muslime angehalten, sich zu jeder Zeit in Geduld und Langmut zu üben.

In dieser kurzen Zeit, die zur Verfügung stand, habe ich einige wenige Punkte genannt, die die vom Islam etablierten Rechte für die Menschheit illustrieren.

Ich hoffe, meine Aussagen waren eine Bestätigung dafür, dass der Islam keine Bedrohung für die westliche Zivilisation und Kultur darstellt. Wenn es Muslime gibt, die die Rechte der Nicht-Muslime widerrechtlich verletzen, ist es ausschließlich damit begründet, dass sie die Lehre des Islam ablehnen oder in völligem Unwissen darüber sind. Sie missachten den Islam und sorgen nur dafür, dass sein reiner Name befleckt wird.
Abschließend sollte es ersichtlich sein, dass wir in einer Welt leben, die vor dem Abgrund steht. Ich befürchte, dass die prekäre Situation, in der wir uns befinden, jederzeit eskalieren könnte.

Die Menschen müssen realisieren, dass Worte weitreichende Konsequenzen haben können. Deshalb sollten die Menschen, statt über den »Kampf der Zivilisationen« zu sprechen oder unnötigerweise die Spannungen zwischen verschiedenen Gemeinschaften aufzugreifen, es unterlassen, die religiöse Lehre des anderen anzugreifen.

Statt Einschränkungen für Glaubenspraktiken zu erlassen, sollten wir erkennen, dass wir alle einer einzigen gemeinsamen menschlichen Spezies angehören, die mehr als je zuvor miteinander verbunden ist. Wir sollten unsere Diversität akzeptieren und uns darauf konzentrieren, Geschlossenheit zu etablieren, sodass langfristiger Friede auf der Welt etabliert werden kann.

Jedoch ist aktuell das Gegenteil zu beobachten. Muslimische und nicht-muslimische Länder stellen ihre Interessen über die Interessen der gesamten Welt und sie überschreiten alle Grenzen der Gerechtigkeit und Moral für die Erlangung ihrer jeweiligen Ziele. Als Erinnerung an die dunklen Tage der Vergangenheit bilden sich gegnerische Blöcke und Allianzen. Es scheint, dass die Welt darauf erpicht ist, ihre eigene Zerstörung heraufzubeschwören.

Heute gibt es einige Länder, die nukleare oder andere zerstörerische Waffen besitzen, welche das Potenzial haben, die Zivilisation, so wie wir sie kennen, zu zerstören. Wer kann garantieren, dass diese Waffen niemals angewandt werden oder nicht in die falschen Hände geraten? Es braucht nur ein Missverständnis oder einen Fehltritt, um Feindschaften so weit zu treiben, dass das Undenkbare wahr wird. Die Konsequenzen eines solchen Krieges sind nicht in Worte zu fassen. Mit Sicherheit kann man sagen, dass die Welt nicht mehr die gleiche sein wird.

Wenn Nuklearwaffen jemals genutzt werde sollten, dann werden nicht nur wir die Konsequenzen ertragen müssen. Unsere Kinder und die zukünftigen Generationen werden aufgrund unserer Sünden zu leiden haben. Generationen von Kindern werden mit geistigen und physischen Einschränkungen geboren werden und ihre Hoffnungen und Träume werden ohne ihr eigenes Verschulden zerstört werden.
Ist dies das Vermächtnis, das wir denen hinterlassen wollen, die nach uns kommen? Sicherlich nicht!

Also sollten wir die Warnsignale erkennen und unser Handeln verändern, bevor es zu spät ist, statt Flammen des Hasses zu entfachen, seien es die der religiösen und ethnischen Differenzen oder der politischen Ziele.
Lassen Sie uns alle, ungeachtet unserer Differenzen, zusammenkommen und mit einem Geist des gegenseitigen Respekts, der Toleranz und Zuneigung für den Frieden auf der Welt und die Förderung der Glaubensfreiheit arbeiten.

Möge Allah jenen, die im Namen der Religion Unfrieden stiften, Vernunft und Besonnenheit schenken, und mögen der Frieden und die Gerechtigkeit gewinnen. Amin.
Mit diesen Worten möchte ich mich nochmals bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie an diesem Abend mit uns zusammengekommen sind.
Herzlichen Dank!«

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