Aktuelle und soziale Themen

Schrankenlose Meinungsfreiheit?

Syed Abrar Shah

Als Imam und deutscher Mitbürger sehe ich es als meine Pflicht an, den interreligiösen Frieden in der Gesellschaft zu fördern, Ängste abzubauen und ein harmonisches Miteinander zu schaffen. 

Die Nachricht von dem Mord an Samuel Paty schockierte mich sehr und einer meiner ersten Gedanken war es, wie ein Mensch dazu in der Lage sein kann, so eine Schreckenstat auszuüben. Alles deutete auf ein islamistisches Motiv hin und es wurde mir bewusst, dass bald wieder eine große Welle an Vorwürfen gegenüber dem Islam geben wird und ich als Imam gefragt bin. Es dauerte nicht lange, dass das weltweite Oberhaupt unserer Gemeinde, Seine Heiligkeit Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, seine Trauer und sein Mitgefühl bekundete. Er verurteilte diese Tat aufs Schärfste.

»Der Mord und die Enthauptung von Samuel Paty und der Angriff in Nizza heute müssen auf das Schärfste verurteilt werden. Solch schmerzlichen Angriffe verstoßen völlig gegen die Lehren des Islam. Unsere Religion erlaubt unter keinen Umständen Terrorismus oder Extremismus, und jeder, der etwas anderes behauptet, handelt gegen die Lehren des Heiligen Quran und widerspricht dem edlen Charakter des Heiligen Prophetensaw des Islam. 

Als weltweites Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat spreche ich den Angehörigen der Opfer und der französischen Nation unser tiefes Mitgefühl aus. Es muss klar sein, dass unsere Verurteilung und unser Hass auf solche Angriffe nicht etwas Neues ist, sondern immer schon unsere Position und Haltung war. 

https://ahmadiyya.de/news/pressemitteilungen/art/das-oberhaupt-der-ahmadiyya-muslim-jamaat-ueber-die-juengsten-entwicklungen-in-frankreich/

Der Qur’an lehrt uns, dass das Leben eines jeden Menschen, egal ob dieser Muslim, Michtmuslim ist, eine andere Hautfarbe oder einer anderen Nation angehört, den gleichen Wert hat. So heißt es beispielsweise im Heiligen Qur’an:

»wenn jemand einen Menschen tötet …- so soll es sein, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, so soll es sein, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.«

5:33

Dann lehrt der Heilige Qur’an die Glaubensfreiheit. Es heißt:

»Es soll kein Zwang sein im Glauben.«

2:257

Darüber hinaus heißt es im Heiligen Qur’an, dass Gläubige gerecht gegenüber allen sein sollen, selbst gegenüber einem feindlich gesinnten Volk. Es heißt:

»Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist näher der Gottesfurcht.«

5:9

Die Lehre des Begründers der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Seine Heiligkeit Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, beinhaltet, dass der gegenseitige Respekt der Religionen ein wichtiger Bestandteil für den Frieden innerhalb der Gesellschaft ist. Denn viele Konflikte sind neben politischen Motiven auch auf religiöse Ressentiments zurückzuführen und nicht auf Religionen selbst. 

Nun kam es in den letzten Tagen wie erwartet. Auf verschiedenen sozialen Plattformen begann einerseits die Hetze gegen Muslime, Flüchtlinge und Ausländer. Nur zwei Tage nach dem schrecklichen Attentat wurden zwei muslimische Frauen in Frankreich aufgrund ihres Kopftuches niedergestochen.1 Einmal mehr bewahrheitete sich für mich, dass Gewalt nur noch mehr Gewalt auslöst und nie zum Frieden führen kann. Es folgten die Anschläge in Nizza und Wien, woraufhin auch die deutschen Behörden eine Warnung vor dem Islamismus gaben.

Da ich mich als Imam sehr tiefgehend mit der islamischen Theologie auseinandersetze, ist es für mich nicht nachvollziehbar, woraus Extremisten die Gewaltlehre des Islam entnehmen. Sicherlich lassen sich Verse im Heiligen Qur’an wiederfinden, die zum Krieg aufrufen, allerdings sind all diese Verse im Kontext betrachtet vollkommen friedvoll und erlauben lediglich die Verteidigung.

Gewalttätig zu agieren oder eine fanatische Reaktion zu befürworten, kommt nur denen zugute, die den Islam als fundamentalistische und extremistische Religion darstellen wollen. Mit solchen grauenvollen Taten wird keineswegs die Ehre des Islam oder die Ehre des Heiligen Propheten MuhammadSAW hergestellt. Eine gewaltvolle Antwort widerspricht gänzlich der islamischen Lehre und bestätigt gerade das falsch erzeugte Bild des Islam hier im Westen. Daher werden solche abscheulichen Angriffe vor der Veröffentlichung weiterer Karikaturen nicht abschrecken oder verringern, sondern nur zu ihrer Verbreitung führen. Die jüngste Geschichte hat bewiesen, dass dieser Punkt wahr ist – die heftige Reaktion nach der ersten Veröffentlichung von Karikaturen durch Charlie Hebdo in 2005, die den Heiligen Propheten MuhammadSAW darstellten, hielt andere nicht davon ab, dasselbe zu tun, sondern diente dazu, die Entschlossenheit anderer zu ermutigen und zu stärken.

Wir Ahmadi Muslime schätzen uns sehr glücklich, dass Wir durch ein spirituelles Kalifat eine Rechtleitung haben, die uns aufklärt. Wir betrachten die Karikaturen des Heiligen Propheten MuhammadSAW, die von Charlie Hebdo veröffentlicht wurden, und die Karikaturen, die in der Vergangenheit von anderen veröffentlicht wurden, als beleidigend, bedrückend und provokativ. Dies ist eine natürliche menschliche Reaktion, die auf unserer Liebe und Hingabe an den Heiligen Propheten MuhammadSAW beruht, den wir als perfektes Vorbild für die Menschheit betrachten. Darüber hinaus halten wir es für bedauerlich, dass eine Toleranz gegenüber der Religion von Tag zu Tag schwindet.

Das weltweite Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf den Zusammenhalt der Gesellschaft und die damit verbundenen Herausforderungen:

»Die Menschen müssen realisieren, dass Worte weitreichende Konsequenzen haben können. Deshalb sollten die Menschen, statt über den »Kampf der Zivilisationen« zu sprechen oder unnötigerweise die Spannungen zwischen verschiedenen Gemeinschaften aufzugreifen, es unterlassen, die religiöse Lehre des anderen anzugreifen.«

https://www.revuederreligionen.de/islam-europa-ein-kampf-der-kulturen/

Mit der Freiheit geht auch Verantwortung einher. Wenn es um die Meinungsfreiheit geht, sind wir der Ansicht, dass dabei bestimmte Grenzen nicht überschritten werden sollten. In der heutigen Gesellschaft werden bestimmte Themen trotz des hohen Guts der Redefreiheit als außerhalb der Grenzen liegend betrachtet. Zum Glück toleriert der Mainstream der Gesellschaft keinen rassistischen und antisemitischen Parolen. Dem sind bewusst Grenzen gesetzt, um die Gesellschaft nicht zu vergiften. Wir glauben, dass eine Gesellschaft auch auf die religiösen Gefühle Rücksicht nehmen sollte.

Gleichzeitig verweisen wir auch darauf, als die Gegner den Heiligen Propheten MuhammadSAW beschimpften oder ihn persönlich verspotteten, der Heilige Prophet MuhammadSAW mit Frieden reagierte und keinem seiner Gefährten erlaubte, gleichermaßen zu reagieren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wie reagierte der Heilige Prophet MuhammadSAW auf Abdullah bin Ubayy Bin Salool, der ihn maßlos verspottete und beleidigte. Nach zahlreichen Beleidigungen und verbalen Angriffen gegen den Heiligen ProphetenSAW bat Abdullah bin Ubayys eigener Sohn, der ein Muslim war, um Erlaubnis, seinen Vater wegen der verletzenden und böswilligen Beleidigungen zu töten, die er gegen den Heiligen ProphetenSAW geäußert hatte. Der Heilige ProphetSAW verbot dagegen eine gewaltsame Reaktion und erklärte stattdessen: »Ich werde deinen Vater mit Mitgefühl und Rücksichtnahme behandeln.« Welch ein schönes Beispiel für Nachsicht und Toleranz nicht nur für seine Gefährten, sondern auch für zukünftige Muslime. Zugleich entlarvt diese Antwort des ProphetenSAW des Islam die unermessliche Ungerechtigkeit derer, die im Namen des Islam Waffen ergreifen.

Obwohl die Karikaturen auch unsere Gefühle verletzt haben, sehen wir die gewalttätigen Reaktionen einiger Muslime darauf als eine Störung des Friedens an. Wir stufen keine der beiden Verhaltensweisen als angemessen an. Stattdessen sehen wir, dass genau das Gegenteil in einer ohnehin angespannten Zeit auftritt. In Bezug auf den wirtschaftlichen Druck bleibt die Wahrheit, dass der Boykott französischer oder westlicher Produkte oder anderer ähnlicher Maßnahmen wahrscheinlich keine signifikanten oder dauerhaften Auswirkungen haben wird. Millionen von Muslimen leben im Westen und es ist ihnen einfach nicht möglich, an solchen Boykotten zu beteiligen. Daher ist der Aufruf zum Boykott französischer Produkte eher eine emotionale als eine rationale Reaktion. Darüber hinaus sollten Muslime, gemäß den wahren Lehren des Islam nicht an Protesten teilnehmen, die den Wohlstand ihrer Nation beeinträchtigen. 

Wir beten für den Frieden und für eine Welt, in der alle Gemeinschaften und Menschen in Harmonie mit gegenseitigem Respekt zusammenleben können, sicher vor den hasserfüllten Bemühungen von Extremisten, die versuchen, die Spaltung auszunutzen.

Das Gebot der Stunde lautet in den Worten des weltweiten Oberhaupts der Ahmadiyya Muslim Jamaat: 

»Lassen Sie uns alle, ungeachtet unserer Differenzen, zusammenkommen und mit einem Geist des gegenseitigen Respekts, der Toleranz und Zuneigung für den Frieden auf der Welt und die Förderung der Glaubensfreiheit arbeiten.«

https://www.revuederreligionen.de/islam-europa-ein-kampf-der-kulturen/

Über den Autor: Syed Abrar Shah wurde in Stade geboren und hat Theologie mit Schwerpunkt Islamwissenschaften an der Jamia Ahmadiyya in Großbritannien studiert. Derzeit ist er als Imam für die Niddaer Moschee und die Gemeinden in Altenstadt, Büdingen und Reichelsheim zuständig.

1 https://www.oe24.at/welt/weltchronik/rache-zwei-muslimische-frauen-unter-eiffelturm-attackiert/450953522

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