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Karikaturen, Gewalt und Meinungsfreiheit – Welche Handlungsweisen hat uns der Heilige Prophet MuhammadSAW gelehrt?

Sarmad Naveed, Kanada

Als ob die Welt nicht schon genug zu tun hätte.
In den letzten Tagen ist Frankreich mit Gräueltaten konfrontiert worden, mit denen kein Einzelner, keine Gemeinschaft und kein Land jemals zu tun haben sollte. Da war zunächst die schreckliche Enthauptung eines Schullehrers, Samuel Paty, am 16. Oktober 2020. Dann, am 29. Oktober 2020, die grausame Messerstecherei auf drei Menschen in Nizza. Berichten zufolge soll eines der Opfer praktisch geköpft worden sein. 
Eine solche Unmenschlichkeit hat in unserer Welt keinen Platz.

Der Fünfte Kalif und weltweites Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Seine Heiligkeit Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, verurteilte diese Angriffe kategorisch, indem er sagte:

»Der Mord und die Enthauptung von Samuel Paty und der Angriff in Nizza heute müssen auf das Schärfste verurteilt werden.

Solch schmerzlichen Angriffe verstoßen völlig gegen die Lehren des Islam. Unsere Religion erlaubt unter keinen Umständen Terrorismus oder Extremismus, und jeder, der etwas anderes behauptet, handelt gegen die Lehren des Heiligen Quran und widerspricht dem edlen Charakter des Heiligen Propheten des IslamSAW.

Als weltweites Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat spreche ich den Angehörigen der Opfer und der französischen Nation unser tiefes Mitgefühl aus. Es muss klar sein, dass unsere Verurteilung und unser Hass auf solche Angriffe nicht etwas Neues ist, sondern immer schon unsere Position und Haltung war. Der Gründer der Ahmadiyya Muslim Jamaat und seine Nachfolger haben stets kategorisch jede Form von Gewalt oder Blutvergießen im Namen der Religion abgelehnt.«

https://ahmadiyya.de/news/pressemitteilungen/art/das-oberhaupt-der-ahmadiyya-muslim-jamaat-ueber-die-juengsten-entwicklungen-in-frankreich/

Ein weiteres unglückliches Nebenprodukt dieser Ereignisse ist die darauffolgende Debatte über den Islam. Zunächst muss klar sein, dass bei abscheulichen Taten, wie sie sich in Frankreich ereignet haben, das Einzige, worauf sie zurückgeführt werden können, schiere Barbarei und Unmenschlichkeit ist. 

Doch zur Bestürzung der überwältigenden Mehrheit der friedliebenden Muslime auf der ganzen Welt schreiben sich die Täter einer Religion zu, die sie als außerhalb ihrer Grenzen liegend betrachtet, denn in der Religion des Islam gibt es nicht die geringste Erlaubnis für solche Verbrechen. 

In ihrem verblendeten Sinn für Tapferkeit und Dienst am Glauben widersprechen solche Menschen nur den wahren Lehren des Islam und tragen dazu bei, das Bild einer reinen Religion in den Augen anderer zu trüben. Seine HeiligkeitABA führte weiter aus:

»Die Folgen dieser abscheulichen Tat haben die Spannungen zwischen der islamischen Welt und dem Westen sowie zwischen den in Frankreich lebenden Muslimen und dem Rest der Gesellschaft weiter verschärft. Wir betrachten dies als eine Quelle tiefen Bedauerns und als ein Mittel, den Frieden und die Stabilität in der Welt weiter zu untergraben.

Wir müssen uns alle zusammenschließen, um alle Formen des Extremismus auszurotten und gegenseitiges Verständnis und Toleranz zu fördern.

Aus unserer Sicht wird die Ahmadiyya Muslim Jamaat keine Mühen scheuen in unserer Mission, ein besseres Verständnis der wahren und friedlichen Lehren des Islam in der Welt zu fördern.«

https://ahmadiyya.de/news/pressemitteilungen/art/das-oberhaupt-der-ahmadiyya-muslim-jamaat-ueber-die-juengsten-entwicklungen-in-frankreich/

Diese Vorfälle haben ihren Ursprung in einer inzwischen langjährigen Debatte über die Rede- und Meinungsfreiheit, nachdem im Jahr 2015 Karikaturen des Heiligen Propheten MuhammadSAW im Original gedruckt und in den vergangenen Tagen neu herausgegeben wurden. Muslimen wird von klein auf beigebracht, den Heiligen Propheten MuhammadSAW mehr als jeden anderen auf der Welt zu lieben. Für Muslime sind dies nicht nur Worte, sondern eine echte Realität.

Wenn ihr geliebter Meister auf so eine abscheuliche Weise dargestellt wird, verletzt dies die Gefühle der Muslime in einer Weise, die nicht in Worte gefasst werden kann. Der Heilige Prophet MuhammadSAW dient als Wegweiser, als das perfekte Vorbild, das die wahren, friedlichen und schönen Lehren des Islam verkörperte und Beispiele dafür setzte, wie man sein Leben in jeder Situation und in jeder Lage gestalten kann. 

Wenn dies der Fall ist und er wirklich das vollkommene Vorbild war, dann muss er sicherlich Beispiele dafür gesetzt haben, wie er sich verhielt, als er selbst verspottet, angegriffen und beschimpft wurde. Hier stellt sich die Frage: Was würde MuhammadSAW in einem solchen Fall tun?

Der Heilige ProphetSAW verkörperte die Lehren des Heiligen Qur’an vollkommen. So sagt Gott der Allmächtige im Heiligen Qur’an:

»Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln.«[1]

Ungeachtet der Feindschaft, des Hasses, der Bosheit und der Beschimpfungen, womit sich der Heilige ProphetSAW konfrontiert sah – ja mehr als jeder andere Prophet in der Geschichte – reagierte er immer auf die freundlichste und wohlwollendste Weise. 

Nehmen wir zum Beispiel den Vorfall eines Mannes, der die Grenzen der Toleranz und Geduld des Heiligen Propheten MohammedSAW testen wollte. Er ging zum Heiligen ProphetenSAW, um ein Darlehen drei Tage vor Fälligkeit zurückzufordern. Dieser Mann näherte sich dem Propheten MuhammadSAW, während er einen Beerdigungszug begleitete und zog an der Kleidung des Heiligen ProphetenSAW mit solcher Kraft, dass sie ihm von den Schultern fiel. Dann begann er den Heiligen ProphetenSAW anzuschreien und verlangte die Rückzahlung seines Darlehens. Er beschimpfte nicht nur den Heiligen ProphetenSAW, sondern auch seine Familie mit den Worten: »Ich kenne euch, die Söhne von Bani Muttalib, die mit der Rückzahlung in Verzug geraten.« Einer der treuesten und ergebensten Gefährten des ProphetenSAW, Hadhrat UmarRA, stand neben seinem Meister, als dies geschah. Er war wütend und empört, als er sah, wie sein geliebter Meister auf diese Weise beschimpft wurde, und sagte: »O Feind Gottes, wie kannst du es wagen, den Heiligen Propheten MuhammadSAW mit solcher Unhöflichkeit zu behandeln?« Er war kurz davor, diese Person anzugreifen, aber er sah die Reaktion des Heiligen ProphetenSAW – eine Lektion für alle bis zum heutigen Tag.

Wäre es zulässig gewesen als Vergeltung dafür, dass der Heilige ProphetSAW beschimpft wurde, Gewalt anzuwenden, dann hätte er dies Hadhrat UmarRA sicherlich erlaubt. Stattdessen stand der edelste ProphetSAW da und lächelte. Er sagte sehr ruhig und sanft zu Hadhrat UmarRA

»Du hättest mir raten sollen, das Darlehen auf eine gute Art und Weise zurückzuzahlen und ihm die angemessene Vorgehensweise beibringen sollen, um die Rückzahlung des Darlehens zu fordern. O Umar, jetzt gehst du hin und zahlst sein Darlehen zurück und gibst ihm zusätzlich zu dem Darlehen etwas Datteln.«

Als dieser Mann diese freundliche, sanfte und wohlwollende Reaktion auf seinen ungerechtfertigten und harten Übergriff gegen ihn sah, akzeptierte er den Heiligen ProphetenSAW als den wahren Propheten Gottes und wurde Muslim.[2]

Nach dem Übergriff hätte der Heilige ProphetSAW gewalttätige Maßnahmen zulassen können. Stattdessen nutzte er diese Gelegenheit, um die wahren Lehren des Islam zu veranschaulichen und zu demonstrieren. 

Bei einer anderen Begebenheit lief ein Beduine auf den ProphetenSAW zu und zog seinen Umhang mit solcher Wucht, dass er sich am Hals verletzte. Dann forderte er vehement, ihm Geld zu geben. In diesem Moment wies der Heilige ProphetSAW nicht an, dass diese Person, die sich gegenüber dem geliebten Propheten Gottes so unhöflich verhalten hatte, angegriffen werden sollte; stattdessen blieb der Heilige ProphetSAW ruhig, lächelte und wies an, dem Beduinen etwas Geld zu geben.[3]

Hadhrat AishaRA, Ehefrau des Heiligen ProphetenSAW, berichtet, dass es Menschen gab, die sich ihm näherten und sagten: »Fluch und Unheil sei über dir.« Eines Tages antwortete Hadhrat AishaRA diesen Menschen mit den gleichen Worten. Als er dies hörte, riet ihr der Prophet MuhammadSAW, sanft zu sprechen und von harten Worten abzusehen, obwohl dieselben Worte auch gegen ihn verwendet wurden.[4] Dann fuhr er fort und riet ihr: »O Aisha, Sanftmut, in welcher Sache auch immer sie zu finden ist, verleiht ihr Schönheit. Und welcher Sache auch immer es an Milde mangelt, entwickelt einen Makel und Widerwärtigkeit.«[5]

Einer der vielleicht schmerzlichsten Vorfälle, die ein Muslim aus dem Leben des Heiligen ProphetenSAW zu hören bekommt, ist der, der sich in Taif ereignete. Der Heilige ProphetSAW war lediglich dort hingegangen, um die Botschaft des Friedens, der Liebe und Harmonie zu verbreiten, woraufhin er im Gegenzug mit Steinen beworfen wurde, so dass sich seine Schuhe mit Blut füllten. Danach, als er besorgt saß, kam ein Engel zu ihm und bot ihm an, die Menschen, die ihn auf so grauenhafte Weise misshandelt hatten, zwischen den beiden Bergen zu zermalmen.  Dies war eine weitere Möglichkeit für den Heiligen ProphetenSAW, gewalttätig zu reagieren. Aber stattdessen gab er das schönste Beispiel. Er antwortete, er wolle nicht, dass sie zerstört würden; stattdessen betete er dafür, dass ihre Nachkommen in der Lage sein würden, die wahren, schönen Lehren des Islam zu erkennen.[6]

An diejenigen, die behaupten, die Ehre des Heiligen ProphetenSAW aufrechtzuerhalten: welches dieser Beispiele rechtfertigt ihre abscheulichen Taten? Wenn sie wahre Verteidiger der Ehre des Heiligen ProphetenSAW wären, dann würden sie so friedlich und wohlwollend reagieren, wie es der Heilige ProphetSAW getan hat. Wenn sie seine Ehre wirklich verteidigen würden, dann würden sie solche Gelegenheiten nutzen, um die wahren Lehren des Islam zu verkünden, so wie es der Heilige ProphetSAW getan hat, anstatt Menschen durch Gräueltaten abzuschrecken und sie dann zu Unrecht dem Glauben zuzuschreiben, dem sie angeblich folgen. 

Auf diese Weise wird es absolut deutlich: Ganz gleich, wie verletzt die Gefühle der Muslime auch sein mögen, ganz gleich, wie sehr die Muslime den Heiligen ProphetenSAW, den Islam, lieben mögen, das Vorbild des Heiligen ProphetenSAW lässt keine Form der Gewalt zu. 

Im Lichte dieser Ereignisse ist ein weiterer Streitpunkt wieder aufgetaucht, der die Frage der Rede- und Meinungsfreiheit betrifft. Dies sind Prinzipien, die der Islam absolut unterstützt. Tatsächlich haben die frühen Muslime ihr Leben geopfert, um die Prinzipien der individuellen Freiheit, der Gewissens- und Religionsfreiheit aufrechtzuerhalten.

Eine der grundlegenden Lehren des Islam lautet:

»Es gibt keinen Zwang im Glauben.«[7]

In den Worten von Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA:

»Was für eine klare und unmissverständliche Aussage zur Wahrung der Gedanken-, Glaubens- und Gewissensfreiheit.«

Der Islam lehrt jedoch auch, dass es einen Rahmen geben muss, um sicherzustellen, dass diese Freiheiten zwar gewahrt bleiben, aber jeder in der Gesellschaft harmonisch leben kann.

Zum Beispiel sagt Gott der Allmächtige:

»Und schmähet nicht die, welche sie statt Allah anrufen, sonst würden sie aus Groll Allah schmähen ohne Wissen.«[8]

Der Islam lehrt, dass man unabhängig davon, wie sehr die eigenen religiösen Gefühle verletzt werden, nicht in gleicher Weise reagieren sollte, da sonst das herauskäme, was wir heute erleben; die Gefühle – sogar das Leben – anderer werden verletzt, alles im Namen der Rede- und Meinungsfreiheit. 

Um eine harmonische Gesellschaft zu gewährleisten, muss auf die Gefühle anderer Rücksicht genommen werden, auch wenn es unterschiedliche Meinungen geben mag. 

Es gibt kein vollkommeneres Beispiel dafür als das des Heiligen ProphetenSAW. Ein Muslim stritt sich mit einer jüdischen Person, die MosesAS für höherrangig erklärte als den Heiligen ProphetenSAW. Beide brachten die Angelegenheit vor den Heiligen ProphetenSAW, der sehr schön darauf antwortete,

»Gib mir keinen Vorrang über MosesAS und störe damit nicht die friedliche Atmosphäre von Medina.«[9]

Einfach ausgedrückt: Was nützt es, die Redefreiheit zum Ausdruck zu bringen, wenn Menschen unter ihrem Deckmantel den Frieden und die Harmonie von Gesellschaften beeinträchtigen und stören? So hat der Heilige ProphetSAW durch seine tiefe Demut und sein schönes Vorbild dieses Exempel statuiert, was wahre Rede- und Meinungsfreiheit ist. 

Wenn sich die Welt in einer Sache einigen kann (oder zumindest sollte), dann in der, dass Vorfälle, wie sie sich in Frankreich ereignet haben, keinen Platz in dieser Welt haben. 

Und wenn die Gefühle der Muslime verletzt worden sind, dann liegt der Leitfaden, wie sie reagieren sollen, direkt vor ihnen. Lasst nicht einige wenige Abweichler die wahren Lehren des Islam untergraben oder beschmutzen. Lasst sie nicht über die reinen Lehren und das makellose Vorbild des Heiligen ProphetenSAW lästern, indem sie vorgeben, sie zu verteidigen, aber dennoch in einer Weise handeln, die diesen Lehren völlig widerspricht. Stattdessen sollten sie solche Gelegenheiten nutzen, um der Welt zu zeigen, was die wahren Lehren des Islam sind, wie Seine HeiligkeitABA erklärt:

»Es ist Aufgabe der Muslime, aufzustehen und alle Formen von Extremismus und Terrorismus zu verurteilen. Wo und wann auch immer solche Anschläge stattfinden, müssen sie auf das Schärfste verurteilt werden… Es ist die Aufgabe der Ahmadi-Muslime, die wahren Lehren des Islam zu zeigen, die von Frieden, Liebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl geprägt sind.«[10]

Über den Autor: Sarmad Naveed ist ein Imam der Ahmadiyya Muslim Jamaat, der sein Studium am Ahmadiyya-Institut für Sprachen und Theologie in Kanada abgeschlossen hat. Er ist Mitglied des Redaktionsausschusses der Zeitschrift The Review of Religions und leitet die neu gestartete Rubrik Facts from Fiction. Er tritt auch als Diskussionsteilnehmer und Moderator von Sendungen auf Muslim Television Ahmadiyya (MTA) auf, wie z.B. Ahmadiyyat: Roots to Branches.

Referenzen:
[1] Der Heilige Qur’an 5:9
[2] Mustadrak Hakim Kitab Ma‘rifatus Sahabah Dhikr Islam Zaid bin Sa‘nah, vol.3, p.605. Tabaqatul Kubra by Ibn Sa‘d, vol.1, p.88 
[3] Bukhari Kitabul Nafaqat wa Kitabul Libas, Bab Al-Bard.
[4] Bukhari Kitabul Adab, Bab Lam yakunin Nabi Fahsha.
[5] Bukhari Kitabul Adab, Bab Lam yakunin Nabi Fahsha.
[6] Bukhari Kitab Bad’ul Khalq
[7] Der Heilige Qur’an 2:257
[8] Der Heilige Qur’an 6:109
[9] Bukhari Kitabut Tafsir, Suratul A‘raf, Bab wa lamma Ja’ Musa. 
[10] Freitagsansprache vom 24.03.2017

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