Ramadan

Spiritualität durch Fasten

Serjeel Ahmad 

An einem Morgen ist der Himmel rot gefärbt und die Luft nahezu spirituell erfüllt. Ein Mann wacht auf und schaut in die Ferne und sieht einen Vogelschwarm über sich hinwegfliegen. Fasziniert versucht er alles aufzunehmen, was er kann und prägt diesen wunderschönen Moment in seinem Kopf ein, wissend, dass er ihn vielleicht nicht mehr einfangen könnte, wenn die Vögel davongeflogen sind. In diesem Moment der Katharsis fragt er sich, ob er wieder da sein wird, um einen solchen Augenblick zu erleben, vielleicht in bittersüßer Reflexion: So ist die Gefühlslage eines Gläubigen im Monat Ramadan. 

Der berühmte persische Sufi Rumi hat dieses Gefühl der Ekstase in seiner bezaubernden persischen Poesie wie folgt beschrieben: 

Feiert! angebrochen ist der Fastenmonat 
Angenehme Reise zu dem EINEN, 
Der die Gesellschaft ist beim Fasten
Ich stieg aufs Dach, um zu sichten den Mond, 
Weil ich wirklich vermisst habe das Fasten 
Mit Herz und Seele1

In der Tat ist dieses Gefühl der Ekstase und der erhöhten Spiritualität in allen Religionen anerkannt. Auf diese Weise ist das Fasten ein einzigartiges Phänomen. 

Fasten im Islam 
Das Fastengebot wurde im zweiten Jahr der Hidschra verordnet. Von da an gebot Gott der Allmächtige den Muslimen, jedes Jahr eine Form des Gottesdienstes auszuführen, die als Fasten im Ramadan bekannt ist. Gott der Allmächtige sagt im Heiligen Qur’an: 

»Der Monat Ramadan ist der, in welchem der Qur’an herabgesandt ward: eine Weisung für die Menschheit, deutliche Beweise der Führung und (göttliche) Zeichen. Wer also da ist von euch in diesem Monat, der möge ihn durchfasten; ebenso viele andere Tage aber, wer krank oder auf Reisen ist. Allah wünscht euch erleichtert und wünscht euch nicht beschwert und dass ihr die Zahl (der Tage) erfüllen und Allah preisen möchtet dafür, dass Er euch richtig geführt hat, und dass ihr dankbar sein möchtet.«

Der Heilige Qur’an, 2:184

Dementsprechend wurde der 9. Monat des zweiten Jahres der Hidschra zum ersten vorgeschriebenen Fastenmonat. Die Gläubigen beginnen den Monat mit der Sichtung des Neumonds. Sie wachen früh morgens auf und fasten bis zum Maghrib-Gebet (unmittelbar nach Sonnenuntergang), wenn das Fasten vollendet ist.

Diese einmonatige Routine soll jene zur Läuterung verhelfen, die diesen Monat durchlaufen. In der Tat stammt das Wort Ramadan aus dem arabischen Wortstamm ramḍ, was sengende Hitze bedeutet. Der Heilige ProphetSAW lehrte: 

»Ramadan hat diesen Namen erhalten, da dieser alle Sünden verbrennt.«

Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadRA, The Holy Qur’an with English translation and commentary, Band 1, S. 239

Aber beim Ramadan – auch wenn ein Synonym für Fasten – geht es nicht nur um eine Enthaltung von Essen und Trinken. Es erfordert eine Disziplin der Seele, die einen Menschen zur Liebe Allahs führt. Der Verheißene MessiasAS erklärt sehr schön: 

»Fasten bedeutet nicht, dass der Mensch hungert und dürstet. Vielmehr hat es ein Wesen und eine Wirkung, die erfahrbar ist. Es liegt in der Natur des Menschen: Je weniger man isst, desto größer ist die innere Läuterung und die Fähigkeit Visionen zu erhalten nimmt zu. Gott bezweckt damit, die eine Nahrung zu vermindern und die andere zu vermehren. Der Fastende sollte sich stets vor Augen halten, dass das [Fasten] nicht bezweckt, hungrig zu bleiben. Im Gegenteil, der Fastende sollte sich mit dem Gedenken Gottes beschäftigen, um sich Ihm ganz zu widmen und sich [von weltlichen Begierden] loszulösen. Die eigentliche Bedeutung des Fastens liegt einzig darin, dass der Mensch eine Nahrung aufgibt, die nur den Körper nährt und eine andere Nahrung aufnimmt, die zur Befriedigung und Sättigung der Seele beiträgt.«

Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, Malfūẓāt, Band 5, S.102
Fasten findet sich in der Tradition der meisten Weltreligionen wieder und wurde von allen Propheten praktiziert. Dies zeigt, dass die Beziehung zwischen Fasten und spirituellem Fortschritt universell ist. 
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So besteht die Essenz des Fastens im Islam nicht darin, sich einfach dem Essen und Trinken zu enthalten, sondern es ist vielmehr eine vollständige Unterwerfung vor Allah. Der Gläubige legt seine Seele in die Hände Allahs und fügt sich wie eine Marionette in die Hand eines Puppenspielers. Sein Hauptziel ist es, die Liebe Allahs zu erlangen. Der Heilige ProphetSAW sagte: »Wenn der Fastenmonat Ramadan beginnt, werden die Tore des Paradieses geöffnet und die Tore zur Hölle verschlossen und Satan wird in Ketten gefesselt.«5 Wir sehen, dass unser Heiliger Meister vollen Nutzen daraus zog und durch jedes Wort und Tat die Liebe Gottes anstrebte. Der Heilige ProphetSAW brachte seinen Gefährten bei, ihre Gefühle zu beherrschen, und diente ihnen als ein Vorbild, wie ein Muslim sein Leben führen sollte. Er sagte:

»Wer fastet, soll alle Arten von eitler Rede und unhöfliche Laute vermeiden, und wenn jemand ihn beschimpft, oder einen Streit vorbereitet, dann sollte der Fastende sagen: Ich faste.«

Ṣaḥīḥu l-buḫārī 

Sein Hauptanliegen war es, seinen Gefährten nahezulegen, dass sie ein Leben eines wahren Gläubigen führen und jegliche Formen der Heuchelei meiden sollten. Er warnte die Muslime weiterhin:

»All diejenigen, die das Lügen nicht vermeiden und sich damit beschäftigen, auf deren Fasten legt Allah keinen Wert, obwohl sie hungern oder dursten.«

Ṣaḥīḥu l-buḫārī 

In der Tat war der Heilige ProphetSAW selbst ein Vorbild dafür, wie man das Fasten vollziehen sollte. Er verrichtete oft das tahaǧǧud-Gebet (freiwilliges zusätzliches Nachtgebet) mit großer Inbrunst und verbrachte die meiste Zeit seiner Nächte damit, mit Liebe für seine Gefährten zu beten. Er sagte: 

»Demjenigen, der während des Ramadan nachts betet, um den Verpflichtungen des Glaubens nachzugehen und um die Belohnung Gottes zu erhalten, werden alle seine vorherigen Sünden vergeben.«

Ṣaḥīḥu l-buḫārī 
Im Ramadan brechen die Muslime das Fasten mit dem Sonnenuntergang und verrichten im Anschluss das Maghrib-Gebet.
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Der Heilige ProphetSAW legte großen Wert darauf, im Ramadan den Heiligen Qur’an zu rezitieren. Denn dieser wurde in diesem Monat offenbart und der Heilige ProphetSAW verbrachte den Großteil des Tages mit dessen Rezitation. Es wird häufig berichtet, dass er den Heiligen Qur’an während des Ramadan mehrmals vollständig rezitierte.

Das Fasten kann zu einem außergewöhnlichen spirituellen Rang führen. Es ist ein Mittel zur Erweichung der Seele und bringt die natürlichen Gefühle des Menschen hervor, sodass er in die Arme des Allmächtigen laufen kann. Zudem schafft es im Menschen Sympathie für die Schöpfung Allahs.

Manchmal verstehen Menschen aus Ländern der Ersten Welt nicht die wirkliche Notlage derer, die unter härtesten Bedingungen leben. Solche Umstände bedeuten, die Armut und ihre Folgen hinnehmen zu müssen. Wohl wissend, dass es kein Entkommen geben kann und dass man die Schreie des Hungers von geliebten Menschen ertragen muss. Fasten ist ein Mittel, um Mitgefühl für Leidende zu empfinden und zu realisieren, wie gesegnet man ist, Ressourcen verfügbar zu haben. Für viele ist dies eine vorübergehende Übung, denn sie wissen, dass am Ende des Tages eine Fülle von Lebensmitteln zur Verfügung stehen werden. Für andere ist dieser Mangel an Ressourcen jedoch eine harte Realität, die oft von anderen übersehen wird. Das Fasten wirft Licht auf diese Notlage. 

Allah der Allmächtige versichert dem Gläubigen liebevoll, wie es vom Heiligen ProphetenSAW berichtet wird:

Hadhrat Abu HurairaRA erzählt, dass der Heilige ProphetSAW sagte: »Allah der Allmächtige und Majestätische sagt: Alle Taten des Menschen sind für sich selbst, aber das Fasten ist für Mich, und Ich selbst werde es belohnen. Fasten ist ein Schutz. Wer fastet, soll alle Arten von eitler Rede und unhöfliche Laute vermeiden, und wenn jemand ihn beschimpft, oder einen Streit vorbereitet, dann sollte der Fastende sagen: Ich faste. Ich schwöre bei dem Schöpfer, welcher das Leben Muhammads besitzt, dass der Atem eines Fastenden in Allahs Sicht reiner und angenehmer ist als der Duft von Moschus. Ein Fastender hat zwei Freuden. Er freut sich erstens, wenn er das Fasten bricht und zweitens, wenn er Allah begegnen wird.«

Ṣaḥīḥu l-buḫārī 

Der Heilige Prophet MuhammadSAW legte eine perfekte Richtschnur zur Bekämpfung des Hungerproblems und Ungleichheit fest. Er forderte die Gesellschaft auf, sich zu vereinen und auf die Bedürfnisse aller einzugehen. Er würde niemanden mittellos zurücklassen. Es wird gesagt, dass der Heilige ProphetSAW der großzügigste aller Menschen war, aber während des Ramadan übertraf die Geschwindigkeit seiner Großzügigkeit einen schnellen Wind. In der Tat zeichnete ihn aus, dass jeder, dem er begegnete, wie von einer sanften Brise berührt war.

Der Fünfte Kalif der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, hat das Fasten und seine Vorteile sehr schön zusammengefasst:

»Wenn das Fasten auf taqwā [Rechtschaffenheit] basiert, so bildet es eine schöne Gesellschaft und schafft Bereitschaft, füreinander zu opfern. Man fühlt sich zu den Bedürfnissen seiner unterprivilegierten Brüder hingezogen. Das ist sehr wichtig, denn es war das gesegnete Vorbild des Heiligen ProphetenSAW, dass seine Almosengabe und Gebefreudigkeit während des Ramadan eine intensive Dynamik eines Starksturms annahmen. Dies führt dazu, die Sorgen der Gesellschaft zu lindern, und schafft bei Wohlhabenden Gefühle der Empathie für die weniger Glücklichen und entwickelt Gefühle der Liebe und Dankbarkeit in den Herzen unterprivilegierter Gläubiger für ihre wohlhabenden Brüder.«

Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, Freitagsansprache vom 12.07.2013

Neben dem gesellschaftlichen Nutzen bietet das Fasten aber auch viele gesundheitliche Vorteile. Es reaktiviert das Immunsystem, hilft dem Körper, gefährliche Chemikalien zu entgiften, und senkt den Blutdruck. Laut einer kürzlich von der Fachzeitschrift »Cell« veröffentlichten Studie regeneriert das Fasten eine diabetische Bauchspeicheldrüse und unterstützt dabei, den Teil der Organe wiederherzustellen, der nicht mehr funktioniert.2 Im Ganzen bietet das Fasten in vielerlei Hinsicht große Vorteile für Muslime.

Einer der entscheidenden Unterschiede zwischen islamischen Lehren und den von anderen Religionen liegt in den umfassenden Geboten des Islam für alle Gruppen der Gesellschaft in Bezug auf das Fasten. Insbesondere ermöglicht der Islam jenen, die nicht fasten können, an den Segnungen des Ramadan teilzuhaben. Gleichzeitig stellt er sicher, dass diejenigen, für die das Fasten schädlich sein könnte, sich nicht zum Fasten verpflichtet fühlen. Der allmächtige Gott befiehlt im Heiligen Qur’an:

»Das vorgeschriebene Fasten ist für eine bestimmte Anzahl von Tagen. Wer von euch aber krank oder auf Reisen ist, (der faste) an ebenso vielen anderen Tagen; und für jene, die es schwerlich bestehen würden, ist eine Ablösung: Speisung eines Armen. Und wer mit freiwilligem Gehorsam ein gutes Werk vollbringt, das ist noch besser für ihn. Und Fasten ist gut für euch, wenn ihr es begreift. 
Der Monat Ramadan ist der, in welchem der Qur’an herabgesandt ward: eine Weisung für die Menschheit mit deutlichen Beweisen der Führung und (göttliche) Zeichen. Wer also da ist von euch in diesem Monat, der möge ihn durchfasten. Wer aber krank oder auf Reisen ist, soll die gleiche Anzahl an anderen Tagen fasten. Allah wünscht euch erleichtert und wünscht euch nicht beschwert, und dass ihr die Zahl (der Tage) erfüllen und Allah preisen möchtet dafür, dass ER euch richtig geführt hat, und dass ihr dankbar sein möchtet.«

Der Heilige Qur’an, 2:184-186
Der Heilige Prophet MuhammadSAW verbrachte die meiste Zeit seiner Nacht im Gebet. Heute versuchen Muslime seinem Beispiel nachzueifern, indem sie auch mitten in der Nacht aufstehen, um tahaǧǧud [freiwilliges Gebet vor der Morgendämmerung] zu verrichten, bevor sie das Frühstück einnehmen.
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Allah weiß, dass es einige gibt, die nicht in der Lage sind zu fasten. Deshalb hat er es nicht vorgeschrieben, dass ein Reisender, eine kranke Person oder eine schwangere oder stillende Frau fasten. Solche Menschen holen entweder das Fasten nach, wenn sie wieder gesund sind, oder zahlen eine finanzielle Ablösung (fidya) für das Nicht-Fasten, wodurch Arme ernährt werden. Dies fördert die Empathie, die allen während der Fastenzeit vermittelt wird, während jedem ermöglicht wird, die Segnungen des Monats zu genießen.

Ramadan umfasst drei Zeitabschnitte, die sich auf drei Hauptphasen des Fortschritts für einen Gläubigen abzielen. Die ersten zehn Tage sind die der Suche nach Allahs Barmherzigkeit, die mittleren zehn Tage die der Suche nach Allahs Vergebung. Die letzten zehn Tage sind die der Suche nach Zuflucht bei Allah. Diese letzten zehn Tage sind geprägt von der Suche nach laīlatu l-qadr oder der »Nacht des Schicksals«, in der einem Gläubigen die Kraft der Gebete von tausend Monaten versprochen wird. Dem Heiligen ProphetenSAW zufolge ist sie in den ungeraden Nächten der letzten zehn Tage zu finden. Viele versuchen diese letzten zehn Tage in einem speziellen Ritual, dem Iʿtikāf zu verbringen, indem sie der Praxis des Heiligen ProphetenSAW folgen und sich in einem kleinen Bereich der Moschee für zehn Tage in Isolation und von der Außenwelt abgeschnitten ausschließlich für die Anbetung Gottes aufhalten. 

Im Großen und Ganzen ist das ultimative Ziel des Ramadan im folgenden Hadith des Heiligen ProphetenSAW zusammengefasst:

»Meine Diener können meine Nähe nur durch die Taten erlangen, die mir unter den Vorschriften am liebsten sind. Durch nawāfil [freiwilliges Gebet] erreicht Mein Diener Meine Nähe, bis Ich ihn liebe. Dann werde Ich sein Ohr, mit dem er hört und seine Augen, mit denen er sieht. Und seine Hand, mit der er schlägt und sein Fuß, auf dem er geht. Wenn er Mich um etwas bittet, dann gebe Ich ihm, um das er bittet. Wenn er bei Mir Zuflucht sucht, werde ich ihn behüten.«

Ṣaḥīḥu l-buḫārī

Die Sichtung des Neumonds markiert das Ende des Ramadan und bringt bittersüße Emotionen für einen Gläubigen. Er trauert um das Ende eines so gesegneten Monats und wünscht sich, eine solche wunderbare Zeit dauerhaft erleben zu können. Gleichzeitig ist er jedoch glücklich, eine spirituelle Reise vollendet zu haben, die von einer von Gott bestimmten Feierlichkeit, dem ʿĪdu l-fiṭr, gekennzeichnet ist, bei der alle zusammenkommen, um den Monat zu feiern und hoffen, dass die während des Ramadan unternommene spirituelle Reise als eine starke Grundlage für zukünftige Fortschritte dienen wird. 

Über den Autor: Serjeel Ahmad ist Absolvent der Jamia Ahmadiyya Kanada, der Hochschule für Theologen der Ahmadiyya Muslim Jamaat und dient derzeit als Imam.

Referenzen
1. Jalaluddin Rumi, ein ġazal aus dem Dīwān-e šams-e tabrīzī, übersetzt von Nevit Ergin
2. Cheng, Chia-Wei, Valentina Villani, Roberta Buono, Min Wei, Sanjeev Kumar, Omer H. Yilmaz, Pinchas Cohen, Julie B. Sneddon, Laura Perin und Valter D. Longo. »Fasting-Mimicking Diet Promotes Ngn3-Driven β-Cell Regeneration to Reverse Diabetes«, Cell 168,5 (2017)

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