Ramadan

Wie man aus medizinischer Perspektive in Zeiten von COVID-19 sicher fasten kann

Professor Amtul Razzaq Carmichael MD

In diesem Jahr fällt der heilige Monat Ramadan in eine Zeit, welche durch die von SARS-CoV-2 (schweres akutes respiratorisches Syndrom Coronavirus 2) verursachte Pandemie COVID-19 geprägt ist. Über 2 Milliarden Muslime können in diesem Monat von morgens bis abends fasten und in einigen Ländern können die Fastenzeiten zwischen 14 und 18 Stunden betragen. Wie sollten Muslime während dieser Jahrhundert-Pandemie das Fasten angehen, damit sie sicher und gesund bleiben?

Das Zentrum für evidenzbasierte Medizin in Oxford hat vor kurzem veröffentlicht, dass das Vorhandensein der aktuellen COVID-19-Pandemie keine Kontraindikation für das Fasten bei gesunden Menschen ist, die keine Symptome haben, die auf COVID-19 hindeuten, wie z.B. Muskelschmerzen, Fieber und Halsschmerzen.(1)

Es hat sich gezeigt, dass Fasten im religiösen und nicht religiösen Umfeld viele gesundheitliche Vorteile hat. Wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass eine Ernährung, die das Fasten nachahmt, einen potenziell positiven Einfluss auf das Risiko des Alterns, von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs haben kann, ohne dass es zu größeren Nebenwirkungen kommt.(2) Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, weltweites Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, machte in seiner Freitagsansprache am 24. April 2020 deutlich, dass es in der islamischen Lehre keine Unklarheiten gibt; von Kranken wird nicht erwartet, dass sie fasten und diejenigen, die während des Fastens krank werden, sind aufgefordert, das Fasten umgehend zu brechen.

Obwohl es keine direkten wissenschaftlichen Empfehlungen dazu gibt, wie die Praxis des Fastens während der COVID-19-Krise sicherer gemacht werden kann, gibt es neben der Einhaltung der nationalen Richtlinien der sozialen Distanzierung und der Vermeidung von Berührungen des Gesichts und der Augen einige wichtige Faktoren, die beim Fasten während der COVID-19-Zeit berücksichtigt werden sollten.

Gute Flüssigkeitsversorgung
Es wird geschätzt, dass ein durchschnittlicher Mensch während des Fastens von morgens bis abends durch den Verlust von Körperwasser 1% seiner Körpermasse verliert. Dies wird als ein geringer Verlust an Körperwasser betrachtet und hat keine merklich nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit.(3)

Während der COVID-19-Krise wird eine gute Flüssigkeitsversorgung während der fastenfreien Stunden empfohlen.(4) Die Flüssigkeitszufuhr mit Getränken, die einen hohen BHI (Beverage Hydration Index) aufweisen, ist eine wichtige Vorsichtsmaßnahme. Unter einem hohen BHI versteht man Getränke, die im Vergleich zu stillem Wasser mehr Flüssigkeit im Körper speichern, wenn sie in der gleichen Menge getrunken werden. Der BHI hängt vom Volumen, der Energiedichte, dem Elektrolytgehalt (spezielle Salze im Körper) und der Fähigkeit des Getränks ab, die Urinproduktion des Körpers zu steigern.(5) Im Vergleich zu stillem Wasser weisen kommerziell erhältliche orale Rehydratationslösungen (ORL) sowie Milch (Vollmilch oder Magermilch) einen hohen BHI auf. Daher könnte der Verzehr von Wasser und Milch in den fastenfreien Stunden eine praktische Möglichkeit sein, den Körper während des Ramadan-Monats mit Wasser zu versorgen. Die im Handel erhältlichen verarbeiteten zuckerhaltigen Getränke (Cola/Soda) und Kaffee liefern dem Körper weniger Flüssigkeit als Wasser und Fruchtsäfte wirken bei der Rehydratation des Körpers nicht besser als Wasser.

Da Personen unterschiedliche Flüssigkeitsbedürfnisse haben, ist die Beobachtung der Farbe des Urins während der Fastenzeit ein nützlicher Indikator für den Hydratationszustand.(6) Durch die Beobachtung der Farbe des Urins während der Fastenzeit kann der Getränkebedarf während des nicht fastenden Teils des Tages möglicherweise angepasst werden. Es ist wünschenswert, während des Fastens blassgelben Urin zu lassen. Es ist möglich, dass sich die Farbe des Urins zum Zeitpunkt des Sonnenuntergangs aufgrund einer leichten Dehydratation hellgelb verfärbt. Dies ist jedoch nicht gesundheitsschädlich, wenn in der fastenfreien Zeit ausreichend Flüssigkeit zu sich genommen wird. Andererseits ist das Ablassen von tief bernsteinfarbenem oder braunem Urin ein Zeichen für eine starke Dehydratation, die gesundheitsschädlich sein kann und eine Indikation ist, ärztlichen Rat einzuholen.  

Um eine ausreichende Flüssigkeitsversorgung aufrechtzuerhalten, ist es eine kluge Vorsichtsmaßnahme, sich während der fastenfreien Stunden des Ramadan reich an Obst und Gemüse wie Gurken, Spinat, Salat, Tomaten, Orangen, Melonen, Äpfel, Pfirsiche, Erdbeeren und Wassermelonen zu ernähren. Während Obst und Gemüse zur täglichen Flüssigkeitszufuhr beiträgt, um eine gute Flüssigkeitsversorgung vor Beginn des Fastens zu gewährleisten, werden ebenso Vitamine, Mineralien und Ballaststoffe wieder aufgefüllt.(7,8) Da salzige Nahrung zu Durst führen kann, ist es ratsam, während der COVID-19-Pandemie während der Fastenzeit die Aufnahme von salzigen Nahrungsmitteln zu begrenzen. Traditionelle Gerichte wie Pakora und Samosa sind schmackhaft, aber wenn sie in großen Mengen verzehrt werden, können diese gebratenen, salzigen Lebensmittel die Dehydratation verstärken.

Adäquate Ernährung und ein gesundes Immunsystem 
Durch adäquate Ernährung wird ein gesundes Immunsystem entwickelt und aufrechterhalten. Wenn während der aktuellen Pandemie gefastet wird, ist es wichtig, einen guten Nährstoffhaushalt mit einer angemessenen Zufuhr von Vitaminen und Mikronährstoffen, die für das Immunsystem vital sind, aufrechtzuerhalten. Eine Fülle mechanistischer und klinischer Daten zeigt, dass Vitamine, einschließlich der Vitamine A, B6, B12, C, D, E und Folsäure; Spurenelemente, einschließlich Zink, Eisen, Selen, Magnesium und Kupfer; und die Omega-3-Fettsäuren wichtige und komplementäre Rollen bei der Unterstützung des Immunsystems spielen. Eine ausgewogene Ernährung mit Fleisch, Fisch, Milch, Obst und Gemüse kann dazu beitragen, das Niveau dieser Vitalstoffe im Körper aufrechtzuerhalten.(9) Die tägliche Zufuhr von Vitamin D verringert nachweislich das Risiko von akuten Infektionen der Atemwege.(9)

Es gibt verschiedene Diäten, die intermittierendes Fasten einschließen und die weltweit von Millionen von Menschen erprobt wurden. Eine im Februar 2020 im New England Journal of Surgery veröffentlichte Übersicht über intermittierendes Fasten berichtete über viele gesundheitliche Vorteile des intermittierenden Fastens für viele Krankheitsbilder wie Fettleibigkeit, Diabetes Mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und neurologische Störungen.(10) Diese vorteilhaften Auswirkungen des intermittierenden Fastens betreffen das metabolische Umschalten und die zelluläre Stressresistenz. Eine kürzlich durchgeführte Überprüfung des Zusammenhangs zwischen intermittierendem Fasten und der Immunität im Ramadan ergab keine schädlichen Auswirkungen des Fastens auf die Gesundheit, die auf Dehydratation zurückgeführt werden können, aber die Überprüfung beinhaltete keine Studien mit COVID-19-Patienten.(11) Andererseits gibt es einige Hinweise darauf, dass die Fastenzeit das Immunsystem stärken kann. Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Experimenten zu fastenähnlichen Diäten deuten darauf hin, dass das Fasten das Knochenmark aktivieren kann, um gesunde Immunzellen bereitzustellen. Nach einer kurzen Zeit des Fastens werden geschädigte Immunzellen abgebaut und mit der erneuten Nahrungsaufnahme werden neue gesunde Immunzellen gebildet. Der menschliche Körper verfügt über hochentwickelte Reparatur- und Regenerationssysteme, die bei Personen, die kein anhaltendes Fasten praktizieren, inaktiv bleiben.(12)

Konsum von Tabak
Ein im April 2020 veröffentlichter vorläufiger Leitfaden zu sicheren Ramadan-Praktiken im Zusammenhang mit COVID-19 rät vom Tabakkonsum ab, insbesondere während des Ramadans und der COVID-19-Pandemie. Beim Rauchen von Zigaretten berühren die Finger (und möglicherweise kontaminierte Zigaretten) die Lippen, welches die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das Virus in die Atemwege gelangt. Gemeinsame Mundstücke und Schläuche können beim Rauchen von Tabak mit Wasserpfeifen die Übertragung des Virus erleichtern.(7) 

Geeignete Vorsichtsmaßnahmen zur Aufrechterhaltung eines guten Hydratations- und Ernährungsniveaus, um ein gesundes Immunsystems zu unterstützen, können eine sichere Fastenpraxis während des Ramadan ermöglichen. Der Verzicht auf Essen und Trinken von Sonnenaufgang bis -untergang während dieser Epidemie ist eine Frage des persönlichen Urteils auf der Grundlage gottesfürchtiger Rechtschaffenheit. In seiner Freitagsansprache riet Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, weltweites Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, » … jeder sollte abhängig von seiner eigenen Situation und Gesundheit eine Entscheidung treffen. Man sollte dabei seinen Gewissen fragen. Für das Fasten sollte man zu Allah beten, dass Er einem die Möglichkeit dazu gibt.« Es ist eine individuelle Entscheidung für einen Muslim, sein persönliches Risiko des Fastens während dieser Pandemie abzuschätzen und sich dafür zu entscheiden, »zu fasten oder nicht zu fasten«. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir für unsere Entscheidung vom allwissenden Gott, Der sich unserer wahren Absichten gänzlich bewusst ist, zur Rechenschaft gezogen werden. Möge Allah der Allmächtige der Pandemie ein schnelles Ende bereiten und der Welt Seine Gnade erweisen, Amin. 

Über die Autorin:
Professor Amtul Razzaq Carmichael MD, FRCS (Gen Surg), MBBS, ist eine Fachärztin. Sie qualifizierte sich 1987 mit einer Goldmedaille für akademische Exzellenz und absolvierte ihre chirurgische Ausbildung an renommierten Lehrkrankenhäusern in London, Edinburgh und Philadelphia. Sie ist Autorin zahlreicher Artikel für bedeutende wissenschaftliche Fachzeitschriften. Sie ist Senior-Mitglied des Redaktionsausschusses des Magazins The Review of Religions sowie Assistant Manager.


Referenzen:

 1.        Is it safe for patients with COVID-19 to fast in Ramadan? [Internet]. CEBM. [cited 2020 Apr 24]. Zugänglich via: https://www.cebm.net/covid-19/is-it-safe-for-patients-with-covid-19-to-fast-in-ramadan/

2.         Brandhorst S, Choi IY, Wei M, Cheng CW, Sedrakyan S, Navarrete G, et al. A Periodic Diet that Mimics Fasting Promotes Multi-System Regeneration, Enhanced Cognitive Performance, and Healthspan. Cell Metab. 2015 Jul 7;22(1):86–99. 

3.         Maughan RJ, Shirreffs SM. Hydration and performance during Ramadan. J Sports Sci. 2012;30 Suppl 1:S33-41. 

4.         Hosseini Zijoud SR, Jalali Farahani A. Ramadan coincides with the Covid-19 pandemic: What should be done? Disaster Med Public Health Prep. 2020 Apr 22;1–4. 

5.         Oliver S. Development of a hydration index: a randomized trial to assess the potential of different beverages to. Nutr Hosp. 2015 Dec 2;(2):7–7. 

6.         ACE – ProSourceTM: April 2016 – The Newest Index on the Block: The Hydration Index [Internet]. [cited 2020 Apr 25]. Zugänglich via: https://www.acefitness.org/education-and-resources/professional/prosource/april-2016/5855/the-newest-index-on-the-block-the-hydration-index/

7.         WHO-2019-nCoV-Ramadan-2020.1-eng.pdf [Internet]. [cited 2020 Apr 24]. Zugänglich via: https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/331767/WHO-2019-nCoV-Ramadan-2020.1-eng.pdf?sequence=1&isAllowed=y

8.         The top 20 most hydrating foods [Internet]. [cited 2020 Apr 25]. Zugänglich via: https://www.medicalnewstoday.com/articles/325958

9.         Calder PC, Carr AC, Gombart AF, Eggersdorfer M. Optimal Nutritional Status for a Well-Functioning Immune System Is an Important Factor to Protect against Viral Infections. Nutrients. 2020 Apr;12(4):1181. 

10.       de Cabo R, Mattson MP. Effects of Intermittent Fasting on Health, Aging, and Disease. Longo DL, editor. N Engl J Med. 2019 Dec 26;381(26):2541–51. 

11.       (PDF) Ramadan intermittent fasting and immunity: An important topic in the era of COVID-19 [Internet]. ResearchGate. [cited 2020 Apr 24]. Zugänglich via: https://www.researchgate.net/publication/340731759_Ramadan_intermittent_fasting_and_immunity_An_important_topic_in_the_era_of_COVID-19

12.       Choi IY, Lee C, Longo VD. Nutrition and fasting mimicking diets in the prevention and treatment of autoimmune diseases and immunosenescence. Mol Cell Endocrinol. 2017 Nov 5;455:4–12.

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