Islam Weltreligionen

Unterziehen religiöse Eltern ihre Kinder einer Gehirnwäsche?

von Umar Nasser, London, Großbritannien

Es ist eine Frage, die in den letzten Jahren zu oft angesprochen wurde, als dass man sie einfach außer Acht lassen könnte: Ist eine von religiösen Weltanschauungen geprägte Kindererziehung eine versteckte Form ideologischer Indoktrination? Viele lautstarke Atheisten argumentieren auf ebendiese Weise, wobei der Zoologe Richard Dawkins die führende Rolle einnimmt. Im vergangenen Jahr schrieb er in einem Artikel: „Es gibt einen enormen Unterschied ob man Kinder in harmlose traditionen teilnehmen lässt oder ihnen unbewiesene Sichtweisen auf das Leben oder den Kosmos aufzwingt.“ 1
In einem anderen Interview fügte er hinzu: „Kinder müssen stark beschützt werden, damit sie eine bodenständige Bildung erhalten und nicht in eine Religion, der ihre Eltern angehören, hineinindoktriniert werden.“ 2

Der Diskurs, der von einigen Atheisten geführt wird, beteuert, dass das Großziehen von Kindern mit religiösen Werten eine Form der Gehirnwäsche sei, die einen unzumutbaren Einfluss auf deren Zukunft ausübe. Ein fairer Ansatz sei, so wird behauptet, Kinder ohne irgenwelche religiöse Ansichten zu erziehen, was ihnen das Erreichen intellektueller Reife ermögliche. So könnten sie sich später selbstständig ihre Weltanschauung aussuchen.

Auf den ersten Blick scheint diese Position rational zu sein; doch die Stringenz dieser Argumentation ist fehlerhaft. Im Folgenden werden fünf Gründe dafür angeführt, warum Eltern das Recht haben, ihre Kinder religiös zu erziehen:

1. Wir alle erziehen unsere Kinder gemäß unseren jeweiligen Weltanschauungen – so auch Atheisten
Wenn wir die erwähnten Thesen Dawkins‘ untersuchen, so fällt die Scheinheiligkeit der Position auf. Sie beruht auf der Annahme, dass religiöse Menschen „unbewiesene Sichtweisen auf das Leben oder den Kosmos“ haben. Hört sich dies nicht selbst wie eine Meinung an? Ich glaube nicht, dass meine Vorstellungen unbewiesen sind. Doch niemand denkt, dass seine Ansichten unbewiesen wären. Wir können nicht alle richtig liegen, aber wir nehmen uns das Recht, davon auszugehen, dass unsere Meinung die richtige sei. Mit demselben Recht kann man also sagen, Atheismus sei eine unbewiesene Position, die dem spirituellen und moralischen Wohlbefinden der Kinder schade.

Wenn dem so ist, wie könnte ich bewusst meinen Liebsten und Nächsten die Möglichkeit verwehren, sich in ihrer Jugend spirituell zu entwickeln? Dieses Argument ruft meist eine sehr gereizte antireligiöse Antwort hervor: „Dein Glaube ist anders als meiner, und ich habe offensichtlich recht. Wie kannst du es dann wagen, deinen unverständigen Glauben deinen Kindern beizubringen?“

Doch wenn Dawkins seine Kinder in dem Glauben großzieht, dass nur natürliche Prozesse alle Phänomene erklären können, so habe ich dementsprechend auch das Recht, meine Kinder in dem Glauben zu erziehen, dass diese Erklärungen allein nicht ausreichen.

Als letztes Argument spricht Dawkins in seinen Schriften wiederholt von der Absurdität und Lächerlichkeit, die darin liege, Kinder etwa gemäß der politischen Tendenz ihrer Eltern als „Konservative“ oder „Sozialisten“ zu bezeichnen. Doch bedauerlicherweise hält auch dieses Argument nicht stand. Die logische Schlussfolgerung daraus wäre, dass es Eltern überhaupt verboten werden sollte, ihre politischen, ökonomischen oder sozialen Werte ihren Kindern mitzuteilen, aus der Angst heraus, Kinder würden die politischen Einstellungen ihrer Eltern nachahmen. Womöglich wäre Dawkins auch für eine massenhafte genetische Rekombination. Er möchte ja offenbar vermeiden, dass Eigenschaften der Eltern wahllos an die Nachkommen vererbt werden.

2. Eltern wünschen nur das Beste für ihre Kinder
Alle Eltern, ob sie nun religiös sein mögen oder nicht, treffen abertausende von Entscheidungen für ihre Kinder, die auf dem beruhen, was sie als das Beste für die Zukunft ihrer Nachkommen erachten. Wie viele Kinder jammern und weinen, wenn ihre Eltern sie in die Schule schicken, oder denken, das Wegziehen von ihren Freunden sei „das Schlimmste überhaupt“? Aber kann sich irgendjemand deshalb vorstellen, im Namen der Entscheidungsfreiheit allen Kindern derartige Entscheidungen selbst treffen zu lassen? Natürlich nicht, denn wir alle sehen ein, dass die elterliche Entscheidung im Hinblick auf die Zukunft der Kinder respektiert werden muss. Es gibt daher keinen Grund, weshalb das Recht, das auf die soziale und akademische Zukunft der Nachkommen angewandt wird, nicht auch auf die spirituelle Zukunft des Kindes ausgeweitet werden soll.

3. Der Islam hält die Glaubensfreiheit aufrecht
Selbstverständlich gibt es auch eine Grenze des Rechts der Eltern, über die Zukunft des Kindes zu bestimmen:
„Es gibt keinen Zwang im Glauben…“ 3  (Der Heilige Koran)

Die tiefgründige Bedeutung dieses Verses bedenkend, habe ich vor, meine Kinder mit jenen religiösen Vorstellungen zu erziehen, die ich für richtig erachte; sodass sie die spirituellen Vorteile kosten können, die ich erleben durfte und die zu entbehren ich mir nicht vorstellen kann.

Wenn sie jedoch die nötige intellektuelle Reife erreicht haben und mit diesen religiösen Vorstellungen nicht zufrieden sind, dann möge es so sein. Ich habe kein Recht, ihnen dann einen Glauben aufzuzwingen, weil ein aufgezwungener Glaube bedeutungslos ist.

Meine Verpflichtung, ihnen in der Jugend das beizubringen, was ich als das Beste erachte, bedeutet nicht, sie im Laufe ihres Heranwachsens ihrer Selbstständigkeit zu entziehen. So rief der Prophet Noahas seinen ungläubigen Sohn mit großem Kummer auf, in die Arche eizusteigen, aber er zwang ihn nicht dazu.4

4. Jenseits der Religion aufzuwachsen bedeutet, dass man keine sachkundige Entscheidungsfreiheit hat
Die Prämisse, auf der der Gedanke einer religionsfreien Erziehung aufbaut, ist, dass es für das Kind fairer sei, ohne Glauben aufzuwachsen, da ihm dies die Möglichkeit eröffne, sich im Erwachsenenalter eine Religion auszusuchen. Dies bedeutet jedoch, dass die meisten Menschen zu Atheisten werden, und das aus den „falschen“ Gründen. Religion mag eine sehr rationale Basis haben, viele ihrer Früchte hingegen sind nicht nur rein intellektuell, sondern auch erlebbar. Wenn man ohne das Erfahren spiritueller Zufriedenheit, der Erfüllung von Gebeten und einer Beziehung zu Gott aufwächst, wie kann man dann eine sachkundige Entscheidung über die Wahrheit einer Religion treffen? Eine wahrhaft sachkundige Entscheidung entspringt der Erfahrung. Wenn jemand sich um solche Erfahrungen bemüht hat und feststellt, dass die von der Spiritualität versprochenen Früchte nicht existieren, so ist er frei, den Glauben zu verlassen. Eine Ablehnung der Religion jedoch, ohne sich jemals wahrhaft bemüht zu haben, den Glauben zu kosten, ist absurd.

5. Wenn eine religiös geprägte Erziehung dauerhafte Indoktrination bedeuten würde, gäbe es keine Atheisten
Der wohl größte Beweis dafür, dass der gesamte Gedanke fehlerhaft ist, liegt in der Tatsache, dass die meisten führenden Befürworter des neuen Atheismus selbst in religiös geprägten Umgebungen geboren und aufgewachsen sind, bevor sie sich dazu entschlossen, die Religion aufzugeben. Letztendlich wissen wir, dass Religiosität im Westen abnimmt und der Atheismus zunimmt. Das wäre nicht möglich, wenn das Erziehen eines Kindes in religiösem Umfeld zwangsläufig einen unauslöschlichen religiösen Wesenszug in ihm festsetzen würde.

Wir sehen, dass diese Forderung kein legitimes Fundament hat. Gleichwohl ist es natürlich wahr, dass eine Minderheit von Eltern versucht, das kritische Denken in ihren Kindern zu unterdrücken, um so religiösen Ansätzen Platz zu geben. Ein solches Aufzwingen widerspricht jedoch den wahren Lehren der Propheten – die jedes Zeichen ihrer Wahrheit zeigten, aber dennoch die Freiheit des Gewissens viel höher bewerteten als alle anderen Freiheiten.

„Und sprich, es ist die Wahrheit von deinem Herren, worauf lasse den, der glauben will, glauben, und lasse den, der will, nicht glauben.“ 5 (Der Heilige Koran)

Dieser Artikel erschien das erste Mal in der Februar 2016 Ausgabe von The Review of Religions.
Übersetzung: Rastagar Munir

Referenzen
1. Richard Dawkins: „Don’t Force Your Religious Opinions On Your Children”, Foundation for Reason and Science, 19. Feb. 2015, http://richarddawkins.net/2015/02/dont-force-your-religious-opinions-on-your-children/.
2. Joe Humphreys, “Richard Dawkins: Children Need to be ‘Protected’ From Religion,”The Irish Times, 24 February 2015, http://www.irishtimes.com/news/education/richard-dawkins-children-need-to-be-protec-ted-from-religion-1.2116281.
3. Der Heilige Quran, Surah Al-Baqarah, V. 257.
4. Der Heilige Quran, Surah Al-Hud, V. 43.
5. Der Heilige Quran, Surah Al-Kahf, V. 30.

4 Kommentare

Klicken Sie hier, um einen Kommentar zu posten

  • Assalamo Aleikum,

    Ich finde,dass der Artikel in seinen Ansätzen gut ist. Vor allem die Einleitung ist so formuliert, dass auch ein tief Religiöser Mensch anfängt an religiöser Erziehung zu zweifeln. Die Argumente machen dann wiederum die These von Dawkins zu nichte. Ich hätte mir noch wissenschaftliche Fakten, Studien etc. gewünscht, auf die sich Dawkins&co stützen und der Text an sich hätte einfacher formuliert werden können.

  • Aslamo Alaikum,

    Ich fand der Text sehr gut. Ich kann nur von mir persönlich berichten, dass ich in diesem Bereich komplett uninformiert war und dass mich die Thesen von Dawkins zunächst tief beeindruckt haben. Die Gegenargumente waren noch besser. Jetzt denke ich bin ich ein bisschen schlauer auf dem Gebiet. Möge Allah mir ermöglichen auch meine Kinder nach bester islamischer Lehre zu erziehen.

    Jazakumullah

  • Im Namen Allahs,des Gnädigen, des immer Barmherzigen!

    Assalam-o-aleikum w.w. ,

    Ich finde der Text ist sehr gut verfasst worden. Die Argumente sind gut erklärt und leicht nachvollziehbar. Es wurde nicht viel um den heißen Brei geredet. Jedoch würde ich mir wünschen, dass einige Fakten mit Studien oder Diagrammen verstärkt werden.

    Außerdem ist die Überschrift sehr gut gewählt, denn es regt den Leser an, den Artikel zu lesen. Jedoch macht der erste Satz diese Spannung bzw. Neugier kaputt, da es ein neutraler Satz ist. Dieser weckt die Neugier des Lesers nicht. Dafür ist aber die darauffolgende Frage umso besser, da sie die Neugier des Lesers weckt und ihn fesselt. Somit könnte man den ersten Satz komplett weglassen.

    Jazakumullah

  • Im Namen Allah’s des Gnädigen des immer Barmherzigen

    Der Artikel ist in seiner Grundstruktur sehr durchdacht gegliedert worden.
    Der Autor hat viel Wert auf einen interessanten Einstieg gelegt.
    Man hätte einige Sätze kürzer fassen können; so wäre es nicht nötig gewesen den gleichen Satz mehrmalig zu lesen, um diesen dann auch zu verstehen.
    Teilweise waren Sätze mit bis zu fünf Kommas vorhanden.
    Hier hätte man zwei oder drei Sätze verwenden können.
    Es haben auch Studien und Statistiken gefehlt, die die logische Argumentation untermauert hätten. Die Argumente von Dr. Dawkins vorher zu präsentieren und dann im Nachhinein diese einzeln argumentativ auseinander zu nehmen war sehr effektiv.

    Jazakallah