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Unterziehen religiöse Eltern ihre Kinder einer Gehirnwäsche?

Es ist eine Frage, welche in den letzten Jahren zu oft angesprochen wurde, als dass man sie komplett außer Acht lassen kann: Ist das Aufziehen von Kindern mit religiösen Weltanschauungen eine versteckte Form von ideologischer Indoktrination? Viele lautstarke Atheisten argumentieren auf eben diese Weise, wobei der Zoologe Richard Dawkins die führende Rolle einnimmt. Letztes Jahr schrieb er in einem Artikel: „Es gibt einen enormen Unterschied ob man Kinder in harmlose traditionen teilnehmen lässt oder ihnen unbewiesene Sichtweisen auf das Leben oder den Kosmos aufzwingt.“ In einem anderen Interview fügte er hinzu:
„Kinder müssen stark beschützt werden, sodass sie eine bodenständige Bildung erhalten und nicht in eine Religion, welcher ihre Eltern zu zugehören scheinen, indoktriniert werden.“
Der gesamte Diskurs, welcher von einige Atheisten geführt wird, beteuert, dass Aufziehen von Kindern mit religiösen Werten sei eine Form von Gehirnwäsche, welche einen unzumutbaren Einfluss auf ihre Zukunft ausübt. Ein fairer Ansatz sei, so wird behauptet, Kinder ohne irgenwelche religiöse Ansichten zu erziehen, was ihnen das Erreichen intellektueller Reife ermögliche. So könnten sie sich dann selbstständig ihre Weltanschauung aussuchen.

Auf den ersten Blick scheint diese Position rational zu sein; doch die Stringenz dieser Argumentation ist hingegen fehlerhaft. Im folgenden werden fünf Gründe angeführt, wieso Eltern das Recht haben, ihre Kinder religiös zu erziehen.

1.Wir alle erziehen unsere Kinder gemäß unseren jeweiligen Weltanschauungen – so auch Atheisten
Wenn wir die zuvor erwähnten Thesen Dawinks untersuchen, so fällt die Scheinheiligkeit der Position auf. Sie beruht auf die Annahme, dass religiöse Menschen „unbewiesene Sichtweisen auf das Leben oder den Kosmos“ haben. Hört sich dies nicht selbst wie eine Meinung an? Ich glaube nicht, dass meine Vorstellungen unbewiesen sind; Und niemand denkt, dass seine Ansichten unbewiesen wären. Wir können nicht alle richtig liegen, aber wir nehmen uns das Recht davon auszugehen, dass wir korrekt lägen. Wer sagt, dass ich nicht der Meinung bin Atheismus sei eine unbewiesene Position, welche dem spirituellen und moralischen Wohlbefinden meiner Kinder schadet?

Wenn dem so ist, wie könnte ich bewußt meinen Liebsten und Nächsten die Möglichckeit verwehren sich in ihrer Jugend spirituell zu entwickeln? Das Argument ruft meistens eine sehr gereizte antireligiöse Antwort: ´dein Glaub ist anders als meiner, und ich habe offensichtlich recht. Wie kannst du es dann wagen, deinen unverständigen Glauben deinen Kindern beizubringen.`

Wenn Dawkins also seine Kinder mit dem Glauben aufzieht, dass nur natürliche Prozesse alle Phänomene erklären können und auch wirklich erklären, so habe ich dementsprechend auch das Recht, meine Kinder mit dem Glauben zu erziehen, dass sie es nicht alleine erklären können.

Als letztes Argument zieht Dawkins in seinen Schriften wiederholt den Vergleich von der Absurdität und Lächerlichkeit Kinder gemäß z.B. politischer Tendenz ihrer Eltern, als „Konservative“ oder „Sozialisten“ zu bezeichnen. Doch bedauerlicherweise hält dieses Argument nicht stand. Die logische Schulfolgerug dieses Arguments wäre, dass es Eltern überhaupt verboten werden sollte ihre politischen, ökonomischen oder sozialen Werte ihren Kindern mitzuteilen, aus der Angst, Kinder würden die politischen Einstellungen ihrer Eltern nachahmen. Womöglich wäre Dawkins auch für eine massenhafte, genetische Rekombination. Man möchte ja vermeiden, dass genetische Eigenschaften der Eltern wahllos an die Nachkommen vererbt werden.

2. Eltern wünschen nur das Beste für ihre Kinder
Alle Eltern, ob sie nun religiös sein mögen oder nicht, treffen abertausende von Entscheidungen für ihre Kinder beruhend darauf, was sie als das Beste für die Zukunft ihrer Nachkommen erachten. Wie viele Kinder haben gejammert und geweint als ihre Eltern sie in die Schule schickten, oder dachten, das Wegziehen von ihren Freunden sei „das Schlimmste überhaupt“? Und kann sich irgendjemand dennoch vorstellen, im Namen der Entscheidungsfreiheit allen solchen Kindern selbst entscheiden zu lassen? Natürlich nicht, denn wir alle sehen ein, dass die elterliche Entscheidung im Hinblick auf die Zukunft der Kinder respektiert werden muss. Es gibt daher keinen Grund, weshalb dieses Recht, welches auf die soziale und akademische Zukunft angewandt wird, nicht auch auf die spirituelle Zukunft des Kindes ausgeweitet werden soll.

3. Der Islam hält die Glaubensfreiheit aufrecht

Selbstverständlich gibt es auch eine Grenze des Rechts der Eltern, über die Zukunft des Kindes zu bestimmen:

„Es gibt keinen Zwang im Glauben…“
Der Heilige Koran 2:257

Die tiefgründige Bedeutung des Verses bedenkend habe ich vor, meine Kinder mit jenen religiösen Vorstellungen zu erziehen, welche ich für richtig erachte; sodass sie die spirituellen Vorteile kosten können, welche ich erleben durfte, und von welchen sie zu entziehen ich mir nicht erträumen kann.

Wenn sie jedoch die intellektuelle Reife erreicht haben und sich mit den religiösen Vorstellungen nicht zufrieden fühlen, dann möge es so sein. Ich habe kein Recht ihnen dann einen Glauben aufzuzwingen, nicht zuletzt weil ein aufgezwungener Glaube bedeutungslos ist.

Meine Verpflichtung, ihnen in der Jugend das beizubringen, was ich als das Beste erachte, bedeutet nicht im Laufe ihres Heranwachsens sie ihrer Selbstständigkeit zu entziehen. So rief der Prophet NoahAS seinen ungläubigen Sohn mit großem Kummer auf, in die Arche einzutreten, aber er zwang ihn nicht einzusteigen.

4. Jenseits der Religion aufzuwachsen bedeutet, dass man nicht eine sachkundige Entscheidungsfreiheit hat
Die Prämisse, auf welcher der Gedanke aufbaut, sagt aus, dass es für das Kind fairer sei ohne Glauben aufzuwachsen, da es ihm eine Möglichkeit eröffne, sich im Erwachsenenalter eine Religion auszusuchen. Dies bedeutet jedoch, dass die meisten Menschen zu Atheisten werden und das aus „falschen“ Gründen. Religion mag eine sehr rationale Basis haben, viele ihrer Früchte hingegen sind nicht nur rein intellektuell, sondern auch erlebbar. Wenn man ohne das Erfahren von spiritueller Zufriedenheit, der Erfüllung von Gebeten und einer Beziehung zu Gott aufwächst, wie kann man dann eine sachkundige Entscheidung über die Wahrheit einer Religion treffen? Eine wahrhaft sachkundige Entscheidung entspringt der Erfahrung. Wenn jemand nach solcher Mühe feststellt, dass die von der Spiritualität versprochenen Früchte nicht einmal existieren, so ist jeder frei den Glauben zu verlassen. Jedoch eine Ablehnung der Religion, ohne jemals sich wahrhaft bemüht zu haben ihre Vorteile zu erleben, ist bedeutungslos.

5. Wenn ein religiös geprägtes Erziehen dauerhafte Indoktrination bedeutet, gäbe es keine Atheisten

Der wohl größte Beweis dafür, dass dieser gesamte Gedanke fehlerhaft ist, liegt in der Tatsache, dass die meisten führenden Befürworter des Neuen Atheismus selbst in religiös geprägten Umgebungen geboren und aufgewachsen sind, bevor sie sich dazu entschlossen, die Religion aufzugeben. Letztendlich wissen wir, das Religiosität im Westen abnimmt, wobei der Atheismus steigt. Das würde nicht möglich sein, wenn das Erziehen eines Kindes im religiösem Umfeld zwangsläufig einen unauslöslichen, religiösen Wesenszug in ihm festsetzt.

Wir sehen, dass dieses Forderung kein legitimes Fundament hat. Nichtsdestotrotz ist es natürlich wahr, dass eine Minderheit von Eltern versucht, das kritische Denken in ihren Kindern zu unterdrücken, um so religiöse Ansätze Platz zu geben . Solches Aufzwingen ist allerdings ein Anathema in Bezug auf die wahren Lehren der Propheten – welche jedes Zeichen ihrer Wahrheit zeigten, dennoch die Freiheit des Gewissens viel höher bewerten als alle anderen Freiheiten.

„Und sprich, es ist die Wahrheit von deinem Herren, worauf lasse den, der glauben will, glauben, und lasse den, der will, nicht glauben.“
Der Heilige Koran 2:257

Dieser Artikel erschien das erste Mal in der Februar 2016 Ausgabe von The Review of Religions.
Übersetzung: Rastagar Munir

4 Kommentare

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  • Assalamo Aleikum,

    Ich finde,dass der Artikel in seinen Ansätzen gut ist. Vor allem die Einleitung ist so formuliert, dass auch ein tief Religiöser Mensch anfängt an religiöser Erziehung zu zweifeln. Die Argumente machen dann wiederum die These von Dawkins zu nichte. Ich hätte mir noch wissenschaftliche Fakten, Studien etc. gewünscht, auf die sich Dawkins&co stützen und der Text an sich hätte einfacher formuliert werden können.

  • Aslamo Alaikum,

    Ich fand der Text sehr gut. Ich kann nur von mir persönlich berichten, dass ich in diesem Bereich komplett uninformiert war und dass mich die Thesen von Dawkins zunächst tief beeindruckt haben. Die Gegenargumente waren noch besser. Jetzt denke ich bin ich ein bisschen schlauer auf dem Gebiet. Möge Allah mir ermöglichen auch meine Kinder nach bester islamischer Lehre zu erziehen.

    Jazakumullah

  • Im Namen Allahs,des Gnädigen, des immer Barmherzigen!

    Assalam-o-aleikum w.w. ,

    Ich finde der Text ist sehr gut verfasst worden. Die Argumente sind gut erklärt und leicht nachvollziehbar. Es wurde nicht viel um den heißen Brei geredet. Jedoch würde ich mir wünschen, dass einige Fakten mit Studien oder Diagrammen verstärkt werden.

    Außerdem ist die Überschrift sehr gut gewählt, denn es regt den Leser an, den Artikel zu lesen. Jedoch macht der erste Satz diese Spannung bzw. Neugier kaputt, da es ein neutraler Satz ist. Dieser weckt die Neugier des Lesers nicht. Dafür ist aber die darauffolgende Frage umso besser, da sie die Neugier des Lesers weckt und ihn fesselt. Somit könnte man den ersten Satz komplett weglassen.

    Jazakumullah

  • Im Namen Allah’s des Gnädigen des immer Barmherzigen

    Der Artikel ist in seiner Grundstruktur sehr durchdacht gegliedert worden.
    Der Autor hat viel Wert auf einen interessanten Einstieg gelegt.
    Man hätte einige Sätze kürzer fassen können; so wäre es nicht nötig gewesen den gleichen Satz mehrmalig zu lesen, um diesen dann auch zu verstehen.
    Teilweise waren Sätze mit bis zu fünf Kommas vorhanden.
    Hier hätte man zwei oder drei Sätze verwenden können.
    Es haben auch Studien und Statistiken gefehlt, die die logische Argumentation untermauert hätten. Die Argumente von Dr. Dawkins vorher zu präsentieren und dann im Nachhinein diese einzeln argumentativ auseinander zu nehmen war sehr effektiv.

    Jazakallah