Geschichtliches

Islamische Wesenszüge in der Deutschen Geschichte (Teil 1)

Der Stauferkaiser Friedrich II. (1194–1250)
Gemälde von Giovanni Villani aus dem 14. Jahrhundert. Dargestellt sind Friedrich II. und Sultan al-Kamil während ihres diplomatischen Beschlusses, Jerusalem gemeinsam und ohne Blutvergießen zu verwalten.

von Uroosa Ahmed

Wenn wir uns die Träume, Visionen und Vorhersagen der Kalifen der Ahmadiyya Muslim Jamaat bezüglich der Zukunft des Islam in Deutschland vergegenwärtigen, mag der eine oder andere in Staunen und Verwunderung versetzt werden. So soll das deutsche Volk vor allen anderen Nationen die wahren Lehren des Islam annehmen und weiterverbreiten. Aus gegenwärtiger Situation mag dies unvorstellbar klingen. Doch ist es das wirklich? Sind nicht schon über die vergangenen Jahrhunderte hin deutsche Persönlichkeiten aufgetreten, die sich intensiv mit dem Islam befassten und davon beeindruckt waren? Bekannt ist bereits von einigen deutschen Dichtern und Philosophen, dass sie nach dem Studium der islamischen Lehren von ihnen durchdrungen wurden. Aber auch unter deutschen Königen und Kaisern zeigte sich eine ähnliche Anziehung.

Ein besonderer Blick richtet sich in diesem ersten Teil auf Friedrich II. (1194–1250), den deutschen Kaiser der Staufer-Dynastie. Der schillernde Herrscher des »Heiligen Römischen Reiches« war bisher wenig bis kaum Gegenstand des klassischen Geschichtsunterrichts, obwohl seine Person eine ganz eigenwillige bis mysteriöse ist. 

Friedrich II. hatte von klein auf viel Kontakt zu Menschen aus arabischsprachigen Ländern gehabt. In seiner Kindheit wurde er als Waise in wechselnder Obhut auch von muslimischen Persönlichkeiten erzogen.[1] 1061 hatte sein normannischer Großvater, König Roger II. (1095–1154), das Königreich Sizilien nach rund zweihundert Jahren sarazenischer (arabisch-muslimischer) Herrschaft erobern können. Auf das muslimische Alltagsleben dort hatte dies jedoch keine gravierenden Auswirkungen gehabt, vielmehr wurden muslimische Gepflogenheiten in Verwaltung und anderen Einrichtungen sowie die islamische Gesellschaftsordnung im Allgemeinen beibehalten. 

So war der junge Friedrich umgeben von muslimischen Gelehrten, Lehrern und Wissenschaftlern. Diese unterrichteten ihn auch, sodass Friedrich II. neben den althergebrachten Sprachen wie Deutsch, Latein, Italienisch auch die arabische Sprache bestens beherrschte. Die religiöse Toleranz unter Roger II. und seinen Nachfolgern Wilhelm I. (1120–1166) und Wilhelm II. (1153–1189) endete nach deren Tod. Dies führte zu Pogromen gegen die muslimische Bevölkerung und blutigen Ausschreitungen.

Für den 1220 neu gekrönten Kaiser Friedrich II. war es eine Herausforderung, die Lage wieder zu normalisieren. Die muslimischen Aufständischen wurden unter ihm nicht etwa – wie damals üblich – der Sklaverei überführt oder totgeschlagen, sondern auf milde Art in die verlassene römische Stadt Lucera umgesiedelt. Friedrich II. sorgte dabei persönlich für den Erhalt und das Wohlergehen seiner muslimischen Bürger. Er gewährte ihnen seinen kaiserlichen Schutz, teilte ihnen Land zu, half beim Wirtschaftsaufbau und gewährleistete ihre Autonomie. Die Muslime durften in Lucera also ihre eigenen Gesetze aufstellen. Sie durften ihre Moscheen bauen und ihren Glauben mit all seinen Ritualen frei in der Stadt ausüben.[2]

Die neue Stadt Lucera mit ihren muslimischen Einwohnern wurde daraufhin zum bevorzugten Aufenthaltsort von Friedrich II. Bald verlegte der Stauferkaiser seinen ganzen Staatsschatz dorthin und somit in die Obhut der Muslime. Er war nun umgeben von seinen muslimischen Untertanen. Ein arabischer Chronist hält fest: »In seinem Lager ruft der Muezzin jeden Tag zum Gebet.«[3]

Die muslimischen Soldaten und Bogenschützen aus der Stadt bildeten die Eliteeinheit des kaiserlichen Heeres und halfen Friedrich II., Schlachten bei kriegerischen Auseinandersetzungen zu gewinnen. Viele seiner Sekretäre, Ratgeber und Vertrauten in der Residenzstadt waren Muslime. Kaiser Friedrich II. gründete ein Kollegium und lud muslimische Gelehrte wie Mathematiker, Astronomen und Astrologen zu sich ein. Schnell wurden enge Freundschaften geschlossen. Der Kaiser beschäftigte sich mit wissenschaftlichen Fragen, diskutierte mit den muslimischen Gelehrten und studierte ihre Werke. So scherte sich Friedrich II. nicht um die damals von Päpsten und Klerikern vertretene Haltung, Annäherung an die Wissenschaft sei Teufelswerk und Gotteslästerung. 

Nicht nur mit Gelehrten in Lucera, sondern auch mit Emiren und Sultanen der Länder des Mittelmeerraumes hielt Friedrich II. engen freundschaftlichen Kontakt. So ersichtlich in einem Briefwechsel mit dem ägyptischen Emir Fakhr ad-Din Ibn Shaykh (1211–1250); einen der Briefe begann der deutsche Kaiser sogar mit der koranischen Eingangsformel bismillah. Darin äußerte sich der Kaiser wertschätzend über das islamische Kalifat und stellte dieses in gleichwertiger Parallele zum christlichen Papsttum.[4]

Friedrich II. kritisierte Kirchenvertreter und auch den Papst für manch ihrer falschen und korrupten Machenschaften, die er zu seinen Lebzeiten immer häufiger wahrnehmen musste. Heutige Historiker bezeugen unmissverständlich, dass Friedrich II. dem Christentum mit der Zeit immer kritischer gegenüberstand.[5] 

Für wichtige Diskussionen und Sinnfragen zog der deutsche Kaiser lieber muslimische statt christliche Gelehrte heran, wobei er viel Aufwand auf sich nahm. Bei den sogenannten »sizilianischen Fragen« verfasste er zahlreiche Fragebündel und verschickte sie an islamische Gelehrte anderer Länder. In einem schriftlichen Austausch mit einem maghrebinischen Sufi wollte der wissbegierige Kaiser Themen angehen, die im islamischen Raum geläufig, im christlichen Europa hingegen verboten waren. Was lehrte Aristoteles? Ist die Seele wirklich unsterblich? Und die Welt wirklich unendlich? Auch folgende Frage stellte er, in der Hoffnung, Aufklärung zu bekommen: »Wie sind die Worte des Muhammad ›Das Herz der Gläubigen liegt zwischen beiden Fingern des Barmherzigen‹ zu erklären?.« 

Der deutsche Kaiser Friedrich II. beschäftigte sich also hochinteressiert mit den Lehren des Islam. Er rezipierte bekannte und weniger bekannte Aussagen des Propheten Muhammad (SAW) (Ahadith) und sann über ihre theologische Bedeutung nach. Darüber hinaus lässt sich mit Sicherheit sagen, dass der Kaiser selbst den kompletten Heiligen Qur’an in seiner originalen Fassung gelesen hatte.[6]

Indes geriet Friedrich II. immer mehr ins Visier des Vatikans. Ein christlicher Zeitzeuge berichtet, dass »der Papst und alle anderen Christen […] große Besorgnis und großen Verdacht haben, dass er zum Glauben Mohammeds übertreten wolle«.  

Den Kreuzzug, den Friedrich II. aufgrund päpstlichen Befehls und Drucks unternehmen musste, hatte er mehrere Male hinausgezögert. Als er 1228 letztendlich mit seiner Armee aufbrechen musste, waren viele seiner Soldaten, die den Kern der Truppe ausmachten, die ihm treu ergebenen Sarazenen. Friedrichs Kreuzzug war daraufhin der einzige der Geschichte, der ohne Blutvergießen und Gemetzel verlief. Der Patriarch Jerusalems berichtete, dass »nicht einmal zehn tote oder gefangene Sarazenen« zu sehen waren. 

Durch diplomatisches Geschick gelang es dem deutschen Kaiser, mit Sultan al-Kamil (1177–1238), zu dem er ein besonders enges Verhältnis pflegte, Friedensverhandlungen herbeizuführen. Jerusalem und umliegende Gebiete wurden untereinander aufgeteilt, sodass die Christen ihre Wallfahrtsorte bekamen, während die Muslime ihre für sie heiligen Bezirke behalten konnten.

Während seines Aufenthalts in Jerusalem verteidigte Kaiser Friedrich II. mit ausgesprochenem Elan die Muslime vor christlichem Übergriffen. Er genoss seinen Aufenthalt in Jerusalem sehr. Dies wurde unter anderem dann klar, als der Kadi von Jerusalem den Muezzin anwies, aus Respekt vor dem hohen Gast in der Nacht den Gebetsruf (Adhan) auszusetzen. Verärgert gab Friedrich II. zurück: »Ich habe vor allem in Jerusalem übernachtet, um dem Gebetsruf der Muslime und ihrem Lobe Gottes in der Nacht zu lauschen.« Folglich wurde der Adhan in der Stille der Nacht wieder aufgenommen. 

Muslime waren auch Bestandteil der Leibgarde und des Reisezuges von Friedrich II., als er sich 1235 in die deutschen Lande seines Reiches aufmachte. Mit viel Pracht und Ausdruckskraft zog er mit seiner exotischen Karawane durch deutsche Städte wie Mainz, Regensburg, Augsburg, Ulm oder Marburg, wobei er wie ein orientalischer Herrscher gewirkt haben muss.

Dass Friedrich II. sich nach außen hin stets als Christ zeigte, ist unbestreitbar. Dies war schließlich als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches anders auch nicht möglich. Allein schon wegen seines Amtes war Friedrich II. automatisch an den Katholizismus gebunden, welcher die geistige Grundlage im Reich bildete. Als Herrscher über drei Reiche das Christsein öffentlich zu negieren oder auch nur anzuzweifeln, hätte zwangsläufig nicht nur Auswirkungen auf sein Kaisertum, sondern auch auf den Herrschaftsanspruch der ganzen Staufer-Dynastie gehabt. Wohl hätte der Kaiser mit Leib und Leben dafür Kosten tragen müssen. Dass des Kaisers private Ansichten andere gewesen sein könnten, steht hingegen ebenso außer Zweifel. 

Es ist historisch belegt, dass der deutsche Kaiser Friedrich II. vor allem in der späteren, zweiten Hälfte seines Lebens sich immer mehr vom Christentum ab- und dem Islam zuwandte.[7] Er sehnte sich danach, »wie schön [es] wäre […], einen muslimischen Staat zu regieren, ohne Päpste, ohne Priester«.[8]

Heute beschäftigt die religiöse Zugehörigkeit des deutschen Kaisers zunehmend Historiker und Gelehrte, nachdem dies bereits zu seinen Lebzeiten Gegenstand einiger Spekulationen und scheinbarer Widersprüchlichkeiten war. Während manche christliche Zeitzeugen aussagten, er habe keinen Glauben an Gott gehabt, berichten arabische Chronisten: »Man sagt, dass der Kaiser insgeheim ein Muslim war.«[9]

Als im Jahr 1250 Kaiser Friedrich II. unerwartet starb, begleiteten die Sarazenenwachen den Leichenzug und beweinten den Tod ihres deutschen Kaisers. 1781 wurde sein Grab im Dom von Palermo geöffnet. Man fand den Kaiser gekleidet in Stiefeln, einer Dalmatika und einem mit kaiserlichen Adlern bestickten Mantel – dazu ein sarazenisches Schwert und ein leinenes Untergewand mit einer arabischen Inschrift: »Das ist ein Geschenk für den Sultan.«
Die Kaiserkrone mit dem Reichsapfel war ebenfalls beigesetzt worden, das dazugehörige Kreuz jedoch entfernt worden. Es war wohl die sarazenische Leibgarde, die den toten Kaiser umgezogen hatte, während er am Totenbett noch in schlichter christlicher Mönchskutte bekleidet gewesen war. Ob die Muslime hier für oder gegen den Willen Friedrichs II. gehandelt haben, bleibt ein Geheimnis.

Über die Autorin: Uroosa Ahmed M.A. hat Ethnologie und Religionswissenschaft an der Goethe- Universität Frankfurt studiert. Sie ist Teil des Redaktionssauschusses der Revue der Religionen.

_______________________

[1] Gabrieli, Francesco: „Friedrich II. und die Kultur des Islam“. In: Stupor Mundi. Zur Geschichte Friedrich II. von
Hohenstaufen, 1982
[2] Goldmann, Gerhard: „Deutscher Kaiser und Muslim? Über die Beziehungen Friedrich II. von Hohenstaufen
zum Islam“, 2006
[3] Eberhard, Horst: „Der Sultan von Lucera. Friedrich II. und der Islam“, 1997
[4] Gabrieli, Francesco: „Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht“, 1976
[5] Abulafia, David: „Herrscher zwischen den Kulturen. Friedrich II. von Hohenstaufen“, 1991
[6] Heinisch, Klaus J.: „Kaiser Friedrich II. in Briefen und Berichten seiner Zeit“, 1978
[7] Masson, Georgina: „Friedrich II. von Hohenstaufen. Eine Biographie“, 1991
[8] Ebrecht, Angelika: „Castel del Monte. Krone und Kerker der Kaisermacht“. In: Apulien. Eine Reise durch das
Land der Staufer, 1991
[9] Crespi, Gabriele: „Die Araber in Europa“, 1992

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