Das Kalifat

Das Kalifat – die Lebensader der Ummah

»Wenn ihr aber schweigt oder bei der Wahl die Kriterien, die jemanden für das Kalifat qualifizieren, völlig außer Acht lasst, wenn ihr zum Beispiel jemanden wählt, der nicht würdig ist, Kalif zu sein, dann werdet ihr diesen Segen Gottes verlieren.«

(Diese Rede wurde am 25. Oktober 1953 in Rabwah, Pakistan, von Seiner Heiligkeit, Hazrat Mirza Bashiruddin Mahmud Ahmad (ra), auf der jährlichen Versammlung der Ahmadiyya Jugendorganisation Majlis Khuddamul Ahmadiyya gehalten. Die Zeitschrift der Religionen übernimmt die Verantwortung für eventuelle Übersetzungsfehler.)

Nach dem Rezitieren der Tashahhud, Ta’awwuz und Surah Al-Fatihah sagte Seine Heiligkeit:

»Gestern habe ich zwar nur kurz gesprochen, aber als ich zuhause ankam, fühlte ich mich unwohl und hatte den ganzen Tag über Fieber. Auch heute habe ich Halsschmerzen, ständigen Husten, Fieber und körperliche Schmerzen, weshalb ich wohl nicht einmal so viel sprechen kann wie gestern. Da dies jedoch die Abschlusssitzung der jährlichen Versammlung der Majlis Khuddamul Ahmadiyya ist, habe ich beschlossen, für kurze Zeit hierher zu kommen. Nachdem ich ein paar Minuten gesprochen habe, werde ich gehen, und das restliche Programm kann wie geplant fortgesetzt werden.

Auf der ganzen Welt werden Menschen geboren und sie sterben; es gibt keinen einzigen Menschen, der ewig leben kann. Aber wenn Völker ewig leben wollen, dann können sie es schaffen. Genau diese Hoffnung wollte Jesus, Friede sei mit ihm, mit seinen Worten wecken:

»Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Helfer geben, der für immer bei euch sein wird.«1

Mit dieser Aussage wollte Jesus, Friede sei mit ihm, die Menschen an die Tatsache erinnern, dass, da der Tod für jeden Einzelnen bestimmt ist, auch er eines Tages von ihnen gehen wird, aber wenn sie ewig leben wollten, könnten sie es schaffen. Ein Einzelner kann nicht ewig leben, aber die Völker können es, wenn sie es wollen. Und wenn sie nicht am Leben bleiben möchten, sterben sie auch aus.

Der Verheißene Messias (as) hat auch auf diesen Punkt angespielt, als er sagte:

»… denn es ist notwendig für euch, dass ihr auch die zweite Manifestation der göttlichen Macht miterlebt. Ihre Ankunft gereicht euch zum Vorteil, denn sie ist ewig und ihre Kette wird bis zum Jüngsten Tag nicht unterbrechen. und diese andere Manifestation kann nicht kommen, ehe ich gehe. Nachdem ich aber gegangen bin, wird Gott diese zweite Manifestation zu euch schicken, die euch immer geleiten soll, …«2

In diesem Auszug bedeutet das Wort immer, dass ihr alle (als Gemeinschaft) am Leben bleiben könnt, so lange ihr es selbst wollt. Doch selbst wenn alle kollektiv wünschten, dass der Verheißene Messias (as) weiterlebt, würde dies nicht geschehen. Wenn ihr allerdings wünscht, dass die Zweite Manifestation der göttlichen Macht unter euch weiterlebt, dann ist das möglich.

Die Zweite Manifestation hat zwei Erscheinungsformen; erstens göttlichen Beistand und zweitens das Kalifat. Wenn ein Volk es wünscht und sich als würdig erweist, kann es sowohl göttlichen Beistand auf seiner Seite als auch das Kalifat unter sich haben. Zu Problemen kommt es immer dann, wenn die Geisteshaltung verdirbt. Wenn die Geisteshaltung und Einstellung stimmt, gibt es keinen Grund, warum Gott der Allmächtige ein Volk verlassen sollte. Im Heiligen Qur’an sagt Allah:

إِنَّ ٱللَّهَ لَا يُغَيِّرُ مَا بِقَوۡمٍ حَتّٰى يُغَيِّرُواْ مَا بِأَنفُسِھِمۡ3

Das bedeutet, dass Allah der Allmächtige die Art und Weise, wie Er mit einer Gruppe von Menschen umgeht, niemals ändert, bis sie nicht selbst Verderben in ihren Herzen zulassen. Das ist etwas, was jeder einzelne Mensch verstehen kann, und niemand kann sagen, dass es für ihn schwierig ist, dieses Prinzip zu begreifen. Nicht einmal die unwissendste Person, der ich dies sagen würde, könnte behaupten, dass sie diesen Punkt nicht verstanden habe. Oder wenn sie es zumindest beim ersten Mal nicht verstanden hat, würde sie es mit Sicherheit verstehen, wenn es ein zweites Mal erklärt wird. Doch selbst ein so einfacher Punkt wie dieser wird von den Nationen übersehen.
Der Tod ist für jeden Menschen bestimmt, und wenn ein Mensch stirbt, dann kann ihn keine Schuld treffen. Aber der Tod ist nicht unbedingt für Nationen vorgesehen. Wenn eine Nation für immer bestehen will, kann sie das tun. Sie schaffen jedoch ihren Untergang mit ihren eigenen Händen herbei. Durch den Heiligen Propheten (saw) gab Allah der Allmächtige den Gefährten eine Lehre, durch die ihre nachkommenden Generationen immer am Leben bleiben könnten, wenn diese nach der Lehre gehandelt hätten. Doch sie haben aufgehört, danach zu handeln, und das hat sie in den Tod getrieben.

Die Welt fragt sich – und auch mir wurde diese Frage schon oft gestellt -, dass trotz der Tatsache, dass Gott der Allmächtige den Gefährten des Heiligen Propheten (saw) die Lehre von höchstem Niveau gab, die das Heilmittel für jede soziale Leiden und jeder Art sozialer Missstände und Schwierigkeiten enthielt, und der Heilige Prophet (saw) diese Lehre durch seine Praxis demonstrierte, was letztendlich mit dieser Lehre geschah und warum sie nach nur 33 Jahren endete?

Im Vergleich dazu ist das Kalifat unter den Christen [d. h. das Papsttum] von geringerem Stellenwert, und doch besteht das Papsttum bis heute fort. Zweifellos gibt es unter den Christen Konfessionen, die sich gegen den Papst aufgelehnt haben, doch die Mehrheit der Christen akzeptiert ihn, und sie haben von diesem System profitiert. Das Kalifat blieb jedoch innerhalb der Muslime 33 Jahre lang bestehen und kam dann zu einem Ende. Die islamische soziale Infrastruktur blieb 33 Jahre lang intakt, dann war Schluss. Weder blieb die islamische Republik bestehen noch die Armenfürsorge. Es blieben auch nicht die Menschen, die andere unterrichteten, sich um ihre Nahrung, Kleidung und alle anderen Notwendigkeiten kümmerten. Auch gab es kein Bewusstsein mehr für die Bedürfnisse der Menschen nach Bildung, Ernährung, Kleidung und Unterkunft. Es stellt sich natürlich die Frage, warum das alles zu Ende gegangen ist. Der Grund dafür war schlichtweg, dass die Geisteshaltung und Einstellung der Muslime verdarben. Wäre ihre Gesinnung die richtige geblieben, dann hätte es keinen Grund gegeben, dass diese Segnung von ihnen scheidet.

Strebt ihr also danach, die Freude Allahs des Allmächtigen zu erlangen, indem ihr immer mit dem Kalifat verbunden bleibt. Wenn ihr das tut, dann wird das Kalifat für alle Zeiten unter euch bleiben. Gott hat euch das Kalifat in die Hand gegeben,, damit Er sagen kann: »Ich habe euch das Kalifat in die Hand gegeben, und wenn ihr es wünscht, kann es für immer unter euch bleiben.« Wenn Allah gewollt hätte, hätte Er es durch göttliche Offenbarung (eines Gebots) einrichten können, doch Er tat es nicht. Doch Gott hat verfügt, dass Er es so lange bestehen lassen wird, wie die Menschen es wünschen. Es ist, als ob Gott diese Erklärung von euren Zungen hören möchte, ob ihr wünscht, dass das Kalifat bei euch bleibt oder nicht. wenn ihr aber den Mund geschlossen haltet oder bei der Wahl die Kriterien, die jemanden für das Kalifat qualifizieren, völlig außer Acht lasst, wenn ihr zum Beispiel jemanden wählt, der nicht würdig ist, Kalif zu sein, dann werdet ihr diesen Segen Gottes verlieren.

Der Grund, warum ich mich veranlasst gesehen habe, darüber zu sprechen, ist, dass ich letzte Nacht um etwa 2 Uhr einen Traum hatte, in der ich mit Bleistift geschriebene Notizen eines Autors oder Historikers sah, die in englischer Sprache geschrieben und dazu noch in typischen Grau von Kopien oder blauer Farbe waren. Die Notizen waren nicht deutlich lesbar. Alles, was ich lesen konnte, enthielt eine Diskussion darüber, warum die Muslime so bald nach dem Heiligen Propheten (saw) verdarben, obwohl sie außerordentliche Gunst von Allah erhalten hatten. Die höchste Lebensweise und das beste Wirtschaftssystem wurden ihnen gegeben. Darüber hinaus hatte der Heilige Prophet (saw) ihnen diese Lehren praktisch vorgelebt. Trotz alledem verfiel die Gemeinschaft der Muslime und gerieten in einen verdorbenen Zustand. All dies war in diesen Notizen in englischer Sprache geschrieben, aber das Merkwürdige war, dass das Englische nicht von links nach rechts, sondern von rechts nach links geschrieben war. Trotzdem konnte ich es lesen. Obwohl die Schrift verzerrt war und die Wörter nicht klar waren, konnte ich einige der Wörter dennoch erkennen. Einer der Sätze war ungefähr so:

»There were two reasons for it. There temperament becoming (1) Morbid (2) Anarchical.« [Es gab zwei Gründe dafür; ihr Temperament wurde 1. krankhaft (morbid) [und] 2. anarchisch.]

Dieser Satz erklärt, warum dieses Unheil über die Muslime hereinbrach. Damit werden die beiden korrumpierenden Eigenschaften genannt, die sich in den Gemütern der Muslime einnisteten, wodurch sie verdarben; erstens wurden sie morbide, was meint, dass sie unnatural [unnatürlich, krankhaft] wurden und so wurden, dass sie Unbehagen bereiteten, und der zweite Grund war, dass ihre Neigungen anarchische Züge annahmen. Ich habe darüber nachgedacht, und in der Tat sind diese beiden Aspekte richtig. Die Muslime haben ihre Zerstörung mit ihren eigenen Händen verursacht.

Im Sinne von Morbid war der Hintergrund ihres Untergangs der folgende: Die Fortschritte, die sie erlangten, waren dem Islam und dem Heiligen Propheten (saw) zu verdanken und nicht irgendein persönlicher Verdienst. Der Heilige Prophet (saw) wurde in Mekka geboren, als die Mekkaner nicht gerade für ihre Ansehnlichkeit bekannt waren. Die anderen Leute achteten sie lediglich als Kustoden der Kaaba. Und auch wenn sie mit Leuten aus anderen Nationen zusammentrafen, achteten diese sie auch nur als Kustoden oder allerhöchstens als Kaufleute. Niemand würde sie als eine organisierte Regierung anerkannt haben. Außerdem galten sie als so minderwertig, dass andere Herrscher es für rechtmäßig hielten, von ihnen gewaltsam Steuern einzutreiben. Zum Beispiel der König von Jemen, der beschloss, in Mekka einzumarschieren, ein Vorfall, der im Qur’an unter der Überschrift ›Die Besitzer des Elefanten‹ [Ashab al-Fil] aufgezeichnet wurde.

Nachdem der Heilige Prophet (saw) zum Propheten ernannt worden war, verbrachte er 13 Jahre in Mekka. In dieser Zeit akzeptierten ihn nur ein paar hundert Menschen und schlossen sich seiner Gemeinschaft an. Nach 13 Jahren wanderte er [nach Medina] aus, und acht Jahre nach der Migration kam ganz Arabien unter ein einziges Herrschaftssystem. In der Folgezeit gewannen sie so sehr an Macht und Stärke, dass mächtige Reiche vor ihnen Angst bekamen. Zu dieser Zeit wurde die Welt von zwei großen Reichen beherrscht: dem Byzantinischen Reich und dem Persischen Reich. Das byzantinische Reich erstreckte sich über Osteuropa, die Türkei, Abessinien, Griechenland, Ägypten, die Levante und Anatolien, während das Gebiet des persischen Reiches den Irak, den Iran, viele russische Territorien, Afghanistan und einige Gebiete in Indien und China umfasste. Zu dieser Zeit waren dies die beiden großen Reiche. Im Vergleich dazu waren die Araber völlig unbedeutend. Doch acht Jahre nach der Auswanderung [aus Mekka] folgte ganz Arabien der Herrschaft des Heiligen Propheten (saw).

Als hiernach die christlichen Stämme an den Grenzen für Aufruhre stifteten, ging der Heilige Prophet (saw) zunächst hin, um sich damit zu befassen, und so wurde die Aufruhr vorübergehend abgewendet. Doch kurze Zeit später zettelten die Stämme einen weiteren Aufstand an, und der Heilige Prophet (saw) schickte eine Armee, um den Aufstand niederzuschlagen. Diese Armee maßregelte viele der Stämme und machten viele andere mittels eines Vertrags untertan. Dann, etwa zweieinhalb Jahre nach dem Tod des Heiligen Propheten (saw), kam die ganze arabische Halbinsel unter islamische Herrschaft, und tatsächlich dehnte sich die islamische Herrschaft über Arabien hinaus auch auf andere Orte aus. Fünf Jahre nach der Eroberung von Mekka ereignete sich der Vorstoß gegen das persische Reich und einige seiner Gebiete wurden auch unter eigener Kontrolle gebracht. Im Laufe einiger Jahre wurden das Byzantinische Reich und andere Regierungen zerschlagen. Ein so große Eroberung und bedeutende Umwälzung ist in der Geschichte nirgendwo sonst zu finden.

In der Geschichte finden wir nur das Beispiel Napoleons, aber die Kräfte, die ihm gegenüberstanden, waren nicht mächtiger und zahlenmäßig stärker als die seinen. Er hatte es mit Deutschland zu tun, das aber zu dieser Zeit in 14 kleinere Staaten aufgeteilt war. So war dessen gesamte Macht zerstreut. Ein berühmter amerikanischer Präsident wurde mal zu seiner Meinung über Deutschland befragt, worauf er antwortete: »Einer ist ein Löwe, zwei oder drei sind Füchse und einige sind Mäuse.« Der ›Löwe‹ bezog sich auf Russland, mit ›Füchsen‹ waren andere Regierungen gemeint, und die ›Mäuse‹ bezogen sich auf Deutschland. In anderen Worten war Deutschland zu dieser Zeit zersplittert. Russland war eine Großmacht, aber trotzdem ging Deutschland mit Russland in Konfrontation und kehrte erfolglos zurück. In ähnlicher Weise gelang es Deutschland nicht, Großbritannien zu besiegen, und so war es schließlich den Alliierten ausgeliefert.
Die zweite bemerkenswerte Person war Hitler, genauer gesagt waren es zwei prominente Persönlichkeiten: Hitler und Mussolini. Beide errangen beachtliche Erfolge, wurden aber am Ende beide bezwungen.

Unter den Muslimen war Timur – oder Tamerlane – der Anführer, der innerhalb kürzester Zeit ein riesiges Reich errichtete. Aber auch bei ihm war es so, dass er, obwohl sich sein Reich über verschiedene Ecken der Welt erstreckte, mit seinem Versuch, die ganze Welt zu erobern, scheiterte. Er wollte zum Beispiel China unterwerfen, war aber nicht in der Lage, dies zu tun. Als er im Begriff war zu sterben, sagte er: »Ich sehe überall um mich herum Haufen menschlicher Knochen, die mir Vorwürfe machen.«

Von der Zeit des Propheten Adam (as) bis in die jüngste Zeit war der Heilige Prophet (saw) der einzige Mensch, der angefangen als ein einzelnes Individuum Erfolge erlangte. In kurzer Zeit gelang es ihm, Arabien unter sein Kommando zu bringen. Nach seinem Tod errang einer seiner Nachfolger – oder Kalifen – den Sieg über ein großes Reich, und nach ihm gelang es seinem zweiten Kalifen, die restlichen Gebiete zu erobern. Dieser Wandel, der sich vollzog, war nicht das Werk eines Menschen, sondern das Werk Gottes.

Als der Heilige Prophet (saw) verstarb, wurde Hadhrat Abu Bakr (ra) der erste Kalif. Als die Nachricht vom Ableben des Heiligen Propheten (saw) Mekka erreichte, saß Abu Quhafa, der Vater von Abu Bakr, in einer Zusammenkunft. Als der Bote die Nachricht überbrachte, dass der Heilige Prophet (saw) verstorben war, überkam sie eine traurige Stimmung. Alle dachten, dass sich der Islam angesichts der Lage im Lande nun zerstreuen würde. Alle fragten sich: »Was wird jetzt geschehen? « Der Bote sagte: »Nach dem Ableben des Heiligen Propheten (saw) ist eine Regierung errichtet worden, ein Mann wurde zum Kalifen gewählt.« Sie fragten ihn, wer zum Kalifen ernannt worden sei, worauf der Gesandte antwortete: »Abu Bakr.«
Abu Quhafa war darüber erstaunt und fragte: »Welcher Abu Bakr?« Der Grund für sein Erstaunen war, dass er den [bescheidenen] Status seines eigenen Stammes kannte und sich in Anbetracht dessen niemals hätte vorstellen können, dass sein Sohn König von ganz Arabien werden würde. Der Bote antwortete, es sei Abu Bakr, der zu diesem und jenem Stamm gehöre. Abu Quhafa fragte: »Zu welchem Familienzweig gehört er?« Der Bote antwortete, er gehöre zu diesem und jenem Familienzweig. Daraufhin fragte Abu Quhafa: »Wessen Sohn ist er?«, und der Bote antwortete: »Der Sohn von Abu Quhafa.« Als Abu Quhafa dies hörte, sagte er das islamische Glaubensbekenntnis von neuem auf und merkte an:: »Heute bin ich vollkommen davon überzeugt, dass der Heilige Prophet (saw) von Gott dem Allmächtigen gesandt wurde.«
Vor diesem Vorfall war der Vater von Hadhrat Abu Bakr (ra) nur dem Namen nach ein Muslim. Aber nach diesem Ereignis wurde er mit ganzem Herzen Muslim. Er verstand, dass der Anspruch des Heiligen Propheten (saw) wahr war, denn Abu Bakrs Stammeszugehörigkeit war nicht so, dass ganz Arabien ihn sonst annehmen würde. Dies war in der Tat die Religion Gottes.

Doch bald darauf wurde die Mentalität der Muslime korrumpiert, sodass sie glaubten, sie hätten all diese Errungenschaften durch ihre eigene Kraft erreicht. Einige begannen zu behaupten, dass die wahre Macht bei den Banu [Stamm] Umayyah lag und sie daher das Recht auf das Kalifat hätten. Einige behaupteten, die wahre Macht der Araber liege bei den Banu Hashim. Andere meinten, sie läge bei den Banu Muttalib. Andere wiederum behaupteten, die Ansar seien die rechtmäßigen Erben des Kalifats, da sie dem Heiligen Propheten (saw) ihre Türen geöffnet hätten. Kurzum, innerhalb weniger Jahre wurden die Muslime morbide und ihre Einstellung verdarb. Jeder Stamm von ihnen versuchte, das Anrecht auf das Kalifat für sich aus eigener Kraft zu erzwingen, und das Ergebnis war das Ende des Kalifats.

Der zweite Grund für das Verderben der Muslime war die Anarchie. Der Islam schuf einen Geist der Gleichheit zwischen allen Menschen. Die Muslime verstanden jedoch nicht, dass die Herstellung von Gleichheit bedeutet, dass es eine Organisation braucht. Ohne eine solche ist Gleichheit eben nicht möglich. Der Islam wurde um der Organisation und der Disziplin willen eingeführt, aber darüber hinaus sollte er sicherstellen, dass die Disziplin nicht auf despotische Weise umgesetzt wurde, sondern dass die Menschen ihr eigenes niederes Selbst unterdrücken, damit die Nation siegt.

Doch nur wenige Jahre später begannen die Muslime zu sagen, dass die Staatskasse ihnen gehöre, und wenn die Gouverneure sich ihnen in den Weg stellten, sei es so, als hätten sie sie um ihr gutes Recht gebracht. Dieser Geist korrumpierte die Muslime. Sie hätten begreifen müssen, dass ihnen die Regierungsgewalt von Gott dem Allmächtigen übertragen und anvertraut wurde. Daher wäre es am besten gewesen, wenn sie diese in den Händen Gottes gelassen hätten. Allah der Allmächtige sagt in Sura Al-Nur, dass es Gott ist, Der die Kalifen ernennen werde, aber die Muslime dachten, dass sie es waren, die die Kalifen machten. Und sobald sie dachten, dass sie es selbst waren, die die Kalifen machten, sagte Gott der Allmächtige: »Gut! Wenn ihr es wart, die die Kalifen hervorbrachten, dann geht und ernennt, wen ihr wollt zum Kalifen«.

So konnten sie eine Zeit lang die erlegte Beute der Früheren verzehren, nämlich die von Abu Bakr (ra), Umar (ra), Uthman (ra) und Ali (ra), aber von einem toten Tier kann nicht ewig gezehrt werden. Ein Bock oder eine Geiß, ein Hahn und Hennen, die noch leben, werden noch lange Zeit Fleisch und ihre Eier liefern. Aber ein geschlachtetes Huhn oder eine geschlachtete Ziege kann nur eine bestimmte Menge an Fleisch liefern, danach wird das Fleisch faul. Die Muslime, die die Kalifate von Hadhrat Abu Bakr (ra), Umar (ra), Uthman (ra) und Ali (ra) erlebten, bekamen frisches Fleisch zu essen, (sozusagen). Aber aufgrund ihrer eigenen Dummheit begannen sie zu denken, dass dies ihr gutes Recht sei. Auf diese Weise verzehrten sie ihre Seele, und die Hühner und Ziegen, die sie verzehrten, wurden zu fauligem Aas. Denn wie lange kann man das Fleisch einer geschlachteten Ziege noch verzehren? Eine Ziege enthält in der Regel Fleisch, das etwa 10 – 12 Seer4 oder 25 – 30 Seer entspricht, und wird irgendwann aufgebraucht sein. Letztendlich wurden die Ziegen zu Aas und die Muslime hatten sie aufgezehrt. Danach verhielt es sich nicht anders, als (wie es in dem Punjabi-Sprichwort ausgedrückt wird) »Ein Verrückter läuft mit seinen alten, zerfledderten Schuhen herum«.

Sie wandelten bald überall erniedrigt umher. Es prasselte von überall auf sie ein und der Zorn Gottes des Allmächtigen traf sie. Den Christen ist es gelungen, ihr lebloses Kalifat [Papsttum] bis heute zu erhalten, aber diese Unglücklichen haben das blühende und lebendige Kalifat mit ihren eigenen Händen begraben. Und das war nur das Resultat ihrer momentanen Vergnügungen, dem Wunsch nach weltlichem Gewinn und ihrer kurzlebigen Emotionen.

Die Verheißungen, die Gott der Allmächtige den Muslimen gegeben hat, gelten auch heute noch. Allah versprach:

وَعَدَ ٱللَّهُ ٱلَّذِينَ ءَامَنُواْ مِنكُمۡ وَعَمِلُواْ ٱلصّٰلِحٰتِ لَيَسۡتَخۡلِفَنَّھُمۡ فِي ٱلۡأَرۡضِ كَمَا ٱسۡتَخۡلَفَ ٱلَّذِينَ مِن قَبۡلِھِمۡ

[»Allah hat denen unter euch, die glauben und gute Werke tun, versprochen, dass Er sie gewiss zu Stellvertretern [Kalifen] auf Erden machen wird, so wie Er aus denen, die vor ihnen waren, Stellvertreter gemacht hat.«]5

Gott der Allmächtige hat diese Klausel ausdrücklich erwähnt:

ٱلَّذِينَ ءَامَنُواْ وَعَمِلُواْ ٱلصّٰـلِحٰتِ

[»…für diejenigen unter euch, die glauben und gute Werke tun…«]

Er hat in diesem Vers nicht nur Hadhrat Abu Bakr (RA) oder Hadhrat Umar (RA) oder Hadhrat Uthman (RA) oder Hadhrat Ali (RA) angesprochen. Ebenso steht in dem Vers nicht, dass dieses Versprechen ausschließlich den Muslimen der Vergangenheit gegeben wurde, oder denen, die im ersten Jahrhundert [nach dem Aufkommen des Islam] oder im zweiten Jahrhundert lebten. Vielmehr wurde diese Verheißung allen Muslimen gegeben, ob sie nun in der Vergangenheit gelebt haben oder in 200 oder 400 Jahren von heute an kommen werden. Wenn sie zur Verkörperung von ءَامَنُواْ und عَمِلُواْ ٱلصّٰلِحٰتِ werden, wobei sie ihre egoistischen Wünsche töten, sie den Fortschritt des Islam zu ihrem Hauptanliegen machen, sie ihre eigenen Personen, Gemeinschaften, Gruppierungen, Stämme, Städte und Länder in den Hintergrund stellen, wird für sie die Verheißung Gottes bestehen bleiben, dass:

لَيَسۡتَخۡلِفَنَّھُمۡ فِي ٱلۡأَرۡضِ كَمَا ٱسۡتَخۡلَفَ ٱلَّذِينَ مِن قَبۡلِھِمۡ

(Er sie gewiss zu Seinen Statthaltern und Stellvertretern auf Erden ernennen wird)

Allah hat allen, ob sie nun aus Arabien, Irak, Syrien, Ägypten, Europa, Asien, Amerika, von verschiedenen Inseln oder aus Afrika kommen, versprochen, dass Er gewiss [Seine] Statthalter und Stellvertreter für sie auf der Erde einsetzen wird:

لَيَسۡتَخۡلِفَنَّھُمۡ فِي ٱلۡأَرۡضِ

Nun ist es so, dass es auf der Erde nicht nur die Länder wie Syrien, Arabien, Nigeria, Kenia, Indien, China und Indonesien etc. gibt, sondern auch andere Länder. Sie bezieht sich also auf alle Länder der Welt. In anderen Worten, das versprochene Kalifat galt für die ganze Welt, denn Gott erklärt, dass Er aus der ganzen Welt für euch einen Kalifen ernennen wird:

كَمَا ٱسۡتَخۡلَفَ ٱلَّذِينَ مِن قَبۡلِھِمۡ

Auf dieselbe Weise ließ Er die Kalifen unter den Menschen vor euch erscheinen. In diesem (Teil) des Verses steckt die Parallele zu den früheren Leuten nicht in dem Wort ٱلۡأَرۡضِ [die Erde], sondern die Parallele liegt in dem Wort ٱسۡتَخۡلَفَ, d.h. im Ernennen eines Kalifen.
In anderen Worten würde das bedeuten: »Wir werden für diese Menschen Kalifen ernennen, so wie Wir unter den Menschen vor ihnen Statthalter eingesetzt haben. Außerdem werden die Kalifen, die Wir ernennen werden, so beschaffen sein, dass ihr Einfluss die ganze Welt umspannen wird.«

Denkt also an dieses Versprechen Gottes und bemüht euch stets darum, das Kalifat zu festigen und aufrechtzuerhalten. Ihr seid alle jung, eure Entschlossenheit sollte hoch angesetzt sein und euer Verstand sollte scharf sein, damit ihr dieses Schiff nicht sinken und untergehen lasset. Werdet nicht zu dem Felsen, der die Richtung des Flusses umleitet, sondern eure Aufgabe ist es, der Kanal zu werden, durch den das Wasser leicht fließen kann. Ihr seid wie ein Tunnel, dessen Aufgabe es ist, den Strom der Segnungen Gottes, den ihr durch den Heiligen Propheten (saw) erhalten habt, zu verbreiten.

Wenn euch das gelingt, dann werdet ihr zu einer Nation, die niemals sterben wird. Wenn ihr aber zu einem Hindernis auf dem Weg der göttlichen Segnungen werdet, wenn ihr euch wie ein Stein davorstellt, und euren persönlichen Interessen unterliegend ihr diese Segnungen speziell für eure Freunde, Verwandte und Nahestehenden reservieren wollt, dann merkt euch, dass dies der Anfang der Zerstörung eures Volkes sein wird. Dann wird eure Nation nicht lange überleben und ihr werdet [als Nation] sterben, so wie jene Völker vor euch gestorben sind. Doch der Heilige Qur’an erklärt, dass die Türen zum Fortschritt einer Nation nicht verschlossen sind. In der Tat kann ein Mensch in dieser Welt nicht ewig leben, aber Völker. Wer also vorangeht, wird die Belohnung davontragen, und wer nicht nach vorn tritt und vorangeht, bringt über sich selbst den Tod, und niemand kann dem zu Hilfe kommen, der sich für den Selbstmord entscheidet.«

aus: The Daily Al-Fazl, Rabwah, Khilafat Sonderausgabe, Mai 1961

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[1] Die Bibel, Johannes, 14:16

[2] Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad (as): Das Testament, Ruhani Khazain Bd. 20, S.9.

[3] Der Heilige Qur’an, 13:12

[4] Seer, auch “Ser” geschrieben, war eine Gewichtseinheit in Britisch-Indien. Ein Seer entsprach etwa 2 Pfund oder 1 kg [Herausgeber].

[5] Der Heilige Qur’an, 24:56

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