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Ein Leuchtturm in Argentinien

The Review of Religions führte ein Interview mit Imam Marwan Gill, der derzeit der Ahmadiyya Muslim Gemeinde in Argentinien dient, über das Leben in Argentinien während der Covid-19-Pandemie. In diesem Interview spricht er darüber, welche Maßnahmen das Land zur Überwindung der Pandemie ergriffen hat, wie das Leben eines Muslims sich gestaltet, wenn die Mehrheit der Bevölkerung christlichen Glaubens ist und wie die Ahmadiyya Muslim Gemeinde sich als eine Quelle des inneren Friedens und der Ruhe erweist.

Argentinien ist das achtgrößte Land der Welt und eines der artenreichsten Länder der Welt. Es hat auch sehr schnell Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie ergriffen. Was ist Ihre Beobachtung, wie man mit dieser Krise umgegangen ist?
Wir befinden uns seit dem 20. März in Lockdown und es wird wahrscheinlich noch mindestens einige weitere Wochen andauern. Argentinien hat in der Anfangsphase mit weniger als 50 Todesopfern sehr strenge Maßnahmen getroffen, darunter die Schließung aller Grenzen und ein vollständiger Lockdown. Bis heute gibt es in der Hauptstadt Buenos Aires Einschränkungen in Bezug auf das Rausgehen, z.B. haben Kinder unter 16 Jahren erst vor kurzem die Erlaubnis erhalten, am Wochenende für eine Stunde rauszugehen, während Parks und öffentliche Plätze noch mehr als 10 Wochen lang geschlossen bleiben werden.

Aufgrund dieser strengen und frühzeitigen Vorsichtsmaßnahmen hat Argentinien im Vergleich zu anderen südamerikanischen Ländern eine geringere Zahl von Infizierten. Der argentinische Präsident Alberto Fernandez legte in seiner Erklärung zu Beginn des COVID-19-Ausbruchs Nachdruck auf die Maßnahmen und kündigte an, dass der Schaden für die Wirtschaft zwar zu einem späteren Zeitpunkt wieder behoben werden könne, der Verlust an Menschenleben jedoch nicht wieder kompensiert werden könne.

Im Vergleich zu Europa sind die Menschen hier wirtschaftlich stärker betroffen. Bereits vor der Covid-19-Pandemie gehörte Argentinien zu den Ländern mit der höchsten Inflationsrate der Welt. Jetzt mit dieser Pandemie sind weitere Tausende von Familien in die Armut abgerutscht und viele der Familien werden bedauerlicherweise in den kommenden Wochen noch in die Armut abgleiten. Neben den sozialen und psychischen Auswirkungen hat Covid-19 auch unmittelbare Auswirkungen und folgen auf den Esstisch vieler einheimischer Haushalte hinterlassen.

Erzählen Sie uns etwas über die verschiedenen Glaubensrichtungen in Argentinien.
Argentinien ist eines der multikulturellsten und multiethnischen Länder der Welt. Im 19. und 20. Jahrhundert kam es zu einer Masseneinwanderung aus Spanien, Italien und anderen europäischen Ländern sowie aus einigen arabischen Ländern wie Syrien und Libanon. Diese Masseneinwanderung führte auch zu einer religiösen Vielfalt. Die überwiegende Mehrheit Argentiniens gehört der katholischen Kirche an, aber auch andere christliche Gemeinschaften sind hier stark vertreten. Außerdem befindet sich nach Israel und New York die größte jüdische Gemeinde der Welt in Buenos Aires. Die Zahl der Muslime wird auf weniger als 1 Million bei einer Gesamtbevölkerung von fast 45 Millionen geschätzt.

Hat der Glaube während der Covid-19-Pandemie irgendeine Rolle gespielt?
Meiner Meinung nach ist es noch zu früh, um zu beurteilen, ob der Glaube während der Pandemie eine Rolle gespielt hat. Im metaphorischen Sinne erläutert der Heilige Qur’an, dass Menschen, die sich an Bord eines Schiffes mitten auf dem Meer befinden und plötzlich von Stürmen umgeben sind, damit beginnen, Gott um Hilfe zu bitten. Aber sobald sie sicher an Land zurückkehren, kehren sie Gott wieder den Rücken zu und geben sich dem Unglauben hin.

Meine persönliche Meinung ist jedoch, dass die Argentinier mehr Vertrauen in Gott haben als viele europäische Nationen. Daher kamen im ganzen Land viele verschiedene interreligiöse Plattformen zusammen, um Gebetsveranstaltungen zu organisieren.

Als muslimische Gemeinde erhielten wir viele Anfragen von Menschen – und das ist weiterhin der Fall-, die in diesen Zeiten mehr über den Islam wissen wollen. Abgesehen davon, dass sie Nicht-Muslime sind, haben sie es zum Ausdruck gebracht, dass unsere in sozialen Medien veröffentlichten Videos für sie in diesen besorgniserregenden Zeiten eine Quelle des inneren Friedens und der Besonnenheit waren.

Auf der anderen Seite haben wir jene Menschen, die sagen, es gebe keine Veränderung in ihrem spirituellen Leben und sie glauben immer noch nicht an Gott oder ihr Glaube ist lediglich ein Lippenbekenntnis.

Vor der Covid-19-Pandemie haben Sie ein soziales Experiment durchgeführt, bei dem Sie die Menschen dazu eingeladen haben, Ihnen Fragen über Islam zu stellen. Wie war die Resonanz?
Ich muss zugeben, dass ich vorher etwas nervös und unsicher war, wie die Reaktion ausfallen würde. Ich hatte erwartet, dass die Leute entweder negativ auf mich zugehen oder meine Einladung völlig ignorieren würden. Aber durch die Gnade Allahs lag ich damit falsch. Viele Menschen kamen mit einem breiten Lächeln auf ihren Gesichtern auf mich zu, umarmten mich und gratulierten mir zu dieser Initiative, Vorurteile und falsche Vorstellungen über den Islam aus dem Weg zu räumen. Viele Menschen kamen auf mich zu und gestanden, dass sie gewisse Zweifel am Islam haben, und es war das erste Mal, dass sie mit einem Muslimen sprachen. Die am häufigsten gestellten Fragen bezogen sich auf Gewalt, die angeblich im Namen des Islam ausgeübt wird oder auf die Rolle der Frau im Islam. Überraschenderweise verwechselten viele Menschen auch die arabische Kultur mit den allumfassenden Lehren des Islam, während andere den Islam als eine Religion nur für Araber betrachteten.

Demzufolge hatten die Menschen generell sehr wenig oder gar kein Wissen über die wahren Werte des Islam. Ich denke also, dass die Initiative durch die Gnade Allahs sehr hilfreich war, um ihre Missverständnisse zu beseitigen und die wahren Lehren des Islam zu vermitteln.

Wie stark wurde Ihre Arbeit als Imam und allgemein die Gemeinde von der Covid-19-Pandemie beeinträchtigt?
Es ist eine große Herausforderung, sich der neuen Situation anzupassen, da die Gemeinde sich noch in der Gründung befindet. Unsere Gemeinde hier ist wie ein Kleinkind, das gerade erst angefangen hat zu laufen. Erst vor zweieinhalb Jahren wurde unsere Gemeinde in Argentinien gegründet. Sie können sich also die Herausforderung vorstellen: Für die Hälfte der 20 Neukonvertiten war dieses Jahr ihr erster Ramadan überhaupt. Also benötigten sie viel moralische, geistige und intellektuelle Führung und Unterstützung. In solchen Zeiten ist es in einem unterentwickelten Land sehr schwierig, den Kontakt mit allen aufrechtzuerhalten, da nicht jeder Zugang zum Internet oder zu virtuellen Plattformen hat.

Nichtsdestotrotz haben wir während des Ramadans täglich Videoclips und Informationsmaterial veröffentlicht, die moralische und spirituelle Führung enthielten. Außerdem studierten wir während des Fastenmonats Ramadan den arabischen Text des gesamten Gebets sowie ihre Übersetzung. Darüber hinaus fanden regelmäßige Treffen auf virtuellen Plattformen statt. Als Gemeinschaft hatten wir auch die Möglichkeit, Lebensmittel an Kantinen zu verteilen, wo Arme und weniger Wohlhabende kostenlos essen konnten.

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