Interviews Wohlfahrt

Es macht immer Sinn zu helfen

Ein Interview, das unter die Haut geht mit einer Ärztin, die über Grenzen fliegt.

Mit 15 Jahren hat man noch Träume. Dr. Amber Chaudhry (44) träumte schon damals davon, einmal solche Orte zu bereisen und dort zu helfen, wo wenig Hilfe ankommt. Wohin es genau gehen sollte, wusste sie nocht nicht. Zuerst studierte sie Medizin,  absolvierte eine Famulatur in Infektionskrankheiten im Al-Shifa-Krankenhaus in Islamabad sowie Praktikas im Fazle Umar Krankenhaus in Rabwah (Pakistan) und in einem Krankenhaus in Benin. Genug Zeit, um sich mit den Umständen in notbedürftigen Ländern zu befassen und ihrem Wunsch zu helfen näher zu kommen. Nach jahrelanger Erfahrung als Frauenärztin in mehreren deutschen Kliniken hat sie die Gelegenheit genutzt, um als Ärztin in einem medizinischen Camp der Hilfsorganisation Humanity First (HF) in Benin Dienst zu leisten. Die Revue der Religionen (RdR) hat mit der Funktionsoberärztin aus Bad Segeberg gesprochen.

RdR: 2022 haben Sie für zwei Wochen als Frauenärztin in einem Beniner Krankenhaus gearbeitet. Welche medizinische Hilfe konnten Sie in kurzer Zeit alles leisten?

Chaudhry: In das Krankenhaus in Benin bin ich mit Dr. Rybakowski, meinem Chefarzt der Klinik, in der ich in Deutschland arbeite, geflogen. Trotz der kurzen Zeit konnten wir notwendige gynäkologische Operationen durchführen wie Gebärmutterentfernungen,  Entfernung von Eierstockzysten, Behandlung von Senkungsbeschwerden. Wir haben aber auch andere kleinere Operationen durchgeführt wie Lipomentfernung; und wir haben Hernien operiert.

RdR: Sie operierten bei über 30 Grad unter Zeitdruck mit den wenigen Instrumenten, die vorhanden waren oder die Sie aus Deutschland mitgenommen hatten. Körperlich und mental muss das eine Herausforderung gewesen sein. Hinzu kommt, dass Ihnen Blutkonserven fehlten. Wie gingen Sie damit um?

Chaudhry: Belastet haben mich die Leidensgeschichteten von Patientinnen, denen wir helfen wollten, aber nicht konnten. Eine Patientin hatte ein weit fortgeschrittenes Krebsleiden. Operativ war hier nichts mehr zu machen. Sie hätte bestrahlt werden müssen, was jedoch in ganz Benin nicht möglich ist. Vielen Patientinnen konnten wir nicht helfen, da sie unter Blutarmut litten und wir dort keine Möglichkeit einer Transfusion hatten, sodass das intraoperative Verblutungsrisiko zu groß war.

Diese Gesichter bleiben einem länger in Erinnerung. Aber wir mussten uns auf die Arbeit konzentrieren, die wir in der Lage waren zu erledigen. Ich habe mir immer wieder gesagt: Hilf den Menschen, denen du kannst. Aufgeben ist keine Option. Sich von der Realität abschrecken zu lassen, war für mich keine Option. Das wenige, was wir machen konnten, war für mich trotzdem besser als nichts. 

RdR: Bleiben nach einem täglichen Marathon an Operationen noch persönliche Erinnerungen an einzelne Patientinnen, denen es nach der Behandlung besser ging?

Chaudhry: An eine Patientin, die seit über 13 Jahren eine große Eierstockzyste hatte, kann ich mich noch sehr gut erinnern. Dass die Patientin so lange für eine so einfache Operation warten musste, kann man sich hier in Deutschland kaum vorstellen. Die Patientin hat nach der Operation sehr viel Lebensqualität zurückgewonnen.

RdR: Verändern die Auslandsdienste ihre Ansichten, wenn Sie zurück in Deutschland wieder zur Arbeit gehen?

Chaudhry: Ja auf jeden Fall, man nimmt Vieles anders wahr. Ich bin sehr dankbar, dass es uns so gut geht. Das sage ich auch oft meinen Patientinnen, wenn sie ganz niedergeschlagen sind. Man sollte auch das Positive sehen. Auch wenn man eine schlechte Diagnose mitgeteilt bekommen hat, soll man dafür dankbar sein, dass man diese in Deutschland oft gut behandeln kann.
Andererseits muss man auch sehr vorsichtig sein, dass man die Sorgen einer Patientin hier nicht bagatellisiert, wenn man viel Schlimmeres gesehen hat. 

RdR: Was sind Ihre persönlichen Mutmacher, die Sie auch jungen, angehenden Ärztinnen empfehlen wollen?

Chaudhry: Ich mache mir jetzt keine Gedanken mehr darüber, wie schwer es für mich war, einen Job als Ärztin zu finden. Die vielen Bewerbungen, Absagen und die Vorstellungsgespräche, in denen man wegen seiner bedeckenden Kleidung und dem Kopftuch schikaniert wird, treten in den Hintergrund. Es gab Phasen, wo ich dachte, dass ich meinen Job mit drei Kindern nicht machen kann, weil die Familie zu kurz kommt. Aber dann lassen sich die Dinge, Alhamdulillah, doch mit Familie und Freunden regeln.

RdR: Ist ein Auslandsdienst überhaupt möglich für Frauen, die bereits eine Familie gegründet haben und mehrfache Verantwortung tragen?

Chaudhry: Natürlich sollte man sich zunächst im Klaren sein, ob das Gebiet, worauf man sich spezialisieren möchte, mit dem Famienleben vereinbar ist. Ich denke, ein zweiwöchiger Einsatz im Ausland ist  gut zu managen, aber alles, was darüber hinausgeht, wird schon etwas schwieriger, vor allem wenn man Kinder hat, die zu Hause bleiben müssen.
Nichtsdestotrotz bin ich der Überzeugung: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wenn man mit einer guten Absicht etwas Realistisches und Wohlüberlegtes vorhat, und dieses dann noch mit Gebeten kombiniert, dann kann man, Alhamdulillah, wirklich alles schaffen! Auch als Frau!

Das Interview führte Samina Tabassum

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Humanity First (Menschlichkeit zuerst) bietet in ihren medizinischen Camps vor allem in Afrika notwendige Hilfe an, wo sie dringend gebraucht wird. Humanity First Deutschland e.V. trägt unter anderem die Verantwortung für das Land Benin. Regelmäßig leisten Ärztinnen und Ärzte ehrenamtlich medizinischen Dienst in dem westafrikanischen Land.

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