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Fünf Momente mit Gott

Von Maria Isabel Losa, London

Beten

Für einige mag das Beten ein leeres Wort ohne wahren Bedeutungsgehalt sein. Für den einen etwas Fremdes und für den anderen eine sinnlose Aktivität. Während die westliche Welt eine Zeit wirtschaftlichen Wohlstands durchlaufen hat, hat sie sich somit allmählich von der organisierten Religion distanziert. Wiederum haben viele im »Westen« das Beten aufgegeben. Einige sehen das Verrichten von Gebeten als eine überholte Tradition. Als ein Ritual aus der Vergangenheit und als »einseitiger« Ruf zu einem »imaginären Gott«. Ohne Antwort. Ohne Ergebnis.

Viele haben sich mit der scheinbaren »Tatsache« abgefunden, dass die grundlegendste Frage des Lebens nicht mit einem gewissen Grad an Sicherheit beantwortet werden kann. Gibt es einen Sinn im Leben? Gibt es Gott? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Im besten Fall glauben viele, dass wir die Antwort auf solche Fragen, wenn überhaupt, erst nach dem Tod erfahren werden.

Ursprünglich lehrten geistige Führer der Welt das Beten, die es für das Kommunizieren mit dem Göttlichen nutzten. Es wurde als eine Tür betrachtet, ein Durchgang in eine andere Welt, in der einst die ewige Stimme gehört werden konnte.

Aber wie siehts heute aus? Ist die Stimme des Göttlichen im 21. Jahrhundert verstummt?

Nun, es gibt wohl nur einen Weg, es herauszufinden. Das Gebet muss auf die Probe gestellt werden, um zu sehen, ob es tatsächlich funktioniert. Das Bittgebet muss als Methode angewendet werden. Die Bemühung um das Gespräch: der Ruf zu Gott. Wir müssen an die Tür klopfen und auf eine Antwort warten.

Gebet

Jedoch wie sollten wir beten? Gibt es einen Leitfaden für ein erfolgreiches Gebet? Wie beten spirituelle Menschen?

Als ich anfing, nach verschiedenen Glaubensrichtungen zu suchen und zu forschen, begann ich mich besonders für eine Religion zu interessieren. Es war die Religion, in der die meisten täglichen Gottesdienste abgehalten werden. Es war der Islam. Ich war fasziniert davon, wie und warum Muslime fünfmal am Tag beten.

Dieselbe Frage stellte einst der Heilige Prophet MuhammadSAW seinen Anhängern. Er fragte sie: »Sagt: Wenn für einen unter euch vor seiner Tür ein Fluss fließt und er sich darin fünf mal täglich wäscht, würde dann etwas Schmutz auf seinem Körper bleiben?« Sie sagten: »Es wird kein Schmutz darauf bleiben.« Der Heilige ProphetSAW sagte weiter: »Dies ist ein Gleichnis für die fünf täglichen Gebete. Allah bereinigt durch sie die Sünden und Schwächen der Menschen.«[1]

Hier sehen wir eine weitere Bedeutungsdimension des Gebetes. Nämlich die Reinigung von allen Unreinheiten, die man im Laufe der Zeit angesammelt hat.

Einst erinnerte uns der Prophet AhmadAS, der spirituelle Wegweiser der Neuzeit, an diese Art des Gebets:

»Das Gebet, das einen Genuss und einen Eifer für mehr Anbetung erzeugt und eine Kommunikation mit Gott herstellt und in aller Demut dargebracht wird, bewirkt eine Veränderung im Leben des Menschen. Und diese Veränderung wird augenblicklich von demjenigen, der so betet, wahrgenommen. Diese Veränderung lässt ihn erkennen, dass er nicht mehr der ist, der er zuvor war.«[2]

Diese Veränderungen, die das Gebet bewirken kann, wurden in den letzten Jahren untersucht und erforscht. Die Studien zeigen viele Vorteile des Betens und der Meditation für die geistige und körperliche Gesundheit auf. Zu den genannten Vorteilen gehören: Abbau von Stress und Angstzuständen, die Förderung einer positiveren Sichtweise[3], Verbesserung der Aufmerksamkeitsfähigkeit[4] und die Bekämpfung von Depressionen[5]. Die Untersuchung zeigt auch eine Korrelation zwischen Beten und einer Verringerung von schädlichen Gewohnheiten, wie z.B. ein übermäßiger Alkoholkonsum[6]. Eine andere Studie hat einen engen Zusammenhang zwischen Beten und der Zufriedenheit in Beziehungen aufgezeigt.[7]

Solche Ergebnisse von Studien zeigen, dass der Nutzen des Gebets weder hypothetisch noch illusorisch ist und dass Gebete nicht nur bloße Wiederholungen von leeren Worten sind. Vielmehr hat das Gebet erfahrbare Auswirkungen. Es bewirkt messbare Veränderungen in uns. Wir können die Auswirkungen beobachten.

Somit scheint das Gebet als solches nicht mehr als eine veraltete Praxis aus der Vergangenheit. Wir können es nutzen, im Hier und Jetzt. Wir können experimentieren und testen. Wir können es anwenden, um seinen Nutzen in vollem Umfang zu ermitteln. Das ist etwas, was ich selbst ausprobiert und später in meinem täglichen Leben umgesetzt habe.

Aber ist es in der heutigen Zeit überhaupt möglich, fünfmal am Tag zu beten? Würde es in unseren vollen Terminkalender passen? Oder würde man es nicht eher als Belastung denn als Vergnügen betrachten?

Solche Fragen können, wenn sie unbeantwortet bleiben, den Verstand vieler stören und sie davon abhalten, es überhaupt zu versuchen. Jedoch meiner Meinung nach sind solche Überlegungen unbegründet, da das Gebet wie eine gesunde Sucht wird. Wenn man es einmal versucht hat, kann man es nicht mehr aufgeben. Man kann es nicht beiseitelassen, noch kann man es ignorieren. Eine unsichtbare Kraft, ein unsichtbares und doch dringendes Bedürfnis kommt aus dem Inneren und bittet, fleht an, mit dem Höheren Wesen zu kommunizieren.

Als Konvertit zum Islam habe ich beide Routinen in meinem täglichen Leben erleben dürfen: einerseits ohne das Gebet und andererseits mit den fünf täglichen Gebeten. Es bedarf keiner Erklärung, dass es keinen Vergleich zwischen den beiden Lebensweisen gibt. Die Erstere war mit ständigem Durstgefühl verbunden. Bei der anderen wurde nicht nur der Durst gestillt, vielmehr erhielt ich ein reichhaltiges und wohlschmeckendes Getränk wie kein anderes, das seinesgleichen sucht. Ich kann ohne jedweden Zweifel bestätigen, dass die Einhaltung der fünf täglichen Gebete in jeden einzelnen unserer Zeitpläne und Tagesabläufe passen kann.

Der Tag eines Muslims beginnt mit dem Morgengebet, einem der schönsten Momente des Tages. Die Sonne am Himmel bricht durch die Wolken und ziert das Firmament auf solcherweise, dass es bewundernswert wirkt. In der Morgendämmerung kann man sich ganz verlieren. Jene, die um diese Zeit wach sind, können die besagten zarten Sekunden bewundern. Der allererste Augenblick dieses geistigen Zustandes erinnert uns daran, dass dies der Beginn eines weiteren Tages ist, an dem die Sonne nicht zufällig aufgeht. In der Tat ist es allein auf die mathematischen Gesetze zurückzuführen, die der Perfekte Schöpfer zur Grundlage dieses schönen Universums gemacht hat.

Dann geht der Tag mit seinen normalen Aktivitäten weiter, bis das nächste Gebet ansteht: das Mittagsgebet. Es lädt dazu ein, in der Mitte des Tages innezuhalten. Innezuhalten, zu sitzen, sich zu entspannen und sich vor dem Herrn niederzuwerfen. Es nimmt einen von allem weg – trennt von dieser Welt.

Der Heilige Prophet MuhammadSAW hat etwas sehr Interessantes gesagt, was erklärend dafür steht, was passiert, wenn ein Muslim sich niederwirft und betet. Es wird als der Augenblick beschrieben, in dem ein Mensch seinem Herrn am nächsten ist. Es ist der Höhepunkt des Gebetes. Der Heilige Prophet MuhammadSAW hinterließ ein wunderschönes Vermächtnis der geistlichen Führung, die sich in den folgenden Worten widerspiegelt: »Während der Niederwerfung (saǧda) im Gebet ist der Mensch seinem Herrn am nächsten. Daher sollt ihr in der Niederwerfung intensiv beten.«[8]

Dieser Moment ist alles.

Diese Stille, mit dem Kopf auf dem Boden, wissend, dass Gott der Allmächtige in dem Moment zuhört, demütigt einen und lässt in Tränen ausbrechen. Man fragt sich, warum sollte ich es wert sein, dass der Schöpfer des Universums mir zuhört? Wenn man wie jede andere Seele ist, wie jedes andere menschliche Wesen, das Geburt und Tod erlebt. Doch dieser Moment existiert. Und er kann von jedem erlebt werden, zu jeder Zeit, bis zu dem Punkt, dass man von einem solchen Gebet süchtig wird. Genau zu diesem Zeitpunkt wird man verstehen, warum Muslime fünfmal am Tag beten.

Mitten am Tag trifft das Nachmittagsgebet ein. Wenn die Sonne anfängt zu sinken, doch kurz bevor sie untergeht, hat man nochmals einen weiteren Moment der Einsamkeit und Abgeschiedenheit für sich selbst. Nur man selbst und sein Herr. Lediglich als eine weitere Erinnerung an unsere Fehler, Grenzen, Bedürfnisse und Bitten.

Wenn die Morgendämmerung majestätisch war, dann lassen Sie uns den nächsten Moment des Gebets nicht vergessen: das Gebet nach Sonnenuntergang. Die goldene Stunde, wie viele diesen Moment wegen des schönen, klaren Lichts am Himmel beschreiben. Der Rest der brennenden Sonne schafft ein großes Kunstwerk am Himmel über uns. Niemand kann das eigene Schaudern leugnen, wenn man die Rottöne, die Orange- und Gelbtöne beobachtet, die sich mit den Wolken vermischen und ein Meisterwerk schaffen. Nicht einmal der beste Künstler könnte dies nachahmen. Einzigartig und unvergleichlich an Schönheit erinnert es den Gläubigen erneut an den wunderbaren Entwerfer, der den Himmel und die Erde geschaffen hat.

Dann neigt sich der Tag dem Ende zu und die Dunkelheit erreicht die Erde. Die Abenddämmerung umhüllt alles um sich. Wir wissen nicht, ob wir morgen noch leben werden oder nicht. So haben wir eine weitere Gelegenheit zu meditieren, uns darauf einzustellen und um Vergebung für unsere Fehler zu bitten, um Hilfe zu flehen oder für jene zu beten, die schwierige Zeiten durchlaufen.

Das Gebetsritual im Islam ist an sich schon umfassend. Von Anfang bis Ende. Eine Bedingung für die Durchführung des Gebets ist die Waschung. Es wird nicht nur mit dem Ziel durchgeführt, Hände, Gesicht und Füße zu waschen, vielmehr ist es eine metaphorische Reinigung der Seele. Sie erlaubt es einem, alle anderen Sorgen und Gedanken beiseitezulassen und sich auf diesen heiligen Moment vorzubereiten. Den Moment der Annäherung an das Göttliche. Der Moment, der seinesgleichen sucht. Der Augenblick mit Gott.

Nach dem Ritual der körperlichen Reinigung mit noch leicht feuchtem Gesicht ist es Zeit für das letzte Gebet des Tages, das Nachtgebet. Eine Zeit, festgelegt auf das endgültige Verschwinden der Abenddämmerung, wenn die Nacht in Dunkelheit gehüllt wird. Kurz vor dem Schlaf ergibt sich eine letzte Gelegenheit zu einem intimen Gespräch mit Gott, bevor der Tag sich dem Ende neigt.

In vielerlei Hinsicht spricht der Islam über die Belohnung jener, die beten und besonders den fünf täglichen Gebeten Folge leisten. Einmal erklärte der Heilige ProphetSAW des Islam: 

»Wenn die Menschen nur wüssten, wie groß die Belohnung für das Rufen zum Gebet und das Stehen in der ersten Reihe ist, dann würden sie dafür das Los ziehen, und in jedem Fall dafür das Los ziehen. Wenn sie die Belohnung für das Mittagsgebet wüssten, würden sie darum rennen, und wenn sie die Belohnung für das Morgen- (d.h. faǧr) und Nachtgebet (ʿišāʾ) wüssten, würden sie für das Gebet kommen, selbst wenn sie kriechen müssten, um dorthin zu gelangen.«[9]

Die fünf täglichen Gebete sind keine bloße Wiederholung des selben Wortlauts oder derselben Sätze. Jedes einzelne von ihnen hat eine einzigartige Schönheit, Pracht und Reichtum. Ich kann mit Worten nicht angemessen beschreiben, was jedes Gebet umfasst. Wie der Seele die Nähe zu Gott gewährt wird. Der Lohn, auf den wir warten, um den wir kämpfen und wonach wir suchen, ist nichts anderes als die Antwort. Diese Verbindung mit dem allmächtigen Gott, die ich persönlich und viele andere wahrgenommen und bezeugt haben. Sie ist kein Trugschluss, sie ist nicht surreal. Gott antwortet auf die Gebete. Dieser Weg ist wert getestet zu werden – es ist wert, diesen individuell anzugehen.

Ich möchte diese Einladung mit einem Zitat des Verheißenen MessiasAS und dem Begründer der Ahmadiyya Muslim Jamaat abschließen, der in einer historischen Abfolge von spirituellen Wegweisern zuletzt erschienenen ist: 

»Solange ein Mensch sich nicht vor Allah den Allmächtigen wirft und sein eigenes Wesen nicht mehr als ein völliges Nichtsein oder Ähnliches betrachtet – dies ist eine inhärente Forderung der göttlichen Vorsehung – kann er Gottes Gnade und Licht nicht empfangen. Wenn sie jedoch diesen Segen empfangen, erleben sie ein intensives Genusserlebnis, das keinem anderen gleichkommt.[10]

María Isabel Losa Serna ist die stellvertretende Redakteurin des spanischen Ablegers von The Review of Religions.

Mehr zu diesem Thema:

Referenzen:
1. Ṣaḥīḥu l-buḫārī, Hadith Nr. 505, Ṣaḥīḥ muslim, Hadith Nr. 667.
2. Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, Malfūẓāt Bd. 6, S. 378.
3. Derrick Wong, M.D. “Mind and spirit”. CentraState Healthcare System. https://web.archive.org/web/20090201075605/http://www.centrastate.com/body.cfm?id=520&action=detail&articlepath=%2FAtoz%2Fdc%2Fcen%2Fcanc%2Fgen%2Fmindspirit.html
4. Julie (Athman) Ernst & Martha Monroe : The effects of environmental- based education on students’ critical thinking skills and disposition toward critical thinking, Environmental Education Research, (2004) 10:4, 507-522, DOI: 10.1080/1350462042000291038
5. Pérez, J.E., Rex Smith, A., Norris, R.L. et al. Types of prayer and depressive symptoms among cancer patients: the mediating role of rumination and social support. J Behav Med 34, 519–530 (2011). https://doi.org/10.1007/s10865-011-9333-9
6. Lambert NM, Fincham FD, Marks LD, Stillman TF. Invocations and intoxication: does prayer decrease alcohol consumption? Psychol Addict Behav. 2010;24(2):209‐219. doi:10.1037/a0018746
7. Nathaniel M. Lambert, Frank D. Fincham, Scott Stanley: “Prayer and satisfaction with sacrifice in close relationships”, Journal of Social and Personal Relationships. (2012) Volume: 29 issue: 8, page(s): 1058-1070. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0265407512449316
8. Ṣaḥīḥ muslim, Hadith Nr. 482.
9. Ṣaḥīḥu l-buḫārī, Hadith Nr. 2689.
10. Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, Malfūẓāt Bd. 1, (Tilford, Surrey: Islam International Publications, 2018), S. 161-162.

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