Geschichtliches Wissenschaft

Großbritanniens größte Moschee: Eine 2000-jährige Geschichte?

Die Sanierung des Komplexes der Bait-ul-Futuh-Moschee in Morden, Großbritannien, der größten Moschee im Vereinigten Königreich, bot Archäologen Gelegenheit, ihre Fundamente zu untersuchen.

Rizwan Safir, Großbritannien

Die Geschichte von Großbritanniens größter Moschee in Morden, bekannt als Baitul Futuh (dt. „Haus der Siege“), ist eine unbeugsame. Seit ihrer Eröffnung im Jahr 2003 hat sie regelmäßig die volle Besucher-Kapazität erreicht – über 10.000 an der Zahl – und beherbergt alles, von Friedenskonferenzen, Ausstellungen und Sportaktivitäten bis hin zu örtlichen Schulprüfungen, Hochzeiten und sogar einer Ausgabe der Fragestunde auf BBC Radio 4. Dies geschah neben der Erfüllung ihrer wichtigsten Kernaufgaben; die fünf täglichen Gebete, die wöchentlichen Freitagspredigten, die zweimal jährlichen muslimischen Feiern des Eid und die zahllosen spirituellen Programme zum Nutzen ihrer Gemeindemitglieder.

Die Moschee heißt Besucher und Gläubige aus der ganzen Welt willkommen, jedoch kam das rege Leben am 26. September 2015 abrupt zum Erliegen. Ein loderndes Feuer fegte durch den Verwaltungskomplex. 70 Feuerwehrleute und 10 Feuerwehrfahrzeuge bändigten die Flammen in einem mehrstündigen Kampf.

Der Moscheeteil des Komplexes blieb vom Feuer wie durch ein Wunder unberührt und innerhalb einer Woche hatte die Moschee selbst ihre Türen wieder geöffnet. Etwas geknickt, aber entschlossen, nahm sie ihre Aktivitäten wieder auf und erblühte erneut. Jetzt, mehr als sieben Jahre später, nähert sich eine atemberaubende Neuentwicklung der Fertigstellung, worin die Fassade verändert und der alte Verwaltungstrakt einem hochmodernen Komplex gewichen ist, der über eine noch größere Kapazität verfügt.

Der Name „Haus der Siege“ passt vermutlich perfekt zu diesem standhaften Denkmal. Aber die Geschichte der Moschee und des Standorts, den sie einnimmt, reicht viel weiter zurück als bis zum 3. Oktober 2003, als sie zum ersten Mal ihre Türen öffnete. Der Platz liegt nämlich an einem wichtigen Weg des Römischen Reiches, der Zeuge der Anwesenheit angelsächsischer Gemeinden war, bis ins 20. Jahrhundert ein ländliches Feld für die Landwirtschaft blieb und in den 1950er Jahren eine der fortschrittlichsten Milchverarbeitungsanlagen der Welt beherbergte. Während sie sich auf ihre neue Zukunft vorbereitet, erkunden wir hier das 2000-jährige Erbe dieser denkwürdigen Stätte,

Eine alte anliegende Römerstraße

Die Neugestaltung des Komplexes bot Archäologen die Gelegenheit, die Stätte zu untersuchen und herauszufinden, was darunter überlebt haben könnte. Die Planungsvorschriften im Vereinigten Königreich verlangen von jeder neuen Baustruktur, dass Archäologen den Platz untersuchen können, um alle Belege der alten Geschichte aufzuzeichnen, bevor sie von modernen Bauten bedeckt und verschlungen werden. Die Untersuchung hier ergab, dass die Stätte von Baitul Futuh direkt an einem großen römischen Weg liegt, der London (oder Londinium, wie es von den Römern genannt wurde) mit der Stadt Chichester verband.

Beispiel einer gut erhaltenen Römerstraße in Großbritannien © Copyright Nigel Homer

Die Römer fielen vor fast 2000 Jahren im Jahr 43 n. Chr. in Großbritannien ein, gründeten schnell Städte sowie Zentren und schufen ein verzweigtes Straßennetz quer durch das Land. Viele dieser Strecken blieben in Gebrauch und wurden Teil des nationalen Straßennetzes des Vereinigten Königreichs. Erst mit der Einrichtung des Verkehrsministeriums im frühen 20. Jahrhundert wurde offiziell ein neues nationales Autobahnsystem eingerichtet.

Diejenigen, die mit dem Südwesten Londons vertraut sind, werden Teile dieses Netzes kennen und täglich passieren, einschließlich eines Großteils der Hauptstraße A24, die durch die Londoner Bezirke Clapham, Balham, Tooting, Colliers Wood und schließlich Morden führt, wo heute Baitul Futuh steht.

Als Archäologen vor Ort ankamen, stellten sie fest, dass der darunter liegende Boden durch frühere Bautätigkeiten – aus der Zeit vor dem Bau der Moschee – stark manipuliert war, was auch die Fundamente des Gebäudes schwer in Mitleidenschaft zog. Die Manipulation bedeutete, dass keine römischen Artefakte gefunden wurden, aber an nahe gelegenen Punkten wie High Street Colliers Wood und entlang der angrenzenden London Road gibt es Hinweise auf die römische Straße. Wenn die Straße zwischen diesen beiden Punkten in einer geraden Linie verlaufen würde, würde sie den aktuellen Baitul Futuh-Komplex durchqueren.

Karte von Morden, die die Linie der Römerstraße zeigt, die durch das Gelände von Baitul Futuh kreuzt (Quelle: https://archaeologydataservice.ac.uk/archives/view/romangl/map.html)


Dies deutet darauf hin, dass diese Stätte vor Tausenden von Jahren Zeuge von Händlern, Familien, Gelehrten, Wanderern, Stammesangehörigen und römischen Soldaten gewesen sein mag, die zwischen London und dem weiteren Netzwerk des römischen Großbritanniens hin und her zogen.

Mittelalterliches Morden

Um 410 n. Chr. war die römische Präsenz in Großbritannien bereits verblasst. Kaiser Honorius in Rom, der mit inneren wie äußeren Probleme auf dem gesamten europäischen Kontinent konfrontiert war, schrieb an die Römer in Großbritannien und wies sie an, dass die Zentralverwaltung sie nicht länger unterstützen würde. Das hinterlassene Vakuum lud Stämme und Plünderer wie die Anglos, Sachsen und Juten ein, Territorien innerhalb Großbritanniens unter ihre Kontrolle zu bringen.

In dieser Zeit tauchte erstmals der Name „Morden“ auf, der später, 968 n. Chr., als Landschenkung erwähnt wurde. Morden wuchs als mittelalterliches Dorf rund um die Kirche St. Lawrence nur etwa 600 m südlich der heutigen Baitul Futuh Moschee. Ein angelsächsischer Friedhof wurde auch nördlich von Baitul Futuh in der Nähe des Morden Hall Park gefunden und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgegraben, was darauf hindeutet, dass hier im Mittelalter eine ziemlich große Gemeinde gelebt haben muss.

Menschliche Überreste vom angelsächsischen Friedhof, gefunden in der Nähe der Morden Road, Ausgrabungen Anfang des 20. Jahrhunderts © London Borough of Merton www.merton.gov.uk/memories

Über das Grundstück von Baitul Futuh ist aus dieser Zeit nicht viel bekannt – es lag höchstwahrscheinlich als offenes Gelände östlich der Römerstraße, die zu diesem Zeitpunkt noch ausgiebig genutzt wurde. Ein schneller Vorlauf bis 1762, die Zeit der Einführung detaillierterer Karten, zeigt, dass es ein offenes Feld geblieben war und als solches bis in die 1950er Jahre bestand.

Milch in Morden

Im Jahr 1951 verwandelte sich der Ort von einem verschlafenen Vorstadtfeld in einen zentralen Knotenpunkt ständiger Geschäftigkeit und Aktivität. Der Bau einer Abfüll- und Pasteurisierungsanlage der Express Dairy Company begann. Diese wurde zu einer der führenden Anlagen ihrer Art. Ein Film über das Netzwerk von Express Dairy aus dem Jahr 1954 zeigt ihren Betrieb von innen, voll ausgestattet mit modernster Technologie und Hunderten von Arbeitern. Ein Zitat aus dem Film beschreibt die Molkerei als „die modernste ihrer Art weltweit“.

Bemerkenswerterweise hatte der Standort einen eigenen Bahnhof. Diejenigen, die mit Baitul Futuh vertraut sind, können die gleichen Spuren heute vom nördlichen Rand des Moscheenkomplexes sehen. Hier kamen Tag und Nacht 3000-Gallonen-Tanker an, die jeweils 14 Tanks aufnehmen konnten. 120.000 Gallonen pasteurisierte Milch konnten hier in 24 Stunden verarbeitet werden, was einer Million Flaschen Milch pro Tag entspricht. Es war eine ständige Produktion, die mehrere Jahrzehnte lang einen Knotenpunkt innerhalb von Morden bilden sollte.

Die Express Dairy-Eisenbahnlinie im Werk South Morden am 14. April 1977 © Kevin Lane

Mit dem Aufkommen von Supermärkten und dem stetigen Rückgang von Flaschenmilch wurden Express Dairy und sein Vorzeigeprodukt Dairy Plant nicht mehr genutzt und 1992 eingestellt.

Von der Milch zur Moschee

1996 wurde das Gelände von der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde gekauft und sodann mit der Umwidmung des Geländes begonnen. Die vollständig von Mitgliedern der Gemeinde finanzierte Moschee und ihr erweiterter Komplex wurden 2003 eröffnet und dabei nicht nur zur größten Moschee Großbritanniens, sondern ganz Westeuropas.

Die Fassade von Express Dairy von 1954 (Quelle: https://www.yfanefa.com/record/24288).

Die Fassade von Baitul Futuh, die viel von der ursprünglichen Form des Express Dairy-Gebäudes bewahrt (Wikicommons)

Hunderttausende Menschen haben seitdem den Komplex besucht. Vor dem Brand und vor Covid veranstaltete man hier regelmäßig die größte Eid-Versammlung in Großbritannien. Tausende von Hochzeitszeremonien wurden in den Hallen des Gebäudes abgehalten. Anfragen zur Buchung einer der Hallen erstreckten sich oft über ein Jahr im Voraus, mit einer ununterbrochenen Liste von religiösen Programmen, externen Seminaren, akademischen Konferenzen, Kampfsportkursen, Basketball- und Badmintonstunden, Fitnessprogrammen, Wohltätigkeitsessen, Berufsberatungstreffen, Kleidung und Essens-Ständen, Trainingstage… die Liste ließe sich fortsetzen.

Die neue Fassade der Bait-ul-Futuh-Moschee (Quelle: AMA UK)

Während die Moschee in eine neue Blüte eintritt und sich von den traumatischen Ereignissen des Feuers von 2015 erholt, kann sie stolz dastehen und über das Erbe, die Geschichte und das Erbe des Bodens reflektieren, auf dem sie steht. 2000 Jahre in der Vergangenheit beginnend kann das „Haus der Siege“ vielleicht weitere 2000 Jahre der Zukunft bewahren.


Über den Autor: Rizwan Safir ist Redakteur der Archäologie-Sektion von The Review of Religions und derzeit Vorsitzender der Ahmadiyya Muslim Research Association im Vereinigten Königreich. Beruflich arbeitet er als Forschungsleiter für Barker Langham, eine Kulturberatung, die Museen und archäologische Forschungsprojekte entwickelt und sich auf die Region des Nahen Ostens spezialisiert hat. Er arbeitet seit über 10 Jahren an archäologischen Projekten im Nahen Osten.

ENDNOTEN:

https://archaeologydataservice.ac.uk/archiveDS/archiveDownload?t=arch-1124-1/dissemination/pdf/preconst1-357238_1.pdf
https://photoarchive.merton.gov.uk/
https://www.yfanefa.com/record/24288
https://archaeologydataservice.ac.uk/archives/view/romangl/map.html
https://www.english-heritage.org.uk/learn/story-of-england/romans/

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