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Ist Ibn Khaldun der vergessene Vater der Ökonomie? Spezialinterview mit dem Ökonomen Dániel Oláh

Ibn Khaldun
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Die Wirtschaftsgeschichte ist eine Fundgrube für außergewöhnliche Theorien, intellektuelle Geistesströmungen und Vorstellungen. Und doch ist ein großer Teil der Geschichte des wirtschaftlichen Denkens im Dunkeln verborgen geblieben, trotz einiger Bemühungen von Historikern und Wirtschaftswissenschaftlern in den letzten Jahren. Das arabisch-muslimische Wirtschaftsverständnis ist einer dieser vergessenen Bereiche. In der Tat ist die Arbeit, die sich bisher durchgesetzt hat, die »Große Lücke« (Great Gap) von J.A. Schumpeter, beschrieben in seiner »Geschichte der ökonomischen Analyse« (History of Economic Analysis), die nach seinem Tod 1954 veröffentlicht wurde. Ihr Einfluss ist bis heute spürbar, da die meisten Historiker des ökonomischen Denkens nur Schumpeters Analyse wiederholten und mit einem Federstrich mehr als fünf Jahrhunderte des ökonomischen Denkens im Islam auslöschten. 

The Review of Religions interviewte Dániel Oláh, einen ungarischen Wirtschaftswissenschaftler und Redakteur, der Schumpeters Mythos der »Großen Lücke« (Great Gap) demontiert und uns einen Einblick in die Arbeit des berühmten Gelehrten Ibn Khaldun gibt, der als »Stiefvater der Ökonomie» gilt. Im Folgenden finden Sie das Transkript des Gesprächs zwischen Dániel Oláh (DO) und Ahmed Danyal Arif (ADA), Redakteur der Wirtschaftsrubrik von The Review of Religions.

ADA: Vor ein paar Jahren haben Sie, Professor Oláh, einen Artikel mit dem Titel »Der bemerkenswerte arabische Gelehrte, der Adam Smith um ein halbes Jahrtausend schlug« geschrieben. Ich möchte damit beginnen, Sie zu fragen, wie Sie sich für das Thema des islamischen Wirtschaftsdenkens interessiert haben?

DO: In erster Linie interessierte ich mich für eine plurale Form der Ökonomie mit einer ehrlicheren Geschichte des Fachgebiets. Ich würde sagen, dass Ideologien in der Ökonomie eine größere Rolle spielen als in den Naturwissenschaften. Wenn man also über Gesellschaft und Wirtschaft nachdenken, verstehen und Vorhersagen treffen möchte, muss man heterodoxe Schulen und Ideen kennen. Das Bedürfnis nach einem breiteren Fokus hat mich auf dieses Forschungsgebiet gelenkt.

ADA: Sie zitieren eines der bahnbrechendsten Werke auf dem Gebiet der Geschichte des ökonomischen Denkens: »Geschichte der ökonomischen Analyse«, geschrieben von Joseph Schumpeter. Meine Frage ist, wie hat dieses Buch ein falsches Narrativ besiegelt, das von neoklassischen Ökonomen geschaffen wurde? Wäre es richtig zu behaupten, dass Schumpeters Hauptfehler darin bestand, ein goldenes Prinzip bei der Überprüfung der historischen Theorie zu vergessen, nämlich die Weltereignisse so zu studieren, als bildeten sie eine Kette und diese Kette zu untersuchen, um herauszufinden, ob das Glied an seinen richtigen Platz eingefädelt werden kann oder nicht?

DO: Es gibt die sogenannte »Große Lücke« in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften. Der Begriff wird Schumpeter zugeschrieben, der den Mangel an relevantem wissenschaftlichem ökonomischen Denken in 500 Jahren, von den Griechen bis Thomas von Aquin, hervorhebt. Viele Forscher haben bewiesen, dass dies ein falsches Narrativ ist.

Da die Ökonomie keine wertfreie, objektive Wissenschaft ist, könnte die Geschichte des ökonomischen Denkens auch durch die unterschiedlichen Linsen verschiedener Ökonomen betrachtet werden. Einige ökonomische Schulen neigen dazu, eine grandiose Geschichte zu zeichnen, die ihre aktuellen Ideen verifiziert, indem sie einen historischen Entwicklungspfad präsentieren, der direkt zum aktuellen Stand der Ökonomie führt, der natürlich die modernste Version davon ist. Dies ist eine Möglichkeit, die Legitimität einer Denkschule zu erhöhen. Wenn man den stärksten »Stamm« von Ökonomen etablieren will, muss man auch eine Geschichte hinter dieser Gemeinschaft aufbauen.

Und manchmal begeht man bei diesem Unterfangen den Fehler des Präsentismus, d.h. eine anachronistische und unhistorische Verwendung von Ideen der Gegenwart in der Beschreibung der Vergangenheit. Was sich nicht ganz vermeiden lässt, wenn man über die Geschichte der Ökonomie sprechen will. Aber der Gegenwartsbezug kann auch in ein großartiges erzählerisch-pädagogisches Werkzeug verwandelt werden, um historische Ideen und Denker interessanter zu machen. Ich behaupte nicht, dass mein Artikel frei von den oben genannten methodischen Problemen ist, mehr noch: Er ist eine Gegenerzählung, um den Pluralismus und den Wettbewerb der Ideen in der Wirtschaftswissenschaft zu erhöhen.

Eines der besten Beispiele für eine höchst subjektive, gegenwartsbezogene Art, die Geschichte der Ökonomie zu analysieren, bietet die neoklassische Ökonomie. Ich habe Dutzende von Büchern über die Geschichte des Denkens untersucht und die meisten von ihnen präsentieren die »Geschichte« beginnend mit Denkern der frühen Neuzeit, in einigen Fällen mit einer Einführung in die griechische Ära. In der Praxis existiert die »Große Lücke« von Schumpeter als eine inhärente Art des neoklassischen Storytellings.

ADA: Unter den vernachlässigten Figuren der Wirtschaftsgeschichte haben Sie Ibn Khaldun (1332-1406 n. Chr.) erwähnt. Wer war er und was ist an seinem Denken für die moderne Wirtschaftstheorie so vertraut?

DO: Wie ich in meinem Artikel schreibe, wird aufgrund der selbstgeschaffenen Lücke in unseren Köpfen einer der einzigartigsten islamischen Denker des Mittelalters meist ausgelassen. Ibn Khaldun, der andalusische Gelehrte und Politiker, ist normalerweise nicht Teil der Mainstream-Lehrbücher der Neoklassik, die meist implizieren, dass die Wirtschaftswissenschaften mit dem Merkantilismus oder der schottischen Aufklärung beginnen. Wenn ich einen Denker auswählen konnte, um die Idee zu widerlegen, dass Adam Smith der »Vater« der Ökonomie ist, gibt es vielleicht noch viel weitere verborgene Territorien in der Geschichte des Denkens, die aufgrund unserer intellektuellen Bequemlichkeit unentdeckt bleiben.

Auf der einen Seite strebt die Mainstream-Ökonomie danach, eine wissenschaftliche Methode zu werden. Andererseits baut sie, um sich zu rechtfertigen, das Bild eines autoritären Helden auf. Auf diese Weise wurde Adam Smith zur popkulturellen Ikone des neoklassischen – und neoliberalen – Denkens.

Wenn die Neoklassiker Adam Smith als den Vater bezeichnen, dann betrachte ich Ibn Khaldun als den Stiefvater der Ökonomie. Und es gibt noch viele weitere Stief- oder Großväter der Ökonomie. In meinem Artikel argumentiere ich, dass es im 14. Jahrhundert ein wissenschaftliches Denken über die soziale Welt gibt, das in gewissem Maße noch komplexer ist – ich vermeide es zu sagen, mehr entwickelt – als das von Adam Smith. »Dazu gehört zum Beispiel die Verwendung von Schnitzereien für Türen und Stühle. Oder man drechselt und formt geschickt Holzstücke in einer Drechselbank, und dann setzt man diese Stücke zusammen, so dass sie dem Auge wie aus einem Stück erscheinen« – schreibt Khaldun über die Arbeitsteilung ebenso eloquent wie Smith über die Stecknadelfabrik.

Khaldun schrieb im Stil von Alfred Marshall über das Verhältnis von Angebot und Nachfrage und erfand neben vielem anderen eine Version der Arbeitswerttheorie. Es ist kein Zufall, dass sich Ronald Reagan selbst auf Khaldun berief und auch Arthur Laffer ihn als Vorläufer der Angebotsökonomie bezeichnete. Dies ist übrigens ein weiteres Paradebeispiel dafür, wie die neoklassische Ökonomie die Wirtschaftsgeschichte formt, um ihre Existenz mit ahistorischen Vereinfachungen zu rechtfertigen. Deshalb weise ich darauf hin, dass wir ihn genauso gut als Keynesianer bezeichnen könnten.

ADA: Seine Überlegungen zur Frage der Besteuerung und die Verbindung, die er mit einem scheinbaren »Wirtschaftskreislauf« herstellt, sind ebenfalls recht bahnbrechend. Können Sie uns Ihre Gedanken dazu mitteilen und was das für Sie bedeutet?

DO: »Geld zirkuliert zwischen Untertanen und Herrscher, bewegt sich hin und her. Wenn nun der Herrscher es für sich behält, ist es für die Untertanen verloren.« – schreibt Khaldun und betont, dass, wenn ein Herrscher die Ausgaben einstellt, die Wirtschaft einbricht und die Gewinne aufgrund des Kapitalmangels sinken. Obwohl Khaldun ein hohes staatliches Engagement in der Wirtschaft nicht befürwortet, misst er den Staatsausgaben auf der Nachfrageseite eine große Bedeutung bei, die sich später in erhöhte Steuereinnahmen verwandelt. Die Dynastie ist der Markt aller Märkte, eine zentrale Einheit, von der andere, kleinere Märkte abhängen. Die Regierung sollte ihre Ressourcen angemessen ausgeben, damit die Menschen konsumieren können. Die gegenseitige Abhängigkeit in einem komplexen, zyklischen Wirtschaftssystem – das ist eine ökonomische Botschaft.

Aber es gibt noch eine zweite: Nach Khalduns zyklischer Theorie ist der Hoheitsträger (Herrscher, Staat) wie ein Lebewesen mit einem Lebenszyklus von der Geburt bis zum Tod. Es ist wichtig zu beachten, dass Khaldun nicht von Ökonomie als Wissenschaft spricht. Seine ökonomische und soziologische Analyse dient als Grundlage einer breit angelegten Theorie, die den Lebenszyklus von Gesellschaften und Zivilisationen beschreibt. Komplexe ökonomische Argumente sind hier Nebenprodukte, die eine methodische Grundlage für Khalduns historische Arbeit bilden. In diesem Werk wird betont, dass die Wirtschaft nur ein Teil des sozialen Systems ist, was dem Wesen des Begriffs »politische Ökonomie« entspricht, im Gegensatz zur Praxis des ökonomischen Imperialismus.

ADA: Und abgesehen von Ibn Khaldun, gibt es Ihres Wissens nach andere arabisch-muslimische Gelehrte und/oder Ideen, die in Vergessenheit geraten sind?

DO: Ich stimme John Maynard Keynes zu, wenn er sagt: »Praktische Männer, die glauben, dass sie von jeglichem intellektuellen Einfluss befreit sind, sind gewöhnlich die Sklaven irgendeines untergegangenen Ökonomen.« Die Aufgabe besteht nicht nur darin, diese Ideen zu finden, sondern sie auch zu kommunizieren und den Mainstream mit neuen Erkenntnissen zu formen. Al-Ghazali mit seiner Version des Greshamschen Gesetzes ist nur ein Beispiel. Ich bin mir sicher, dass islamische Ökonomen zu diesem Thema viel mehr sagen könnten als ich, aber kurz gefasst ist das Greshamsche Gesetz ein monetäres Prinzip, das besagt, dass »schlechtes Geld gutes Geld verdrängt«. Die Menschen werden die »schlechten« Münzen eher abgeben als die »guten«, weil sie die wertvolleren »guten« Münzen für sich behalten wollen. Also wird die wertvollere Ware aus dem Umlauf verschwinden.

ADA: In der Tat erinnert mich das alles an die Wichtigkeit des Strebens nach Wissen, die in den islamischen Lehren immer wieder betont wird. Ich meine, Ihr Artikel ist ein Zeugnis dafür! Glauben Sie, dass dieser Wissensdurst ein Faktor ist, der eine Schlüsselrolle bei der Entstehung dieses »Ideenreichtums« gespielt hat?

DO: Khaldun hat es ernst genommen, indem er auch eine klare pädagogische Philosophie entwickelt hat. Er schrieb über pädagogische Methoden und Verfahren. Fragen der Wissensbildung und -vermittlung waren für ihn von zentraler Bedeutung.

Er entwickelte auch eine eigene, neue Methode zur Erzeugung von verlässlichem Wissen und lehnte frühere Traditionen ab, die sich vor allem auf die Autorität des Überlieferers stützten. Er akzeptierte keine historische Erzählung bedingungslos und ohne Fragen. Er wollte die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Mechanismen kennen, um die absurden Geschichten der Historiker zurückweisen zu können. Dieser Ansatz machte ihn zu einem der ersten Sozialwissenschaftler der Welt. Er erklärte auch, dass er eine völlig neue, originelle und unabhängige Wissenschaft betreibe, die es vorher nicht gegeben habe. Der Durst nach Wissen ließ ihn das erreichen.

Deutsche Übersetzung von Manan Wagishauser. Der englische Artikel kann hier gelesen werden.

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