Ahmadiyya Jalsa Salana Deutschland

Meine erste Jalsa – Ein persönlicher Bericht

Muhammad Yunus Mairhofer

Ich, als Konvertit, war anfangs etwas irritiert, wenn ich zum wiederholten Male von jemandem nach meiner Geschichte gefragt wurde. Die Irritationen reichten von falscher Bescheidenheit bis hin zum Generftsein – bis mich ein damaliger Wegbegleiter darauf hinwies, dass diese Geschichte quasi nicht mein Eigentum sei, sondern die Leute das Recht hätten, sie zu erfahren. Gott sei Dank habe ich diesen Ratschlag eingesehen und seither weniger gezögert, das Gewünschte preiszugeben. 

Gefragt also nach den Erfahrungen meiner ersten Jalsa Salana lässt sich Folgendes berichten:

Ein Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch meine Reise zur Jalsa Salana zieht, ist, dass ich eigentlich nichts selbst in der Hand hatte. Weder war es meine eigene Idee gewesen, dorthin zu fahren, noch habe ich den Flug selbst gebucht, noch gewusst, wohin es wirklich genau geht und was mich dort erwarten würde. Mir war bewusst, dass ich mich auf nach London machte, zu meinem Kalifen, aber ich kannte dort ansonsten keine Menschenseele. 

Bald stellte sich heraus, dass ich nicht einmal wusste, wie man richtig per Flugzeug reist. Da der KLM-Flug von Wien über Amsterdam ging, musste ich dort umsteigen. Deshalb wartete ich am amsterdamer Flughafen-Gepäcksband auf meinen Koffer, um ihn dann erneut für den Anschlussflug aufzugeben! Als sich nach ewigem Warten die Abflugszeit des Anschlussflugs bedrohlich genähert hatte, überlegte ich mir, ob die Koffer vielleicht doch automatisch umgeladen wurden und begann zu rennen, um noch rechtzeitig am Gate anzukommen. Dort war schon alles leer und aufgeräumt.

Zitternd vor Schock wandte ich mich an den Check-In-Beamten. Demütig streckte ich ihm trotz meiner Verspätung noch meinen Reisepass entgegen, um zu hören: »Der ist abgelaufen.« Mit diesem Pass könne ich den Schengenraum nicht verlassen. Ich hatte keine Ahnung. Technisch gesehen war hier meine bescheidene Reise zu Ende. 

Tatsächlich aber ereignete sich an dieser Stelle ein erstes von vielen wundersamen Ereignissen. So kam es, dass neben dem Mann am Schalter sich eine Art Trennwand befand, wohinter ausgerechnet in diesem Moment meiner Enttäuschung ein nicht-uniformierter Mann hervortrat, der dem Schaltermann meinen Pass aus der Hand nahm, einen Blick darauf warf und mich durchwinkte an Bord. Alhamdulillah!

Angekommen in Großbritannien wurde ich jedenfalls zielsicher von den Grenzbeamten, die mir nun sagten, dass ich umkehren müsse, aus den Einreisenden herausgefischt. Nachdem sie mich aber dann etwa eine halbe Stunde wo sitzen ließen, wurde ich, nur Gott weiß wie, auch an dieser Stelle weitergewinkt und ins gelobte Land gelassen. Alhamdulillah!

Draußen erwartete mich später ein Fahrer mit meinem Namen auf einem Schild stehend. In diesen Tagen trug ich übrigens eine selbstgenähte Wollhose, eine Weste, die eigentlich ein Jacket mit abgetrennten Ärmeln war und ein Topi, das eigentlich ein Sonnenhut gewesen war, dessen Krempe ich entfernt hatte. Ich weiß nicht, welcher Anblick sich da dem netten Herrn bot, der mich wiederum nicht einfach nur abholte, sondern mir sogar meinen Trolly abnahm und mich wie einen Ehrengast zu seinem Auto führte – einem Mercedes S-Klasse! Ich erinnere mich, wie ich auf der Fahrt hinten buchstäblich hin- und herfiel, ob des Überangebots an Platz. Er bot mir an, mich aus dem mit Bonbons gefüllten Aschenbecher zu bedienen und brachte mich zu einer Art Internat, das über die Ferien leerstand und worin die Gemeinde deshalb einige ihrer Auslandsgäste unterbrachte. 

Dort freundete ich mich schnell mit einigen Brüdern aus den USA an, und wir hatten sogar unseren eigenen jungen Imam, Shahid Butt Sahib, der damals mit einer Gruppe von Gästen aus Albanien angereist war und in der Unterkunft die Fajr Gebete leitete. 

Kurz vor der Abreise aus Wien hatte mir mein Freund und späterer Sadr Jahangir Alam Sahib einen sündteuren ‚Mont Blanc‘ Kugelschreiber als Willkommensgeschenk in der Gemeinde gegeben. Der Fahrer unseres Minibusses, der uns die ganze Jalsa über selbstlos und geduldig durch alle Staus und Pfützen brachte, hatte diesen bemerkt und bewundert, weshalb ich ihm vorschlug, dass er mir seinen 5 € Parker Kuli dafür geben könne. Nachdem er mich noch dreimal fragte, ob ich sicher sei, war unser Tausch perfekt und ich fühlte mich mit dem neuen Schreibgerät gleich viel unbeschwerter. Bis heute, wenn ich nach England komme und wir uns über den Weg laufen, grüßt er mich schon von Weitem mit einem freundlichen Grinsen!

Die Leute unserer Gruppe, die im Internat untergebracht war, wurden allesamt als Tabshir-Gäste mit goldenen Jalsa-Pässen ausgestattet. Dadurch hatte ich freien Zugang zu so gut wie allen Bereichen. So saß ich ziemlich weit vorne, als also meine erste Jalsa begann – mit dem Ruf zum Freitagsgebet. Da die Stimme so entzückend war, hoffte ich in meiner Naivität, dass dies vielleicht die Stimme meines Imams ist. Doch als kurz darauf tatsächlich seine Stimme aus den Lautsprechern ertönte, war ich erst richtig im Bann. Zudem konnte ich dann auch schon direkt sein Gesicht erkennen, umgeben von einem Licht und Glanz, welche ich zuvor noch nie gesehen hatte. 

Soweit ich mich noch richtig erinnere, war es die darauffolgende Freitagspredigt, in der Hudhur unter anderem verkündete, dass es zwar nur einen Kalifen gebe, jedoch die Plätze links und rechts von ihm jederzeit freistünden, um eingenommen zu werden – was tatsächlich für jeden gottesfürchtigen Menschen ein wunderschöner Ansporn war, in spiritueller Hinsicht nicht anspruchslos zu sein.

So ereignete sich auf dieser Jalsa Salana Großbritannien 2007 und die Tage danach ein Erlebnis nach dem anderen. Um den Rahmen dieses Artikels jedoch nicht zu sprengen, möchte ich mich hier auf ein letztes Ereignis beschränken. Am Sonntag, dem dritten Tag der Veranstaltung, hielt ich es am Nachmittag für angebracht, vor dem Hauptzelt etwas hin- und herzuspazieren. In dem Moment fragte mich ein anderer junger Mann, was ich denn hier machte und so sagte ich es ihm – dass ich eben etwas spazieren wollte. Daraufhin fragte er mich, ob ich denn nicht wusste, was drinnen nun gerade vor sich ging. Ich sagte: »Nein.«

Während er mich bei der Hand nahm und bat mitzukommen, stellte er mir einige Fragen, wie: Woher ich käme, wie ich hieß und – wann ich das Bai’at gemacht hatte. Es muss ca. 3 Wochen her gewesen sein. Vertrauensselig ließ ich mich von ihm wieder zurück ins Hauptzelt bringen, wo er mich, nachdem er mit einigen Leuten hier und da gesprochen hatte, auf einen Platz hinsetzte. Dies war der Platz, neben genau dem nur wenige Minuten später unser geliebter Imam – gehüllt in den Mantel des Verheißenen MessiasAS – sich niederließ, meine Hand auf die seine legte und darüber jene der anderen im Kreis sitzenden Freunde, und wir sprachen: 

»Ašhadu an lā ilāha illallāh wa-ašhadu anna muḥammadan ʿabduhū wa-rasūluh.«

Ich bezeuge, dass niemand anbetungswürdig ist außer Allah, und ich bezeuge, dass Muhammad Sein Diener und Sein Gesandter ist.

Über den Autor: Muhammad Yunus Mairhofer ist ein österreichischer Ahmadi-Muslim und Redaktionsmitglied von Die Revue der Religionen.

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