Jalsa Salana Unterwegs

Auf dem Fahrrad nach Großbritannien

Reisebericht eines demütigen Kämpfers über die Fahrradtour von Deutschland zur Jalsa Salana in Großbritannien 2022

von Danyyal Azher Tariq

Treffpunkt und Start der Radtour in der Aachener Mansoor Moschee

Vor etwa zwei Monaten traf ich den Amir, sprich den Bundesvorsitzenden, der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland zum Mittagsgebet in der Bait-ul-Shakoor Moschee in Nasir Bagh Groß-Gerau. Dort erzählte mir Herr Wagishauser, dass er in einer Privataudienz mit Seiner Heiligkeit, Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA, dem weltweiten Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, um eine Genehmigung für die Radtour von Deutschland nach England gebeten hatte. Und Seine Heiligkeit hatte sie auch erteilt. Aufgrund der noch bestehenden Pandemie war es eigentlich nur ganz bestimmten Personen aus dem Ausland erlaubt, die Jahreshauptversammlung (Jalsa Salana) im Vereinigten Königreich zu besuchen.

Sofort fragte ich also: „Ist es möglich, dabei zu sein?”, worauf Amir Sahib antwortete: „Noch siehst du nicht fit aus! Bist schon lange kein Fahrrad gefahren?! Dann müsstest du jetzt zügig trainieren und mir mal deine Strava-Werte zeigen.”
Tatsächlich hatte ich eine längere Radsport-Pause eingelegt. Alsbald rief ich einige Sportsfreunde aus der Umgebung an, um mit dem Training so schnell wie möglich beginnen zu können. 

Die Radtour zur Jahreshauptversammlung in UK hat mittlerweile eine langjährige Tradition. Mitglieder der AMJ in Deutschland fuhren bereits vor der Pandemie, oft angeführt von Amir Sahib persönlich, jährlich auf die Insel, um einerseits die Jalsa Salana durch sportliche Aktivität für sich zusätzlich aufzuwerten und andererseits, um unter dem Motto “Muslime für Frieden” die Botschaft des Islam zu verbreiten. Unter “Muslime für Frieden” wird versucht, unterwegs mit Menschen in den Dialog zu treten, um u.a. über den Islam zu sprechen und Missverständisse zu beseitigen. Auch die sportliche Aktivität hat im Islam einen hohen Rang. In einer Überlieferung heißt es, dass der Heilige Prophet MuhammadSAW sagte: „Der (körperlich) starke Gläubige ist besser und vor Allah liebenswürdiger als der (körperlich) schwache Gläubige.” Dieser Aussage ist so zu verstehen, dass ein gesunder und starker Mensch seinem Glauben viel besser dienen und ihn durch die höhere physische und psychische Belastbarkeit besser ausleben kann. 

Die Tour rückte näher, doch leider war es, wie Gott es wohl wollte, mir nicht möglich, vor der Tour zu trainieren. Denn etwa 3 Wochen vor Beginn der Fahrradtour wurde ich krank. Die Grippe zog sich in die Länge und die Aussichten wurden immer schlechter. Ich war über meine Gesundheit und über die Radtour so besorgt, dass ich zu meinem Hausarzt für ein Beratungsgespräch ging und ihn fragte, ob eine baldige und derartige körperliche Belastung möglich sei. Die Ärztin riet davon ab und verschrieb mir weitere Medikamente sowie Bettruhe. Dies wollte ich allerdings nicht wahrhaben. Denn dies sollte heißen, dass ich den Kalif der Zeit nicht sehen könnte. Einige Tage vor der Radtour schrieb ich Seiner HeiligkeitABA einen Brief und erbat Gebete für meine Gesundheit und äußerte meinen innigen Wunsch, an der Radtour teilnehmen zu können. Durch Gottes Gnade bekam ich daraufhin tatsächlich die Möglichkeit, an der Radtour teilzunehmen und konnte täglich etwa 120 – 150 km zurücklegen. Mir war meine gesundheitliche Lage zwar bewusst, jedoch war der Wille, den Kalifen, Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA , zu sehen, stärker als die Sorge über meine gesundheitliche Verfassung. Durch die Gebete Seiner HeiligkeitABA verbesserte sich meine Gesundheit nämlich kurz vor der Radtour. Nach längerem Abwägen und Beratschlagungen beschloss ich daher mitzufahren, ließ jedoch meine körperliche Verfassung nicht völlig außer Acht und setzte während der Tour auf Rat von National Amir Sahib auch einen Tag aus.

Im Folgenden meine Impressionen sowie die der Teilnehmer der Jalsa Salana Cycling Tour:

Aufklärung durch Sport

Bemerkenswert waren die Rückmeldungen der Leute, mit denen wir während der Radtour ins Gespräch gekommen waren. 25 Radsportler und ein einheitliches Trikot “Muslime für Frieden”. Dies zog die Aufmerksamkeit so einiger auf uns. Als wir durch Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich und England fuhren, waren die örtlichen Bürger begeistert von der Radtour und der dahinter stehenden Aussage: Liebe für Alle, Hass für Keinen. Noch gerührter waren einige, als wir ihnen erzählten, dass wir aus Liebe zu unserem Kalifen die Radtour antraten, um ihn nach mehreren Jahren wieder sehen zu können.

Kurze Pause in Belgien auf dem Weg nach Brüssel zur Baitus Salam Moschee

In Belgien beispielsweise suchte unsere Verpflegungsmannschaft nach einem passenden Halt für die Radler, um sie mit Wasser und Snacks versorgen zu können. Auf einer Straße in einer Wohngegend parkten die Fahrer des Verpflegungsteams die Autos direkt vor einem Haus. Dort wurden zügig einige Stühle und Tische aufgestellt, um die Radtruppe entsprechend versorgen zu können. Der Hausbesitzer, der unmittelbar an dieser Stelle wohnte, kam neugierig raus und fragte, wer wir seien und weshalb all die Vans hier parkten. Daraufhin erzählte einer der Organisatoren dem belgischen Bürger, dass in Kürze eine größere Truppe von Radfahrern, die auf dem Weg zu unserer Jahreshauptversammlung nach UK seien, hier eintreffen würden. Als die Radtruppe eintraf, kam der Mann erneut heraus und war von der Menge überwältigt. Nachdem wir uns ihm vorgestellt und ihm gegenüber unsere Liebe zum Kalifen zum Ausdruck gebracht hatten, zeigte er sich so gerührt, dass er uns sein ganzes Grundstück zur Verfügung stellte und auch die Türen seines Hauses für uns öffnete. 

Ein ähnlicher Fall ereignete sich in England: Als wir von Folkestone abfuhren und etwa 30 km später unsere erste Pause einlegen wollten, traf die Organisationsmannschaft im Vorfeld auf einen englischen Bürger. Ohne die Mannschaft gesehen zu haben, stellte er sein Grundstück, einen ganzen Hof, für die Pause zur Verfügung. Als die Truppe für die kurze Pause das Grundstück erreichte, war der Herr ebenfalls überwältigt. Einer unserer jungen Imame erklärte ihm, weshalb wir die Tour unternahmen. Als er unsere Liebe für den Kalifen sah, war er derart gerührt, dass er uns seine Kontaktdaten hinterließ und den Wunsch äußerte, dass wir bei der Tour im nächsten Jahr erneut bei ihm eine Pause einlegen sollten.

Kurze Verschnaufpause auf dem Weg zur Jalsa Salana.

Social Media

Vor der Radtour kontaktierte mich Akhlaq Malik,der Vorsitzende des Gemeinde-Radsportvereins, um über den Inhalt für die Berichterstattung über die Radtour zu sprechen. Wir schrieben gemeinsam einige Punkte auf und wurden schließlich darauf aufmerksam, dass der Radsportverein der AMJ nur über einen Instagram-Account verfügte. Unsere Gedanken und Überlegungen waren aber, auch die ältere Generation zu erreichen, die meist einen Twitter-Account besitzt. So beschlossen wir, den privaten Twitter-Account meiner Wenigkeit in Anspruch zu nehmen und über diesen Weg etliche Bilder und Videos zu posten, und zudem über den Instagram-Kanal so viele User wie möglich zu erreichen. So konnten wir über den Instagram-Account mehr als 7.481 Personen und über den Twitter-Account über 30.000 Personen erreichen. Uns erreichten schließlich viele Feedbacks von Leuten aus der ganzen Welt, dass sie selbst durch unsere Radtour eine sportliche Motivation erhielten. In erster Linie war jedoch die Begeisterung für die Tour der Liebe zum Khilafat geschuldet. So wurde uns rückgemeldet, dass man mitfieberte, da wir diese Anstrengung auf uns nahmen, um an der Jalsa Salana teilzunehmen und somit Seine HeiligkeitABA zu sehen.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Eine der vielen Erkenntnisse, die ich aus dieser Radtour ziehe, ist, dass ein starker Wille die Grundvoraussetzung für eine derartige Leistung darstellt. Beispielsweise habe ich gesehen, wie Brüder, die noch relativ neu im Radsport waren, trotz der vermeintlich fehlenden Erfahrungen und Trainingseinheiten die Strecke gemeistert haben. Sehr häufig kam es dazu, dass einige Brüder, meine Wenigkeit inbegriffen, sich unsicher waren, ob sie überhaupt mithalten, geschweige denn die Tour überstehen könnten, da sie körperlich an ihre Grenzen stießen. Doch durch gegenseitige Motivation und durch die Selbstreflexion schaffte man es, den Kampfgeist aufrechtzuerhalten und weiterzumachen.

Impressionen der Radfahrer

The Review of Religions hat Faraz Ahmad, den lokalen Präsidenten der AMJ Frankenthal auf der Jalsa Salana in Großbritannien getroffen und Impressionen eingeholt. Herr Ahmad erzählte: “Wir haben vor der Reise mit Amir Sahib (dem Bundesvorsitzenden) trainiert. Alhamdulillah (alles Lob gebührt Allah), die Stimmung war gut, und wann immer wir müde wurden, erinnerten wir uns daran, dass wir mit jedem Zentimeter, den wir vorankommen, unserem Kalif näher kommen, was uns mit der Kraft erfüllte, weiterzumachen.” 

Abschließend sagte Herr Ahmad: “Wir fühlen uns geehrt, unser Land bei der diesjährigen Jalsa vertreten zu dürfen.”

Ein weiterer Radfahrer aus Bruchköbel, der die Tour zum vierten Mal gefahren ist, war von der Reise ebenfalls begeistert. Herr Faizan Tanveer absolviert mittlerweile vier bis sechs Trainingseinheiten die Woche und war für die Herausforderung nach Großbritannien bestens vorbereitet. Auch er schilderte seine Impressionen: „Ich hatte am letzten Tag zwei schwierige Situationen auf der Radstrecke nach Hadeeqatul Mahdi. Nichtsdestotrotz blieb ich verschont und kam gesund und munter an der  Jalsa Salana an. Es war ein ganz anderes Gefühl, Hudhur-e AqdasABA (den Kalifen) nach drei Jahren live zu sehen und zu hören.”

Ankunft in Hadeeqatul Mahdi, Großbritannien

Daten und Fakten zur Radtour

Insgesamt 25 Rennradfahrer und 9 Helfer nahmen an der Jalsa Salana UK Cycling Tour 2022 teil. Unter den 9 Helfern waren 4 Personen dabei, die für Video- und Fotografie zuständig waren. Weitere 5 Helfer kümmerten sich um die Verpflegung der Radfahrer und waren auch für die Pannenhilfe zuständig. 5 Radfahrer starteten ihre Reise am Sonntag, den 31.07.2022 und fuhren in Groß-Gerau gegen 07:15 Uhr ab und legten somit etwa 270 km bis nach Aachen zurück. Die restlichen Radfahrer trafen sich, wie geplant, am Sonntagabend in der Aachener Mansoor Moschee der AMJ. 

In 5 Tagen wurde in 5 Moscheen Halt gemacht, die entweder nur zur Übernachtung oder auch zum Mittagessen besucht wurden: 

1. Mansoor Moschee in Aachen (DEU), 2. Baitus Salam Moschee in Brüssel (Belgien), 3. Noor Moschee in Crawley (UK), 4. Bait-ul-Futuh Moschee in London (UK), 5. Mubarak Moschee in Islamabad, Tilford (UK).

Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 25,3 km/h und es wurden 5.298 Höhenmeter erreicht.

Über den Autor: Danyyal Azher Tariq ist studierter Religionswissenschaftler und Geograph (Bachelor). Aktuell absolviert er sein Masterstudium in Religionswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zudem dient er in der Ahmadiyya Muslim Jamaat Groß-Gerau als Sekretär für Interreligiösen Dialog.

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