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„Rassismus ist ein Gift. Der Hass ist ein Gift.“

Von Mubashar Cheema


Mit diesen klaren Worten verurteilte unsere Bundeskanzlerin die abscheulichen Ereignisse der vergangenen Nacht und brachte ihre tiefe Anteilnahme zum Ausdruck. Anders als viele Medien nannte sie das Kind beim Namen:

„Der Täter handelte aus rechtsextremistischen und rassistischen Motiven. Aus Hass gegen Menschen mit anderer Herkunft, anderem Glauben oder anderem Aussehen.“

Betroffenheit, Mitgefühl, Entsetzen, Sorge. Am Tatort haben Trauernde Blumen niedergelegt.
© picture-alliance/dpa

Einen klaren Bezug stellte sie außerdem zu dem vergangenen und stark zugenommenen Rechtsterror dar und versprach „lückenlose Aufklärung bis ins letzte Detail“:

„Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft. Und es ist schuld an schon viel zu vielen Verbrechen. Von den Untaten des NSU über den Mord an (dem Kasseler Regierungspräsidenten) Walter Lübcke bis zu den Morden von Halle.”

Der Schock sitzt tief, in Hanau und weit darüber hinaus. Nach dem Mord an Walter Lübcke, nach dem Anschlag von Wächtersbach, nach dem Versuch eines antisemitischen Massenmords an Jom Kippur in Halle hat schon wieder ein Rassist zur Waffe gegriffen und zehn Menschen erschossen.

Polizisten sichern einen der Tatorte in Hanau ab.
Bild © picture-alliance/dpa

In der Nacht vom 19.02 auf den 20.02.2020 sind bei einem feigen rechten Anschlag im hessischen Hanau insgesamt elf Menschen ums Leben gekommen. Bei aufeinanderfolgenden Angriffen auf drei Lokale an zwei Standorten wurden nach Informationen der Polizei neun Menschen erschossen. Mindestens vier Menschen wurden verletzt. Die ersten Schüsse fielen demnach am Mittwochabend gegen 22 Uhr. Stunden nach dem Verbrechen entdeckte die Polizei die Leiche des mutmaßlichen Todesschützen am frühen Donnerstagmorgen in seiner Wohnung. Alles deutet auf einen Suizid hin. In der Wohnung wurde zudem auch die Leiche der 72 Jahre alten Mutter des Tatverdächtigen gefunden.
Demnach handelt es sich bei dem mutmaßlichen Schützen um Tobias Rathjen, einen 43 Jahre alten deutschen Staatsbürger, der aktiv in der rechten Szene verankert war.

Zunächst schoss der Täter in einer Shisha-Bar am Rande der Hanauer Innenstadt, dann in einer wenige Meter weiter liegenden Café-Bar. Danach fuhr der Täter zum Kurt-Schumacher-Platz im Stadtteil Kesselstadt. Dort eröffnete er in einer weiteren Bar erneut das Feuer. Auch die Wohnung des mutmaßlichen Täters liegt in Kesselstadt.

Es vergeht kaum ein Tag, ohne eine Nachricht über das „rechte Problem“ zu lesen.

Erst am Montag vor dem Anschlag wurde über eine Terrorzelle „Gruppe S“ berichtet, die durch Anschläge auf Politiker, Asylbewerber, Muslime und Moscheegemeinden Chaos auszulösen und so „die Staats- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik zu erschüttern und letztlich zu überwinden“ als Ziele hatte.

In Deutschland sind derzeit rund 50 Rechtsextremisten bekannt, denen die Sicherheitsbehörden schwere Straftaten bis hin zu einem Terroranschlag zutrauen, sogenannte Gefährder. Genauso werden knapp 500 Rechtsradikale per Haftbefehl gesucht. Die Zahlen nannte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums.

Und ebenso am Montag vor der Tat veröffentlichte das Hessische Innenministerium in der „Polizeilichen Kriminalstatistik 2019“, dass die Zahl der Straftaten von Propaganda-Delikten und Gewalttaten im rechten Spektrum auf über 900 gestiegen sei.

Zu Recht schrieb Ozan Zakariya Keskinkiliç, der an der Humboldt-Universität zu Berlin über antimuslimischen Rassismus promoviert, in einem Gastbeitrag für „Die Zeit“ einen Tag vor dem Anschlag in Hanau: „Muss ich erst getötet werden, damit ihr empört seid?“

Rassistische Gewaltakte sind keine Einzelfälle und gehen jeden von uns an. Zivilcourage und ein klares Bekenntnis für das Grundgesetz sind vonnöten. Seien es die Verrohung der Sprache, die Belästigungen von Kopftuchträgerinnen, die Bedrohungen für Asyl- und Schutzsuchenden oder die geistige Brandstiftung gewisser demokratisch gewählter Abgeordneten und Parteien.

Seine Heiligkeit, Hadhrat Mirza Masroor Ahmad, Kalif und weltweites Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, betonte bei seiner Grundsatzrede auf der Jahresversammlung in Karlsruhe am 27. August 2017:

„Allahs Segnungen und Huld sind auf keine Rasse oder Ethnie beschränkt, sondern werden vielmehr unterschiedslos auf alle Menschen hinabgesandt. Während dies die wahren Lehren des Islam sind, ist es sehr bedauerlich, dass Rassismus und Intoleranz in der Welt so verbreitet sind. Der Islam lehrt, dass alle Menschen von Geburt an gleich sind, egal von woher sie stammen oder welche Hautfarbe sie haben mögen. Er lehrt, dass keine Rasse einer anderen überlegen ist, noch sind Menschen bestimmter Abstammung begabter als andere.“

Die Gesellschaft kann nur Frieden erlangen, wenn nach der Maxime „Liebe für alle, Hass für keinen!“ gelebt wird.

Es ist daher bitter notwendig, zur Erkenntnis zu gelangen, dass der Rechtsextremismus die größte Gefahr für die Menschen in diesem Land ist. Denn während rechte Terroristen morden, machen sich Rechtsradikale in den Parlamenten breit und bemühen sich, die Demokratie zu beschädigen. Man nehme nur das Beispiel der vergangen Tage in Thüringen.

Der Rechtsstaat und die die Sicherheitsbehörden müssen umdenken und sich noch stärker auf rechte Netzwerke konzentrieren.
Genauso müssen anti-demokratische Strukturen und Vereinigungen beim Namen genannt werden. Und dies geht, wenn die Gesellschaft sich unmissverständlich und entschieden dem Gift des Rassismus‘ und des Hasses entgegenstellt.