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Reisetagebuch: Humanity-First (HF) Einsatz im Erdbebengebiet Türkei (Teil 3/3)

„Der traurigste Ort, an dem ich jemals war.“

von Wahaj bin Sajid, Deutschland

hier zu Teil 1

Dienstag, 7. März, 7 Uhr

Die Angst vor größeren Nachbeben versuchen viele zu verdrängen bzw. sich damit abzufinden. Am Ende kann man sich nie wirklich davor schützen. Zum Bellen der Hunde erzählte jemand, dass ein sonst ganz ruhiger Nachbarshund in der Nacht des großen Bebens zuvor stundenlang wie verrückt gebellt hatte, als ob er tollwütig geworden wäre. Die Geschichte eines anderen Hundes in Antakya hat uns auch nicht losgelassen. Dort ist ein großer weißer Pitbull im Erdbeben auf die zwei kleine Kinder losgerannt, hat diese gepackt und auf den Boden geworfen. Die runterfallenden Steine sind auf den Hund gefallen und haben diesen verletzt – die Kinder blieben unversehrt. Unfassbar welche Gaben Tiere haben und wie sie diese für uns Menschen einsetzen.

Fast jeden Tag kommen neue Ärzte und nehmen ihre Arbeit in Osmaniye oder in Antakya auf. Unglaublich welch großartige Arbeit sie leisten. Sie arbeiten ohne Pause und opfern sich für die Patienten komplett auf. Sie bleiben dabei immer gut gelaunt und tragen durch ihre positive Art zum Teamzusammenhalt bei. Auch die weiteren HF Mitglieder geben alles und versuchen mit ihrer Arbeit den Menschen auf jegliche Art zu helfen. 

Auch die Solidarität innerhalb der Türken ist stark. Viele Türken, die von entfernten Regionen ins Erdbebengebiet kommen, um selbstständig zu helfen. Andere schließen sich NGOs an oder aber versuchen, auf verschiedene Weise die Helferteams zu unterstützen, so z.B. ein Deutschtürke, der unserem HF Team eine Kaffeemaschine schenkt. 

Meine Hauptaufgabe in den restlichen Tagen wird es sein, herauszufinden, ob wir in Osmaniye trotz rückgehenden Bedarfs aufgrund der Umsiedlung der Bewohner in andere Camps bleiben können. So könnten wir dem Standortvorteil dieses logistischen Stützpunkts halten. Ich hoffe und bete, dass dies gelingt.

Mittwoch, 8. März 7 Uhr

Mein letzter Tag in der Türkei, bevor ich morgen Früh die Rückreise antrete. Mein Einsatz neigt sich also einem Ende zu. Währenddessen berichtet mir Luqman, dass er seinen Einsatz um weitere ein oder zwei Wochen verlängert. Er ist, masha Allah, sehr aktiv und mit ganzen Herzen bei der Sache. Möge Allah ihm die Kraft dafür geben. 

Der gestrige Tag war, allhamdolillah, sehr erfolgreich. Alle gesetzten Ziele konnten ohne unser Zutun erreicht werden. Allah hat unsere Gebete erhört und Selbst alle Fäden gezogen.

Gleich nachdem ich morgens aus unserem Zimmer ging, traf ich zunächst Ali Bey, der eigentlich nie Zeit hat und immer gehetzt ist. Er ging aber diesmal sofort auf meine Bitte um ein Gespräch ein und lud mich sogar zu einem Tee ins Büro ein. Ohne dass ich danach fragte, kam auch der Vorgesetzte von Ali sowie der Schulleiter in das Büro und beide setzten sich zu uns. Ich erläuterte nur kurz unser Anliegen, dass wir trotz Schulbeginns und trotz Rückgangs der Patientenanzahl aufgrund der Umsiedlungen unsere Räume in der Schule halten wollten, um diese als logistische Stützpunkte zu nutzen. Alle drei sprachen sich ab und stimmten nach wenigen Minuten zu, dass wir mindestens einen Monat oder vielleicht sogar drei Monate bleiben könnten. Später am Tag kam auf einmal der Oberbürgermeister ins Camp und unterhielt sich auch mit uns. Er zeigte sich sehr dankbar für unsere Arbeit. Am Nachmittag standen plötzlich ein Vertreter des Gesundheitsministeriums und eine Vertreterin vom örtlichen Gesundheitsamt in unserer Klinik. Sie waren für eine unangekündigte Prüfung da. Statt uns aber kritisch zu überprüfen, waren sie sehr offen für unser Anliegen, andere Camps zu besuchen, um deren Bedarf zu ermitteln. Sie luden uns ein, mit ihnen gleich zwei große Camps anzufahren. Dabei warteten sie sogar auf uns, bis wir unser Mittagessen eingenommen hatten. Wie von Gotteshand also und ohne jegliche Anstrengung meinerseits konnten wir alle Aufgaben des Tages erledigen. 

Wir fuhren in das Camp Masalpark und in das Camp Tuesday Bazar. Das Masalpark ist ein Freizeitpark in der Stadt, auf dessen Parkplatz ein Camp mit über 3000 Bewohnern aufgebaut wurde. Ich schaute mir auch den leeren Freizeitpark an, an dem man auch Beschädigungen vom Beben beobachten konnte. Der leere Park mit den großen Comic-Figuren, die Risse hatten und zum Teil abgebrochene Körperteile, hatte etwas Skurriles und Unheimliches. Sogar ein lustiger, kinderfreundlicher Park kann also Zeuge eines schrecklichen Ereignisses werden. Das Camp nebenan war riesengroß. Wir unterhielten uns dort auch mit Vertretern des Roten Halbmonds, die ein Zelt aufgebaut hatten, in dem Psychologen in Einzel- und Gruppensitzungen mit Kindern arbeiten. Diese schilderten den großen Bedarf an psychologischer Hilfe für alle Menschen hier, welcher über Jahre hinweg bestehen würde. Der Besuch des zweiten Camps im Tuesday Bazar trübte die Stimmung, weil die Bedingungen dort sehr schlecht waren. Die Zelte waren so eng beieinander, dass es nur einen kleinen Durchgang von wenigen Zentimeter zwischen Ihnen gab. Keine Privatsphäre, kein Platz für die Kinder, alles dicht gedrängt. Der Begriff „menschenunwürdig“ passte hier wie sonst nirgends. Die Kinder nahmen Steine und ritzten Bilder auf den Asphaltboden. Keine Angebote, Spielzeuge etc. für die Kinder. Auch die hygienischen Verhältnisse waren sehr schlecht, wie es uns auch der Arzt vor Ort bestätigte. In beiden Camps gab es bereits eine Klinik und man bot uns an, mit einem Arzt hier auszuhelfen. Wir nahmen alle Informationen auf und gaben an, dass wir in den nächsten zwei Tagen zur Hospitation kommen und aushelfen würden, bevor wir eine Entscheidungen über den langfristigen Einsatz machen. 

23:45 Uhr

Heute fanden also die zwei Hospitationen in den zwei Camps statt. Ich fuhr in beide Camps und koordinierte zugleich auch die Arbeit im Mädchenschulen Camp. Dort hielten wir ein Sportevent für die Kinder ab. Zwei Schülerinnen, darunter ein echtes Fußballtalent, und ein neuer HF-Kollege aus England unterhielten alle Kinder des Camps mit lustigen sportlichen Aktivitäten und Spielen. Zum Ende hin hielten wir auch kleinere Wettbewerbe ab, verschenkten Fußbälle und teilten Obst aus. Außerdem verteilten wir im ganzen Camp unsere zusammengeschürten Hygienepakete sowie Kindersachen. 

Ein schöner Moment war auch die Möglichkeit, gezielte Hilfen zu leisten. So z.B. für das kleine Mädchen Ezra, die mich seit ich hier bin immer mit „Abi“ anspricht und immer auf mich zugelaufen kommt, wenn sie mich sieht. Ich hatte in unserem Lager ein Paket von HF-Kanada entdeckt mit sehr schönen, neuen Kleidungsstücken, darunter auch eine schöne, modische Winterjacke. Ich nahm Ezra mit, um ihr die Jacke zu zeigen und die Jacke passte ihr perfekt! Auch konnte ich ihr Schuhe geben, damit sie nicht mehr die ganze Zeit mit kaputten Schuhen herrumlaufen musste. Später am Abend erzählte sie mir, dass ihr Vater die Familie verlassen hatte und sie daher nur mit Mutter und einem Bruder lebte. Ich sprach mit ihr über das Vertrauen in Allah und stellte fest, dass sie sehr wenig religiöse Bildung genossen hatte. So klärten Muhammad und ich sie lange auf über die Kraft Allahs und unsere Beziehung zu ihm. 

Unser Tag endete mit einem Highlight, wir fuhren zum sogenannten „besten Platz in Osmaniye“, hoch in die Berge, in ein Lokal und hatten einen sehr schönen gemeinsamen Abend mit einen leckeren Mahl, einer wunderschönen Aussicht auf die Stadt und schönen, lustigen Gesprächen. 

Donnerstag, 9. März Rückblick I

Vorgestern klopfte frühmorgens die Dame vom Gesundheitsamt an die Tür unseres Schlafzimmers. Am Tag zuvor hatten wir uns mit ihr getroffen und abgestimmt. Sie war als offizielle Vertreterin des Gesundheitsamts bei uns zur Prüfung und später waren wir mit ihr in den zwei anderen Camps.
Bisher war es nicht vorgekommen, dass irgendjemand direkt in unser Zimmer gekommen wäre. Sie fragte uns nach unserem Tagesplan, ob wir die Hospitationen in den zwei Camps durchführen würden usw. All diese Themen hatten wir aber am Vortag schon ausführlich und abschließend abgestimmt. Langsam wurde mir aber klar, worum es ihr ging. Sie hatte ein Vorwand gesucht, um ihren Sohn, der an einer chronischen Krankheit litt, von unserem Arzt durchchecken zu lassen. Wir kamen der Bitte natürlich nach. In der Klinik begannen die zwei Söhne in ihrer kindlichen Art nach Spielzeugen und Schokolade, die wir dort gelagert haben, zu fragen. Man sah es der Dame sichtbar an, wie peinlich es ihr war. Auch fiel mir an ihren Haaren und Fingernägel auf, dass sie selbst in einem ungepflegten und hygienisch schlechten Zustand vor mir saß. In Gesprächen ließ sie dann auch durchblicken, dass sie im Beben zwar unverletzt geblieben ist, aber großen materiellen Schaden erlitten hat. Später fragte sie auch nach Kleidung für ihre Kinder, welche wir ihr gaben. Es gab also auch Regierungsbeamte, die innerhalb von Sekunden hilfebedürftig geworden sind. 

Einzelne Kinder aus den Camps sind mehr sehr ans Herz gewachsen. Für sie schienen wir mit unseren blauen Westen, mit unserer guten Stimmung, die wir versuchten zu übertragen, mit den Spielsachen usw. einer der wenigen Attraktionen im tristen Camp-Leben zu sein, wenn wir mit ihnen spielten und lachten. Die „Abi“-Rufe der kleinen Ezra werden mir lange noch in Erinnerung bleiben. Während ich einmal an einem auf einer ruhigen Bank im Camp saß, um meinen Tagesbericht für den HF-Vorstand zu schreiben, saß sie eine halbe Stunden schweigend neben mit. Ich versuchte ihr in Gesprächen näherzubringen, dass Allah ihr helfen werde. Sie hatte kaputte Schuhe und ungepflegte Haare, aber dafür wundervoll lachende Augen und eine süße Stimme, mit der sie ständig nach mir rief. Es kam eigentlich nie vor, dass ich im Camp unterwegs war und nicht aus einer Ecke Kinderstimmen meinen Namen „Wahaj“ rufen hörte. 

An meinem letzten Tag im Camp haben wir also die Hygienepakete und die Kindersachen in den Zelten verteilt. Mahir, Emine und ich liefen von Zelt zu Zelt und gaben die Pakete aus. Ich hatte damit gerechnet, dass es chaotisch werden könnte, dass also die Menschen nach mehr fragen und uns hinterherlaufen würden. Diese Vorstellung war mir unangenehm, trotzdem wollten wir die Sachen loswerden. Am Ende kam es gar nicht so schlimm, sondern wurde zu einem lustigen Event. Wir nahmen alles mit Humor, machten Witze und konnten damit auch die Bewohner mit unserer guten Stimmung anstecken. Ich nahm Ezra und ein weiteres kleines Mädchen, Büshra-Kübra, mit mir und ging mit ihnen in das Schulgebäude, in dem ebenfalls Familien in Zimmern untergebracht sind. Sie klopften an alle Türen und übergaben sämtliche Pakete. Dies und auch die Praxis, die nehmende Hand des Kindes nach oben und meine Hand nach unten zu halten, entsprang aus meinen inneren Wunsch, die Kinder in eine aktive Rolle zu bringen. 

9:25 Uhr Abflug

Sitze jetzt im Flugzeug und beobachte die wunderschöne Landschaft auf dem Flug von Adana nach Antalya. Die Sonne scheint angenehm und es herrscht Urlaubsstimmung! Auf dem Flughafen in Adana sprach mich der Mann in der Schlange hinter mir an und ich erzählte ihm über unsere Arbeit. Die Menschen hier sind allen Helfern gegenüber sehr dankbar, vielleicht im Besonderen nochmals den Muslimen und darunter auch den pakistanischen. Man bekommt sehr viel positives Feedback und große Wertschätzung zu spüren. 

Ich habe hier eine wunderschöne Region mit wundervollen Menschen kennengelernt und wünsche mir sehr stark, bald mit meiner Familie wieder hierher zu kommen, wenn dann, insha Allah, alles wieder aufgebaut ist.

11:00 Uhr

Habe in Antalya den Flug gewechselt. Sitze jetzt im Flugzeug zusammen mit vielen deutschen Touristen, die ihren Urlaub hier verbracht haben und nach Hause fliegen. Das Leid der Erdbebenopfer in Hatay scheint hier sehr weit entfernt zu sein. Unglaublich wie wir Menschen sogar trotz örtlicher Nähe in so unterschiedlichen Sphären leben. Es scheint so, als ob man sich in unterschiedlichen Universen bewegen würde. Für die Camp-Bewohner ist das Camp ihr Universum. Sie besitzen so gut wie keine Macht über ihr eigenes Leben. Sie werden ungefragt wie Gepäckstücke in einen Militär-LKW verfrachtet und ins nächste Camp gebracht. Sie stehen ständig in Schlangen, um ihre Grundbedürfnisse zu stillen. Sie sind von widrigen Umständen umgeben und plagen sich mit ihren Verletzungen und Krankheiten. Sie haben enge Angehörige verloren und erhalten keine Ruhe, keinen Raum, diese Verluste zu verarbeiten, zu trauern. Sie haben all ihr Hab und Gut verloren und stehen vor dem Nichts. Gestandene Familienväter, die in entwürdigender Weise um Schuhen bitten. Mütter, die sich schämen, wenn ihre Kinder ständig nach Schokolade fragen. 

12.20 Uhr Rückblick II

Überwältigt von all den heftigen Eindrücken, waren rückblickend ganz sicher das gemeinsame Ritualgebet (Namaz) und die Tahajjud (Mitternachts)-Gebete für uns die wichtigste Quelle der Resilienz, Energie und des Trosts. Öfters kam mir der Gedanken, wie es gewesen wäre, wenn ich nicht mit HF, sondern irgendeiner anderen NGO in diesen Einsatz gegangen wäre. Ganz sicher wäre es viel schwieriger gewesen und ich hätte auch weniger Energie investieren und effiziente Arbeit leisten können. Das gemeinsame Gebet und auch die brüderliche Stimmung im Team waren für mich unsere größten Erfolgsfaktoren. Und dazu auch die Gewissheit, dass die Gebete des Kalifen mit uns sind. Allah hat mir auf dieser Reise gezeigt, wie stark Seine Hilfe sein kann, wenn man das Tahajjud-Gebet als „Waffe“ benutzt. „In normalen Gebeten übertragen Engel die Anliegen zu Allah, zur Tahajjud-Zeit kommt aber Allah höchstpersönlich und fragt: Wer ist es, der für Mich wach ist und was kann Ich für ihn tun?“ (Zitat Luqman). So war dieser letzte Dienstag ein Tag, an dem Allah mir auf überwältigende Weise Seine Allmacht gezeigt hat. In einem fremden Land mit einer fremden Sprache, wo wir keine Kontakte haben, kein näheres Verständnis über die Strukturen besitzen, kommen alle offiziellen Akteure auf einmal selbst zu uns und fragen nach unseren Anliegen. Sie nehmen uns mit und erfüllen und jeden Wunsch, den wir äußern. Ich kenne solche Unternehmungen aus der Gemeindearbeit in Deutschland. Monatelang laufen wir da oft Politikern hinterher, jahrelang bearbeiten wir sie, um sie dann irgendwann für unsere Belange zu gewinnen. In der HF-Mission konnte ich hautnah erleben, wie machtvoll Allah diese Arbeit segnen kann und uns nur innerhalb eines Tages großartige Erfolge bescheren kann – wenn wir uns vor Ihm niederwerfen. 

Für Luqman hingegen sind diese Erlebnisse nicht mehr verblüffend, sondern Teil einer Reihe von schönen Erfahrungen, weil er das Tahajjud-Gebet zu seiner Gewohnheit gemacht hat. Dr. Mahmood wiederum habe ich als einen vollkommen verrückten Menschen im positiven Sinne kennengelernt. Seine Erzählungen, seine Metaphern, sein Verhalten hat mich stark inspiriert. Er betrachtet die Quellen der Segnungen Allahs wie einen Geldautomaten, aus dem er mit 3 Stunden Anbetung täglich (Namaz, Zikr, Darud + zusätzlich Quran und Bücherlektüre) alles rauszuholen versucht.

Seit meiner Übernahme der Camp-Leitung in Osmaniye konnte ich jeden Abend an den Online-Meetings vom HF-Board teilnehmen. Eine schöne Möglichkeit, die professionelle und strukturierte Arbeit von HF zu erleben und daran teilzuhaben. Gestern Abend wurde schließlich noch entschieden, unsere Arbeit in Osmaniye zu beenden, weil der Bedarf hier nicht mehr vorhanden war. Das Mädchenschule-Camp wurde nun langsam aufgelöst und unsere Hospitationen in den zwei anderen Camps hatten auch ergeben, dass dort der Bedarf an medizinischer Hilfe durch die vorhandene Klinik gut abgedeckt war. Auf der anderen Seite gab es im Camp in Belen mit 2000 Bewohnern, welches das HF-Team mit Essen versorgte, keinen Arzt. So übergab ich heute Morgen vor meiner Abreise die Teamleitung und somit die Verantwortung für das Windup in Osmaniye und den Umzug nach Belen. Ich bete und hoffe, dass das Team in Belen und Umgebung gute Arbeit leisten kann. Im letzten Meeting gestern Abend wurden seitens des HF-Boards sehr wertschätzende Worte für meinen Einsatz gefunden, worüber ich mich sehr freute. Die Arbeitskultur bei HF habe ich als sehr positiv erlebt und ich bin Allah dankbar, dass ich all dies miterleben durfte. Ich hatte in einem Meeting geäußert, dass bei einigen HF-Mitarbeitern nach dem Einsatz das Bedürfnis nach einer Aufarbeitung bestand. Ich habe positives Feedback dafür erhalten, dieses Bedürfnis erkannt zu haben. Bruder Wajahat sprach sogar von einem Post-Trauma Syndrom, welches sich auf verschiedene Art und Weise (z.B, durch Flachbacks) äußern kann. Die beste Prävention dafür ist wiederum das Gebet, aber auch die Möglichkeit, seine Gedanken auszusprechen oder auch niederzuschreiben und damit sein Herz zu erleichtern. 

Auch ich habe noch nie über eine so lange Zeit hinweg so viel Schmerz und Leid gesehen und selbst gespürt. Zugleich hatte ich noch nie die Gelegenheit gehabt, in solch einer hohen Intensität wirklichen Dienst an der Menschheit zu leisten. Am Ende hoffe ich, dass Allah meine bescheidene Arbeit angenommen hat und mir auch zukünftig die Möglichkeit gibt, seiner Schöpfung zu dienen. Dieses Bedürfnis erachte ich als in uns Menschen von Allah eingepflanzt, genauso wie das Bedürfnis, Gott zu erkennen. Nur werden diese Grundbedürfnisse in der egozentrischen Gesellschaft stark überlagert von anderen niederen Bedürfnis des eigenen Ichs. 

Das Flugzeug ist jetzt im Landemodus und meine Reise geht zu Ende. Eine Reise, die ganz sicher meinen Blick auf das Leben verändert hat. So viele unvergessliche Momente mit dem HF-Team, mit den Kindern und den Menschen im Camp, mit den Ärzten, die Anblicke der zerstörten Häuser und Existenzen, die Lebenskraft der Menschen, die alles verloren haben – all das und vieles mehr – bleiben unvergesslich. 

Ich sehe jetzt die Frankfurter Skyline, allhamdolillah. Heimat, Demut, Dankbarkeit, Humanity First!

Montag, 13. März Angekommen

Bin seit drei Tagen wieder zu Hause. Meine Gedanken sind aber noch in Hatay. Ich versuche mich sehr stark zurückzuhalten und andere nicht mit meinen Gedanken zu konfrontieren, wenn ich Vergleiche ziehe zwischen dem Leben hier und im Erdbebengebiet. Gut ist, den Kontakt mit den Brüdern in der Türkei zu halten, die das gleiche gesehen und erlebt haben und mit ihnen das Erlebte zu verarbeiten. Schon mehrmals kam mir der Gedanke, ein zweiten Trip einzulegen, da man das Gefühl hat, die Arbeit nicht vollendet zu haben, abgesehen davon, dass die Arbeit dort wohl über Jahre nicht beendet werden kann.

Bruder Wajahat hat in einem Zeitungsinterview sehr passende Worte gefunden und damit auch mein Empfinden zu 100% wiedergegeben: „Der traurigste Ort, an dem ich jemals war“. Die angenehme Sonne, die lachenden und spielenden Kinder erwecken einen trügerischen Schein. Tatsächlich gibt es kaum etwas Schlimmeres als das, was die Menschen dort erlebt haben und aktuell durchlaufen. Für Menschen, die seit Geburt in Armut leben, ist dies eine Realität, mit der sie zu leben gelernt haben. Die Erdbebenopfer in Hatay waren aber mitten im Leben gestanden und haben innerhalb weniger Sekunden alles verloren. Sie haben zunächst einmal das Erdbeben selbst erlebt, welches ihnen ein Todesschock bereitet hat „Ich dachte, der Weltuntergang ist gekommen“ (Zitat Mahir). Dazu dann noch das zweite und dritte große Beben und die tausenden Nachbeben. Sie haben Angehörige verloren. Ihr Haus mit all ihrem Gut ist eingestürzt. Sie sind verletzt, haben Schmerzen und plagen sich mit Krankheiten. Sie müssen bei widrigen Umständen in Zelten leben. Sie stehen vor den Trümmerhaufen ihrer Existenz ohne Perspektive und sind dabei traumatisiert und in Trauer. 

Der Schmerz, die Traurigkeit war in den Gesichtern der Menschen abzulesen, auch wenn sie es wegzulächeln versuchten. Die ganze Atmosphäre schien gefüllt zu sein von diesem Schmerz. Die kaputten Häuser, die Trümmerhaufen haben dieser traurigen Stimmung die passende Kulisse gegeben. Und diese Kulisse der kaputten Häuser ist nicht nur allgegenwärtig, sondern der Prozess der Zerstörung schreitet weiter voran. Es kam auch schon vor, dass wir z.B. an einer Ampelkreuzung standen und plötzlich bemerken, wie das Haus rechts neben uns zu bröckeln beginnt, Steine und Holzpfähle runterfallen. Oder aber durch den Anblick der großen Bagger, welche andere Trümmerhaufen beseitigen. Jeden Tag sind andere Straßen in der Stadt gesperrt, weil Abbrucharbeiten stattfinden und überall sieht man Staubwolken hochsteigen, wenn Häuser gesprengt werden. Eine Umgebung, ein tägliches, trauriges Schauspiel, welches den Erdbebenopfern die Trauerarbeit, die Traumabewältigung, das zur Ruhe kommen sehr schwer macht.

Ich hatte vor diesem Einsatz keine Ahnung von der großartigen und wichtigen Arbeit von Humanity First, mit welchem Engagement und Leidenschaft und auch Professionalität die HF-Helfer arbeiten. Es ist großartig, welch eine wichtige Institution der vierte Kalif der Ahmadiyya Jamaat vor einigen Jahrzehnten gegründet hat und wie HF auch heute durch die Gebete des gegenwärtigen Kalifen geleitet wird. Die Erfüllung von Gebeten und das Geschehen von kleinen sowie großen Wundern konnte ich mit eigenen Augen bezeugen. 

Dieser Einsatz war für uns alle auch ein gutes Training für die Zukunft und ließ in uns Skills gedeihen, die wir auch im Arbeitsleben oder im Privaten gut gebrauchen können. Was heute in der modernen Arbeitswelt unter dem sogenannten VUCA-Kürzel bekannt ist, haben wir im HF-Einsatz sehr konzentriert und im hohem Maße erlebt: eine volatile und sehr unsichere Umgebung, die voller Komplexität und Paradoxien ist. Wir mussten fortlaufend eine hochgradige Flexibilität und Agilität im Denken und Handeln an den Tag legen. Wir mussten auch auf uns selbst achten (Resilienz), zugleich hohe Beziehungskompetenzen anwenden und sehr lösungsorientiert arbeiten. Natürlich waren auch Teamfähigkeit und ein sehr hohes Verantwortungsbewusstsein von Nöten. Zurück aus so einem Einsatz kommt man jedenfalls mit einem hohen Erfahrungsschatz, von dem man bei der Bewältigung von Herausforderungen des Alltags profitieren kann.

Seit ich zurück bin, ist mein Sohn Saad hinter mir her, dass er auch in die Türkei zum Helfen gehen will. Auch hat er angefangen, seine Gebete mit mehr Regelmäßigkeit zu verrichten. Möge Allah ihm und allen Kindern die Kraft und Energie geben, diesen Weg weiter zu gehen und zu einem Werkzeug zu werden, der Menschheit zu dienen, Amin.


Über den Autor:
Wahaj bin Sajid, geboren und aufgewachsen in Frankfurt am Main, hat ein Studium der Rechtswissenschaften absolviert und in verschiedenen Bereichen wie der öffentlichen Verwaltung, dem Bildungsmanagement, der Forschung und Beratung gearbeitet. Zudem engagiert er sich ehrenamtlich in der Abteilung Externe Angelegenheiten der Ahmadiyya Muslim Jamaat und ist für den Dialog und Kooperationen mit Bundespolitik und Bundesministerien zuständig sowie als Koordinator für alle Themen rund um die Deutsche Islamkonferenz tätig.

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