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Wie ein globales Virus den anti-muslimischen Rassismus offenbarte

Gar nicht so selten kommt Rassismus im Gewand der Sorge und des Mitgefühls daher.

von Khola Maryam Hübsch

Der Tod des Afroamerikaners George Floyd hat nicht nur in den USA zu einer beispiellosen Welle der Solidarität geführt: Der Kampf gegen strukturellen Rassismus ist wichtig, darin sind sich viele Menschen auch in Deutschland einig. Doch Rassismus ist nicht immer so deutlich erkennbar wie im Falle des gewalttätigen Polizeieinsatzes in Minneapolis. Gar nicht so selten kommt Rassismus im Gewand der Sorge und des Mitgefühls daher. Es gehe ihm nicht um die Abwertung der Andersartigkeit versichert er uns, er möchte uns nur vor archaischer Unterdrückung schützen und Minderheiten vor ihren eigenen vermeintlich unzivilisierten Gebräuchen befreien. Das Narrativ des »white savior« ist in der Filmkritik wohlbekannt: Wenn Weiße sich bemüßigt fühlen, People of Color zu retten, dann steckt dahinter oft nichts anderes als ein Rassismus, der sich im »Gestus des pädagogischen Wohlmeinens« (Navid Kermani) eine freundliche Maske aufsetzt. 

Das Ende deutscher Leitkultur?

Wie sehr das auf die Debatten in Deutschland zutrifft, hat ausgerechnet die Corona-Krise zutage befördert. Binnen kürzester Zeit muteten die Forderungen nach einer »deutschen Leitkultur«, zu deren wesentlichen Merkmalen das Händeschütteln und Gesicht zeigen erklärt wurden, als archaisches Relikt aus fernen Zeiten an. Nicht nur für den damaligen Innenminister Thomas de Maizière gehörte ein unverhülltes Gesicht und ein Handschlag zur Begrüßung zu einem unumstößlichen Kriterium für die Zugehörigkeit zu unserem Land. Wer da nicht mitmachte, galt als hoffnungslos integrationsunfähig. Die Emotionalität, mit der die Debatte um Burkas, Kopftücher und Begrüßungsrituale in sisyphosartiger Regelmäßigkeit geführt wurde, offenbarte, dass es um mehr gegangen war als um Haare, Gesichter und Hände, die man sehen oder anfassen wollte. 

Wenn reale Angst Projektionen entlarvt

Im Kern war der öffentliche Diskurs von einer tief sitzenden Angst geprägt: Der Angst, die als abstoßend empfundenen Verhaltensweisen der Muslime könnten überhandnehmen – sie könnten sich verbreiten, könnten ansteckend sein wie ein Virus. In der bloßen Sichtbarkeit des muslimischen Glaubens wurde die Gefahr einer exponentiell ansteigenden Infektionswelle gesehen, die dazu führen würde, dass man sich fremd im eigenen Land fühlte. Das Gerede vom Untergang des Abendlandes, von der Bedrohung durch einen Bevölkerungsaustausch und dem Kampf ums Überleben für die »weiße Rasse« bedient diese diffuse Angst vor einer imaginierten Ansteckung durch Muslime, die ihren Glauben praktizieren. Allein das Vorhandensein gelebter Andersartigkeit – so die Befürchtung – attackiert die eigene Identität. Das konstruierte Andere breitet sich aus, ist in hohem Maße ansteckend und schwächt sozusagen das Immunsystem des Volkskollektivs. Die Beschwörung einer deutschen Leitkultur muss vor diesem Hintergrund als verzweifelter Versuch gelesen werden, das eigene »Immunsystem« zu stärken und sich vor als fremd wahrgenommenen Einflüssen zu schützen. 

Ein Virus sorgt für Gleichheit

Dass nun ausgerechnet ein reales Virus, das alle Körper gleichermaßen, unabhängig von Religion, Kultur und Nationalität bedroht, diese Zusammenhänge sichtbar machte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Auf einmal, so könnte man meinen, wurden die schlimmsten Alpträume der Abenlanduntergangs-Propheten Realität: Aus den Moscheen durften angesichts der Corona-Einschränkungen die Gebetsrufe für alle hörbar ausgerufen werden und das ganze Land lief mit Gesichtsverhüllung umher und mied den Handschlag. Die Bedrohung durch eine reale Ansteckung legte Widersprüche bloß. Zuvor erbittert umkämpfte Bereiche, die Ur-Ängste vor einer Islamisierung herbeibeschworen, waren plötzlich keine Diskussion mehr wert. Wir machten die Erfahrung, dass sich mit verhüllten Gesichtern und ohne Handschlag – anders als jahrelang behauptet – gut umgehen und kommunizieren lässt.

Islamdebatte in Corona-Pause

Genau das darf uns stutzig machen: Entlarvte sich hier der hinter den Islamdebatten liegende Rassismus? Wir müssen uns fragen, warum es akzeptabel ist, wenn Menschen aus hygienischen und medizinischen Gründen den Handschlag verweigern und das Gesicht verhüllen – es aber keinesfalls mehr akzeptabel ist, wenn sie dies aus religiösen und spirituellen Gründen tun. Dass es nicht um religiöse Motive gehe, sondern die Rettung unterdrückter muslimischer Frauen (durch weiße Männer) der eigentliche Beweggrund sei, hatte man uns in den Debatten zwar immer wieder weiszumachen versucht. Doch die Tatsache, dass auch muslimische Frauen Männern die Hand verweigern und viele Niqab-Trägerinnen, die ihr Gesicht bedecken, Konvertitinnen sind und dafür kämpfen, sich verhüllen zu dürfen, widerlegt diesen Einwand. Es macht eben einen Unterschied, ob es einen staatlichen Zwang für bestimmte Normen gibt oder diese aus eigenem Antrieb in einem freien Land praktiziert werden. 

In der staatlich verordneten Pflicht, das Gesicht in Corona-Zeiten mit einer Maske zu bedecken, sahen nur wenige ein Unterdrückungsinstrument, denn es ging um den Schutz des Lebens, basierend auf wissenschaftlicher Empfehlung. Menschen, die religiöse Gebote befolgen, geht es jedoch ebenfalls um das Leben – und zwar gleich um das Ewige, basierend auf göttlicher Empfehlung. Die Grundlage ihrer Erkenntnis ist freilich nicht allgemein intersubjektiv nachvollziehbar, denn sie beruht auf der Auslegung religiöser Offenbarung, die in einer zunehmend säkularen Welt selten geteilt wird und auf wenig Verständnis stößt. Doch reicht allein diese Ablehnung des Motivs für Verbotsdebatten und gesellschaftliche Ausgrenzung? 

Wissenschaft als anti-rassistisches Qualitätssiegel

Die Kritik an der Sichtbarkeit gelebten Glaubens mündet manchmal darin, dass Phänomene von antireligiöser Militanz eine neue Dimension erhalten. Es gibt auch den Fundamentalismus einer auf das Diesseits fixierten Weltsicht, die nichts gelten lässt, das außerhalb ihres (beschränkten) Blickfelds liegt und den eigenen, heutigen Verstand absolut setzt. Nicht nur Religion, die zur Ideologie wird, sondern auch ein derartiger Vulgärrationalismus, der mitunter mit einer Aggressivität vertreten wird, die sonst als typisches Merkmal religiöser Fundamentalisten gilt, gefährdet den Zusammenhalt der Gesellschaft. Ein weiteres Beispiel dafür sind die Diskussionen um den Monat Ramadan. Das islamische Fasten sei ungesund. Sich für einige Stunden satt zu essen, um dann für viele Stunden zu hungern, sei schlicht irrational. Die derartig geäußerten skeptisch bis abfälligen Bemerkungen von Kollegen und Freunden gehört bis heute zu den Mikroaggressionen, an die Muslime im Westen im Ramadan gewöhnt sind. Seitdem 2016 der Nobelpreis für die Erforschung der Autophagie vergeben wurde und das Intervallfasten zum weltweiten Ernährungstrend avancierte, können Muslime aber auf eine wissenschaftliche Erkenntnis verweisen. Ob damit die gesellschaftliche Akzeptanz steigt, bleibt abzuwarten. Auch über das Händeschütteln zwischen den Geschlechtern gibt es Studien: Dass dabei Geruchsstoffe ausgetauscht werden, die bei der Partnerwahl eine Rolle spielen ist kein Geheimnis. Doch vermag ein quasi wissenschaftliches Siegel rassistische Denkweisen auszuhöhlen oder befördert es sie nur ans Licht?

Die Angst vor dem Virus zeigt: Muslime sind ungefährlich

Man könnte aus Sicht der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft gelassen zur Kenntnis nehmen, dass die Macht der Berührung im muslimischen Kontext anerkannt wird und für viele Muslime bereits beim Händeschütteln eine Grenze überschritten wird, weil Intimität so definiert wird, dass sie bei Körperkontakt beginnt. Man könnte hinnehmen, dass manche muslimische Frauen ein ausgeprägtes Verständnis von Privatsphäre haben und ihr Gesicht für sich behalten möchten – vorausgesetzt sie tun dies freiwillig. Dabei könnte man es belassen und auf die vielen überhitzten Debatten verzichten. Doch das würde bedeuten: Andere in ihrer Andersartigkeit anzuerkennen. Muslime und ihr Denken und Handeln nicht kategorisch abzuwerten, sondern als Gleiches zu respektieren und dabei Unterschiede zuzulassen.

Rassismus ist jedoch ein System, dessen Ziel es ist, Ungleichheit aufrechtzuerhalten. Er hat die Funktion, Ängste zu schüren und Sündenböcke zu schaffen, um vor den realen Gefahren abzulenken. Dass nun ausgerechnet ein gefährliches Virus ans Licht bringt, wie ungefährlich verhüllte Gesichter und ein verweigerter Handschlag sind, wie ungefährlich Muslime sind, sorgte in den vergangenen Jahren immerhin für eine kurze Pause von rassistisch gefärbten Islamdebatten.

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Über die Autorin: Khola Maryam Hübsch ist eine freie Journalistin und Publizistin. Sie hält Fach- und Publikumsvorträge zum Thema Islam.

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