Islam

Zur heiligen Stätte – die Hadsch-Riten und meine Gefühle

Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Haider Ali Zafar, dem Vize-Bundesvorsitzenden der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland

Bereits im Kindesalter und seitdem ich über die Wichtigkeit und den Vorzug der fünften Säule des Islam, nämlich Hadsch bzw. der Pilgerfahrt, gelesen und gehört hatte, habe ich schon immer eine starke Sehnsucht im Herzen empfunden, dass auch ich einmal die Möglichkeit wahrnehme, die Pilgerfahrt zu vollziehen. In der Kindheit und im Jugendalter blieb das ein Traum, bis das Alter mich einholte und ein deutscher Freund Herr Frank Möller eines Tages mich anrief und mitteilte, dass er Hadsch vollzogen habe. Er hat von seiner Pilgerreise auf eine Weise berichtet, dass die Sehnsucht in meinem Herzen mich in Unruhe versetzte. Ich teilte ihm meinen Wunsch nach der Pilgerfahrt mit, woraufhin er mir zu bedenken gab, dass die Pilgerreise viel Mühe abverlange: Der Aufenthalt in Mina, der Aufbruch nach ʿArafāt, der nächtliche Aufenthalt in Muzdalifa, das Werfen von Steinen, die Umrundung der Kaaba und das Hin- und Herlaufen zwischen Safa und Marwa. All das sind Riten, die körperliche Fitness erfordern. Ich solle mich daher beeilen! 

Seine Motivation, mein alter Wunsch, das häufige Rezitieren von durūd šarīf (Segensgebete für den Heiligen ProphetenSAW), die Begegnung des Heiligen ProphetenSAW im Traum – all das waren Auslöser für diese Unternehmung. Alle Hindernisse wurden überwunden, bis ich letztendlich am 29. Dezember 2005 mit einem Charterflug eines deutschen Unternehmens, Haus des Islam (HDI), von Düsseldorf mit meinen Freunden für die Pilgerreise abhob. Allen Passagieren war ausnahmslos die Freude im Gesicht zu erkennen. Sie waren Allah dafür dankbar, dass Er ihnen die Möglichkeit gewährte, einen großartigen Gottesdienst ausführen zu können. Auch für mich war dies ein freudiger Anlass, zu jenen Glücklichen zu zählen, die zur heiligen Stätte unterwegs waren. 

Der erste Aufenthalt war in Medina. Nach einigen Tagen sind wir mit dem Bus nach Mekka aufgebrochen. Zuvor war man im Hotel nach dem Duschen in den Weihezustand [Iḥrām] eingetreten. In Dhul-Ḥulayfah haben wir in der Moschee Abyāre ʿAlī zwei nafl [freiwilliges Gebet] verrichtet und sind mit der Absicht für ʿUmra [die Pilgerreise zu anderer als der für den Hadsch festgelegten Zeit] in den Bus wieder eingestiegen und mit der Rezitation der talbiya [ein Gebet, das während des Hadsch sehr häufig gesprochen wird] begonnen. In Mekka angekommen haben wir nach kurzem Aufenthalt uns für den Besuch der Kaaba in die Heilige Moschee [al-masǧid al-ḥarām] begeben. Als wir auf der ersten Etage etwas vorangeschritten sind, konnten wir auf die Kaaba schauen, wonach man sich seit Jahren schon sehnte. Heilig ist Allah, die Kaaba befand sich mit ungewöhnlicher Herrlichkeit vor unseren Augen und dieser Anblick war sehr herzzerreißend und emotional. Die Gebete der Propheten AbrahamAS und IsmaelAS, die sie beim Wiederaufbau der Kaaba ausgesprochen hatten, gingen einem durch den Kopf. 

Muslime während des Gebets vor der Kaaba. Normalerweise stehen Muslime dabei Schulter an Schulter, aber mittlerweile gelten wegen der Corona-Pandemie auch dort die Abstandsregelungen.
ESB Professional | shutterstock

Zu jenem Zeitpunkt nahm ich die Möglichkeit wahr, sehr inbrünstig zu beten. Man verspürte einen ganz anderen Genuss. Danach begann ich mit dem tawāf [Umrundung der Kaaba]. Dabei habe ich außer den vom Heiligen Propheten MuhammadSAW überlieferten Gebeten auch andere mir einfallende Gebete rezitiert. Nach Abschluss der Umrundungen habe ich auf dem Maqām-e ibrāhīm [Platz AbrahamsAS im östlichen Teil der Kaaba, wo die Pilger zwei Gebetseinheiten oder rakʿāt verrichten], zwei nafl verrichtet und danach Zamzam [Wasser aus der Quelle Zamzam] getrunken. Im Anschluss daran bin ich in Andacht an Hadhrat HagarAS zwischen den Hügeln von Safa und Marwa gelaufen [dieser Hadsch-Ritus wird Sa’ī genannt]. Diese Hügel gibt es bis heute. Safa ist der größere Hügel, wobei Marwa vergleichsweise kleiner ist und geebnet worden ist. Ich bin auch auf dem Hügel von Safa gestiegen. Danach ließ ich mir die Haare schneiden und trat an meinem Aufenthaltsort aus dem Weihezustand [Iḥrām] aus. 

Pilgerzelte in Mina, Saudi-Arabien. In diesen feuerfesten Zelten verbringen Millionen von Pilgern während der Hadsch drei bis fünf Tage.
Ahmad Faizal Yahya | shutterstock

Am nächsten Tag bin ich abends nach dem Duschen mit der Absicht des Hadsch wieder in den Weihezustand eingetreten. Am Morgen des 8. Dhu l-Hiddscha [12. Monat des Mondkalenders] sind wir mit dem Bus zur Zeltstadt von Mina gefahren, wo es überall nur Zelte zu sehen gab. Dort habe ich auch große Tunnel gesehen, die man passiert, um am Morgen des 10. Dhu l-Hiddscha nach der Rückkehr aus Muzdalifa zu den Dschamarat zu gelangen, um dort Steine zu werfen. Die Nacht verbrachte man in Mina. Am 9. Dhu l-Hiddscha, dem zweiten Tag des Hadsch, ist man nach dem Faǧr-Gebet nach ʿArafāt [ein Ort südöstlich von Mekka, etwa 22 Kilometer entfernt] aufgebrochen. Dort angekommen sah man, dass die weite Ebene bereits mit weiß gekleideten Menschen gefüllt war. Wir hielten uns hier bis Sonnenuntergang auf. Dieser Ort zählt zu den wichtigen Riten des Hadsch, denn ohne einen Aufenthalt bis Sonnenuntergang bleibt der Hadsch unvollständig. Man kann theoretisch überall Gott gedenken und Gebete sprechen, aber hier hatte das eine ganz andere Dimension. Durch die Vorstellung, dass der Heilige ProphetSAW sich an diesem Ort aufhielt, seine Ansprache auf Dschabal ar-Rahma [Berg der Barmherzigkeit] hielt und für seine Umma [muslimische Gefolgschaft] betete, wird man in einen Zustand versetzt, dass man neben der Rezitation der talbiya und tasbīḥ [Lobpreisung Gottes] unwillkürlich Segnungsgebete für den Heiligen ProphetenSAW spricht. Man wollte nur ungern diesen Ort verlassen, aber nach dem Sonnenuntergang fuhr man nach Muzdalifa. An jenem Tag, so lautet das Gebot, soll das Maġrib-Gebet zum Zeitpunkt des ʿIšāʾ-Gebets in Muzdalifa zusammen verrichtet werden. Nach Verrichtung der Maġrib und ʿIšāʾ-Gebete hat man vor dem Schlaf für Ramī al-ǧamarāt [Werfen von Kieselsteinen auf Säulen] Steine aufgesammelt und im Weihezustand die Nacht auf dem steinigen Boden unter freiem Himmel verbracht. Hier die Nacht zu verbringen entspricht der Sunna [Praxis] des Heiligen ProphetenSAW

Muslime auf Dschabal ar-Rahma [Berg der Barmherzigkeit].
mirzavisoko | shutterstock

Am nächsten Morgen ist man nach dem Faǧr-Gebet mit dem Bus nach Mina aufgebrochen. Hunderttausende von Menschen bewegten sich dort nebeneinander. Auch meine Wenigkeit befand sich in diesem Menschenmeer. In Mina habe ich zunächst mein Gepäck in einem Zelt untergebracht und mich dann zum Ritus des Steinewerfens begeben. An jenem Tag haben wir an der Stelle von ǧamara kubra Steine geworfen. Dies ist ein sehr herausfordernder Moment, denn oft kommt es hier zu einem Gedränge und manchmal werden hier durch Massenpanik hunderte Menschen zertrampelt. Der Grund hierfür ist, dass einige sich auf dem Rückweg nach dem Steinewerfen befinden, während andere vom Weiten schon damit beginnen, Steine zu werfen, wodurch die Rückkehrer von Steinen getroffen werden. Es ist nicht leicht, bis zum Dschamarat al-Aqaba [größte der drei Säulen, auf die Steine geworfen werden] zu gelangen. Hunderttausende von Menschen sind unterwegs. Allerdings wurden nun dort verschiedene Etagen eingerichtet und die Zugangswege liegen weit voneinander entfernt, wodurch ein Menschenstau verhindert wird. 

Nach dem Ramī al-ǧamarāt und dem Opfern eines Tieres [Ḏabīḥa] werden die Haare geschnitten und man tritt aus dem Weihezustand aus. Nach dem Duschen können dann die Pilger normale Kleidung tragen und vollziehen gemäß den Geboten des Hadsch in Mekka die Umrundung der Kaaba, was auch als ṭawāf-e ziyārat [Besuchsumrundung] bezeichnet wird. So haben auch wir die Umrundung der Kaaba vollzogen. Währenddessen habe ich auch die Chance ergriffen, al-ḥaǧar al-aswad [Schwarzer Stein] zu küssen. Im Hof der Kaaba habe ich dann die Möglichkeit gehabt bis 02:30 Uhr in der Nacht nafl zu verrichten. Schließlich habe ich mich dann in Mina ausruhen können. Die nächsten drei Tage habe ich in Mina verbracht und nachmittags bin ich zu den Dschamarat gegangen, um dort Steine zu werfen. Nach den sogenannten ayyāmu t-tašrīq [11.-13. Dhu l-Hiddscha] kehrte ich nach Mekka zurück, verbrachte die Nacht im Hotel und war sehr froh darüber, dass ich durch die Gnade Allahs dieses Gebot in meinem Leben durchführen konnte. Nun waren alle Hadsch-Riten vollzogen. Es stand nur noch ṭawāf-e widiāʿ [Abschiedsumrundung der Kaaba] aus, was ich nach der Rückkehr vollzog und zudem einige heiligen Stätte besuchte. 

Zu den wichtigsten heiligen Stätten zählt die 3 Kilometer von Mekka auf dem Berg Dschabal an-Nūr liegende Höhle von Ḥirāʾ. Jeder Muslim empfindet eine Sehnsucht im Herzen diese zu besichtigen. Das ist jene Höhle, wo der Heilige Prophet MuhammadSAW vor dem Prophetentum dem Einen Gott anzubeten pflegte. Genau an diesem Ort empfing der Heilige ProphetSAW auch seine erste Offenbarung. Als nach Abschluss der Hadsch-Riten meine Wenigkeit in Begleitung meiner Freunde den Fuß des Berges erreichte, auf dessen Spitze sich die Höhle befindet, war man über die Höhe erstaunt, wie der Heilige ProphetSAW sich auf den Weg dahin begab, wo es sogar nach 1400 Jahren keinen richtigen Weg zum Hinaufsteigen gibt. Man konnte Menschen sehen, die einen Weg entlang hinaufstiegen. Auch wir fassten den Schluss diesen steinigen und schwierigen Weg zurückzulegen, um zur Höhle zu gelangen. Vor dem Eingang der Höhle angekommen verflog einerseits jegliche Erschöpfung, aber andererseits sah man sich einer anderen Herausforderung gegenübergestellt, wie man in der Höhle nun zwei nafl verrichten könnte. Denn zugleich gab es an einem engen Platz ein Menschengedränge, um in die Höhle zu gelangen. So gab es keine Hoffnung, in der kleinen Höhle in Ruhe nafl zu verrichten. Daraufhin hat sich Muhammad Ishaq Ajiz Sahib aus Mannheim (zurzeit in London), der kräftig gebaut ist, selbst vor dem Eingang der Höhle gestellt und die Menschen zurechtgewiesen. Auf diese Weise habe auch ich die Möglichkeit bekommen, zwei nafl zu verrichten, Al-ḥamdu lillāhi [aller Preis gebührt Allah]. Auf dem Rückweg haben wir an einer ebenen Stelle die Ẓuhr- und ʾAṣr-Gebete verrichtet. 

Über den Autor: Herr Haider Ali Zafar war von 1998 bis 2018 leitender Imam der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Deutschland und ist zurzeit Vize-Bundesvorsitzender. 2005 wurde ihm die Ehre zuteil, seine Hadsch-Pflicht zu erfüllen.

Kommentar hinzufügen

Klicken Sie hier, um einen Kommentar zu posten