Ahmadiyya

Das Berliner Moscheebauprojekt von 1923

von Mohammad Luqman Majoka,
M.A. Islamwissenschaften

Das Jahr 1923 hat in der Geschichte der Ahmadiyya Muslim Jamaat in vielerlei Hinsicht historische Bedeutung. In diesem Jahr rief Hadhrat Khalifatul Masih II.RA die Jamaat dazu auf, gegen das „Schuddhi“ vorzugehen. Schuddhi bezeichnet man die Missionierungsversuche der Aryas Samaj – einer hinduistischen Organisation- die Muslime Indiens (besonders der Malkana Region) zum Hinduismus zu bekehren. Ahmadi Muslime sollten dafür in den betroffenen Gebieten reisen und mit Argumenten und Überzeugungsarbeit die Versuche der Arya-Missionare entgegnen. Gleichzeitig fand auf der anderen Seite der Welt auch ein geschichtsträchtiges Ereignis statt. In Berlin sollte ein Moscheeprojekt realisiert werden, welcher nur durch die Spenden der Ahmadi-Frauen finanziert werden würde. Im September 1922 war dafür Maulvi Mubarak Ali Sahib aus London nach Berlin gekommen. Maulvi Mubarak Ali wurde 1881 in Digdair in Bengalen geboren. Nach seinem Abschluss am Presidency College machte er seinen „B.A in Teaching“ am Teachers Training College in Dhaka und arbeitete zunächst als Lehrer in verschiedenen Schulen. 1905 hatte er das erstemal von der Ahmadiyyat durch die Lektüre von Review of Religions erfahren. Vier Jahre später besuchte er schließlich selbst Qadian und trat dort in die Gemeinde ein. 1911 fing er nach seinem Abschluss an zunächst als Lehrer zu arbeiten. Ende 1913 nahm er dann ein einjähriges Urlaub von seinen Lehrtätigkeit und ging nach Qadian, wo er unteranderem an der englischen Übersetzung des Heiligen Koran mitarbeitete. Ende 1919 erhielt er vom zweiten KalifenRA die Anweisung nach London zu gehen. Eigentlich sollte er weiter nach Nigeria reisen , aber da die Fahrt nach Nigeria sich erheblich verzögerte arbeitet er für die nächsten zwei Jahre in der London. Als schließlich im Jahre 1922 der Entschluss gefasst wurde eine Mission in Berlin aufzubauen, erhielt Maulvi Mubarak Ali Sahib den Auftrag dorthin zu reisen. Berlin war damals eine sehr kosmopolitische und Internationale Stadt. Intellktuelle verschiedener Länder suchten die Stadt auf. Deutschland selbst litt in dieser Zeit aber noch unter den Folgen des ersten Weltkrieges, was Deutschland nicht nur eine Niederlage mit sich gebracht hatte, sondern auch eine politische Wende. Mit der Abschaffung der Monarchie hatte man auch Demokratie eingeführt. Diese Epoche ist in der deutschen Geschichte als die Zeit der Weimarer Republik bekannt. Auch aussenpolitisch versuchte Deutschland sich wieder in der Weltgemeinschaft zurecht zu finden. Man lud gerne Revolutionäre und besonders antibritische Aktivisten vieler Kolonialgebiete, darunter viele Muslime, nach Berlin ein . In diesen Umbruchzeiten war also Maulvi Mubarak Ali nach Berlin gekommen um den Grundstein für die Verbreitung des Islams in diesem Teil Europas zu legen. Am besten ließ sich dies natürlich durch den Bau einer Moschee bewerkstelligen. Er ließ sich in Charlottenburg, einem aufstrebenden und internationalen Teil der Stadt nieder. Seine Unterkunft lag in der Dahlmanstraße 9. Es befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch zwei weitere Ahmadi-Muslime in Berlin, nämlich die Brüder Dr. Attaullah Butt und Abdullah Butt, die wahrscheinlich zu Studinezwecken sich in Berlin aufhielten (Die beiden Butt Brüder lebten an der Hannoverischen Str. 1 in der Nähe der Charité). Alle drei erscheinen auf die Anwesenheitsliste einer Sitzung der islamischen Gemeinde zu Berlin e.V. vom 4. November 1922.

Maulvi Mubarak Ali Sahib


Mauvli Mubarak Ali Sahib fand schnell ein passendes Grundstück für die Moschee in Charlottenburg in der Nähe des Kaiserdammes, was damals noch als „Ackerland“ ausgewiesen war. Er erwarb es am 16. Februar 1923 für etwa 200 Pfund. Das Grundstück lag an der Ecke Riehl- und Dresselstraße neben dem Bahnhof Witzleben und hatte eine Fläche von 3421 qm. Die Pläne für die Moschee wurden von dem Berliner Architekten A. K. Hermann angefertigt. Nachdem die Genehmigungen eingeholt waren wurde am Freitag den 27 Juli die ersten Arbeiten auf der Baustelle angefangen. Der zweite KalifRAhielt just zu dem Zeitpunkt die Khutba in Qadian und sagte folgendes:

„Wir müssen sehr dankbar dafür sein, dass in dieser kurzen Zeit der schwächere Teil (Anmerk.: gemeint sind die Frauen der Gemeinde) dieser kleinen Gemeinde mehr als die erforderlichen Gelder gesammelt hat, sodass der Bau der Moschee schon begonnen hat. Ich habe dies heute deswegen erwähnt, weil ich geschrieben hatte mir ein Telegramm zu schicken, wenn die Fundamente der Moschee gelegt werden würden, damit die Gemeinde dafür betet. Heute ging das Telegramm ein, dass am heutigen Tag um 9 Uhr für die Fundamente gegraben wird. Weil dort die Sonne später als hier aufgeht bedeutet 9 Uhr, dass die jetzige Zeit des Juma Gebetes hier, dort (in Berlin) 9 Uhr sind. In anderen Worten wird dort gerade für die Fundamente gegraben. Da die jetzige Zeit, die Zeit der Akzeptanz von Gebeten ist, bitte ich die Gemeinde zu beten, dass Gott diese Arbeit segnen möge. Und wie einst das Christentum sich in diesen Ländern verbreitete, so soll auch der Islam, jedoch viel stärker, sich dort verbreiten.“

Betrachtet man die Moscheepläne so wird klar, welch ein großes und ambitioniertes Projekt vom zweiten Kalifenra lanziert worden war. Es wäre vermutlich der größte Moscheebau der Jamaat in der damaligen Zeit gewesen. Die Moschee hatte unglaubliche Maße. Allein die zwei Minarette waren etwa 60 Meter hoch. Neben der Moschee sollte ein vierstockwerkiges Studentenwohnheim entstehen. Auch im Hauptgebäude gab es viele Zimmer, die wahrscheinlich diesem Zweck dienen sollten. Zudem war im Erdgeschoss des Hauptgebäudes ein Restaurant und verschiedene Läden vorgesehen. Die Moschee selbst befand sind auf dem zweiten Geschoß des Hauptgebäudes, welches von einer großen Kuppel überragt wurde, die einen Durchmesser von 13 Metern hatte. Der Bau sollte insgesamt etwa 2.500 Pfund kosten. Die Gelder dafür wurden in relativ kurzer Zeit von den Frauen der Gemeinde, besonders aus Indien gesammelt. Die Ansprachen von Hadhrat Khalifatul Masih IIRA aus dieser Zeit sprechen Bände über die unglaubliche Opferbereitschaf der Ahmadi-Frauen. Der zweite KalifRA hatte daher angewiesen auf der Moschee folgendes zu schreiben:

„Diese Moschee wurde von den Ahmadi
Frauen für ihre neumuslimischen
Brüder gestiftet.“

Maulvi Mubarak Ali Sahib drückte dies in folgenden Worten aus: „This mosque will be a monument to prove that moslem women have souls and that they not only care for their own souls but for the souls of their brothers and sisters thousands of miles away.”

Am 6. August um 5 Uhr Nachmittags fand die offizielle Zeremonie der Grundsteinlegung statt, wofür Maulvi Mubarak Ali 500 Einladungen an verschiedene Personen verschickt hatte. Der Moscheebau wurde aber nicht von Allen gutgeheißen. Besonders einige muslimische Kreise darunter zwei indische Brüder Namens Abdul Jabbar und Abdus Sattar Kheiri, die auch zum Auswärtigen Amt beste Beziehungen besaßen und teilweise von ihnen bezahlt wurden, sowie der Ägypter Dr. Mansur Rifat von der Ägyptisch National Radikalen Gruppe stellten sich gegen diesen Moscheebau. Daher schrieb das Auswärtige Amt auf die Einladung von Maulvi Mubarak Ali in einem internen Vermerk vom 4. August 1923 an viele Ministerien – nur zwei Tage vor der offiziellen Grundsteinlegung – mit der Überschrift „Eilt sehr“ folgendes:

„Der indische Staatsangehörige Mubarak Ali hat hier vor einigen Monaten am Kaiserdamm ein Grundstück erworben, um darauf eine Moschee zu errichten. Er scheint über bedeutende Mittel zu verfügen. Der Genannte ist ein Vertreter der Sekte des Ahmad el Kadiani, der Begründer der nach ihm benannten reformatorischen Ahmadia-Bewegung unter den Mohammedanern Indiens. Seitens der in Deutschland lebenden Moslems besteht gegen Mubarak Ali und seine Freunde eine starke Abneigung, weil er in mohammedanischen Kreisen in den Verdacht steht, ein Agent der Englischen Regierung zu sein. […] Wie hier vertraulich bekannt geworden ist, beabsichtigten hiesige Mohammedaner, die am 6. stattfindende feierliche Grundsteinlegung der Moschee zu einer Gegenkundgebung gegen Mubarak Ali zu benutzen. Es ist deshalb entschieden nicht erwünscht, daß Vertreter der Regierung an diesem Feste teilnehmen oder daß den Mubarak Ali auf seine an das Auswärige Amt ergangene Einladung geantwortet wird.“

Dennoch fanden sich bei der Grundsteinlegung einige prominente Personen ein. Fast 400 Personen waren an der Zermonie zugegen, darunter der Staatssekretär des Innenministeriums Dr. Freund, Oberpräsident von Brandenburg Dr. Maier, der afghanische Botschafter Ghulam Siddiq Khan, Imam der türksichen Botschaft Hafiz Sükrü Bey, Imam Idris von Bukhara , der iranische Prof. Mirza Hassan von der Universität Berlin sowie der berühmte Orientalist Georg Kampffmeyer um nur einige zu nennen. Bei dieser Zermonie waren außer Mubarak Ali Sahib noch folgende Ahmadis anwesend. Dr. Attaullah Butt, Abdullah Butt und Muhammad Ishaq Khan Sohn des Mistri Qutbuddin, der dafür extra aus Dresden angereist war. Maulvi Mubarak Ali Sahib fing die Zermonie mit der Rezitation aus dem Heiligen Quran an, wonach er eine kurz Rede in Englisch hielt, indem er über den Bau der Moschee einging. Die Rede wurde dann von Dr. Schoemls von der „Deutschen Gesellschaft für Islamkunde“ übersetzt. Weiter sprachen bei dieser Gelegenheit der iranische Prof. Mirza Hassan, Der „Inspector“ der afghanischen Studenten Sayed Muhammad Hashim, sowie der afghanische Botschafter. Zuletzt sprach der Architekt der Moschee K.A. Hermann und stellte die Moschee vor. Dann wurden Mubarak Ali Sahibs Notizen der Rede sowie einige Tageszeitungen von diesem Tage und deutsche, arabische und englische Münzen in einer eisernen Schatulle gelegt und Maulvi Mubarak Ali Sahib, Dr. Attaullah Butt, Imam Idris von Bukhara sowie dem afghanischen Botschafter in der Nähe des zukünftigen Mehrabs versenkt. Am Ende hielt Maulvi Mubarak Ali Sahib ein kurzes stilles Gebet und somit endete diese Zermonie. Doch wie im Schreiben des Auswärtigen Amtes angekündigt war, gab es während der Zermonie eine Störung durch den schon oben erwähnten Dr. Rifat Mansur von der Ägyptisch National Radikalen Gruppe. Kaum hatte Maulvi Mubarak Ali Sahib seine Rede beendet, fing Mansur Rifat an zu schreien, dass dies keine Moschee sei, sondern eine englische Kaserne etc. Schließlich wurde Mansur Rifat von der Polizei abgeführt und die Zermonie nahm ihren weiteren Verlauf. In Tagen danach wurde über die Moschee sowie den Zwischenfall in fast allen Berliner Zeitungen berichtet. Manche Zeitungen waren eher neutral, wogegen besonders linksgerichtete Zeitungen gegen die Ahmadiyya Muslim Jamaat schrieben. Ihr größter Vorwurf, dass die Jamaat Agenten der englischen Regierung wären und somit gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen der muslimischen Länder. Mansur Rifat brachte in der Zeit mehrere Pamphlete gegen die Jamaat heraus, indem er diese Vorwürfe wiederholte. Maulvi Mubarak Ali Sahib entgegnete diese Propaganda in seinen vielen Gesprächen mit den Muslimen. Am 18 Dezember 1923 war auch Malik Ghulam Farid Sahibra mit seiner Frau und kleinen Sohn nach Berlin gekommen um Mubarak Ali Sahib zu unterstützen. Beide brachten dann eine Broschüre mit dem Titel: „Zurückweisung der Anschuldigung die Anhänger der Ahmadia Bewegung seien Vorkämpfer des englischen Imprealismus“ heraus. Auch der zweite Kalif ra ging in einem seiner Schreiben an Mubarak Ali Sahib sehr ausführlich auf diesem Vorwurf ein, welches in der Alfzal vom 21 September 1923 veröffentlich wurde. 1924 wurde auch ein kleines Buch mit dem Titel „Ahmadija-Bewegung oder Reiner Islam“ von Mubarak Ali Sahib herausgebracht. Das waren die ersten publizistischen Tätigkeiten der Ahmadiyya Gemeinde in Deutschland.

Der Moscheebau fiel schließlich der Hyperinflation zum Opfer. Die Arbeiten wurden mehrmals auch wegen Streiks unterbrochen. Schließlich musste der Moscheebau komplett eingestellt werden. Bisdahin hatten die Mauern die Höhe von 2.5 Metern erreicht. Das Grundstück der Moschee war bis zum 16. Juli 1926 noch offiziell im Besitz von Maulvi Mubarak Ali Sahib. Anfang 1925 wurde schon mit den Abbrucharbeiten auf dem Baugelände begonnen. Man hatte anscheinend zusammen mit der Hausgemeinschaft Witzleben GmbH angefangen auf dem Gelände Wohnungen zu bauen. Als der Rohbau fertig war, ging der Hausgemeinschaft aber das Geld aus, sodass im Juni 1926 das Gelände dann von der Baugenossenschaft Charlottenburg in einer Zwangsversteigerung erworben wurde. Heute stehen auf dem damaligen Grundstück der Moschee Wohnungen dieser Baugesellschaft. Maulvi Mubarak Ali Sahib selbst kehrte Ende 1924 oder Anfang 1925 nach Indien zurück. Malik Ghulam Farid Sahib hingegen ging 1924 nach London und blieb die nächsten Jahre dort. Beide nahmen auch an der berühmten Wembley Conference of Religions teil, in der der zweite KalifRA mit 12 Gefährten bei seiner ersten Europareise teilgenommen hatte. Beide sind auf dem bekannten Bild der Delegation der Ahmadiyya Muslim Jamaat zu sehen.

1 Kommentar

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  • Das ist ein sehr interessanter Bericht! Mich hat es schon immer interessiert, wie es unserer Gemeinde während der Weimarer Republik in Deutschland erging. Mich würde es auch mal interessieren, wie die Lage unserer Gemeinde in Deutschland war, als Hitler an der Macht gewesen ist.
    Die Moschee sieht sehr schön aus! Echt schade, dass daraus nichts geworden ist.